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26. August 2019, 05:10 Uhr

Radsportextremisten

Raus, rauf, runter - wie das Mountainbiken nach Deutschland kam

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Nach dem Motto "Sieg oder Sarg" stürzten die Pioniere sich in Downhill-Radrennen. In Deutschland prägten eine tollkühne Fahrerin und ein junger Surfer den Sport mit, der für Freiheit, Abenteuer, Leichtigkeit stand.

Sie war jung und wollte den Führerschein - darum fuhr Susi Dahlmeier, eigentlich Mittelstreckenläuferin, 1988 ihr erstes Rennen. Als 17-Jährige sparte sie für die Fahrschule, und in Garmisch-Partenkirchen wurde ein Lauf des Grundig Cup ausgetragen. Es war eines der ersten Mountainbike-Rennformate in Deutschland und Vorläufer des Weltcups. Zu gewinnen gab es 2000 Mark und einiges an Elektroartikeln.

Dahlmeier, die damals noch Buchwieser hieß, setzte also ihren Kletterhelm auf, schlüpfte in die Laufhose und schwang sich auf das Rad ihres Leichtathletiktrainers: ein schwerer Stahlesel mit knackender Schaltung, wie sie sich erinnert. Sie startete am Samstag in der Disziplin Dual Slalom, am Sonntag beim Cross Country - und gewann. So konnte sie in der Verwandtschaft kleine Fernseher und Radiogeräte verteilen.

"In den Interviews wurde ich gefragt, ob ich zum nächsten Rennen nach Belgien komme. Ich antwortete: Na ja, ich habe eigentlich gar kein Rad", erzählt Dahlmeier. Schnell war ein Sponsor zur Stelle. Ihr erstes Mountainbike steht heute, 31 Jahre später, immer noch in der Garage ihres Vaters.

Susi Dahlmeier, übrigens die Mutter von Biathlon-Star Laura Dahlmeier, ist zusammen mit ihrer Schwester Regina Stiefl eine der Pionierinnen des Mountainbikesports in Deutschland. Sie wuchs in Garmisch-Partenkirchen auf. Die bergige Region wurde zur Keimzelle der Offroad-Szene.

Bald ging es für Rennen in andere Städte, auch nach Berlin. Dort seien Sportler den Teufelsberg hoch- und runtergefahren, um die Höhenmeter vollzukriegen, so Dahlmeier. Am Anfang habe die Mauer noch gestanden, "ein beklemmendes Gefühl, dort Freizeitsport zu betreiben". Ein Jahr später konnte sie schon zu Trainingsfahrten in den Osten starten.

Hasardeure in Kalifornien

Erfunden wurde das Mountainbike in den USA. Wer Anfang der Siebzigerjahre trainieren wollte, griff zum Rennrad. Einige Fahrer um Gary Fisher, Joe Breeze und Charles Kelly ließen ihre leichten Asphaltrenner aber immer öfter stehen, um mit robusteren Rädern die Schotterpisten des knapp 800 Meter hohen Mount Tamalpais in Kalifornien herunterzubrausen - spektakulär und ziemlich riskant: Was das Material noch nicht hergab, machten die Hasardeure durch Mut wett.

Dafür bauten sie stabile Cruiser der Marke Schwinn um. Das war, ohne Federung, alles andere als komfortabel, funktionierte aber gut genug, um erste Rennen zu veranstalten. "Repack" nannte sich die Truppe damals, weil sie alte Räder mit qualmenden Rücktrittbremsen fuhren: "Also mussten wir die Bremsen 'repacken', wenn wir unten ankamen - auseinanderbauen und neues Fett reinpacken", erzählte Charlie Kelly in einem Interview.

Welches Jahr die Geburt der Sportart markiert, darüber ist man uneins. Vielleicht war es 1976 mit dem ersten Rennen der Downhiller am Mount Tamalpais. Der Begriff "Mountainbike" soll indes Ende der Siebzigerjahre erstmals gefallen sein. In einem Interview des Magazins "Bike" erzählt Rahmenbauer Tom Ritchey, ein Kunde habe im Verkaufsraum auf eines seiner Räder gezeigt - mit den Worten "Hey, das ist ein Mountainbike".

Das gefiel Ritchey so gut, dass der Schweißer-Guru fortan unter seinem Namen Mountainbikes produzierte. Seine Räder waren vor allem für längere Touren durchs Gelände geeignet, mit moderner Daumenschaltung sowie Schnellspanner am Sattel.

Mitte der Achtziger schwappte die Welle dann nach Europa und brach quasi direkt vor Ulrich Stancius Füßen. Zu dieser Zeit gab der Journalist das Magazin "Surf" heraus und interessierte sich auch sonst für alles, was Sport und Spaß zusammenbrachte. Das liberale Denken der amerikanischen Windsurf- und Skateboardszene faszinierte die deutsche Jugend. "Wir haben Kalifornien an den Baggersee geholt", sagt Stanciu. "Wir waren die 68er des Sports."

Dicke Reifen und breite Lenker auf Sylt

Beim Windsurf World Cup auf Sylt entdeckte er im Sommer 1985 das eigenartige Fahrrad des Schweizer Surfweltmeisters Karl Messmer. "Es hatte dicke Reifen, und der Lenker war ganz anders. So etwas hatte ich noch nie gesehen." Er lieh sich das Rad und fuhr den betonierten Deich hoch und runter. Ihm war klar: Das passt zu uns Surfern. Da muss man bei Flaute nicht länger im Sand sitzen und Däumchen drehen.

Stanciu fuhr schon vorher gern Rennrad, in Shorts und mit Ringelsocken, und wurde dafür eher belächelt. Das Mountainbike versprach die Freiheit von Konventionen.

Sein Skifreund Klaus Stanner arbeitete für ein Sportgeschäft in Garmisch-Partenkirchen und brachte ihn auf die Idee eines Magazins für Mountainbiker. Das US-Militär hatte damals noch einen Stützpunkt in Garmisch. Die Soldaten seien mit ihren Rädern durch den Ort gefahren und die Leute ganz verrückt danach gewesen; Stanner habe containerweise Mountainbikes aus den USA importiert. "Er meinte: Uli, das geht ab. Da musst du was draus machen", sagt Stanciu. Er sprach mit der Geschäftsführung des Delius Klasing Verlags, die erste "Bike"-Ausgabe erschien 1989.

Uli Stanciu ist auch Mitgründer der Transalp. Das Mountainbike-Etappenrennen soll im Juli 2020 zum 23. Mal stattfinden, mit Teilnehmern aus 40 Ländern. Für die gut 500 Kilometer und 18.000 Höhenmeter hat man sieben Tage Zeit. Die Idee entstand bei einer Mehrtagestour mit zwei Freunden von Mittenwald nach Bozen. "Einfach loszufahren und sich auf Pässen in der Natur durchzuschlagen, die schon die alten Römer genommen haben, das hat uns total begeistert", sagt Stanciu.

Die Federgabel, was für eine Erleichterung

Von einer Tour erstellte er ein Roadbook, eine 40-seitige Tabelle mit genauen Anweisungen, wann man wo abbiegen muss. Über das "Bike"-Magazin konnten Leser die Liste bekommen. "Wir hatten in der ersten Woche viereinhalbtausend Anfragen", erzählt Stanciu. Studierende wurden eingestellt und taten nichts anderes, als zu drucken und zu verschicken. Da war klar: Touren durch die Alpen, das ist eine neue Urlaubsidee.

Für seine Verdienste um den Sport wurde Stanciu 2015 in die Mountainbike Hall of Fame aufgenommen, zwei Jahre vor dem deutschen Ex-Cyclocross-Fahrer Wolfgang Renner, der 1982 mit seiner Firma Centurion das erste deutsche Serienmountainbike auf den Markt gebracht hatte. Seitdem hat sich technisch viel getan. V-Brakes wurden durch Scheibenbremsen ersetzt, Rahmen aus Aluminium oder Carbon gefertigt. Zuletzt revolutionierte die E-Technik den Sport.

Größter Meilenstein war aber wohl die Erfindung der Federgabel und später der hinteren Federung. "Da gab es eine Schlüsselstelle, eine Wurzelpassage mit tiefem Sprung, die ohne Federung irrsinnig schwierig zu fahren war", erinnert sich Susi Dahlmeier an die Downhill-Europameisterschaft im Jahre 1990. "Heute lachen sich die Sportler über solche Passagen kaputt." Dahlmeier fuhr nach dem Motto "Sieg oder Sarg" und gewann.

Die Zeiten, in denen man als tollkühnes Naturtalent mit Kletterhelm aufs Podium rasen konnte, sind vorbei. Das Equipment ist heute kompromisslos auf Leistung getrimmt, die Fahrer sind es auch. Kinder springen bereits im Alter von fünf Jahren auf Enduro-Rädern durchs Gelände.

Trotzdem geht es im Grunde noch immer um das Gefühl, das die Repack-Bande bei ihren kalifornischen Sturzfahrten mit Uli Stanciu als Deichbiker auf Sylt und Susi Dahlmeier im Wurzellabyrinth teilte: Freiheit. Und Adrenalin. Natürlich.

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