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Der fast vergessene Brandanschlag in München

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Antisemitischer Anschlag in München 1970 "Hilfe, wir werden verbrannt!"

Vor 50 Jahren schlugen Flammen aus dem jüdischen Gemeindehaus in München. Sieben Menschen starben, unter ihnen Holocaust-Überlebende. Bis heute ist unklar: Waren die Attentäter Links- oder Rechtsextremisten?

Lange vor den tödlichen Flammen hätte David Jakubowicz schon in Israel sein können, bei seiner Schwester. Aber wer hätte ahnen können, dass wieder eine jüdische Einrichtung brennt, rund drei Jahrzehnte nach den Novemberpogromen der Nazis? 

Jakubowicz, 59, hatte den Holocaust überlebt. Dem Nachkriegsdeutschland traute er und lebte seit 1959 in einem Wohnheim der Israelitischen Kultusgemeinde München in der Reichenbachstraße 27, im Vorderhaus der damaligen Hauptsynagoge. 

Seine Koffer hatte der ehemalige Koch und Gastwirt an diesem 13. Februar 1970 bereits gepackt. Warum er nicht gleich heute fliege, fragte eine Mitarbeiterin der Wohnheimverwaltung. "Du weißt doch, ich bin fromm", antwortete Jakubowicz lakonisch. Es war Freitag, er hätte Israel nicht vor Anbruch des für Juden heiligen Schabbat erreicht. Vielleicht machte ihm auch Angst, dass drei Tage zuvor palästinensische Terroristen am Flughafen München-Riem versucht hatten, eine El-Al-Maschine zu entführen. Ein Passagier war dabei ums Leben gekommen.

"Du weißt doch, ich bin fromm" - es ist der letzte überlieferte Satz von Jakubowicz. Dass er den Flug um zwei Tage nach hinten verlegte, hatte tragische Folgen. Gegen 21 Uhr stand das jüdische Gemeindezentrum in Flammen. Die oberen Etagen waren bewohnt, der Brandsatz war im Treppenhaus gelegt worden, das Feuer schnitt die Fluchtwege ab. In dieser Falle starben sieben Menschen: David Jakubowicz, Rivka Regina Becher, Meir Max Blum, Rosa Drucker, Arie Leib Leopold Gimpel, Siegfried Offenbacher und Eliakim Georg Pfau, ebenfalls Holocaust-Überlebender.

Sprung in den Tod 

"Hilfe, wir werden verbrannt!", riefen die Bewohner in Panik, wie Augenzeugen später berichteten. Manche konnten sich über die Dächer retten. Meir Max Blum sprang auf der Flucht vor den Flammen in den Tod. Janette Gimpel überlebte, verlor aber ihren Mann und das Vertrauen in ein friedliches Deutschland. Sie wolle "raus aus München", sagte sie. "Ich habe Angst. Das hier ist erst der Anfang!"

Das Attentat vor 50 Jahren war eines der schwersten antisemitischen Verbrechen in der Bundesrepublik - und das vielleicht rätselhafteste. Trotz des Entsetzens darüber ist es inzwischen nahezu vergessen. Und noch immer sind die Täter und ihre Motive ungeklärt. 

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Der fast vergessene Brandanschlag in München

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Hinter solchen Anschlägen würde man heute sofort Neonazis vermuten. Doch Anfang der Siebzigerjahre richtete sich der Verdacht schnell auf militante linke Gruppierungen wie die Tupamaros München um Fritz Teufel. Die "drohende Zuspitzung" habe sich angekündigt, schrieb kurz nach dem Attentat Heinz Galinski, früher Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland. Denn drei Monate zuvor hatte ein fehlgeschlagenes Attentat West-Berlin erschüttert. 

Am 9. November 1969 legte Albert Fichter, Mitglied der Tupamaros Westberlin/Schwarze Ratten, einen Sprengsatz in der Jüdischen Gemeinde Berlin. Das Material für die Bombe hatte ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes beschafft. Die Explosion sollte während der Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Pogromnacht 1938 erfolgen. Zum Glück versagte der Zünder. 

Hatte nun die Münchner Gruppe geschafft, was den Berlinern misslungen war? Die Tupamaros München dementierten sofort. In einer Presseerklärung schrieben sie: "man wird versuchen, uns auch den altersheimbrand in die schuhe zu schieben. laßt euch gesagt sein: WIR TREFFEN KEINE UNSCHULDIGEN!" 

Wuchernde linke Verschwörungstheorien

Die Ermittlungen der Polizei blieben ergebnislos. Und dann verschwand der Anschlag aus dem öffentlichen Bewusstsein, als 1972 das Olympia-Attentat auf das israelische Team die Welt schockierte. 

Man sollte meinen, ein Anschlag auf eine jüdische Gemeinde widerspreche dem Selbstverständnis der 68er-Linken fundamental. Aber die Tupamaros Westberlin hatten sich dazu in der Szenezeitung "Agit 883" bekannt. Ihre Erklärung zeigt beispielhaft, wie Linke zu judenfeindlichen Positionen kamen - und immer noch kommen: Mit Judenhass hätten ihre Taten nichts zu tun, schrieben die Tupamaros. Sie verstanden sich als linksradikal und antifaschistisch. Aber in ihrem Weltbild kehrte der Nationalsozialismus wieder zurück. Ausgerechnet im jüdischen Staat. 

Daher war das Datum ihres Anschlags bewusst gewählt. Gedenkveranstaltungen zu den Novemberpogromen würden unterschlagen, so die Tupamaros Westberlin, dass aus "den vom Faschismus vertriebenen Juden" heute selbst "Faschisten" geworden seien, die "das palästinensische Volk ausradieren wollen". Dass der Staat Israel so schlimm sei wie Nazi-Deutschland, behaupteten damals auch viele Linke, die den Anschlagsversuch als terroristisch ablehnten.

Dennoch gibt es wichtige Unterschiede zwischen den Taten in Berlin und München. Zum Anschlag in München existiert kein Bekennerschreiben; dort distanzierten sich die Tupamaros sogar entschieden. Gleichwohl enthielt ihre Erklärung antisemitische Verschwörungstheorien. Der "reichstagsbrand im altersheim" - wie das Wohnheim fälschlicherweise oft genannt wurde - sei gelegt worden, um eine "hexenjagd auf die feinde des US-zionistischen imperialismus zu eröffnen". 

Andere Linke spekulierten, das Gebäude in der Reichenbachstraße könne ein "geheimes Hauptquartier" einer "rechtszionistischen Organisation" gewesen sein. Dieter Kunzelmann als Kopf der Berliner Tupamaros behauptete gar, das "zionistische Massaker im Münchner Altersheim" solle dem Zweck dienen, die Einwanderung nach Israel zu fördern. Damit suggerierte er, der israelische Staat oder Geheimdienst hätte den Anschlag geplant und durchgeführt. 

"Diese Arschlöcher!" 

Anschläge von Linksextremen auf Jüdinnen und Juden gab es noch mehr als 20 Jahre. Der bekannteste Fall ist die Flugzeugentführung nach Entebbe 1976, als Mitglieder der Revolutionären Zellen die Geiseln in Juden und Nichtjuden aufteilten. Noch 1991 verübten Mitglieder der Rote Armee Fraktion ein Attentat in Ungarn auf einen Reisebus mit jüdischen Auswanderern aus der Sowjetunion. Sechs Menschen wurden verletzt. 

2012 erinnerte Georg M. Hafner mit der Fernsehdokumentation "München 1970: Als der Terror zu uns kam" an das vergessene Verbrechen, ebenso Wolfgang Kraushaar mit einer Studie über den antisemitischen Terrorismus. Der Politikwissenschaftler trug in seinem 600-Seiten-Buch alle Indizien zusammen, die für eine linke Urheberschaft sprechen.

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Kraushaar, Wolfgang

"Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?": München 1970: über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus

Verlag: Rowohlt Buchverlag
Seitenzahl: 880
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So kultivierte die westdeutsche radikale Linke nach dem Sechstagekrieg 1967 einen Hass auf Israel und den Zionismus. Zudem gehörten Brandanschläge seit 1968 zu ihren Aktionsformen. Der RAF-Aussteiger Gerhard Müller war sich 1976 sicher, dass Gudrun Ensslin die Attentäter gekannt und gesagt habe: "Diese Arschlöcher! Gut, dass die Sache den Neonazis untergeschoben wurde." 

Kraushaars Buch stieß auf harsche Kritik, weil er für seine These nur Indizien, aber keinen Beweis vorlegen konnte. 2013 nahm die Generalbundesanwaltschaft die Spur in die linksradikale Szene erneut auf, stellte die Ermittlungen aber vier Jahre später ein.

Das stärkste Argument für eine linke Urheberschaft: So etwas vermuteten selbst jene linken Gruppen, die den Anschlag 1970 ablehnten. "Derartige antisemitische Aktionen sind kein politisches Mittel im Kampf gegen den Zionismus", schrieben etwa der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) und weitere Gruppen. Sie selbst würden ebenfalls "gegen den Zionismus" kämpfen - aber "nicht gegen die Juden". So hätten sie nicht argumentiert, wenn sie Neonazis für die Täter gehalten hätten.

Oder waren es doch Neonazis? 

Nachdem vor acht Jahren immer mehr Details über den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) bekannt wurden, muss man die Frage stellen: Gab es womöglich ein ähnliches Neonazi-Netzwerk schon Anfang der Siebziger? Dafür spricht die aktive rechtsextreme Szene in der Bundesrepublik; Alt- und Neonazis, die sich 1973 in der Wehrsportgruppe Hoffmann formierten, waren in Bayern seit Ende der Sechzigerjahre präsent. Ein Rechtsextremer hatte im April 1968 in Berlin Rudi Dutschke, Wortführer der linken Studentenbewegung, angeschossen. Und 1980 verübte Gundolf Köhler, Mitglied der Wiking-Jugend mit Kontakten zur Wehrsportgruppe Hoffmann, das Attentat auf das Münchner Oktoberfest mit zwölf Toten und mehr als 200 Verletzten.

Köhler gilt bis heute als Einzeltäter. Wegen Zweifeln daran hat die Generalbundesanwaltschaft vor einigen Jahren erneut Ermittlungen aufgenommen - bislang ohne Ergebnis. Der Generalbundesanwalt erklärte 2017 zum Attentat auf das Münchner Wohnheim, er sei Spuren in die rechtsextreme Szene nachgegangen, ohne Erfolg.

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Zu befürchten bleibt, dass der Anschlag niemals aufgeklärt wird. Nicht alle Münchner möchten sich damit abfinden. So hat der Kabarettist Christian Springer 2019 die sehr ernst gemeinte, emotionale Videobotschaft verfasst: "Täter, redet endlich!" - gern auch anonym. Niemand meldete sich. 

So widmet Springer sich vorerst dem Kampf gegen das Vergessen. Er war maßgeblich an einer Initiative der Stadt München beteiligt, die vor dem 50. Jahrestag des Anschlags einen Erinnerungscontainer  in Form einer liegenden Stele am belebten Münchner Gärtnerplatz aufstellen ließ. Bis zum 1. März wird die Installation dort bleiben. Springer erneuert seine Forderung nach Aufklärung - mit dem Hinweis "Break your Silence".