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Mutterkult im Nationalsozialismus: Das Schlachtfeld der Frau

Frauen im Nationalsozialismus "Das Mutterkreuz ist mein sehnlichster Wunsch"

Gebären für "Führer, Volk und Vaterland": Im Nationalsozialismus bekamen Frauen einen Orden, wenn sie viele Kinder zur Welt brachten. Briefe zeigen, wie begehrt die Auszeichnung war - was später niemand zugeben wollte.
Von Yvonne Schymura

"Werter Herr Reichsstatthalter Kaufmann, bin ich vergessen worden?" Sorgenvoll wandte sich eine Mutter aus Hamburg im Mai 1941 an den Gauleiter der Hansestadt. Acht Kinder hatte sie geboren und gerade war sie wieder schwanger. Trotzdem hatte sie bisher kein goldenes Mutterkreuz erhalten. "Meine Schwiegermutter meinte, es wäre eine große Schande für mich, auch mein Mann machte mir heute heftige Szenen."

Die "Ehrenkreuze der deutschen Mutter" waren eine Erfindung der Nationalsozialisten. Hitler selbst hatte die Mutterschaft zum "Schlachtfeld der Frau" erklärt. Und wo es ein Schlachtfeld gab, da sollte es auch Orden geben. Muttertag 1939 wurden sie zum ersten Mal von der NSDAP an kinderreiche Frauen verliehen. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges sollten mehr als fünf Millionen Mütter die unter den Frauen offensichtlich äußerst begehrte Auszeichnung entgegennehmen. Wer sie erhielt, konnte sich seiner gesellschaftlichen Stellung als "einwandfreier Gebärerin" sicher sein. Wer übergangen wurde, sah seine Lebensleistung gefährdet.

"Deutsch-blütig", "erbgesund" und "würdig" musste eine Ordensträgerin sein: Wer vier Kinder geboren hatte, qualifizierte sich für das Mutterkreuz in Bronze, ab sechs Kindern für die Auszeichnung in Silber und ab acht in Gold. Das Ehrenkreuz war in der Bevölkerung derart beliebt, dass die meisten Frauen sehnsüchtig auf die Verleihung warteten - nicht zuletzt, weil jede Verzögerung sie in der Nachbarschaft verdächtig machte.

Die Auslese

"Wir sind wirklich keine Verbrecher", schrieb eine elffache Mutter an Gauleiter Kaufmann und führte aus: "Erbkrankheit, Gefängnis, Zuchthaus, Staatsfeindliches, Alkoholmissbrauch liegen in der Familie nicht vor." Die Auslesekriterien waren bekannt: makellose Gesundheitsunterlagen und tadellose Lebensführung. Passte die Familie nicht in das Propagandabild der deutschen Volksgemeinschaft, gab es kein Ehrenkreuz für die Mutter. Es galt die Sippenhaftung. Ein vorbestrafter Onkel, eine lernbehinderte Tochter, ein weit zurückliegender Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik konnten die Aussichten einer Mutter entscheidend schmälern. Am Ende entschied das "gesunde Volksempfinden" - im schlimmsten Fall also die neugierigen Nachbarinnen.

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Mutterkult im Nationalsozialismus: Das Schlachtfeld der Frau

Mütter, die bei der Verleihung leer ausgingen, mussten befürchten, für "unwürdig" gehalten zu werden. Sie schrieben Beschwerde- und Bettelbriefe an die zuständigen Stellen, um den Sachverhalt zu klären. "Bin ich oder sind meine Kinder nicht so gut wie andere?", fragt eine 71-jährige Hamburgerin. Eine 60-jährige Mutter von einundzwanzig Kindern erklärt: "Ich habe schon zweimal beantragt wegen dem goldenen Kreuz, bis heute habe ich keine Nachricht erhalten. Ich möchte es gerne haben, dies ist mein sehnlichster Wunsch."

Oft jedoch gab es einfach Verzögerungen bei der Antragsbearbeitung. Immerhin wurden allein 1939 über drei Millionen Frauen mit dem Mutterkreuz ausgezeichnet. Um der großen Zahl an Ehrungen Herr zu werden, verlieh man im ersten Jahr gleich drei Mal: an Muttertag, Erntedank und Weihnachten. Wer bis dahin noch immer kein Mutterkreuz erhalten hatte, spekulierte, suchte nach Erklärungen oder forderte diese ein: "Meine Frau möchte endlich reinen Wein eingeschenkt haben, ob und wann sie berücksichtigt wird. Wer die Denunzianten sind, die durch falsche Angaben uns die Winterhilfe wegnehmen, uns dauernd als unsauber bezeichnen, mich als Trinker hinstellen, überhaupt kein gutes Haar an uns lassen. Meine Frau hat acht Kinder in die Welt gesetzt, ist fleißig und sauber und arbeitet im Rüstungsbetrieb. Bekommt solche Frau kein Mutterkreuz?"

Empörung, Neid, Missgunst

Schwammige Bezeichnungen wie "würdig" öffneten Denunziation und Willkür Tür und Tor. Niemand achtete so scharf darauf, dass die Bedingungen für die Verleihung des Mutterkreuzes eingehalten wurden wie die ausgezeichneten Mütter selbst. Sie fürchteten um die eigene Ehrung. Die Spitzel des Sicherheitsdienstes berichteten: "Gerade die Beobachtung, dass immer wieder 'asoziale Mütter' das Mütterehrenkreuz verliehen bekämen, wirke sich stimmungsmäßig außerordentlich ungünstig aus." Empörung, Neid, Missgunst brachen sich Bahn. "Die Frau K., von der zwei Kinder wegen Diebstahl vorbestraft sind und deren andere auch herumlungern, hat das Ehrenkreuz auch verliehen bekommen, das ist doch wirklich eigenartig."

Das Mutterkreuz galt als Staatussymbol. Es gab genaue Anweisungen, wann und wie es zu tragen war. Nur am blauweißen Band um den Hals, nicht als Halskette oder Brosche, war das Ehrenkreuz zu allen festlichen Anlässen anzulegen. Bei Familienfeiern, zu Ostern, ganz besonders an nationalsozialistischen Festtagen wie dem "Führergeburtstag" oder dem Tag der Machtergreifung. Eine Kleinausführung des Mutterkreuzes mit blauweißer Schleife konnte nachgekauft und dann auch im Alltag getragen werden.

Bei der Einführung des Mutterkreuzes waren zahlreiche öffentliche Ehrerweisungen vorgesehen. Hitlerjungen salutierten vor der Mutterkreuzträgerin. Diese erhielt bei Veranstaltungen einen Ehrenplatz und hatte bei Behörden Vortritt. In Straßenbahnen und Zügen war ihr ein Sitzplatz frei zu machen.

Wer so viel Ehre erfuhr, dachte da offensichtlich weiter. Nach Kriegsausbruch standen Hunderte Mutterkreuzträgerinnen vor einer Fleischverkaufsstelle in Berlin und verlangten eine bevorzugte Abfertigung. Die Damen kauften für Bekannte und Nachbarn gleich mit und nutzten das Chaos, um sich nach dem Einkauf wieder hinten anzustellen. Die Empörung der Kinderlosen war groß. So weit ging es mit der Ehrerbietung dann doch nicht.

Lästern über den "Kaninchenorden"

Heimlich witzelte man über die quasimilitärische Auszeichnung. Der Beiname "Kaninchenorden" machte die Runde. Hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich, dass der Vater eines unehelichen Kindes künftig zum "Geheimen Erzeugungsrat" ernannt werden würde, und fragte abfällig, welches Körperteil die Mutterkreuzträgerin wohl für den Krieg geopfert hatte.

1945 verschwanden die Mutterkreuze stillschweigend auf Dachböden und in Kellern. In der Erinnerungsliteratur zum Nationalsozialismus finden sich kaum positive Äußerungen zur Mutterkreuzverleihung. "Ablehnen konnte man das damals nicht", heißt es dann, als hätte man die Ehrung widerwillig entgegengenommen. Die Bettelbriefe vieler Deutscher sprechen eine andere Sprache.

Zum Weiterlesen:

Irmgard Weyrather: "Muttertag und Mutterkreuz. Der Kult um die "deutsche Mutter" im Nationalsozialismus", Fischer Taschenbuch 1993, ISBN: 3596115175, 224 Seiten.

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