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NS-Kultstätten: Monumentale Propaganda-Architektur und die Suche nach dem "deutschen Ursprung"

Foto: Katharina Bosse / Thingstätten Projekt

Nazi-Freilichttheater Das Thing ging schief

Von 1933 bis 1936 ließen die Nazis im ganzen Reich sogenannte Thingstätten als Propagandabühnen und Versammlungsorte errichten. Bis das Wort "Thing" über Nacht tabu war. Viele der Stätten gibt es noch heute, von Berlin bis Bad Segeberg.

Hitler hielt seine Reden am liebsten abends. Wenn sich hinter dem hell erleuchteten "Führer" allmählich der Abendhimmel eindunkelte, entfaltete die von der Landschaft geformte Kulisse ihre ganze Magie. Für dieses mystische Erlebnis waren Teilnehmer des Reichserntedankfestes 1933 bereits frühmorgens um sechs den "Führerweg" am Bückeberg bei Hameln hinaufgelaufen. Stundenlang hatten sie ausgeharrt und sich die Beine in den Bauch gestanden.

Der Tag allerdings endete im Chaos. Viele Besucher verliefen sich in der Dunkelheit, als sie den Weg zurück zu Bahnhöfen und Haltestellen suchten. Großveranstaltungen auf dem "Reichsthingplatz" fanden danach nur noch bei Tageslicht statt.

Mit der Thingbewegung startete das noch junge "Dritte Reich" ein kulturelles Großvorhaben. Der Name knüpfte an die historische Bezeichnung nordisch-germanischer Versammlungsplätze an, hatte damit allerdings wenig zu tun. Vielmehr ging es um ein umfassendes Theatererlebnis in freier Natur, das den Geist einer deutschen Volks- und Schicksalsgemeinschaft beschwor, unter Bezug auf ein imaginäres Germanentum.

Aufführungsorte waren eigens dafür angelegte Theater. Bergketten, Täler und der deutsche Wald gaben das natürliche Bühnenbild ab. Die Thing-Euphorie entfachte eine gigantische Masseninitiative: Errichtet aus Natursteinen, entstanden in ausgewählter Lage sogenannte Thingstätten - weltweit die größte Anzahl neu geschaffener Freilichtbühnen seit der Antike.

"Reichstrunkenbold" unter den Förderern

Lange lag darüber "ein Deckmantel des Schweigens", wie die Fotografin Katharina Bosse feststellte. Über den "Versuch eines propagandistischen Architekturtheaters" ist wenig bekannt. Mit einem internationalen Team aus Künstlern und Wissenschaftlern begab sich die Bielefelder Professorin vor acht Jahren auf Spurensuche. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie 2020 in dem Buch "Thingstätten". Den interdisziplinären Ansatz erklärt Bosse damit, dass sie "der faschistischen Idee von Einheit" eine "Mehrstimmigkeit" habe entgegensetzen wollen.

Es sei "interessant, aber auch erschreckend" zu sehen, berichtet etwa der Kölner Bildhauer Simon Schubert, "wie viele der Thingstätten es heute noch gibt, wo sie sich befinden und auf welche Art und Weise sie genutzt werden. Vermutlich ist in den meisten Fällen kaum jemand bewusst, dass diese Bauten auf die Nationalsozialisten zurückgehen."

Die Aktion aus den Anfangstagen des "Tausendjährigen Reiches" endete bereits nach zwei Jahren. Nicht jedoch, weil sich Hans und Gretel beim nächtlichen Theaterabend im deutschen Wald verirrten. Die Geschichte der Thingbewegung, so beschreibt es der Historiker Gerwin Strobl, lasse sich als Coup von vier Theaterenthusiasten erzählen, die mit den Nationalsozialisten ursprünglich nichts am Hut hatten. Sie nutzten lediglich die Gunst der Stunde.

Wilhelm Karl Gerst war Architekt, Theatermacher und späterer Mitbegründer der "Frankfurter Rundschau". Hanns Niedecken-Gebhard war Regisseur, Hans Brandenburg Schriftsteller und Carl Niessen Theaterwissenschaftler in Köln und Schöpfer des Ausdrucks "Thingspiel". Gemeinsam verhalfen sie einer Idee zum Durchbruch, die schon aus Weimarer Tagen stammte: Alle vier wollten das Freilichtspiel als "Volkstheater" wiederbeleben.

Laiendarsteller in Bataillonsstärke

Im Dezember 1932 gründete Gerst den "Reichsbund für deutsche Freilicht- und Volksschauspiele", der bald unter den Nazis drei einflussreiche Förderer fand: Otto Laubinger, laut Historiker Strobl ein drittklassiger Schauspieler, aber ein Organisationstalent und Präsident der neu geschaffenen Reichstheaterkammer. Außerdem der Mann, der ihn dazu gemacht hatte: Chefpropagandist Joseph Goebbels. Und schließlich Reichsorganisationsleiter Robert Ley, eher als Säufer (Spitzname "Reichstrunkenbold") denn Theatergänger bekannt.

Wie Goebbels gehörte auch Ley zu einem Flügel der NSDAP, für den die Partei sowohl "national" als auch "sozialistisch" sein sollte. Wohl deshalb sprach sie laut Strobl die Thing-Idee an. Mit dem "Volkstheater" hofften sie im parteiinternen Machtkampf zu punkten. Und Ley hatte Wesentliches beizutragen: Als Leiter der Deutschen Arbeitsfront, größter NS-Massenverband, konnte er Zuschauerzahlen und Darsteller in Bataillonsstärke garantieren. Besondere schauspielerische Begabung war nicht nötig, um in Reih und Glied auf einem Thingplatz aufzumarschieren und eine Hakenkreuzflagge zu schwingen.

Thingspiele waren eine Mischung aus Tanz, Gesang, Dichtung und Laienspiel, stilistisch zwischen expressionistischer Bühnenkunst, mittelalterlichem Mysterienspiel und Nürnberger Parteitag. Ihr Thema war die deutsche Geschichte, laut Strobl meist ein "zorniger Rückblick auf Deutschlands Schicksal nach dem Ersten Weltkrieg".

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NS-Kultstätten: Monumentale Propaganda-Architektur und die Suche nach dem "deutschen Ursprung"

Foto: Katharina Bosse / Thingstätten Projekt

Eindrucksvoller als die Stücke war selbst nach Ansicht zeitgenössischer Kritiker die Architektur. Für die reichsweit 400 vom Propagandaministerium geplanten Thingstätten gab es exakte Vorgaben: Ausgerichtet nach Norden und eingebettet in die Landschaft sollten die Zuschauerränge im Halbkreis ansteigen, durchzogen von breiten Treppen sowie Quergängen für Auf- und Abmärsche. Häufig gab es noch einen vorgelagerten Aufmarschplatz sowie ein Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs.

Die Thing-Euphorie grassierte

Selbst die Anreise war durchdacht, Straßen und neue Bahnhöfe wurden entsprechend geplant. Der gemeinsame Weg hinauf zur Thingstätte als Teil der Inszenierung sollte das Gefühl der gemeinsamen Herkunft und Zusammengehörigkeit vermitteln.

Auf dem Höhepunkt der Thing-Euphorie entstanden in ganz Deutschland Spielstätten und Spielgemeinschaften, wurden Laiendarsteller ausgebildet und Stücke einstudiert – nicht nur, wo es das Propagandaministerium vorsah. Neben dem offiziellen Bauprogramm sprühten auf Gemeindeebene NS-Funktionäre vor Eigeninitiative.

Reichstheaterkammer-Präsident Laubinger drohte die Kontrolle zu verlieren. Im Mai 1934 stellte er irritiert fest: "Gemeinden, Körperschaften und Vereine, die sich nicht in die von mir geführte Arbeit eingliedern, sondern auf eigene Faust Thingplätze errichten wollen, können nicht damit rechnen, daß dieselben zur Veranstaltung unter freiem Himmel zugelassen werden."

Warum die Thingbewegung dann ein so jähes Ende fand, ist bis heute nicht ganz klar. Akten, die Aufschluss darüber geben könnten, existieren nicht mehr.

Ein gewisser Unmut hatte sich schon zu den Heidelberger Festspielen 1934 angekündigt, als Thingspiele erstmals vor internationalem Publikum präsentiert werden sollten. Wegen Bauverzögerungen durch geologische Komplikationen wurde die Anlage nicht rechtzeitig fertig. Goebbels musste die Spiele verlegen und veranlasste Gersts Rausschmiss beim Reichsbund.

Goebbels' Geheimerlass: Schluss mit Thing

Die Heidelberger Thingstätte weihte er dann erst ein Jahr später zur Sonnwendfeier am 22. Juni 1935 ein. Doch kurz darauf hatte er endgültig genug: In einem Geheimerlass vom 23. Oktober 1935 wurde der Begriff "Thing" mit Tabu belegt. Die Presse erhielt Anweisung, das Wort "Thing" notfalls auch aus den Reden angesehener Persönlichkeiten zu tilgen. Öffentlich thematisiert wurde diese Kehrtwende in der Kulturpolitik nicht.

Was sich nicht so einfach aus der Welt schaffen ließ, waren die Thingstätten selbst. Die meisten wurden weitergebaut und auch genutzt, allerdings unter anderem Namen. So öffnete zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin die "Dietrich-Eckart-Freilichtbühne", heute: Waldbühne.

In jahrelangen Mühen verwandelte der Reichsarbeitsdienst einen Steinbruch in Bad Segeberg in ein monumentales Theater, ursprünglich eine der ersten geplanten Thingstätten. Goebbels ließ es sich nicht nehmen, die "Nordmark-Feierstätte" am 10. Oktober 1937 bei strömendem Regen persönlich einzuweihen: "Möge diese Feierstätte eine politische Kirche des Nationalsozialismus sein."

In seinem Tagebuch notierte er: "Auf der neuen Feierstätte tausende (!) von Menschen. Die Feierstätte selbst ist ganz passabel. Kein Kunstwerk, aber immerhin erträglich." Mit spektakulären Inszenierungen brauchten die Segeberger aber nicht zu rechnen. Ein regulärer Spielbetrieb war nicht vorgesehen, da die Kleinstadt die für 10.000 Personen errichtete Arena ohnehin nicht hätte füllen können. Regelmäßige Aufführungen gab es erst ab 1952 – mit Beginn der Karl-May-Festspiele.

Wie viele Thingstätten tatsächlich gebaut wurden, ist nicht bekannt, da es neben den offiziellen auch zahlreiche lokale Initiativen gab. An die 60 konnte das Team um Katharina Bosse aufspüren. Teils werden sie bis heute genutzt oder aber stehen unter Denkmalschutz. Von anderen sind nur Betonreste oder Bodenformationen geblieben.

Ihre Recherchen führte die Gruppe zu zahlreichen regionalen Forschern und Stadtchronisten, die sich um gezieltere Information bemühen. Das Thingstätten-Projekt möchte die Arbeit unterstützen und richtete eine Website ein: www.thingstaetten.info  soll ein umfangreiches Archiv werden, Regionalforschungen vernetzen und Dokumentationen zusammenführen. Interessierte können es mit Material und Erkenntnissen ergänzen.

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