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Enteignet, entrechtet, ermordet – die Kolonialverbrechen in »Deutsch-Südwestafrika«

Foto: Wiebke Gebert / dpa

Entschädigungen für koloniale Verbrechen in Namibia »Herr Steinmeier kann nur um Verzeihung bitten«

Deutschland will den Völkermord an Herero und Nama anerkennen und Hilfsgelder für soziale Projekte zahlen. Doch Nachfahren der Opfer kritisieren das Abkommen. Der namibische Historiker Wolfram Hartmann erläutert, warum.
Ein Interview von Katja Iken

SPIEGEL: Herr Hartmann, wir wollen mit Ihnen über das Wiedergutmachungsabkommen für deutsche Kolonialverbrechen in Namibia sprechen. Sie hatten Bedenken, dass Ihr deutscher Name uns möglicherweise abstoßen könnte. Wieso?

Hartmann: Mein Großvater mütterlicherseits war kaiserlicher Soldat und Mitglied der Schutztruppe, er kam 1908 mit 20 Jahren in »Deutsch-Südwestafrika«  an, leistete seinen Militärdienst ab und etablierte sich dann als Schmied. Für manche deutsche Historiker bin ich deshalb ein rechter Kolonialnachfahre, werde quasi in Sippenhaft genommen und so disqualifiziert. Für eine Mehrheit deutschsprechender Namibier hingegen bin ich der Linksaußen, die unbequeme Kommunistensau.

SPIEGEL: Warum?

Hartmann: Weil ich die Menschen daran erinnere, dass sie auf geraubtem Gut sitzen und eine differenzierte namibische Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit als unabdingbar für eine gute namibische Zukunft fordere.

SPIEGEL: Deutschland und Namibia haben seit 2015 über den Umgang mit den Kolonialverbrechen gerungen – nun ist das Abkommen unterschriftsreif. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier soll nach Namibia reisen und sich offiziell für den Völkermord an Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 entschuldigen.

Hartmann: Herr Steinmeier kann sich nicht entschuldigen, das hieße ja, sich selbst zu entschulden. Wie soll das gehen? Er kann nur um Verzeihung für das von Deutschen angerichtete Leiden bitten, dieses ehrlich würdigen und hoffen, dass die Geste angenommen wird. Das traue ich ihm zu. Er weiß sicher, dass Aussöhnung keine Einbahnstraße ist.

SPIEGEL: Schon bevor das Abkommen in trockenen Tüchern war, gab es heftige Kritik. Herero- und Nama-Verbände verurteilten die Vereinbarung als PR-Coup Deutschlands und betrügerischen Akt der namibischen Regierung. Warum?

Hartmann: Zum einen fühlen sie sich von der namibischen Delegation nicht ausreichend repräsentiert. Zum anderen pochen sie auf Reparationen für das erlittene Unrecht und lehnen die in Berlin vereinbarten Hilfsgelder für soziale Projekte ab. Die im Übrigen lächerlich gering sind.

SPIEGEL: Sie kennen die vereinbarte Summe?

Hartmann: Ich bin ganz gut vernetzt. Obwohl der Betrag, wie man hinter vorgehaltener Hand hört, nicht hoch ist, haben die namibischen Verhandlungsführer in Berlin dem Deal offenbar zugestimmt.

SPIEGEL: Warum?

Hartmann: Im Englischen gibt es den Spruch: »Let's grab and run« – »Schnappen wir es uns und rennen los.« Und zwar ganz schnell. Bevor die Deutschen das Wenige, was sie uns geben wollen, wieder mit neuen Bedingungen versehen.

SPIEGEL: Wären Entschädigungszahlungen an die direkt betroffenen Nachfahrengruppen aus Ihrer Sicht sinnvoller?

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Enteignet, entrechtet, ermordet – die Kolonialverbrechen in »Deutsch-Südwestafrika«

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Hartmann: Ja, das wäre jetzt wirklich an der Zeit. Aber die namibische Regierung lehnt es ab, dass zwei einzelne ethnische Gruppen losgelöst vom Staat mit Deutschland in Verhandlungen treten.

SPIEGEL: Zudem wäre mit persönlichen Reparationen ein Präzedenzfall geschaffen, auf den sich Nachfahren kolonialer Opfergruppen in anderen Ländern beziehen könnten.

Hartmann: Natürlich. Beteiligte erzählen mir, dass etwa England und Frankreich mit einiger Sorge die deutschen Verhandlungen der letzten Jahre verfolgt haben.

SPIEGEL: Wie stark wirkt die deutsche Kolonialzeit, also die Phase zwischen 1884 und 1915, in Namibia nach?

Hartmann: Namibia ist infolge des Kolonialismus zutiefst gespalten. Wir haben auf der einen Seite die »Täternachfahren«, also die deutschsprechenden Namibier, mit 0,75 Prozent Anteil an der Gesamtbevölkerung eine verschwindend kleine Gruppe. Auf der anderen Seite gibt es die »Opfernachfahren«, also die Nama mit 4,8 Prozent der Bevölkerung sowie die OvaHerero, wie sie genannt werden möchten, zu ihnen zählen rund 7,5 Prozent der Menschen im Land. Wir leben nach wie vor weitgehend in getrennten Stadtteilen, wer arm ist, ist schwarz – die Reichen sind weiß und besitzen das meiste Land. Das ist auch der sich daran anschließenden südafrikanischen Zeit geschuldet, die die kolonialen Zerstörungen einfach fortführte.

SPIEGEL: Zudem gibt es im Land zahlreiche weitere Bevölkerungsgruppen, etwa die Ovambo, Damara, OvaHimba, Kavango, Baster, Tswana, Caprivier und San.

Hartmann: Wobei die Ovambo die größte Ethnie sind. Sie machen rund 50 Prozent der Bevölkerung aus und stellen die Mehrheit der Regierung.

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SPIEGEL: Gibt es so etwas wie ein namibisches Nationalbewusstsein?

Hartmann: Das ist kaum ausgeprägt. Die meisten Menschen verstehen sich zunächst als Angehörige einer Volksgruppe und erst in einem zweiten Schritt als Namibier, es fehlt ein nationales Narrativ. Während sich OvaHerero und Nama primär als Leidtragende des deutsch-kolonialen Unrechts definieren, erzählt die Regierungspartei SWAPO, die South-West Africa People's Organisation, die Geschichte Namibias vor allem als Heldenkampf gegen das südafrikanische Apartheidsregime, das Namibia bis 1990 beherrscht hat. Der Widerstand der OvaHerero und Nama gegen die Deutschen spielt für die SWAPO in diesem Zusammenhang eine eher untergeordnete Rolle. Die deutschsprechenden Namibier wiederum erzählen die Historie, ebenso klitternd, als »ruhmreichen« und »heldenhaften« Kampf gegen übergriffige Einheimische.

SPIEGEL: Welche Geschichte wird derzeit in der Schule gelehrt?

»Die Verletzungen wirken bis heute in den Seelen der Menschen fort.«

Wolfram Hartmann

Hartmann: In den staatlichen Lehrplänen wird namibische Geschichte in den Dienst eines SWAPO-lastigen Meisternarrativs gestellt. Der antikoloniale Widerstand im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert  wird eher allgemein abgehandelt, zielt aber nicht auf ein tieferes Verständnis kolonialer und imperialistischer Entwicklungen.

SPIEGEL: Wie sieht das an der deutschen Auslandsschule in Windhuk aus?

Hartmann: Dort ist namibische Geschichte als Unterrichtsfach nicht vorgesehen. 2020 haben wir, die Geschichtskollegen an der Schule und ich, unter der Prämisse »Erinnern für die Gegenwart« ein Lehrbuch zur deutschen Kolonialgeschichte in Namibia entwickelt, finanziert vom Außenministerium in Berlin. Damit es überhaupt einmal eine auf guter historischer Arbeit beruhende Darstellung für den Unterricht gibt. Das inzwischen vorliegende Lehrmaterial, auf Englisch und Deutsch wird trotzdem nicht im Unterricht umgesetzt.

SPIEGEL: Woran haperte es?

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2021

Der deutsche Kolonialismus: Die verdrängten Verbrechen in Afrika, China und im Pazifik

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Hartmann: Schwer zu sagen. Ich nehme an, dass das politisch an der Schule nicht gewollt war. Sehen Sie: In Deutschland haben sich die Menschen ausführlich mit dem NS-Erbe beschäftigt – hierzulande fand eine Auseinandersetzung der deutschsprechenden Namibier mit der grausamen kolonialen Vergangenheit ihrer Vorfahren noch nicht wirklich statt, sieht man von offenkundigen Leugnungsdebatten ab.

SPIEGEL: Wird die koloniale Vergangenheit auf universitärer Ebene behandelt?

Hartmann: Es mangelt an gut ausgebildeten namibischen Historikern, an einem breiten akademischen Diskurs. Eine gründliche, methodologisch saubere Aufarbeitung dieser Geschichte kann so nicht stattfinden.

SPIEGEL: Seit wann spielt das Thema Kolonialismus in der öffentlichen Debatte eine Rolle?

Hartmann: Seit der Unabhängigkeit Namibias im Jahr 1990. Mit dem Systemwechsel hofften die OvaHerero und Nama – leider vergeblich – darauf, dass sie nach 75 Jahren der Unterdrückung durch Südafrika endlich Gehör finden und ihre alten Rechte, ihr Land zurückerlangen.

SPIEGEL: Das ihnen die Deutschen Anfang des 20. Jahrhunderts geraubt hatten?

Hartmann: Ja. Die OvaHerero und Nama wurden im Zuge der Kriege zwischen 1904 und 1908 ja nicht nur massenhaft in den sicheren Dursttod gejagt, als fliehende Zivilisten getötet und in den Lagern ermordet, sondern auch enteignet und entrechtet. Die sogenannten Eingeborenenverordnungen von 1907 zementierten das genozidale Leiden der unterdrückten Bevölkerung: Verboten waren ihnen ab sofort jeglicher Besitz von Grund und Boden sowie Vieh, zudem wurde ein rigides Meldewesen eingeführt.

SPIEGEL: Was bedeutet das?

Hartmann: Jeder OvaHerero und Nama musste eine Passmarke um den Hals tragen, durfte sich nicht mehr frei bewegen. Man wollte so für ein landloses Proletariat sorgen, dass als Arbeitskraft einsetzbar war. Die Menschen hatten sich, Sklaven gleich, für Arbeiten auf Farmen und Minen bereitzuhalten, was einem sozialpsychologisch-kulturellen Genozid gleichkam. Es ist unglaublich, dass OvaHerero und Nama das überhaupt überlebt haben. Die Verletzungen wirken bis heute in den Seelen der Menschen fort.

SPIEGEL: Woran machen Sie das fest?

Hartmann: Als im Familienaufstellen ausgebildeter Seelsorger geht es mir auch darum, die transgenerationalen Folgen des Kolonialismus in den Seelen aufzuspüren und diese therapeutisch zu begleiten. Sie sind immer noch überwältigend deutlich spürbar und hängen wie eine riesige schwarze Wolke über den Nachfahren, und zwar auf beiden Seiten, etwa in der Form stark zerstörter Sozialstrukturen.

»Reparation Walk« in Namibia (2019): Herero und Nama fordern individuelle Entschädigungsleistungen für das erlittene Unrecht ihrer Vorfahren

»Reparation Walk« in Namibia (2019): Herero und Nama fordern individuelle Entschädigungsleistungen für das erlittene Unrecht ihrer Vorfahren

Foto: Christian Ender / Getty Images

SPIEGEL: Nun soll Geld aus Deutschland eine Geste der Aussöhnung sein. Lässt sich Unrecht mit Geld überhaupt wiedergutmachen?

Hartmann: Natürlich nicht, das weiß auch jeder. Die Summen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Israel geflossen sind, konnten das unendliche Leid der Juden ja auch nicht aufheben. Trotzdem gibt es dieses ungute Argument: Den Juden haben die Deutschen so viel Geld gegeben – und bei den OvaHerero und Nama ist man knickerig. Das kann nur behaupten, wer den Holocaust mit dem gleichsetzt, was hier zwischen 1904 und 1908 passiert ist.

SPIEGEL: Und, kann man?

Hartmann: Nein, das ist völlig abwegig. Wer das tut, relativiert den Holocaust. Von Windhuk nach Auschwitz führte eben keine direkte Linie. Das klingt zwar gut, lässt sich aber nicht belegen.

SPIEGEL: Zur Aufarbeitung des kolonialen Unrechts gehört auch die Rückgabe namibischer Kulturgüter . Allein in Berlin lagern rund 1400 Exponate aus dem einstigen Deutsch-Südwestafrika. Was soll damit passieren?

Hartmann: Die wurden geklaut und müssen zurück, allesamt. Schluss aus, Ende der Diskussion. Was wir dann hier damit machen, geht die Deutschen gar nichts an.

SPIEGEL: Ganz so einfach scheint es nicht. Als die Deutschen 2019 Bibel und Peitsche des Nama-Anführers Henrik Witbooi zurückgeben wollten, protestierten die Nama.

Hartmann: Weil sie der Meinung waren, dass es sich um den persönlichen Besitz Witboois handelt und die Sachen deshalb an die Familie zurückzugeben seien. Deutschland zweifelte jedoch daran, dass die Nama ordentlich damit umgehen würden. Also wurden Bibel und Peitsche der namibischen Regierung überantwortet, was viele Nama verärgerte: Sie fühlen sich einmal mehr gegängelt. In diesem Zusammenhang hörte man deutscherseits den Hinweis, dass man so ja auch das namibische Nation-Building positiv beeinflussen könne. Das kam hier etwas gönnerhaft an.

SPIEGEL: Wie geht es jetzt weiter?

Hartmann: Da bin ich gespannt. In Namibia waren wir sehr überrascht, dass man sich nach so langer Zeit jetzt plötzlich geeinigt haben soll. Es drängt sich der Verdacht auf, die deutsche Regierung wolle das Thema jetzt noch schnell vom Tisch haben, bevor sie nach der Bundestagswahl im Herbst vielleicht abgelöst wird. Und der namibische Verhandlungspartner wird sich vielleicht gedacht haben: Lasst uns das Ganze vor der Wahl über die Bühne bringen, bevor eine neue Regierung das Paket möglicherweise abermals aufschnürt – und wir weitere zehn Jahre auf unser Geld warten müssen.