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Frickeln bis zum Welterfolg: Let there be Krautrock

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Deutsche Musikpioniere Unerhörte Klänge aus dem Koffer – wie der Krautrock um die Welt ging

Can und Amon Düül, Kraftwerk und Tangerine Dream: Junge Deutsche revolutionierten vor 50 Jahren den Pop. Von Berlin bis Düsseldorf entstanden elektronische Klassiker. Nur daheim hatte »Krautrock« kaum Erfolg.

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Er musste eine Weile darauf sparen. Im Sommer 1971 hatte Thomas Kessler 6000 Mark zusammen, flog nach London und kehrte mit einem kleinen schwarzen Koffer nach Berlin zurück. Investiert hatte der Schweizer Komponist, 34, sein Geld in einen tragbaren analogen Synthesizer ohne Bedienungsanleitung – den »Synthi-A« der Londoner Firma Electronic Music Systems.

Das Gerät, in Berlin eine Sensation, habe ihm Einladungen zu vielen Partys beschert, erinnert sich Kessler. Diesen »Synthi-A« verkauften sie als allerersten aufs Festland, gaben die Briten ihm damals mit auf den Weg.

Kessler, in Zürich geboren, hatte sich sein erstes Studio sechs Jahre zuvor in Berlin eingerichtet. Inspiriert von Avantgardisten wie Karlheinz Stockhausen und Pierre Schaeffer, experimentierte er mit drei Revox-Tonbandgeräten und einigen Mikrofonen, um neue Klangwelten zu erkunden. Als man ihm 1968 Kellerräume einer Berufsschule an der Pfalzburger Straße im Stadtteil Wilmersdorf als Studio anbot, sagte er zu.

Kessler wollte abenteuerlustige Bands bei Experimenten anleiten. Es war der Startschuss zu einer musikalischen Revolution, die damit begann, dass er und seine Schüler die Räume mit Eierkartons auskleideten, um die Nachbarn zu schonen. »Elektronic Beat Studio« taufte Kessler diese Urzelle der sogenannten Berliner Schule.

Dirigent? Pfftt. Rockmusiker!

Vor gut einem halben Jahrhundert lehnte sich auch in Deutschland eine junge Generation gegen Establishment und Traditionen auf. In der Kunst, in Film, Literatur und Musik suchte sie nach frischen Ansätzen. Bei »null« anfangen, so hat Irmin Schmidt, Gründer der Gruppe Can, das mal genannt. Er hatte eine Ausbildung als Dirigent abgeschlossen, pfiff dann aber zum Entsetzen seiner Familie auf die gutbürgerliche Karriere und startete stattdessen eine Rockband: »Eine typische 68er-Entscheidung«, sagt er rückblickend.

In vielen deutschen Städten legten damals junge Abenteurer los auf der Suche nach unkonventionellen Klängen. Was sie antrieb, war die Sehnsucht, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, statt nur wie die Vorbilder aus England und den USA zu klingen. Musik, die ihre Wurzeln nicht im R&B, Rock'n'Roll oder Jazz hatte – denn das war eben eine andere Geschichte, nicht ihre eigene.

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Dazu passte die neue Technik der Synthesizer, die den Sound der Popmusik in den frühen Siebzigerjahren zu prägen begannen. Instrumente wie der »Synthi-A«. Als Thomas Kessler seinen Apparat jungen Musikern im »Electronic Beat Studio« präsentierte und sie sich damit ausprobieren konnten, staunten sie noch: Was ist das? Wie funktioniert es? Taugt das für einen individuellen Sound?

Aber schnell erkannten sie die neuen Möglichkeiten und prägten dann eine Musik, die weltweit für Aufsehen sorgen sollte. Klaus Schulze und Michael Hoenig, ihre Bands Tangerine Dream und Agitation Free: Heute gelten sie als Pioniere. Damals bekamen sie zuerst bei Kessler einen Synthesizer in die Finger.

Send in the Krauts

Bei Tangerine Dream gab stets Edgar Froese den Ton an. Anfangs hatte die Gruppe noch freien Bluesrock in Berliner Kaschemmen gespielt und verwandelte sich erst im »Electronic Beat Studio« von einer Rockband in Vordenker der elektronischen Musik. Tangerine-Dream-Alben wie »Phaedra« oder »Rubycon«, heute Klassiker des Genres, verkauften sich in England, Frankreich und vielen anderen Ländern Anfang der Siebzigerjahre viele hunderttausendmal, während sie in Deutschland eher unter dem medialen Radar flogen.

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Frickeln bis zum Welterfolg: Let there be Krautrock

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Weithin bekannt wurden die unerhörten Klänge als »Krautrock«. Das spielt selbstironisch an auf die verächtliche englische Bezeichnung »Krauts« für Deutsche, ebenso auf das vermeintlich popkulturelle Abseits deutscher Musiker in einer Ära, die von britischen und amerikanischen Rockbands geprägt wurde. Diese Hinterwäldler zogen nun aus, um der Welt zu beweisen, was außer Kraut noch alles in Germany wächst.

In den USA sorgten Tangerine Dream sogar in Hollywood für Aufsehen: Froese und seine Gang statteten Regisseure wie Ridley Scott, Michael Mann oder William Friedkin mit Soundtracks aus. Vielleicht hat die Band schlicht zu viele Platten veröffentlicht, sodass die mittelprächtigen die legendären Werke überschatten. Von einer weltweiten Hochachtung jedenfalls, wie sie Kraftwerk schon lange erlebt, konnte der 2015 verstorbene Edgar Froese nur träumen.

Berlin, Düsseldorf, Hamburg… Hauptsache vorn

Im vergangenen Herbst wurden Kraftwerk sogar in die Rock'n'Roll Hall of Fame aufgenommen – eine Ehre, auch wenn diese Düsseldorfer Pioniere mit Rock'n'Roll wenig zu schaffen haben. Spezialisten sind sich mittlerweile einig, dass Kraftwerk zum Weltkulturerbe zählen und unzählige Musiker inspirierten, wie auch Band Neu! von Michael Rother und Klaus Dinger, ebenfalls aus Düsseldorf.

Dagegen darf man über die gängige Erzählung, Düsseldorf sei die Wiege der Elektronischen Musik, durchaus debattieren. Denn als Kessler seinen EMS-Synthesizer nach Berlin einflog, spielten Kraftwerk noch Jazzrock – ihre ersten beiden Alben werden seit einer Ewigkeit nicht mehr aufgelegt, als hätte es sie nie gegeben. Zumindest also zeitgleich veröffentlichten Kraftwerk und Tangerine Dream innovative Platten.

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Kraftwerk wurden im Oktober 1973 mit ihrem (ebenfalls nie wiederaufgelegten) fabelhaften Album »Ralf und Florian« elektronisch. Tangerine Dream hatten, in der Bestbesetzung mit Peter Baumann und Christopher Franke, ein halbes Jahr zuvor die Platte »Atem« veröffentlicht und legten im Februar 1974 mit »Phaedra« ein vollelektronisches Sequenzer-Synthesizer-Album nach: also popkulturelle Revolutionen in Berlin wie in Düsseldorf.

Zu Beginn der Siebzigerjahre versuchten sich eben überall in Deutschland junge Wilde an frischen Klängen. So zauberten in Hamburg die Brüder Wolf und Eckart Seesselberg mit selbst gebauten Synthesizern geheimnisvolle Elektromelodien. Achim Reichel, der in den Sechzigern noch mit den Rattles die Beatles kopiert hatte, streifte zeitgleich an der Elbe die Beat-Vergangenheit ab und erkundete mit A.R. & Machines abstrakte Klangwelten. Und die fünf Extrovertierten von Faust beschlossen, alles in der Musik Etablierte infrage zu stellen.

Engländer erkannten das radikal Neue

Alarm war auch in München: Florian Fricke begab sich mit einem Moog-Synthesizer als Popol Vuh auf Reisen ins innere Ich und veredelte nebenher mit Soundtracks noch die Filme seines Kumpels Werner Herzog. Oder Suzanne Doucet – sie war als Schlagersängerin bekannt geworden und vertonte plötzlich als Zweistein vernebelte Drogentrips. Die Pop-Rebellen von Amon Düül genießen ohnehin weltweiten Respekt.

Sie alle loteten damals aus, wie weit die Strukturen des Vertrauten geschreddert werden können, und modernisierten so die Popmusik. Nur: In Deutschland beeindruckte das kaum jemanden .

Es waren Engländer wie der BBC-DJ John Peel und Musiker wie David Bowie und Brian Eno, die das radikal Neue dieser sonderbaren Deutschen erkannten. Eno zog Mitte der Siebzigerjahre sogar eine Weile im Niedersächsischen Forst ein, wo Michael Rother, Hans-Joachim Roedelius und Dieter Moebius einen alten Gutshof zum Studio umgebaut hatten. Wie sehr ihn der Aufenthalt inspirierte, hört man auf dem kurz darauf erschienenen Bowie-Eno-Album »Low«.

Er hat noch einen Koffer aus Berlin

Es passt auch, dass der britische Unternehmer Richard Branson  und insbesondere sein Cousin Simon Draper für das junge Unternehmen Virgin Records auf kühne deutsche Bands wie Faust, Can und Tangerine Dream setzten. Draper behauptet sogar, er habe sich damals den Genre-Begriff »Krautrock« für eine Zeitungsanzeige ausgedacht. Fest steht, dass alle diese deutschen Visionäre ohne das Ausland nicht weit gekommen wären.

Heute gilt der sogenannte Krautrock weit und breit als wegweisend. Spätere Bands wie die Red Hot Chili Peppers, Radiohead, Public Image Limited, The Fall, Coldplay oder Blur – sie alle berufen sich auf die Musiker aus Berlin, Hamburg, Düsseldorf oder München.

Thomas Kessler gründete nach seiner Berliner Zeit weitere Studios, war als Komponist erfolgreich und gilt als Avantgardist der elektronischen Musik. An sein »Electronic Beat Studio« in Berlin-Wilmersdorf erinnert seit dem vergangenen Jahr eine Gedenktafel, die der Hollywoodstar Hans Zimmer finanzierte.

Den schwarzen Koffer mit dem »Synthi-A«  von EMS hat Kessler, der jetzt wieder in der Schweiz lebt, bis heute. Das Gerät sei zwar etwas ramponiert, sagt er – aber interessante Klänge könne man damit noch immer produzieren.

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