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Ton, Steine, Scherben - was Lara Maiklem alles findet

Foto: Lara Maiklem / Instagram @london.mudlark

Schatzsucherin in London "Die Themse war schon immer eine Mülldeponie"

"Mudlarking" ist ihre Leidenschaft: Lara Maiklem entdeckt im Uferschlamm der Themse uralte Tonpfeifen, Messer, Münzen. Hier erzählt sie, wie die Nähe zum Alltag der Vergangenheit ihre Vorstellung von Geschichte verändert.
Ein Interview von Anne Haeming

SPIEGEL: Frau Maiklem, laut Tidenkalender ist in London heute Ebbe gegen halb drei. Sicher ziehen Sie bald los an die Themse, oder?

Maiklem: Seit ich nicht mehr in Greenwich wohne, von wo aus ich nur 20 Minuten zum Wasser brauchte, gehe ich statt täglich einmal die Woche an die Themse, aber dann den ganzen Tag. Ich fange etwa drei Stunden vor dem Tiefstand des Wassers an, wenn alles freigelegt ist. Das Ufer war immer meine Flucht vor dem Chaos der Stadt.

SPIEGEL: Vor 15 Jahren begannen Sie, im Schlamm nach Sachen zu suchen, mit dem "Mudlarking", wie es auf Englisch heißt. Bis dahin hielten Sie die Uferzone für verbotenes Territorium, schreiben Sie in Ihrem Buch. Wieso?

Maiklem: Londoner nehmen die Themse kaum wahr - sie nervt nur, wenn man sie überqueren muss. Kaum jemand kommt auf die Idee, direkt am Wasser entlangzugehen. Dass sie Gezeiten hat, überrascht viele sogar. Eines Tages aber stand ich oben an einer der Treppen zur Uferzone und dachte: Es gibt keinen Grund, nicht hinunterzugehen. So fing alles an.

SPIEGEL: Und Sie fanden gleich eine alte Tonpfeife. Wussten Sie damals schon, was Sie da machten?

Maiklem: Diese Tonpfeifen waren einst wie Zigaretten heute, sie sind nichts Ungewöhnliches. Es hatte damals noch keinen Namen für mich, aber ich machte weiter. Weil man nie weiß, was man finden wird - oder ob überhaupt. Am Ufer spürt man: Man steht auf Geschichte. Auf Schichten und Aberschichten Londoner Lebens. Voller Dinge, die Menschen gehörten, die längst vergessen sind.

SPIEGEL: So wie die Tonscherbe mit Fingerspuren, deren Bild Sie kürzlich gepostet haben?

Maiklem: Die Schätze, nach denen ich suche, sind Verbindungen zur Vergangenheit. Und diese Scherbe zeigt genau das: Daumenabdrücke und Nagelspuren von jemandem, der das Objekt vor 600 Jahren gemacht hat. Ich sammle nur, was der Fluss mir zu überlassen bereit ist. Daher habe ich auch keinen Metalldetektor.

SPIEGEL: Was ist mit denen, die anders suchen?

Maiklem: Löcher zu graben, ist nicht gut, es beschleunigt die Erosion des Ufergebiets. Der Zustand der Fundstücke ist so perfekt, weil der Schlamm anaerob ist, es kommt kein Sauerstoff durch. Ungestört kann alles noch für einige Hundert Jahre gut konserviert dort unten bleiben. Zudem: Es gibt Regeln fürs Mudlarking, man benötigt etwa eine Erlaubnis der Hafenbehörde  und muss alles melden, was man findet.

SPIEGEL: Was finden Sie so außer Tonpfeifen?

Maiklem: Das hängt davon ab, wo ich suche. Richtung Osten wurden Schiffe gelöscht, da liegen etwa Schiffsnägel. In Central London eher Tonwaren, schon aus der Zeit der Römer, aber auch Stecknadeln aus dem 15. bis 19. Jahrhundert, dazu Dachziegel oder Essensreste wie Austernschalen. Auf alten Karten sieht man, wo überall Treppen runter zum Fluss führten. Dort findet man viel. Man kann London lesen aus den Uferfunden, vom ansässigen Gewerbe bis zum Alltag.

SPIEGEL: Wie haben all die Funde Ihre Vorstellung von Geschichte verändert?

Maiklem: An der Themse gibt es keine Chronologie, nur einen Mischmasch aus Geschichte: römische Münzen neben einer Tonscherbe aus dem Mittelalter neben einem viktorianischen Knopf. Ich finde Spuren normaler Menschen. Von denen, die London aufgebaut haben, nicht von jenen aus den Geschichtsbüchern. Ihren Müll. Sachen, die sie nicht mehr wollten. Die Dinge zeigen uns, wie ähnlich wir uns alle sind, in Hoffnungen wie Ängsten. Immer schon warfen Menschen mit gebrochenem Herzen Liebespfande in den Fluss. Die Uferzone hat etwas Tröstendes: Es ist alles schon passiert und wird wieder passieren. Manchmal am Uferstreifen, vor allem gegen Abend, können Sie die Geister dieser Menschen spüren. Sie haben da gewaschen, getrunken, den Fisch gefangen, den sie gegessen haben. Neulich fand ich sogar einen winzigen Goldfaden. Muss wohl beim Goldschmied im Ausguss gelandet sein.

SPIEGEL: Sie müssen ein gutes Auge haben.

Maiklem: So ein Schimmern fällt auf in all dem Schlamm. Mit der Zeit bekommt man einen Blick für perfekte Kreise und kerzengerade Linien - die Natur macht die nicht, sie stechen heraus. Mudlarking ist vor allem Übung. Und dank meiner Knieschützer komme ich überall nah dran.

SPIEGEL: Was gehört noch zu Ihrer Ausrüstung?

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Ton, Steine, Scherben - was Lara Maiklem alles findet

Foto: Lara Maiklem / Instagram @london.mudlark

Maiklem: Ich habe einen Rucksack dabei und Latexhandschuhe, seit ich mir ein paarmal den Magen verstimmt habe - in den Fluss gerät immer noch viel Abwasser. Vor allem checke ich vorher immer die Gezeiten. Nicht dass die Flut meinen Rückweg abschneidet.  

SPIEGEL: Flüsse sind oft Symbole für die Vergangenheit: Sobald man etwas reinwirft, ist es Geschichte. Wie sehen Sie das?

Maiklem: Die Themse hat viel erlebt, sie ist ein geduldiger Fluss. Wir haben ihr viel angetan. Und sie wird weiterfließen, wenn wir schon lange tot sind. Ich spreche viel mit dem Fluss. Weil er fließt und weiterfließt, ist es, als würde er meine Sorgen mitnehmen. Die Themse war auch immer ein heiliger Fluss - noch ein Grund für all die Dinge: Menschen haben immer Opfergaben hineingeworfen, von den Römern über Pilger bis zur Hindu-Community heute.

SPIEGEL: In der jetzigen Ära landen wohl eher Kunststoffe als Tonpfeifen im Fluss. Wie war das vor 15 Jahren, als Sie anfingen?

Maiklem: Der Fluss war schon immer Mülldeponie. Aber das Plastik ist heute überall: Mikroplastik, Feuchttücher, Flaschen. Das wird unser trauriges Vermächtnis sein. Aber vielleicht ist Plastik in 300 Jahren rar, und die Menschen werden es dann sammeln.

SPIEGEL: Inwiefern sind Sie denn Sammlerin?

Maiklem: Ich wähle aus. Dinge, die ich noch nicht habe, oder besser erhaltene Versionen. Das meiste lasse ich da. Man braucht wirklich nur eine gewisse Anzahl Tonpfeifen. Aber ich fotografiere und dokumentiere alles.

SPIEGEL: In Ihren Instagram-Livevideos  sind beeindruckende Schubladen voller Gürtelschnallen und Knöpfen zu sehen.

Maiklem: Ich habe den alten Setzschrank eines Druckers, dazu ein paar kleine Kommoden und Schubladen. Es sind Abertausende an Dingen.

SPIEGEL: In Ihrem Buch ist ein Kupferstich von Peggy Jones abgedruckt, "die berühmte Mudlark von Black Friars". Sehen Sie sich in ihrer Tradition?

Maiklem: Ich denke oft an die ursprünglichen Mudlarks, allen voran Peggy Jones, weil sie genau dort unterwegs war, wo auch ich oft suche. Aber ich mache das als Hobby. Damals mussten viele im Schlamm graben, um von den Funden zu leben. Wir wissen so viel über sie, weil die Viktorianer besessen waren von Armut - und eine Menge über sie geschrieben haben.

SPIEGEL: Bei der Recherche fand ich viele zeitgenössische "Mudlarks". Wieso ist das gerade so ein Ding?

Maiklem: Vor 15 Jahren gab es kaum welche, erst recht keine Frauen. Ein Grund für die Popularität ist sicher: Die Leute posten ihre Funde auf Social Media, wie ich. Ich finde es super, wenn Menschen mudlarken. Hauptsache, sie tun es verantwortungsvoll und melden offiziell, was sie finden. Dass diese intime Verbindung zur Vergangenheit sichtbar wird, macht die Themse so besonders. Oft denke ich: Was man in Paris alles finden würde, hätte die Seine dort Gezeiten!

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