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Motörhead: Gitarre, Bass, Schlagzeug, 120dBA

Foto: Corbis

Motörhead in Hamburg Lemmys ohrenbetäubende Leidenschaft

Die Boxentürme ließen erahnen, was folgen sollte: Vor 25 Jahren betreute Michael Molt sein erstes Motörhead-Konzert in Hamburg. Auf einestages erinnert sich der Techniker an Lemmy Kilmister - und den Moment, als der Saal erzitterte.

Schon die technische Anweisung ließ ein besonderes Ereignis erahnen. "Please notice", stand da fettgedruckt. "Motörhead is a loud band. We are producing 120dBA in the audience. Make sure that the panzers are aware of this." Eine Warnung ans deutsche Publikum, hier freundlich als the panzers umschrieben, vor der extremen Lautstärke der britischen Rockband.

In den späten Achtzigerjahren trat ich meinen ersten Job in Hamburg an - als technischer Leiter des Docks, des größten Musikclubs der Stadt auf der Reeperbahn. Eines der ersten Konzerte, das ich betreuen durfte, war das von Motörhead am 21. Juni 1989.

Ein Lautstärkepegel von 120dBA? Angesichts der heutigen Vorschriften - erlaubt sind maximal 99dBA - eine unmögliche Aussage und schon damals ein Statement.

Ich habe mich also brav beim Produktionsmanager der Band vorgestellt, der mich mit den Worten begrüßte: "Hi Michael, nice to meet you, can you get us some gag?" Bis heute habe ich keine Ahnung, ob man das so schreibt. Was zur Hölle ist gag? Um nicht gleich wie ein Loser dazustehen, habe ich natürlich zugesagt und nach der Menge gefragt. "Well, 10 - 15 will do for today, I think."

Grimmiger Mann am Geldspielautomaten

Unser Booker wusste, was gag bedeutet, nämlich Kokain, 10 bis 15 Gramm, und hatte auch den passenden Kontakt, der kurze Zeit später mit dem Gewünschten vorstellig und direkt zum Produktionsleiter geführt wurde.

Zum Soundcheck begab ich mich erneut in die Halle. Eine Wand aus Marshall-Boxen für den Gitarristen und nicht nur eine, auch nicht zwei, sondern gleich vier Ampeg Stacks, also große Boxentürme, standen zu je zwei Stück neben dem Schlagzeug. Diese Anzahl an Bassboxen ließ vermuten, was folgen sollte.

Beim ersten Stück dachte ich, mir fliegen die Ohren weg - der gesamte Saal erzitterte unter "Ace of Spades". "Wahnsinn", entfuhr es mir. Und da erst schob der Fronttechniker die Regler seines Mischpultes nach oben. Was ich zuvor gehört hatte, war nur der Bühnensound gewesen, das Monitoring für die Künstler. Jetzt aber startete ein Düsenjäger direkt in meinem Kopf. Nach kurzer Schockstarre musste ich grinsen - ja, das ist Rock 'n' Roll und der Grund, warum ich unbedingt in dieser Branche arbeiten wollte und mein Studium beendet hatte.

Zurück im Büro konnte ich dann die Diskussionen unseres Gastro-Chefs mithören: "Nein, du kannst heute nicht arbeiten, ich sichere dir dafür Silvester zu!" Dazu muss man wissen, dass es an genau zwei Tagen im Jahr die Möglichkeit für Tresenpersonal gab, 100 Mark Umsatzbeteiligung zu verdienen, an Silvester oder wenn Motörhead auftrat. Das Lager war voll mit Bier, am Ende des Abends sollte der Vorrat dennoch zu Neige gehen.

Gegen 18 Uhr füllte sich der Spielbudenplatz mit erwartungsvollen Rockjüngern - Mädchen in schwarzen Klamotten, Jungs mit albernen Koteletten. Angesichts der Menschenmassen vor der Tür war uns sehr daran gelegen, pünktlich um 19 Uhr den Club zu öffnen. Leider hatten wir übersehen, dass im Foyer ein Geldspielautomat stand (auch der war von der Band in den technischen Anweisungen gefordert worden).

An diesem Automaten saß nun ein Mann mit Hut und grimmigem Gesicht und hatte unglücklicherweise gerade eine Freispielserie: Lemmy Kilmister. Wir konnten also erst mit 20 Minuten Verzögerung öffnen. Unser Gastro-Personal hatte alle Hände voll zu tun, den stechenden Durst der Gäste in Vorfreude umzuwandeln.

"Live fast, still get old"

"Good evening, we are Motörhead and we play Rock 'n' Roll".
Gitarre, Bass, Schlagzeug, 120dBA, weißes Licht von vorn - fertig.

90 Minuten Konzert folgten: schwitzen, grölen, feiern, glücklich und völlig erschöpft nach Hause gehen.

Ich habe in den vergangenen 25 Jahren rund 20 Konzerte von Motörhead betreut, das letzte am 9. Dezember 2015 in der Sporthalle Hamburg. Es war "ruhiger" als damals, aber von brav weit entfernt und Lichtjahre von den heutigen Künstlern, die mit einem USB-Stick auf die Bühne gehen und mit den Armen wedeln. Rock 'n' Roll eben.

Nun ist am 28. Dezember der letzte Vorhang gefallen, Lemmy Kilmister ist gestorben - es hat uns nicht überrascht. Der Spruch "Live fast, die young" muss für ihn umgeschrieben werden: "Live fast, still get old" passt besser.

Lemmy hat mich in den 25 Jahren stets begleitet und wird es auch in Zukunft tun. Wegen Künstlern wie Motörhead arbeite ich immer noch in dieser Branche: Leidenschaft und Hingabe für das, was sie tun, fasziniert.

Zum Autor
Foto: Michael Molt

Michael Molt (Jahrgang 1963) ist Geschäftsführer der U-Need GmbH aus Hamburg. Die Firma ist einer der größten Dienstleister in Norddeutschland für technische Planung und Durchführung von großen Musik-Events. Deutschlandweit sind das rund 2000 Veranstaltungen pro Jahr, darunter das Hurricane Festival zwischen Hamburg und Bremen.

Lemmy Kilmister - No Milk Today

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