Mythos Wonderbra Kleine Kissen, große Wirkung

Männer reagieren manchmal ziemlich langsam: Mit kleinen Polstern lifteten Damen zum ersten Mal in den dreißiger Jahren ihr Dekolletée. Große Wirkung entfaltete die "Wonderbra"-Mode jedoch erst in den Neunzigern. Weltweit setzten Männer Autos gegen Laternenpfähle.

Getty Images

Von Alexandra Eul


"Winter-BH" nannte meine Freundin ihn in der Sportumkleidekabine. Weil die dicken Polster in den Körbchen des Büstenhalters angeblich mehr wärmten als filigrane Spitze. Eine charmante Ausrede für: "Ich finde meine Brüste zu klein und habe mir deshalb einen Wonderbra gekauft." Den Winter-BH trug sie natürlich auch im Sommer.

Wir waren mitten in der Pubertät, als 1994 der US-Großkonzern Sara Lee einen BH mit dem Namen Wonderbra auf den Markt brachte. Wobei einfach nur "BH" es nicht ganz trifft, das Ding war ein Phänomen: Alle 15 Sekunden wurde weltweit ein Wonderbra verkauft, das zumindest sagten die Statistiken. Frauen standen vor den Wäscheläden Schlange, um ein Exemplar zu ergattern.

Dabei war der Wonderbra vom ersten Verkaufstag an mehr als nur ein Produkt, eine Marke. Er ist noch heute gleichermaßen Schlag- und Reizwort. Die einen sehen in ihm ein Werkzeug für ein selbstbewusstes Körpergefühl, andere verteufeln den Wonderbra als Symbol für den endgültigen Ausverkauf der weiblichen Emanzipation.

Etwas unbequem, aber sexy

Solche diskursanalytischen Überlegungen über die Auswirkung eines Büstenhalters auf die gesellschaftliche Rolle der Frau formulierte damals, fünf Minuten vor dem Schulsport, allerdings niemand. Die beiden unbiegsamen Körbchen, in die man durch kleine Schlitze an der Seite unterschiedlich große Kissen stopfen konnte, waren vor allem neu und deshalb interessant. Die Kissengröße stand in direktem Zusammenhang mit dem zur Schau getragenen Brustvolumen. Sprich: Das Bisschen, was da war, wurde gleichzeitig zusammen und nach oben gepresst. Das war unbequem, sah aber hübsch aus.

Was wir nicht wussten: Der Wonderbra war gar nicht neu. Bereits in den dreissiger und vierziger Jahren produzierte die US-Firma D'Amour einen gepolsterten Büstenhalter unter dem gleichen Namen nur mit Bindestrich: Wonder-Bra. 1961 entwarf die Unterwäschedesignerin Louise Poirier dann das Modell "1300 plunge push-up bra" für die Firma Canadian Lady. Die hatte in den Jahren zuvor bereits Wonderbras hergestellt und vertrieben, mit dem Modell 1300 schuf man bei Canadian Lady aber den Prototypen des Wonderbra, wie wir ihn heute kennen.

Darauf sind die Kanadier so stolz, dass sie in einer Umfrage des kanadischen Fernsehsenders CBC im Januar 2007 den Wonderbra auf Platz fünf der wichtigsten kanadischen Erfindungen wählten - vor dem elektronischen Mikroskop, dem Elektroherd und dem Rollstuhl und nur knapp hinter dem Diabeteswirkstoff Insulin und dem Telefon.

Runter mit dem Büstenhalter

In den sechziger und siebziger Jahren dagegen war die Investition in die neue Push-up-Mode für die Firma Canadian Lady trotzdem ein Wagnis. In dem althergebrachten und auf Züchtigkeit gepoltem Frauenbild, bei dem Unterwäsche vor allem warm halten sollte, hatte das sexy Accessoire keinen Platz. Und dann kam die Frauenbewegung: Auf einmal war der BH das Sinnbild für die gesellschaftliche Einengung der Frau, im August 1969 fanden erst in den USA und dann weltweit Anti-BH-Tage statt. "Runter mit dem Büstenhalter" zitierte der Spiegel die Bewegung in einem Artikel.

Aber die Designer von Canadian Lady ließen sich nicht beirren. Statt den Wonderbra aus dem Programm zu nehmen, setzte die Firma auf eine offensive Marketingstrategie: kitschige Weichzeichnerclips, in denen Frauen - zumindest für den Bruchteil einer Sekunde - in Unterwäsche zu sehen waren. Was heute höchstens noch ein Gähnen ernten würde, reichte damals zum Skandal. CBC, der gleiche Sender, der den Wonderbra 2007 zur kanadischen Ikone erhoben hatte, verweigerte 1975 die Ausstrahlung des Werbeclips. Allerdings nur für kurze Zeit, denn auf allen konkurrierenden Fernsehstationen lief er rauf und runter. Der Spot war der Renner, die Botschaft etwas krude:

(Frau singt): "Wenn ich gut aussehe, geht es mir gut, und wenn es mir gut geht, sehe ich toll aus. Ich genieße es, ich zu sein."

(Männerchor singt): "Wir kümmern uns um die Frau, die du bist. Wundervoller, wundervoller Wonderbra."

Weltweite Auffahrunfälle für ein Dekolletèe

In die gleiche Kerbe schlug 20 Jahre später auch der neue Wonderbra. Und erschuf mit einer einzigen Werbekampagne einen Hype, dem selbst Teenager in der Kleinstadt nicht entgehen konnten. Auf dem Times Square in New York und dem Picadilly Circus in London verursachten die Wonderbra-Plakate Massenkarambolagen, die BBC sah sich zu Warnungen vor der Unfallgefahr durch sexualisierte Plakatwerbung veranlasst. Auf den Plakaten zu sehen: Das damals noch unbekannte tschechische Modell Eva Herzigová, gekleidet in schwarzer Spitzenunterwäsche. Mit frechem Lachen schielt sie auf ihre gepushten Brüste. Daneben nur zwei Worte, die Männer rund um den Globus beinahe um den Verstand brachten: "Hello Boys". Das Schwarz-Weiß-Bild wurde von dem Fachmagazin Campaign zum zehntbesten Poster des letzten Jahrhunderts gekürt und Herzigova als "Miss Wonderbra" weltberühmt.

Bald jedoch bekommt der Wonderbra ein neues Gesicht. Vor zwei Jahren verkaufte der Konzern Sara Lee seine Wonderbra-Marke - zurück nach Kanada. Und beim neuen Eigentümer, der Canadelle Limited Partnership of Canada, einer Tochterfirma des Unterwäschegiganten Hanes, erinnert man sich offenbar bestens an das Rezept für eine Erfolgsstory. Ein bisschen Sex, ein bisschen Skandal - schon brummt das Geschäft. Und deswegen wird wohl bald Dita von Teese auf ihre Brüste schielen. Die wohlgeformte Ex von Marilyn Manson ist mit ihren "New Burlesque"-Shows immer für eine pikante Schlagzeile gut - perfekt. In ihren Shows, bei denen sie sich unter anderem nackt in einem überdimensionalen Champagnerglas räkelt, wird sie den Wonderbra allerdings kaum tragen wollen.

Aber vielleicht nach der Show, in der Umkleidekabine. Dann wird der stets leicht bekleideten Dame dank gut gepolstertem Winter-BH auch nicht so kalt.



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