Untersuchung des Münchner Instituts für Zeitgeschichte Berlinale-Macher der Anfangsjahre teils NS-belastet

Vor zwei Jahren wurde bekannt, dass der erste Chef der Berlinale enger mit dem Nazi-Regime verbandelt war als bekannt. Eine neue Studie richtet nun den Blick auf weitere führende Köpfe der frühen Filmfestjahre.
Der Eingang der 8. Internationalen Filmfestspiele in Berlin im Jahr 1950

Der Eingang der 8. Internationalen Filmfestspiele in Berlin im Jahr 1950

Foto: United Archives / IMAGO

Die Internationalen Filmfestspiele Berlin standen in der Nachkriegszeit auch unter dem Einfluss Nazi-belasteter Akteure. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung  des Münchner Instituts für Zeitgeschichte. Das Institut hatte bereits in einer ersten Studie vor zwei Jahren aufgezeigt, dass der erste Berlinale-Leiter, Alfred Bauer, eine bedeutendere Rolle im nationalsozialistischen Regime gespielt hatte als bis dahin bekannt.

Die Anschlussstudie konzentrierte sich auch auf Personen und Netzwerke, die das filmgeschichtliche Gesicht der frühen Nachkriegszeit prägten. In einer Zusammenfassung heißt es, »dass die Internationalen Filmfestspiele Berlin insbesondere in den Anfangsjahren von Personen geprägt wurden, die durchaus als NS-belastet angesehen werden können«. Gleichzeitig wird darauf verwiesen, dass »andere maßgebliche Akteure keineswegs Funktionsträger des Nationalsozialismus« gewesen seien. Eine »ungebrochene personelle Kontinuität« wird nicht gesehen, zumal bis zum Wiederaufbau der Filmwirtschaft einige Jahre vergangen seien.

Filmfestspiele als »Schaufenster der freien Welt«

»Zudem waren in der Berliner Senatsverwaltung keineswegs überzeugte Nationalsozialisten für die Filmfestspiele zuständig«, hieß es. Nicht zuletzt habe die Leitung der Berlinale unter steter Beobachtung der amerikanischen und britischen Besatzungsmacht gestanden mit jeweils einem Vertreter im Gründungsausschuss der Berlinale. »Insofern handelte es sich bei diesem zentralen Gremium um eine Institution, in der frühere Unterstützer und Gegner des NS-Regimes sowie Vertreter der Siegermächte gemeinsam daran arbeiteten, die Filmfestspiele als ›Schaufenster der freien Welt‹ zu etablieren.«

Bauer sei von der Senatsverwaltung für eigenmächtiges Handeln und die getroffene Filmauswahl wiederholt kritisiert worden. Gleichzeitig sei er »als hervorragender Organisator der Filmfestspiele und bestens vernetzter Filmfunktionär geschätzt« worden. »Gerade Bauers Bereitschaft, seine vielfältigen Kontakte zu nutzen, um immer wieder Fürsprecher zu finden, die auf politischer Ebene zu seinen Gunsten Einfluss nahmen, halfen ihm, sich in kritischen Situationen an der Spitze der Festspielorganisation zu halten«, schreibt das Institut.

Bauer hatte die Berlinale von ihren Anfängen 1951 bis 1976 geleitet. Nach seinem Tod wurde eine Auszeichnung nach ihm benannt. In der Nazi-Zeit war Bauer als Referent der Reichsfilmintendanz von 1942 bis 1945 über die gesamte deutsche Filmindustrie bestens informiert und spielte im Bereich der Produktionsplanung eine zentrale Rolle. Der Reichsfilmintendant stand in direktem Austausch mit dem für Propaganda zuständigen Reichsminister Joseph Goebbels. Nach Bekanntwerden seiner NS-Vergangenheit vergab die Berlinale den Alfred-Bauer-Preis nicht mehr.

svs/dpa
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