Fotos aus 125 Jahren USA Gesichter Amerikas

Cowboys und Surfer, endlose Weiten und geplatzte Träume: Seit mehr als 100 Jahren lichten Fotografen der National Geographic Society die USA und ihre Menschen ab. Ein Bildband versammelt die besten Aufnahmen.

LeRoy Woodson, Jr., 1977/ National Geographic/ TASCHEN

So mächtig, so groß, auf der Landkarte so schwer zu übersehen - flächenmäßig sind die USA das drittgrößte Land der Welt, nach Russland und Kanada. Und doch waren viele Amerikaner im Jahr 1988 nicht in der Lage, die Vereinigten Staaten in einem Atlas zu identifizieren. Daran scheiterte gut jeder sechste der erwachsenen US-Bürger, wie eine Erhebung des Umfrageinstituts Gallup zeigte.

Das eigene Land nicht gefunden, ein peinliches Versagen in Erstklässlererdkunde - diese nationale Bildungspanne alarmierte nicht nur Politiker und Wissenschaftler. Auch die National Geographic Society zeigte sich schockiert. "Haben Sie von der 'verlorenen Generation' gehört?", fragte ihr damaliger Präsident Gilbert Melville Grosvenor laut "New York Times". "Wir haben sie gefunden." Als Konsequenz forderte die Vereinigung mehr Geographiestunden in den Schulen und sammelte Millionen Dollar für die Fortbildung von Lehrern.

Seit ihrer Gründung 1888 in Washington, D.C. hat die National Geographic Society unzählige Forscher, Reporter und Fotografen ausgesandt, um das Wissen über unseren Planeten zu mehren. Und es den Menschen nahezubringen. "Die Welt und alles, was in ihr ist, ist unser Thema", bekundete der Erfinder Alexander Graham Bell als zweiter Präsident der großen Wissenschaftsorganisation.

Berühmt für spektakuläre Bilder

Die Monatszeitschrift "National Geographic" avancierte zum populärsten Fotoreportagemagazin schlechthin. Das lag vor allem an Gilbert Hovey Grosvenor. 1899 war er der erste Vollzeitredakteur, später leitete er "National Geographic" bis 1954 jahrzehntelang als Chefredakteur. Sein Erfolgsrezept: einfacher Stil, spektakuläre Bilder.

Grosvenor, der auch als "Vater der Fotoreportage gilt", verbannte die bis dahin üblichen staubtrockenen Artikel über Geografie. Triste Texte etwa zu "geografischen Methoden bei geologischen Untersuchungen" hatten nur wenige Hundert Leser begeistern können. Stattdessen druckte Grosvenor nun verständliche Artikel, ergänzt durch Aufnahmen herausragender Fotografen.

Bald schnellte die Auflage in die Millionen, die Mitgliederzahlen des Wissensklubs stiegen ebenso rasant. Was die Amerikaner über die Welt wussten, erfuhren sie nicht zuletzt aus "National Geographic". So bekannte US-Präsident Lyndon B. Johnson 1964: "Ich wuchs auf mit der Bibel in der einen Hand und 'National Geographic' in der anderen."

Allerdings lieferte das Magazin einen eingeschränkten Blick. "Nur Freundliches" durfte über "Länder und Leute" gedruckt werden, dekretierte Chefredakteur Grosvenor, Großvater des späteren Wissensklubvorsitzenden Gilbert Melville Grosvenor. Obwohl es mindestens ebenso viel "Unfreundliches" zu berichten gab: Krieg und Umweltzerstörung, Armut und Diskriminierung.

Das Elend vor der Haustür

Dazu mussten die Fotografen von "National Geographic" nicht einmal ihr eigenes Land verlassen. 1977 lichtete Nathan Benn im bitterarmen Bundesstaat Mississippi die Ärmsten der Armen ab: schwarze Jugendliche beim Basketballspiel. Der Korb hängt an einem Baumstumpf, im Hintergrund steht eine verfallene Hütte. Sein Kollege James P. Blair fotografierte sechs Jahre zuvor einen weißen Arbeiter des Chemiewerks von Anmoore (West Virginia) im Aufenthaltsraum. Schmutzig vom Auswurf der Schlote verzehrt der Mann sein Essen, ausgemergelt und erschöpft. Der amerikanische Traum? In Anmoore längst geplatzt.

Ganz andere Bilder brachten Fotografen von der anderen Seite des "American Way of Life" mit. Leere Ferienhäuser an der Küste Massachusetts, die 1979 auf ihre wohlhabenden Eigentümer warten. Der Campus der elitären Universität Yale 1936. Oder Skiläufer, die in den Fünfzigerjahren die Rocky Mountains hinuntersausen.

Und daneben immer wieder atemberaubende Bilder der amerikanischen Natur - endlose Prärien und zerklüftete Berge, grüne Wälder und scheinbar lebensfeindliche Wüsten. Dazu ein Amerika, wie es sich gern sieht: lachende Farmerstöchter und feiernde Cowboys, gigantische Wolkenkratzer und Städte, die niemals zu schlafen scheinen. Dazu Bilder, die Europäern fremd und eigenartig erscheinen: Truthähne, die in einer Parade durch die Straßen ziehen. Prediger, die in Zelten scheinbar Heilungen vollziehen.

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Nur die besten Fotografen

Zigtausende solcher Aufnahmen schossen Fotografen von "National Geographic" im Laufe der Zeit - und nachdem die Ära des legendären Chefredakteurs Grosvenor endete, fortan auch mit kritischerem Blick auf Land und Leute. Die besten Fotografien aus über einem Jahrhundert "National Geographic" veröffentlicht der Taschen-Verlag nun in zwei großformatigen Bildbänden. Das "Archiv einer Nation", ein fotografisches Gedächtnis in XXL - wie man es gern mag in den USA.

Auf die Fähigkeiten der Fotografen legte man bei "National Geographic" schon immer besonderen Wert. So sandte 1968 der frisch gebackene Uni-Absolvent David Alan Harvey, später Mitglied der renommierten Fotoagentur Magnum, seine Bilder ein. Und erhielt vom Chef der Bildredaktion des Magazins eine Absage: "Lieber David, du bist jung und stark. Das ist gut. Nach dem, was ich dir sagen muss, wirst du dich krank und alt fühlen." Erst fünf Jahre später war Harvey gut genug. Und durfte zum ersten Mal für "National Geographic" fotografieren.



insgesamt 6 Beiträge
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troy_mcclure, 02.11.2016
1. Wow
Tolle Bilder
Klaus Feinbein, 02.11.2016
2. Tolle Bilder
Zeigen mein Land wie ich es liebe. Wo sind die ersten Bilder entstanden? USA oder Marxloh?
Wilfried Huthmacher, 02.11.2016
3.
In der ersten Klasse können aber auch viele Kinder hierzulande Deutschland nicht auf der Landkarte finden. Meine Tochter hatte Deutschland und Europa erst vor zwei Jahren in der Dritten Klasse.
Joachim Holstein, 02.11.2016
4.
Man sollte nicht über die Geographie-Unkenntnis der US-Amerikaner lästern, wenn man - wie bei SPON oft zu erleben - einen Staat mit einem ganzen Kontinent verwechselt und anderen Staaten des Doppelkontinents unterstellt, sie lägen gar nicht in Amerika.
Richard Zahnhausen, 02.11.2016
5. @Joachim Holstein
Tja, das Land heißt nun einmal Amerika! Als geographischer Begriff! US ist nichts als eine (staats-)rechtliche Bezeichnung. US-Amerikaner sagen - und das meine Lebenserfahrung - hauptsächlich rechtsrechte und linkslinke Klugscheißer, die aber kein Problem haben, von "Amis" zu sprechen. Usis oder Usamis sagen die nicht. Ich halte das für entlarvend genug. Amerika und Amerikaner zu sagen, ist eine Frage der intelligenten Sprachökonomie! Wer und was gemeint ist, kann man/frau am Kontext erkennen.
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