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12. Dezember 2011, 09:33 Uhr

Nasa-Modelle

Die Puppenstube der Raumfahrt

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Spielzeug für Raketenforscher: Schon Jahre vor Armstrongs erstem Schritt auf dem Mond baute die Nasa Landefähren - aus Plastik und Holz. Sie sollten zeigen, wie eine Reise ins All aussehen könnte. Dabei erinnerten die Designs eher an Kugelfische oder Saftpressen als an hochmoderne Space Shuttles.

Aus ein paar Steinen hat jemand eine kleine Anhöhe gebaut. Von ihr aus schaut eine silbern angesprühte Astronautenfigur auf ihre schneeweiße Plastiklandefähre herunter. Über der Szene funkelt ein Sternenhimmel aus winzigen Glühlämpchen.

Was aussieht, als hätte ein beseelter Spielwarenhändler in weihnachtlicher Vorfreude sein Schaufenster dekoriert, ist in Wirklichkeit alles andere als Kinderspielzeug. Es ist die Schöpfung hochqualifizierter Nasa-Spezialisten, ein frühes Modell einer Mondlandefähre, festgehalten auf einem Foto aus dem Jahr 1963 - sechs Jahre vor der tatsächlichen ersten Mondlandung.

Die Vorbereitungen für Armstrongs kleinen Schritt, der zum "riesigen Sprung für die Menschheit" wurde, liefen damals bereits auf vollen Touren. Die 1958 neugegründete US-Weltraumbehörde kämpfte derzeit mit allen Mitteln darum, den Wettlauf ins All gegen die Sowjetunion nicht zu verlieren. Die 8000 Mitarbeiter starke Einrichtung ließ kein Mittel ungenutzt, um die Reise zum Mond möglich zu machen: telefonzellengroße Computer, riesige Zentrifugen, Überschallwindkanäle - aber eben auch niedliche kleine Modellraumschiffe, Astronautenpuppen und Mondlandschaften aus Gips.

Fliegende Duschkabine mit Designersessel

Louis Parker, Ausstellungsmanager des Johnson Space Centers in Houston, hat etliche dieser Weltraumminiaturen bereits in Ausstellungen präsentiert. Er erinnert sich an die Wichtigkeit der Miniaturen gerade vor der ersten Mondlandung: "Die Nasa benutzte Modelle, um Konzepte für Raumfahrzeuge zu illustrieren, die es einmal auf den Mond schaffen könnten." Manche davon wirken auf den Fotos aus heutiger Sicht kurios: Ein frühes Modell der "Apollo"-Mondlandefähre etwa sieht aus wie ein kugelrunder grinsender Fisch.

Die Schöpfer der Modelle hatten offenbar noch ein Bild von Zukunftstechnologie, in dem für die Technologie selbst kein Platz vorgesehen war. Die glänzenden, makellosen Oberflächen der Mini-Studien erinnern mitunter eher an die polierten Kühlerhauben von Neuwagen als an tatsächliche Raumfahrzeuge. Die "Mercury"-Raumkapsel etwa, in der am 20. Februar 1962 der erste bemannte Raumflug der USA glückte, war ein Monstrum aus Stahlplatten, Leitungen, Schlitzen und Metallstreben. Das Miniaturmodell, das zuvor gebaut worden war, wirkt dagegen wie eine futuristische Duschkabine mit Designer-Liegestuhl.

Auf Kinder und Teenager wirkten diese frühen Modelle alles andere als lächerlich. Bald schon begannen auch Spielzeughersteller sich für die Raumfährchen zu interessieren, sagt Parker: "Modellbaufirmen wie Mattel brachten Nachbauten der Modelle auf den Markt - nur zu einem viel niedrigeren Preis." Nach der Mondlandung von "Apollo 11" 1969 explodierte der Markt für Space-Spielzeug förmlich. US-Firmen wie Monogram, Scale und Estes Industries drängten nun mit eigenen Raumkapseln, Raketen und Landefähren in die Spielzeuggeschäfte. Die Nasa selbst, so erklärt Parker, habe daran allerdings nicht mitverdient: "Als staatliche Behörde durften wir von kommerziellem Verkauf gar nicht profitieren."

Raketenbau im Kinderzimmer

Einer der Teenager, die damals vom Raumschiffmodellbaufieber gepackt wurden, war der junge Kanadier Nick Proach. Ihm war es nicht genug, einfach die vorgefertigten Modelle der Spielzeughersteller zusammenzukleben. 1971, kurz vor dem Start der "Apollo 15"-Mission, bastelte der handwerklich begabte 14-Jährige ein eigenes Modell des sogenannten Lunar Roving Vehicle - das Elektroauto, das die Nasa auf der Mondoberfläche einsetzen wollte. Proachs Mondbuggy wurde zu seinem Meisterstück. Das detaillierte Modell war so gelungen, dass der kanadische Fernsehsender CTV davon Wind bekam. Der Sender bestellte bei ihm eine komplette Miniaturnachbildung des Landeplatzes der "Apollo 15"-Mission mit sämtlichen Geräten und Fahrzeugen. Bei der Live-Übertragung der Mondlandung am 30. Juli waren es die Modelle des Teenagers, mit denen das Geschehen im Studio veranschaulicht wurde.

Proach machte seine Leidenschaft zum Beruf. Heute stellt seine Firma Proach Models detailgetreue Miniaturen von praktisch allem her, das je von der Menschheit ins All geschossen wurde. Das Sortiment reicht von auf Maserholzsockel montierten Miniaturen von Amerikas erster bemannter Raumstation Skylab bis zum von Buzz Aldrin handsignierten Kommandomodul der "Apollo 11"-Mission im maßgefertigten Plexiglaswürfel.

Sein größter Erfolg aber ist ein eigentlich unscheinbares Modell: Ein etwa 30 Zentimeter langer Plastikblock, grau lackiert, mit gekerbter Oberfläche und winzigen Querstreben und Rohren. Er ist die genaue Nachbildung eines Seitenarms der Internationalen Raumstation ISS - nur 48 mal kleiner als das Original. Aber es ist nicht das Aussehen des Modells, das es so besonders macht, sondern seine Geschichte: Am 7. Oktober 2002 startete es selbst in den Weltraum - an Bord des Space Shuttle "Atlantis". Die "Atlantis" brachte das Modell zur ISS, deren Astronauten damit ihre Außeneinsätze planten.

Doch auch, wenn Proachs Modell es - anders als seine frühen Vorgänger aus den Nasa-Labors der sechziger und siebziger Jahre - in den Weltraum geschafft hat: Mit dem Charme dieser frühen Miniaturen kann sich der Kunststoffziegel nicht messen. einestages zeigt die eigenwilligsten und liebenswertesten unter den Modell-Shuttles, mit denen die Raketenforscher spielten, als die Raumfahrt noch in den Kinderschuhen steckte.

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