Nachwendekinder Die blinden Flecken in ostdeutschen Familien

Sie sind um 1990 geboren und fühlen sich der DDR seltsam verbunden, erfahren von ihren Eltern aber wenig. Mit seinem Buch "Nachwendekinder" stößt Johannes Nichelmann schmerzhaft ins Zonenrandgebiet zwischen Schwärmen und Schweigen vor.

Walter Iooss Jr./ Sports Illustrated/ Getty Images

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Was ist mit einer Gesellschaft los, deren Staat es seit 30 Jahren nicht mehr gibt? Wie kann selbst bei Nachgeborenen, die keinen DDR-Kindergarten und keine Polytechnische Oberschule besuchten, eine "DDR-Identität" entstehen, oft eine trotzige Anti-West-Gesinnung?

Buchautor Johannes Nichelmann hat es selbst erlebt: 2002 verließ er Berlin-Niederschönhausen, weil seine Mutter einen Job in Süddeutschland annahm. Mit 13 lebte der Schüler fortan in einem kleinen schwäbischen Ort.

"Bis zu unserem Umzug habe ich so gut wie nie über mein Ostdeutschsein nachgedacht. In meiner Grundschule in Berlin-Pankow waren wir alle 'Ossis'. Keiner sprach darüber." Aber nun ist er im Westen der Ossi, der andere, dazu noch Atheist. Und neben der Tafel hängt ein Kreuz. "Wer macht heute das Gebet?", fragt der Musiklehrer. Johannes setzt sich, wird zur Rede gestellt und erklärt: "Ich bin kein Christ!" Er muss vor die Tür und versteht die Welt nicht mehr.

Ein Mitschüler fragt ihn, aus welchem Teil Berlins er denn komme, "Ost oder West?" Johannes weicht aus: "Aus dem Norden, aus Pankow." Anderntags weiß der Mitschüler: "Pankoff? Das liegt doch im Osten!"

Mit dem Klischee- und Halbwissen seiner Mitschüler geht es lange weiter. Ob auf jeden an der Grenze geschossen worden sei? Ob alles Grau in Grau gewesen sei, es nichts zu kaufen gab, warum er nicht Sächsisch rede? Als er seinen DDR-Impfausweis mitbringt, prustet der Lehrer: "Was isch denn des für an Schmarrn! Hascht du net mal an normalen Impfausweis?" Die ganze Klasse lacht.

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Nachwendekinder: "Ach, du kommst aus dem Osten?"

In Johannes steigen Wut und Scham auf, seine Taktik heißt fortan: Abgrenzung, um jeden Preis! Bald nimmt ihn eine Lehrerin wohlmeinend zur Seite und rät, seine Herkunft nicht so breitzutreten. "Versuch dich mal zu integrieren!" Aber nach den Ferien kommt Sara in die Klasse, es heißt: "Das hier ist die Sara. Sie kommt aus Görlitz. Das liegt in Sachsen. Da, setz dich mal zu Johannes. Ihr kommt ja beide aus dem Osten."

"Na, wie war denn das Leben in der DDR so?"

Johannes Nichelmann ist Journalist und studierter Politikwissenschaftler, Jahrgang '89, "in einem Land geboren, das ich nie bewusst gesehen habe". In seinem Buch "Nachwendekinder" spürt er dieser eigentümlichen Verbindung zur DDR nach, die er wie viele um die 30 empfindet. Nichelmann hat junge Ostdeutsche und ihre Eltern getroffen, ihren Gesprächen zugehört. Und er ist auf blinde Flecken in den Geschichten vieler Familien gestoßen - Themen, an die niemand rühren darf, auch die Kinder nicht.

Der Junge aus "Pankoff" fühlte sich in die Ecke gestellt und begann erst lange nach dem Mauerfall, die DDR als Identität anzunehmen und zu verteidigen, ohne sie wirklich zu kennen. "Wir werden mit Klischees überhäuft. Mit Bildern vom Osten, die uns zwar geläufig sind, aber die wir nie auf unser eigenes Leben bezogen hätten." Auch an einer neuen Schule blieb er in der Sonderrolle des Ossis.

Umgekehrt bekamen auch Kinder von nach Ostdeutschland gezogenen Westdeutschen die harte Realität zu spüren. Clara etwa hatte sich vor dem Umzug nach Sachsen nie als Wessi begriffen, wurde aber in Freiberg "Bananenfresserin" genannt und hörte ständig, dass sich ihre Mitschüler, wie auch deren Eltern, die DDR zurückwünschen. Dann zogen ihre Eltern mit ihr zurück in den Westen.

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Nichelmann konfrontiert sich mit seiner eigenen Rolle in der deutsch-deutschen Geschichte, kehrt an die Orte seiner Kindheit im Westen zurück und trifft dort auf Ostdeutsche, die sich nicht integriert, sondern assimiliert haben. Über ihre Herkunft wollen sie am liebsten nicht mehr sprechen und wissen auch keine Antwort auf die ewige Frage: "Na, wie war denn das Leben in der DDR so?"

Das Interesse der Westdeutschen daran war und ist begrenzt, viel größer sind die Klischees in den Köpfen und eine spezielle westdeutsche Arroganz: der Ostdeutsche als Teil einer Meute von arbeitslosen, abgehängten Rassisten und Neonazis, mit peinlichen Hüten in Deutschlandfarben. Dunkeldeutschland eben. Dieser Schurkenstaat. "Ach, du kommst aus dem Osten?" Das klingt dann wie eine Stigmatisierung, ein Generalverdacht, wie es auch Migranten mit türkischen oder arabischen Wurzeln kennen.

Die alte Heimat ist längst weg

Doch Nachwendekinder können die Heimat ihrer Eltern nicht mehr besuchen, denn die ist weg, existiert nur noch in den Köpfen. Obwohl sie nicht mehr in der DDR aufwuchsen, identifizieren viele sich als ostdeutsch statt als deutsch. Vor allem dann, wenn immer nur die negativen Seiten thematisiert werden.

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29.08.2019, 11:46 Uhr
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Johannes Nichelmann
Nachwendekinder: Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen

Verlag:
Ullstein fünf
Seiten:
272
Preis:
EUR 20,00

So entsteht eine Art nachträgliche solidarische DDR-Zugehörigkeit, daraus schlagen links- oder rechtspopulistische Parteien gezielt Kapital. Ein Fehler, schreibt Nichelmann, wie er schon bei Migranten zu einer vom demokratischen System eher abgekoppelten "muslimischen Identität" selbst in dritter und vierter Generation geführt habe.

Verrückte Parallelen entdeckte er bei einer Reise nach Südkorea, wo er mit nordkoreanischen Flüchtlingen sprach. Sie erleben "Diskriminierung, Ausgrenzung, Missgunst". Den Gedanken, sagt einer, "dass wir ein gemeinsames Volk sind, scheint es hier nicht zu geben. Die Leute denken, wir Nordkoreaner sind dumm und unfähig". Die anderen werden als merkwürdige Gruppe betrachtet, sich selbst sieht man als den Normalfall. Das ist verdammt nah dran am Gefühl vieler Ostdeutscher, Bürger zweiter Klasse zu sein.

Buchautor Nichelmann: Nachwendekind, geboren '89
Niklas Vogt/ ullstein Verlag

Buchautor Nichelmann: Nachwendekind, geboren '89

Johannes Nichelmann ist Radioreporter, er zeichnete viele Interviews für das Buch auf und war auch dabei, wenn sich Gleichaltrige mit ihren herumdrucksenden Eltern zum Gespräch über die Vergangenheit verabredeten. In diesen Nahaufnahmen ist "Nachwendekinder" besonders spannend und detailreich, zugleich erhellend; sprachlich und erzählerisch läuft der Text zur Hochform auf. Das läuft nicht immer glatt, manche Treffen bleiben unbefriedigend. Alte Wunden können über Generationen schmerzen.

Da ist etwa Maximilian, der einen Trabant als Zeitmaschine braucht, um sich in die Welt der schweigenden Eltern hineinzuversetzen. Sein Vater hielt seine DDR-Vergangenheit fest in sich verschlossen. Oder Lukas, der erfahren will, warum sein Vater Rainer, Teil der Oberschicht, für die Stasi gearbeitet hat. Die DDR, so erklärt es der Vater, "war ja nur ein Unrechtsstaat für Leute, die es darauf angelegt haben".

"Ohne Narkose auf dem OP-Tisch"

Lukas erwidert: "Aber ich kann mich ja nicht den Tatsachen verschließen und sagen, weil es meinen Eltern gut ging, war das ein gutes Land. Was war der Preis dafür, dass Eltern und Großeltern in der DDR ein privilegiertes Leben führen konnten? Ging es zulasten anderer?"

In solchen Familiengesprächen gibt es viele Fragen, wenig Antworten. "Wir lieben unsere Eltern, wir wollen ihnen nicht wehtun", schreibt Nichelmann, "aber die Gespräche fühlen sich so an, als würden wir sie ohne Narkose auf den OP-Tisch legen und anfangen, ihre Biografien fein säuberlich mit einem Skalpell zu sezieren."

Er möchte, dass seine Generation endlich die Schweigespirale der Eltern durchbricht. Dass Schluss ist mit Sätzen wie: "Früher gab's das ja nicht" oder "Früher war das alles ganz anders", im Westen leben die Bösen, im Osten die Guten. Und wie passt das zusammen: "Ich hatte eine wunderschöne Kindheit in der DDR, und seit der Wende heißt es nur noch: Ich habe in einem Unterdrückerstaat gelebt."

Die ganz persönlichen Antworten stehen aus

Es ist eine längst überfällige Debatte. Biografien der Eltern und Großeltern beeinflussen auch das Leben der Kinder. Das große Schweigen in ihren Familien aufbrechen können wohl nur Ostdeutsche selbst. Aber wer will sich schon freiwillig damit auseinandersetzen, dass er in einem System von Unterdrückung und Schnüffelei gelebt und weggesehen hat? Als Mitläufer oder gar als Täter?

Immer wieder fiel im Osten nach 1990 der Satz: "Das haben wir nicht gewusst!" Die DDR hat offenbar zweimal existiert: vor und hinter den Kulissen, als sonniger Familienstaat mit billigen Mieten, viel Freizeit und Datsche und Schrankwand und Ostseeurlaub. Und als Bautzen, Hohenschönhausen, Mauer, Stasiund Stacheldraht - ein Horrorstaat.

Die Nachwendekinder wollen aber keine Klischees von Horror oder Harmonie mehr hören, sie wollen jene Leerstelle füllen, die zu ihrer Identität gehört. Darum fragen sie Eltern und Großeltern: "Warum haben wir nie wirklich über dein Leben in der DDR gesprochen?" Dabei fließen manchmal Tränen, verkapselte Gefühle brechen hervor.

Nichelmanns Mutter drückt es so aus:

"Dieses Gefühl, du bist nichts wert, weil du auf dieser Seite der Mauer geboren bist. Deine Biografie kannst du streichen. Du bist dumm, du hast nie was Ordentliches gelernt, du kannst nichts. Ich habe es so satt, mir das anzuhören. Wir sind weder dumm, noch sind wir faul. Ich habe ein gutes Abitur gemacht, einen guten Beruf gelernt und meine Kinder gut großgezogen. Man kann uns das nicht einfach streichen."

Aber was war die DDR nun? Was haben 40 Jahre Diktatur, Abgrenzung vom Wissen der Welt, von der Begegnung mit fremden Kulturen und Völkern mit den Menschen gemacht? Wie hat man gelebt, konnte man ein richtiges Leben im Falschen führen? Was richtete das andauernde Doppelleben an ("Erzähl das bloß nicht in der Schule!"), das "Leben in der Lüge", das Leben der scheinbaren Anpassung ans System, das Vaclav Havel schon 1976 beschrieben hat? Trotz aller Aufarbeitung sind es noch immer die ganz persönlichen Antworten, die fehlen.

"Nachwendekinder" könnte erstmals eine seit 30 Jahren überfällige, größere Debatte unter Ostdeutschen provozieren. Ohne Wessis, gegen die man sich erst mal zur Wehr setzen muss. Und statt in Medien zunächst in den Familien, überall dort, wo es nicht geschehen ist. Bereits im Vorfeld der Buchveröffentlichung wurde Johannes Nichelmann überschwemmt mit Briefen von Gleichaltrigen, die das Schweigen ihrer Eltern durchbrechen wollen. Für die Buchpremiere haben sich 3000 Menschen interessiert. Der Saal fasst kaum mehr als 200.

insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
Uwe Salentijn, 03.09.2019
1. Geschichte wiederholt sich....
...aus der kurzen Lektüre des Artikels scheint sich die Erkenntnis herauszukristallisieren, dass sich Geschichte leider wiederholen kann...es wir Zeit, dass daraus die richtigen Lehren gezogen werden...ansonsten freue ich mich über einen neuen 68'er Jahrgang...
Klaus Kahlert, 03.09.2019
2. Notwendige Differenzierung
Vielleicht können sich Ost und West darauf einigen, das es "die DDR" und "den Westen" nicht gab und auch nicht gibt. Meine Familienmitglieder gehören zu den studierten gut ausgebildeten, die vor 1989 und auch danach zur besseren Mittelschicht gehörten und gehören, ohne politisch besonders aktiv gewesen zu sein. Ich kann auch meine Zeit bis zum Abitur mit der gleichen Zeit meiner Frau in einer anderen Stadt vergleichen. Die politischen Verhältnisse an den Schulen waren deutlich verschieden, obwohl nur 150 km dazwischen lagen. Die Familie meines Sohnes hat sich nach dem Studium in einem westlichen Bundesland hervorragend etabliert und hat und hatte auch im persönlichen Umfeld niemals irgendwelche Probleme. Ich selbst habe vor 1989 eine Ostfirma geleitet und habe das ab 1990 bei einer Westgruppe ebenfalls erfolgreich getan und das ohne größere Defizite an Wissen und Engagement. Deshalb meine Meinung, wir sollten mit der Schwarz- und Weißmalerei aufhören, dann passt es schon zusammen.
Friedrich Kuhlmann, 03.09.2019
3. Beim Photo des vermeintlichen Palastes...
...der Republik handelt es sich um das DDR Außenministerium direkt gegenüber.
Stefan Kircher, 03.09.2019
4. Erinnert mich
irgendwie an die Aufarbeitung der NS-Zeit im Westen. Mein Opa hat da auch nie den Mund aufgemacht und meine Eltern auch nur über eine schwere aber glückliche Kindheit geredet. Letzendlich hat sich rausgestellt das mein Ops doch Nazi war, und zwar aus Überzeugung. Hat leider auch auf Mutti abgefärbt. Es waren immer die Kleinigkeiten im Alltag die es gezeigt haben welchen Vater's Kind sie war. Es wird demnach wohl noch etwas dauern bis sich ein "Ossi" mit einem "Wessi" genausowenig (ohne Diskriminierend zu sein) verbunden fühlt wie der Hamburger dem Münchner ;-)
Holger König, 03.09.2019
5.
So lange die ostdeutsche Bevölkerung von der Chance auf Karriere ferngehalten wird und selbst im Osten bis zu 90% der Führungsposten von Wessi-Seilschaften vererbt werden, wird das DDR-Bewußtsein nicht verschwinden, sondern vererbt. Und da die notorischen Querulanten / Bürgerselbstgerechtler nur eine Minderheit waren, ist die maßgebliche Erinnerung die Arbeitslosigkeit durch die Treuhand-Machenschaften (systematische Ent-Industrialisierung) bei Eltern und Großeltern. Der ordentliche DDr-Bürger hatte auch keinen Ärger mit dem MfS, sondern kannte dieses vor allem aus Filmen wie For Eyes Only und Das unsichtbare Visir. Und wenn es 30 Jahre lang nicht das "Wirtschaftswunder 2.0" (die sog. "blühenden Landschaften") gab, dann glaubt auch keiner mehr daran. Demnächst wird die AfD als "sekundäre Treuhand-Täterpartei"und "Fleisch vom Fleische der CDU" entlarvt (viele ex-CDU-Mitglieder in der AfD), dann kommt endlich der Linksruck, weil die rechten Rattenfänger aus der Mode sind.
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