Musik zum Vietnam-Feldzug Der Soundtrack zum Krieg

Knatternde Gewehre, wummernde Beats: Mit Rockmusik vertrieben GIs im Vietnamkrieg ihre Todesangst. In den USA lieferten sich Kriegsgegner und -befürworter musikalische Gefechte. Hören Sie hier in besonders bewegende Songs hinein.
Foto: Bear Family

Vergeblich hatte der Mann auf der Bühne versucht, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen. Statt Country Joe McDonalds Gesang zuzuhören, unterhielten sich die Besucher des legendären Woodstock-Festivals am 15. August 1969. Plötzlich erschallte ein Befehl aus den Lautsprechern. "Gebt mir ein F!", schrie Country Joe in die Menge. "F", tönte es aus Tausenden Kehlen zurück. "Gebt mir ein U!", ging es weiter. "U", lautete die Antwort. Zum Schluss forderte der Sänger noch ein "C" und ein "K".

"Was ergibt das?", fragte Country Joe. Der Schweiß lief ihm mittlerweile trotz seines aufgeknöpften Uniformhemds in Strömen herunter. "Fuck!", kam es zurück. "Was ergibt das?", rief Joe lauter. "FUCK!", schrien die rund 300.000 Besucher.

Jetzt setzte Country Joe zu seinem Lied an - dem "I-Feel-Like-I'm-Fixin'-to-Die Rag" , zu Deutsch: "Mir-kommt's-vor-als-würd'-ich-bald-sterben-Ragtime". Im Song fordert er - ironisch - jedermann in den USA auf, den Krieg in Vietnam zu unterstützen: all die "starken Kerle", die Finanzjongleure an der Wall Street und die Generäle. Und nicht zuletzt die amerikanischen Mütter und Väter - schließlich könnten sie die ersten sein, die ihren "Sohn in einer Kiste nach Hause kriegen".

Weil nicht genug Leute mitsangen, wandte sich Country Joe erneut an das Publikum: "Hört mal Leute, ich weiß nicht, wie ihr erwarten könnt, dass wir jemals diesen Krieg beenden, wenn ihr nicht besser singt. Es sind mehr als 300.000 von euch Arschlöchern da draußen, ich will, dass ihr anfangt zu singen! Los geht's!" Jetzt kam Bewegung in die Menge, klatschend erhoben sich die Menschen und sangen den Refrain des spöttischen Anti-Kriegs-Songs: "Eins, zwei, drei, wofür kämpfen wir? Frag' mich nicht, es ist mir scheißegal, der nächste Stopp ist Vietnam."

"Ich wäre verrückt geworden"

Nicht nur die in Bethel versammelte Hippie-Gemeinde begeisterte sich für Country Joes Lied. "Wir kicherten auf den Dschungelpfaden, wenn wir einen Kameraden summen hörten: 'Auf geht's, all ihr starken Kerle, Uncle Sam braucht schon wieder eure Hilfe'", erinnert sich Vietnamveteran James Gritz. "Zwischen den Kämpfen liebten wir es, die angesagten Songs zu hören und zu singen."

Aus Kassettenrekordern, tragbaren Plattenspielern und den Radiogeräten erklangen in Dschungelcamps und Kasernen die Lieblingssongs der GIs. Mit Gitarren, Mundharmonikas und anderen Instrumenten machten die Männer auch selbst Musik - unter ständiger Lebensgefahr, in tropischer Hitze, von Stechmücken umschwirrt. Dort, wo jede Detonation bedeuten konnte, dass gerade ein Kamerad auf eine Mine getreten war.

"Hätte es keine Musik gegeben, wäre ich verrückt geworden", erklärt der US-Marine Maurice Bell, der zwei Jahre in Vietnam gedient hat. Gespielt wurden Lieder zur patriotischen Selbstbestätigung, harte Songs, um die Todesangst zu überwinden, Melodien, die an Zuhause erinnerten oder Rhythmen, die einfach der Entspannung dienten: in den letzten Kriegsjahren immer häufiger mit einem Joint oder einer Spritze.

Neben Drogen half Musik den GIs, mit dem Schrecken des Krieges fertig zu werden. "We Gotta Get Out of this Place" von den Animals  wurde der Nummer-eins-Hit der Soldaten. Wie der im Text besungene Arbeitersohn träumten die Männer davon, an einen fernen, besseren Ort zu verschwinden. Die sogenannten Tunnelratten, deren Aufgabe es war, die getarnten Ausgänge der unterirdischen Gänge der Vietcong aufzuspüren, begeisterten sich für "Purple Haze" von Jimi Hendrix . "Say It Loud (I'm Black and I'm Proud)" von James Brown  hämmerte aus den Boxen afroamerikanischer Soldaten. Auf kilometerlangen Patrouillen dachten die GIs an "These Boots Are Made for Walkin" von Nancy Sinatra . Und natürlich spielten die Männer "Fortunate Son" der Band Creedence Clearwater Revival .

"Ein Haufen Schwachsinn"

Mehr als 330 Songs über den Vietnamkrieg aus den Jahren zwischen 1961 und 2008 hat das deutsche Musiklabel "Bear Family Records" auf 13 CDs zusammengetragen - zusammen mit einem schwergewichtigen Begleitbuch. Die Vielzahl an Songs in dieser Sammlung zeigt vor allem eines: Der Krieg wurde nicht nur mit Maschinengewehren und Napalm geführt. Über die Lautsprecher der Musikanlagen lieferten sich Kriegsgegner und -befürworter in der US-Gesellschaft einen Schlagabtausch.

Die musikalische Allzweckwaffe der Kriegsgegner war der Evergreen "Where Have All the Flowers Gone?" , in dem der Songschreiber Peter "Pete" Seeger die Frage stellt: Wo sind all die jungen Männer hin? Die Antwort folgt prompt: Sie wurden Soldaten - und liegen nun in ihren Gräbern. Kriegsbegeisterte berauschten sich dagegen an der Schnulze "The Ballad of the Green Berets"  des Elitesoldaten Barry Sadler. Aber natürlich endet das Lied traurig. Ein Green Beret stirbt den Heldentod - selbstverständlich bei der Verteidigung der Schwachen.

Captain Jim Kurtz, der das sinnlose Bluten und Sterben in Vietnam mit eigenen Augen gesehen hatte, bezeichnete den Song kurzerhand als "einen Haufen Schwachsinn".

Diese Meinung teilten im Laufe des Krieges und mit steigenden Verlustzahlen immer mehr Amerikaner. Friedensdemos erhielten mehr Zulauf, Musiker wie Bob Dylan, Pete Seeger, Country Joe McDonald oder auch Jimi Hendrix lieferten den Soundtrack der Anti-Kriegsbewegung.

"Ich lernte, den Horror zu ertragen"

Zwei Tage nach Country Joes legendärem Auftritt in Bethel betrat Hendrix die Bühne - und spielte in einem Solo "The Star-Spangled Banner" . Gnadenlos vergriff er sich mit den Effekten seiner E-Gitarre an der amerikanischen Nationalhymne. Jaulend, kreischend ließ er sie im Geheul von Sirenen, explodierenden Geschossen und dem Feuer von Maschinengewehren untergehen. Und zeigte Amerika, dass es in diesem Krieg längst seine Unschuld verloren hatte.

Der Kriegsgegner Hendrix sollte das Ende des Krieges nicht mehr erleben. Er starb im September 1970 in einem Londoner Hotelzimmer. Der letzte US-Soldat verließ Süd-Vietnam am 29. März 1973 - knapp acht Jahre, nachdem die ersten US-Marines zum Bodenkampf angetreten waren. Der Krieg zwischen Nord- und Südvietnam endete erst mehr als zwei Jahre später am 30. April 1975 mit der Kapitulation Saigons.

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Titel: Next Stop Is Vietnam - The War On Record, 1961-2008
Label: Bear Family Records (Bear Family Records)
ca. 194,95 €

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06.12.2022 01.48 Uhr

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Für die Überlebenden war er damit noch lange nicht vorbei. Viele litten unter dem Posttraumatischen Stresssyndrom, andere an Depressionen, Drogensucht oder Alkoholismus. Mithilfe der Musik versuchten einige, sich seelisch selbst zu heilen. "Ich lernte den Horror zu ertragen, wenn ich Kalaschnikowfeuer hörte", sang der Veteran Chuck Rosenberg in seinem "Boonie Rat Song"  von 1991.

Verdammung und Rechtfertigung erfuhr der Vietnamkrieg vor allem von Folk-, Country-, Punk- und Rockbands. 2006 ergänzte der amerikanische Musiker R. A. The Rugged Man, bürgerlich Richard Andrew Thorburn, einen Rap. Thorburns Vater war Soldat in Vietnam - und dort dem hochgiftigen Entlaubungsmittel "Agent Orange" ausgesetzt, das die US-Truppen exzessiv versprühten. Rugged Mans Geschwister kamen deshalb mit schweren Behinderungen zur Welt. "Spastik, Tetraplegie, Mikrozephalie, Infantile Zerebralparese, Cortikale Blindheit, nenn es - sie haben es!", heißt es in "Uncommon Valor: A Vietnam Story". Am Schluss zieht der Musiker Bilanz: "Gott gibt, Gott nimmt!" Den Opfern des Vietnamkriegs hat er alles genommen.

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