Mythos Rasputin Leben und Sterben des heiligen Teufels

Er galt als Sexguru, Wunderheiler und Anarcho: Grigorij Rasputin wurde als Bauer geboren und brachte es bis zum Berater der russischen Zarenfamilie. Nicht allen schmeckte die steile Karriere des charismatischen Emporkömmlings. 1916 wurde Rasputin Opfer eines brutalen Mordkomplotts.

AP

Am Morgen des 19. Dezember 1916 trieb ein Toter im Treibeis der Newa in Petersburg. Sein Gesicht war entstellt, der Schädel eingedrückt, das rechte Auge hatte man ihm ausgeschlagen. Mehrmals war auf ihn geschossen worden. Dennoch hatte der Mann im Wasser noch gelebt und versucht, seine Fesseln abzustreifen. Der Tote war Grigorij Rasputin.

In ihrem Bericht schrieb die Polizei, in den Tagen nach dem Leichenfund seien viele Menschen ans Ufer der Newa gekommen, um mit Krügen und Eimern Wasser aus dem Fluss zu schöpfen - und mit dem Wasser die Kraft des Toten, von der man sich in Russland Wunderdinge erzählte.

Über keinen anderen kaum des Lesens mächtigen Bauern ist mehr geschrieben und gedichtet worden als über den 1869 im westsibirischen Dorf Pokrowskoje geborenen Rasputin. "Starez" nannte er sich selbst, Bettelmönch. Eine theologische Ausbildung hatte der religiöse Autodidakt nicht. Wie aus diesem frommen Landstreicher aber einer der einflussreichsten Männer Russlands werden konnte, der postum besungene "Lover of the Russian Queen" (Boney M.) - das gilt als einer der populärsten Mythen des 20. Jahrhunderts.

Dabei ermöglichen Quellen eine ziemlich detaillierte Rekonstruktion seines Lebens, schließlich hat fast jeder aus seiner Entourage etwas notiert: die zu seiner Bewachung abgeordneten Polizisten ebenso wie seine Tochter, sein spielsüchtiger, jüdischer Sekretär, das Zarenpaar und seine Mörder.

Vor einigen Jahren lieferte der Moskauer Dramaturg und Historiker Edward Radsinski zu allem mit "Die Geheimakte Rasputin" noch eine wertvolle Ergänzung: Aus einer Versteigerung bei Sotheby's hatte Radsinski das sorgsam geheftete, 426 Seiten starke Ermittlungsdossier zum Tod des Wunderheilers von 1917 bekommen.

Wenn auch die Erinnerung an Rasputin enorm schwankte - mal galt er als adrett, dann als verwahrlost, manche berichteten von schwarzen Stummeln in seinem Mund und schlechtem Atem, andere rühmten seine weißen, starken Zähne - , war unstrittig, wie mächtig der Volksprophet aus der Provinz in wenigen Jahren geworden war: Rasputin soll Ämter und Würden und sogar Ministerposten vergeben haben, gern auch gegen Geld oder Gefälligkeiten von Frauen. Der hoffnungslos abergläubischen Zarenfamilie diente er als Beichtvater, Gesundbeter und Berater. Der aus hessischen Adel stammenden Zarin Alexandra Fjodorowna ("Sehne mich furchtbar nach dir") stand er womöglich auch für mehr zur Verfügung.

Der linkssozialistische Porno-Autor Gerhard Zwerenz beschrieb gar, wie die Zarin ihn "an den Eiern kitzelte" und lispelnd um seinen "langen Bauernschwanz" bat. In den Fußnoten seines Buches räumt Zwerenz allerdings selbst mangelnde Objektivität ein: Der Philosoph und ehemalige DDR-Volkspolizist war zuvor an einem Sachbuch über Rasputin gescheitert.

Radsinski und andere Historiker sehen keinen Hinweis auf eine sexuelle Beziehung des Erotomanen zur Zarin. Mit dem sibirischen Bauern und der Zarenfamilie waren sich Herrschaft und Volk zwar so nahegekommen wie selten. Dennoch gebärdete sich die Adelskaste am Vorabend der Revolution normalitätsentrückt und fand in dem Möchtegern-Mönch einen Sünden-Ablasshändler: Sie oszillierte in einem Delirium aus Melancholie, Intrigen und Endzeitstimmung. Sein Ende markierte auch das Finale des Zarenreichs, der Mord geschah im letzten Dezember des Romanow-Imperiums. Wenige Wochen darauf begann die Revolution.

In seinem sibirischen Dorf galt Rasputin als Tunichtgut. Er stahl, trank und wurde mehrfach angezeigt, ohne allerdings verurteilt zu werden. Irgendwann wendet er sich dem Glauben zu, wandert von Kloster zu Kloster.

Ende 1903 taucht er in St. Petersburg auf. Dort bescheinigt ihm der angesehene Geistliche Johann von Kronstadt einen "wahren Glauben". Rasputin gerät schließlich an den Hof des Zaren, wo ein ausgeprägter Hang zu Heilsverkündern ihm den Boden bereitet hat. Bei Nikolai II. jedenfalls hinterlässt Rasputin einen "bemerkenswert starken Eindruck".

Als beim jungen Zarewitsch Alexej, der an der Bluterkrankheit litt, im Herbst 1907 eine Blutvergiftung diagnostiziert wird und die Ärzte ihn bereits aufgegeben haben, wird Rasputin gerufen. Der Wunderheiler segnet das Zimmer, murmelt Gebete - und der Junge gesundet.

Spätestens seit diesem Tag ist Rasputin am Zarenhof unentbehrlich. Die Zarin sieht ihn als Gottgesandten.

Doch auch jetzt, und das schafft Eindruck, lässt sich der anarchische Rasputin nicht sonderlich von der Macht beeindrucken: Er poltert gegen den Zaren, wettert wider den Adel, fordert eine Verfassung und wirft den Grundbesitzern vor, den Bauern werde Bildung und Land vorenthalten. In aristokratischen Clubs gibt er den Plebejer.

Überhaupt die Frauen der feinen Gesellschaft: Von Rasputins Dienstmädchen erbetteln sie dessen schweißgetränkte Schmutzwäsche. Damen schneiden ihm die Fingernägel und nähen sie sich an. Seine überspannte Ergebene Olga Lochtina, Ehefrau eines Zarenbeamten, soll eines Morgens beim Tee mit Freunden sein Glied gepackt und gekreischt haben: "Du bist Gott. Ich bin dein Lamm."

Wo niemand die Lampe hält, brodeln die Gerüchte: Zeitungen orchestrieren Kampagnen gegen Rasputin, berichten über vermeintliche frühere Opfer.

Seit Anschlagsversuchen steht Rasputin unter der Obhut der Polizei. Die Beamten sichern nicht nur seine vom Zaren subventionierte Wohnung, sondern versorgen ihn auch mit Madeira en gros.

Im November 1916 eskaliert der Streit um den dubiosen Propheten schließlich in der Duma. Abgeordnete der Rechten greifen den Zaren und die "deutsche" Zarin massiv an. "Finstere Kräfte", tönt der durch seine antisemitische Hetze bekannte Abgeordnete Wladimir Purischkewitsch, regierten das Land. "Dies alles geht von Rasputin aus. Die Existenz des Reiches ist bedroht."

So dachten viele in hofnahen Kreisen, auch das bisexuelle Duo Felix Jussupow und der junge Großfürst Dimitrij. Zusammen mit Purischkewitsch ersannen sie im Dezember 1916 ein Mordkomplott.

Rasputin nahm eine Einladung Jussupows an, der versprach, ihm seine attraktive Frau vorzustellen. Doch statt der Dame gab es in dem mit Kruzifix und Bärenfell ausgestatteten Keller von Jussupows Palais überreichlich Wein. Dann kamen die Mörder. Rasputin überlebte indes nicht nur Jussupows Pistolenkugeln und kroch die Treppe zum Hof herauf, auch nach den Schüssen der anderen Attentäter blieb er noch am Leben - und ertrank erst im Eiswasser der Newa.

"Ich bin verloren", sagte der Zar nach der Nachricht von Rasputins Tod. Nikolai II. ließ den Freund in der Kapelle seiner Sommerresidenz begraben, mit einem Heiligenbild, auf dem die Zarenfamilie unterschrieben hatte.

Die Bluttat zeigte die Zerrissenheit der Romanows: Viele Familienmitglieder forderten in einem Bittbrief, das Attentat als patriotische Tat zu würdigen.

Das lehnte der Zar zwar ab, aber Jussupow, der später ungestört in Paris lebte, wurde nur auf einen Landsitz verbannt. Man habe ihren Vater, schrieb Maria Rasputin später, einen "Mädchenschänder", "Spion", "heiligen Teufel" und "Pferdedieb" genannt. Tatsächlich sei er ein "Prügelknabe" gewesen. Für andere.



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Emil Peisker, 05.02.2012
1.
Die Herangehensweise an Zwerenz, durch den Autor Klawitter ist eine politische Diffamierung: "Der linkssozialistische Porno-Autor Gerhard Zwerenz beschrieb gar, wie die Zarin ihn "an den Eiern kitzelte" und lispelnd um seinen "langen Bauernschwanz" bat. In den Fußnoten seines Buches räumt Zwerenz allerdings selbst mangelnde Objektivität ein: Der Philosoph und ehemalige DDR-Volkspolizist war zuvor an einem Sachbuch über Rasputin gescheitert. " Die schriftstellerische Leistung Zwerenz' ist ohne Zweifel anerkannt. Ihn als Pornoschriftsteller zu bezeichnen , ist schon schäbig.
Marco Kaiser, 06.02.2012
2.
Es gibt auch eine Sichtweise, wonach Rasputin den Zaren davon überzeugen wollte, sich um einen Waffenstillstand zwischen Russland und Deutschland zu bemühen und daraufhin von dem britischen Agenten Oswald Rayner mit einer 455-Webley-Pistole ermordet wurde. Rayner war ein Freund von Felix Yusupow, der Rasputin am 17. Dezember 1916 entführen ließ. Wäre der Waffenstillstand zustande gekommen, hätte der deutsche Kaiser ein Heer von 350000 Soldaten an die Westfront verlegen können und somit die Alliierten besiegt. Rasputin war des Weiteren auch kein Guru oder Weiberheld, sondern ein friedliebender, weiser Mann. Er besaß die Fähigkeit, andere Menschen zur Sebstheilung anzuregen, quasi soetwas wie den Plazebo-Effekt in ihnen auszulösen. Dadurch konnte er vielen Menschen helfen, auch der Zaren-Familie.
Klaus Richter, 06.02.2012
3.
Da muss ich voll und ganz beipflichten. Der Ausdruck "linkssozialistischer Porno-Autor" für Zwerenz ist ein stilloser Lapsus, ja, schlichtweg eine Frechheit. Besonders, da Herr Klawitter in seinem Artikel selbst eine gewisse Faszination für pornographische und gewalttätige Details pflegt.
Volker Altmann, 06.02.2012
4.
Die letzte Zarin ist 1872 in Darmstadt geboren, sie war eine Tochter Ludwig des IV. von Hessen und bei Rhein. Wer sich das Gesamtwerk von Herrn Zwerenz betrachtet, wird ihm mit der Bezeichnung Pornoschriftsteller wahrlich nicht gerecht. Niemand würde bspw. Sascha Hehn und manche seiner Schauspielkollegen als Pornostars bezeichnen - auch wenn es in einigen ihrer Filme sehr eindeutig zur Sache ging.
Ulrich Neumann, 07.02.2012
5.
Ich zitiere Wikipedia: Während seiner schriftstellerischen Tätigkeit schrieb Zwerenz unter dem Pseudonym Gert Amsterdam auch erotische bis pornografische Literatur. Eines dieser Bücher, Das Kleingeld der Hetären, wurde von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien 1987 als jugendgefährdend indiziert Ihn darauf zu reduzieren fand ich auch seltsam - ganz von ihm weisen kann man es aber auch nicht. Insofern plichte ich Herrn Altmann gerne bei.
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