Musikvideo-Klassiker Wenn der Werwolf mit dem Zombie

Funky Formationstänze von verwesenden Untoten: Michael Jacksons "Thriller"-Video von 1983 sprengte alle Grenzen des Musikclip-Genres. Sebastian Heilig erinnert sich an einen Meilenstein der Popgeschichte - und wieviel Mühe es machte, ihn damals überhaupt sehen zu können.

PRNewsFoto/ VH1, Courtesy Sony BMG

In der Grundschule hat mich Popmusik eigentlich nur deshalb Interessiert, weil mein älterer Bruder sich damit beschäftigte. Ich vermutete, dass es cool wäre, sich auf dem Pausenhof mit so was auszukennen. Rückblickend hatte ich den richtigen Riecher. Nur beschränkte sich mein Englisch-Vokabular mit acht Jahren noch auf "Skateboard", "cool" und "Stuntman", weswegen ich "Völlig losgelöst" von Peter Schilling irgendwie lässiger fand als Michael Jackson mit seinem unaussprechlichen "Thriller". Die Hitparade, moderiert von Dieter Thomas Heck, nannte mein Bruder nur "Shitparade", "Shit" wurde so meine vierte Englischvokabel.

Die alternative, coole TV-Sendung zum Thema Pop lief im Dritten und hieß "Formel Eins". Niemand konnte damals ahnen, dass diese Sendung Jahrzehnte später inflationär für ideenarme Achtziger-Revival-Shows herhalten sollte. "Formel Eins" sendete zu einer kindgerechten Zeit, um 18 Uhr. Da lief sonst nur die "Sesamstrasse" und man kam seinem Vater nicht in die Quere, wenn der die Tagesschau oder Fußball sehen wollte.

Bis auf dieses denkwürdige eine Mal. Da wurde eine "Formel Eins"-Sondersendung wurde für 22 Uhr angekündigt. Grund: Das neue Michael-Jackson-Video sollte zum ersten Mal im deutschen Fernsehen ausgestrahlt werden. Und zwar ungeschnitten, 13 Minuten lang. Viel zu gruselig für das Vorabendprogramm, hatten die Medienwächter beschlossen. "Shit", dachte ich. 22 Uhr - da liefen auch so interessante Sachen wie "Miami Vice", tabu für achtjährige Kinder.

Etwas unglaublich Verbotenes

Wie sollte ich das damals meinen Eltern erklären? Um der Bedeutung von "Thriller" gerecht zu werden, muss man sich lösen von diesem eigenartigen Bild, das man heute von Michael Jackson hat. 1983 war Michael schon so wenig "black" wie heute Will Smith oder Barack Obama. Die weiße Mehrheit empfand ihn nicht als besonders exotisch, sondern als irgendwie sexy. Das galt für seine Person, vor allem aber für seine Musik - das "Thriller"-Album war kein herkömmliches Soul- oder R'n'B-Album, sondern zukunftsweisender Elektropop. Sieben der neun Tracks wurden als Single ausgekoppelt, jede einzelne Nummer schaffte es sofort in die Top Ten. Das Album selbst hielt sich dort 80 Wochen lang, bis heute verkaufte sich die Platte 104 Millionen Mal.

Leider alles Argumente, die ich damals nicht zur Hand hatte, als ich darüber nachdachte zu fragen, ob ich so spät noch fernsehen dürfte: einen Musik-Kurzfilm aus USA, dessen Titel ich nicht mal aussprechen konnte. Also fragte ich nicht.

Ich erinnere mich wie heute an den Abend, als "Thriller" zum ersten Mal im deutschen Fernsehen lief. Meine Eltern hatten Besuch von Freunden, alle saßen im Esszimmer in einer geselligen Weinrunde. Ich witterte meine Chance. Um Punkt zehn Uhr saß ich mit meinem Bruder vor der Glotze; ich hatte das Gefühl, etwas unglaublich Verbotenes zu tun. Vorsichtshalber drehten wir die Lautstärke auf das Minimum gerade über der Wahrnehmbarkeitsgrenze. Wir hofften so zu hören, wenn ein Erziehungsberechtigter sich dem Raum näherte.

"Wovon redest du, Michael?"

Der "Formel Eins"-Jingle erklang, aber natürlich fing die Sendung nicht sofort mit dem Video an. Moderator Peter Illmann laberte und laberte. Es gab Hintergrundberichte bis zum Abwinken. Shit. Meine Eltern konnten unserem nahenden Triumph jederzeit mit einem Knopfdruck zuvorkommen. Ich bekam eine leise Ahnung davon, wie sich die Menschen während der Übertragung der ersten Mondlandung gefühlt haben mussten. 22.30 Uhr, wieder erklingt der "Formel Eins"-Jingle. Angekündigt wird das "ungekürzte Musikvideo der Woche - Special". Was für eine Untertreibung. Dies ist das Musikvideo des Jahres, ach was - des Jahrzehnts. Schweres Atmen.

Dann verkünden weiße Buchstaben auf dem schwarzen Bildschirm: "Due to my strong personal convictions, I wish to stress that this film is no way endorses a belief in the occult. Michael Jackson." Zu diesem einleitenden Satz muss man wissen, dass Michael Jackson in den Achtzigern Mitglied der Zeugen Jehovas war. Ich hatte Mitschüler, die auch bei den Jehovas waren. Die trugen aber nicht so schicke Jacken wie Michael. Fernsehen durften die bestimmt auch nicht nach 22 Uhr, aber darüber wollte ich jetzt nicht nachdenken.

Endlich beginnt das Video. Und es beginnt ganz ohne Musik, wie ein Spielfilm. Michael steigt mit einem Mädchen aus einem Auto. Er trägt eine Baseballjacke mit einem gewaltigen "M" auf der Brust, sie einen rosa Pulli und eine weiße Schleife im Haar. Auf einem kurzen Spaziergang wickelt er sie nach allen Regeln der Kunst um den Finger, inklusive Ringübergabe und feierlichem "Now it's official".

"Da ist noch etwas, was ich dir sagen muss..."

"Ja, Michael?"

"Ich bin nicht so wie die anderen Jungs."

"Natürlich nicht, dafür liebe ich dich doch!"

"Nein, ich meine, ich bin anders."

"Wovon redest du, Michael?"

Eine dunkle Wolke zieht am Vollmond vorbei. Michael windet sich, dichte Haare wachsen auf seinen Händen, nach und nach verwandelt er sich zu einem Werwolf.

Rote Lederjacke, weiße Zahnreihe

Dank Peter Illmanns einleitender Laberparaden wusste ich, dass Michaels geniale Mutation vor laufender Kamera von John Landis in Szene gesetzt worden war, dem Grusel-Regisseur der Stunde. Landis ("American Werewolf") stand zum Zeitpunkt der "Thriller"-Dreharbeiten unter Totschlag-Verdacht - während der Aufnahmen zu einer Episode der US-Serie "Twilight Zone" waren der Hauptdarsteller und zwei Kinder durch die Rotorblätter eines Hubschraubers getötet worden. Angeblich hatte Landis am Set unter Drogen gestanden. Was um Gottes Willen würde dieses Video noch bringen?

Schnitt. Michael sitzt in einer schicken roten Lederjacke im Kino und verschlingt Popcorn. An seinem Arm kauert seine ängstliche Freundin. Jetzt kapiere ich - die Zombie-Geschichte war bloß Kino, ausgefuchste Dramaturgie! Michael scheint die Gruselvorstellung Spaß zu machen, seine weiße Zahnreihe strahlt aus der roten Jacke. Die Freundin, gespielt von Ola Ray, ist weniger begeistert und geht. Von Ola hat man nach diesem Video leider nicht mehr viel gehört. Ein Jahr später hat sie sich noch mal für den "Playboy" ausgezogen, die Juni-Ausgabe von 1984 gibt es bei Ebay zum Sofortkauf-Preis von 2,49 Euro.

Im Video folgt Michael brav der Dame seine Herzens ins Foyer. Jetzt endlich setzt auch der Beat ein - nach über vier Minuten. "Yeah!", flüsterte mein Bruder. Die hübsche Ola zickt jetzt, Michael versucht sie mit einem Song zu besänftigen. Er tanzt, und er gewinnt. Schließlich wippt sie auch mit und sieht toll aus in ihren Capri-Hosen und dem Blouson mit blauen Tigerfell-Applikationen. Alles scheint gut zu werden.

Erschrecker vom Dienst

Bis die beiden an einem Friedhof vorbei kommen und sich die Kamera mehr für die Gräber als für das turtelnde Pärchen zu interessieren beginnt. Zur tiefdunkel raspelnden Erzählerstimme von Vincent Price, dem Bösewicht "Egghead" aus Batman und schon seit den dreißiger Jahren der Erschrecker vom Dienst in der Horrorfilmszene, schaufeln sich auf einmal halbverweste Hände aus dem Boden.

Zombies! Shit. "Der übelste Gestank erfüllt die Luft", knarzt Price aus dem Off. Verweste Gestalten wanken ungelenk über den Friedhof, verfaulte Körperteile fallen einfach ab. Die Meute der Untoten umzingelt Michael und Ola. Der Beat hört auf. Mein Atem stockt. Schrille Streicher setzen ein. Ola schaut sich um und erstarrt. Es ist der dramatischste Moment der Musikvideogeschichte - auch Michael hat sich in einen Zombie verwandelt.

Okay, aus heutiger Sicht nichts Neues. Für Ola immerhin war es neu, und für mich und meinen Bruder damals auch. Die Zombie-Gang führt dann einen funky Formationstanz auf, bis die Knochen fliegen. "Affentittengeil", murmelte mein Bruder. Miss Ray nutzt die Showeinlage zu Flucht in ein kleines Haus, doch kein Problem für die Monster: Fenster werden eingeschlagen, Türen zertrümmert. "Tschüß, Ola", dachte ich. Michael und sein Horror-Kabinett bauen sich vor der zitternden Schönen auf. Wie von Sinnen beginnt sie zu schreien.

Letzter Blick aus giftgelben Zombieaugen

Und schreckt aus ihrem Traum hoch. Ein sehr galanter Michael Jackson beruhigt einmal mehr seine Dame - alles nur ein fieser Alptraum. Zugegeben, ich war schon etwas enttäuscht. Doch dann wendet Michael Jackson noch einmal kurz den Kopf in die Kamera: Untermalt von Vincent Prices gemeinstem Grusellachen blickt man in giftgelbe Zombieaugen.

Ich hatte es überstanden. Für Montag hatte ich alle Infos, um die andere Jungs auf dem Schulhof zu beeindrucken. Natürlich wäre es für diesen Zweck cooler gewesen, wenn Zombie Michael die unschuldige Ola gefressen hätte. Aber zum Einschlafen war das echte Ende schon hart genug. Meine Eltern wissen bis heute nicht von unserer Exkursion in Michaels Jacksons pulsierendes Zombieland.

"Thriller" kann ich immer noch nicht richtig aussprechen.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Signore Ricardo, 05.03.2008
1.
Sehr netter Artikel, jedoch teilweise falsch. Michael verwandelt sich keineswegs in einen Werwolf, sondern in ein Katzenmonster. Deswegen hat er auch leuchtend gelbe Katzenugen und genau die sind es welche am Ende des Videos wieder in die Kamera blitzen und keine Zombieaugen. Vielleicht sind dies nur kleine Details, aber für einen Micheal Jackson Fan der als Kind das Video ebenso beeindruckend fand wie der Autor sind dies Feinheiten die richtig gestellt gehören.
Dirk Schächter, 05.03.2008
2.
Soweit ich mich erinnern kann lief "Formel Eins" nie um 18 Uhr , sondern immer Dienstags um 21 Uhr. Und auch die besagte Sendung mit der Erstausstrahlung des ungeschnittenen Videos lief um 21 Uhr.
Uwe Köhler, 05.03.2008
3.
Ich meine, die Premiere des Videos lief damals im "Aktuellen Sportstudio" nach 22:00 Uhr. Man hatte extra noch auf diesen speziellen Sendeplatz hingewiesen.
Daniel Nienhaus, 05.03.2008
4.
Der Unfall, bei dem drei Menschen starben, ereignete sich bei den Dreharbeiten zum Twilight-Zone-Kinofilm, nicht bei den Dreharbeiten zu einer Episode der Serie.
Thorsten Wollweber, 05.03.2008
5.
Der Artikel ist wirklich nett zu lesen, aber wirklich schlampig recherchiert! Die Serie "Miami Vice" lief noch gar nicht im deutschen Fernsehen, als das "Thriller"-Video ausgestrahlt wurde. Damals war "Dallas" am Dienstagabend um 21.45 (vor den Tagesthemen) die Sendung, die für Achtjährige sicherlich zu spät war. Weiterhin gab es anscheinend verschiedene Sendetermine auf der verschiedenen dritten Programmen. Ich meine mich aber zu erinnern, dass für das "Thriller"-Video auch im NDR die Formel-1-Sendung am WDR-Sendetag (Dienstag) lief.
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