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Nazis in den USA: Teufelspakt mit Hitlers Schergen

Foto: ASSOCIATED PRESS/ J. SCOTT APPLEWHITE

Nazis in den USA Teufelspakt mit Hitlers Schergen

Sie waren nützlich, darum scherte man sich nicht um ihre Vergangenheit. Die USA haben mit einstigen Nazis kooperiert - in aller Klarheit zeigt das nun ein Report des Justizministeriums. Der Bericht war jahrelang unter Verschluss und beleuchtet ausführlich wie nie, wie intensiv die Zusammenarbeit lief.

Sein Job erfordert Zähigkeit, Erfindungsreichtum und einen gewissen Sinn fürs Makabre. Eine Zeitlang bewahrte Eli Rosenbaum in Ausübung seines Dienstes ein Stück vom Skalp des Auschwitz-Arztes Josef Mengele auf - in seiner Schreibtischschublade. Das US-Sonntagsmagazin "Parade" nennt Rosenbaum, 55, den "letzten Nazi-Jäger". Seit 1995 ist er Direktor des Office of Special Investigations (OSI) in Washington: jene Abteilung im US-Justizministerium, die geflohene Kriegsverbrecher aufspürt, vor allem untergetauchte Nazis.

Ein interner Bericht enthüllt nun, womit sich seine Spezialtruppe im Detail beschäftigt. 617 Seiten umfasst der Report, vier Jahre lang hat das Justizministerium ihn unter Verschluss gehalten. Im vergangenen Monat gab es auf juristischen Druck eine weitgehend geschwärzte Version heraus - und nun hat die "New York Times" den Bericht in voller Länge ins Internet gestellt. Er dokumentiert in seltener Ausführlichkeit die Zusammenarbeit von US-Behörden mit einstigen Nazis.

Während das OSI rastlos versuchte, NS-Schergen zu identifizieren und des Landes zu verweisen, nutzten andere US-Behörden die einstigen Nazis gern als Spitzel und Informanten. Die CIA deckte sie im Kalten Krieg, und bereitwillig stellten Adolf Hitlers einstige Vasallen ihr Fachwissen in den Dienst der "nationalen Sicherheit".

Kompromiss oder Teufelspakt

"Amerika, das sich als sicherer Hafen für die Verfolgten rühmte, wurde - in einem kleinen Maße - auch ein sicherer Hafen für die Verfolger": So lautet der zentrale Satz des Reports, tief versteckt im Mittelteil. "Manche mögen diese Kollaboration der Regierung mit den Verfolgern als faustischen Teufelspakt betrachten. Andere werden sie als einen akzeptablen moralischen Kompromiss sehen, der aus der Notwendigkeit geboren wurde."

Dass es eine Kooperation zwischen US-Regierungsstellen und ehemaligen Nazis gab, ist im Grundsatz nicht neu. Bekannt ist der Fall des Raketenforschers Wernher von Braun, der später bei der Luft- und Raumfahrtbehörde Nasa Karriere machte. Er hatte es mit der "Operation Paperclip" ("Operation Büroklammer") in die USA geschafft - ebenso wie der SS-Funktionär Arthur Rudolph. Er hatte die unterirdische Rüstungsfabrik des KZ Mittelbau-Dora in Thüringen geleitet, wo Häftlinge mit deutschen Ingenieuren an geheimen Waffen wie der V2 bauten. Rudolph kam im Dezember 1945 nach Amerika und wurde 1954 Staatsbürger. Von 1961 bis zu seiner Pensionierung 1969 arbeitete er für die Nasa, wo er maßgeblich an der Konstruktion der "Saturn 5"-Trägerrakete beteiligt war, die 1969 erstmals Menschen auf den Mond brachte. Rudolph wurde dafür von der Nasa sogar ausgezeichnet.

SS-Verbrecher bei der CIA

Das OSI erfuhr dem Bericht zufolge von Rudolphs Nazi-Vergangenheit "nur zufällig". Die Behörde versuchte daraufhin, an dem inzwischen prominenten Nasa-Mann ein Exempel zu statuieren, und zwang ihn, die USA zu verlassen. Rudolph kehrte 1984 nach Deutschland zurück - doch er blieb der einzige "Paperclip"-Wissenschaftler, der vom OSI belangt wurde.

In einem anderen Fall soll das Justizministerium selbst die Nazi-Vergangenheit eines CIA-Mitarbeiters vertuscht haben. Tscherim Soobzokow, Ex-Mitglied der Waffen-SS, sei noch 1980 vom Ministerium reingewaschen worden - obwohl er "die CIA schon nach seiner Ankunft in den USA über seine SS-Verbindung informiert hatte".

Soobzokow hatte seit 1955 in den USA gelebt und war 1961 US-Bürger geworden. Trotz vieler Gerüchte und Berichte über seine SS-Verbrechen scheiterte das OSI vor Gericht bei dem Versuch, ihn auszuweisen. Soobzokow starb 1985 bei einem Bombenanschlag auf sein Haus in New Jersey.

Systematisch als Quelle genutzt

Dem neuen Report zufolge nutzten die USA aktenkundige Nazi-Kollaborateure "systematisch als Geheimdienstquellen". Das habe vor allem für die CIA und das Counter Intelligence Corps (CIC) gegolten, die frühere Gegenspionageabteilung der US-Armee. Das CIC habe es im Namen nationaler Sicherheit als "gerechtfertigt betrachtet, von moralisch abstoßenden Personen Gebrauch zu machen".

Als ein Beispiel nennt der Report Edgars Laipenieks, einen Nazi-Kollaborateur aus Lettland, der am Tod Hunderter Kommunisten beteiligt gewesen sein soll. Laipenieks kam nach dem Krieg über Chile in die USA, wo er als Trainer für das olympische Leichtathletikteam arbeitete, ohne je die US-Staatsbürgerschaft zu erhalten. 1981 beantragte das OSI seine Abschiebung, scheiterte damit aber vor Gericht.

Von 1958 bis 1967 habe Laipenieks für die CIA als Informant und Kontaktmann gearbeitet, steht in dem neuen Bericht. Der damalige CIA-Direktor und spätere US-Präsident George Bush senior habe Laipenieks' Anstellung bestätigt, sie zugleich aber als "geringfügig" abgetan. Laipenieks starb 1988 unbehelligt in den USA.

"Watchlist" mit blinden Flecken

Ein weiterer CIA-Schützling war der frühere SS-Offizier Otto von Bolschwing, ein Handlanger Adolf Eichmanns. Die CIA habe seine Nazi-Vergangenheit "aufgrund mildernder Umstände" akzeptiert. Die Spionagebehörde habe ihn schon 1949 im Ausland angeheuert und ihm dann 1954 zur Flucht in die USA verholfen, wo er lange als "hoher Manager für verschiedene multinationale Konzerne" gearbeitet habe.

Dabei sollte zumindest in der Öffentlichkeit nicht die Anwerbung das Ziel der US-Regierung sein, sondern das Verbot einer Einreise von Ex-Nazis und Kollaborateuren. Bis zu 80.000 Namen standen auf Betreiben des OSI zeitweise auf der Nazi-"Watchlist" des US-Außenministeriums.

Manche blieben verschont, wie der Ex-Vorstandssprecher und Ehrenvorsitzende der Deutschen Bank, Hermann Josef Abs. 1983 drängte das OSI darauf, Abs wegen seiner Beteiligung an der Arisierung auf die "Watchlist" zu setzen. Die US-Einwanderungsbehörde INS stimmte dem zwar zu - doch das OSI fand später heraus, dass dies nie geschehen war.

Zusammenarbeit mit Deutschland

Der neue Report kritisiert auch die zeitweilige "Ambivalenz" der deutschen Bundesregierung bei der gemeinsamen Nazi-Jagd. Zwar sei der "gute Wille" der Deutschen offenkundig und die generelle Zusammenarbeit meist "produktiv und positiv" gewesen. Trotzdem habe es "Bereiche der Frustration" gegeben.

So seien Anfragen aus den USA im deutschen "Verwaltungsdickicht steckengeblieben". Auch bei der Rückführung ehemaliger Nazis nach Deutschland habe es vereinzelt diplomatische Verstimmungen gegeben - obwohl Deutschland "eine moralische Verpflichtung habe", sie nach der Abschiebung wieder aufzunehmen, befand das OSI.

Zeitweise beteiligte sich das OSI an der Nazi-Suche außerhalb der USA. So half es, den Leichnam von Josef Mengele zu identifizieren, der 1979 unerkannt im Exil in Brasilien gestorben war. Mitte der achtziger Jahre entnahm man dazu unter anderem DNA-Proben aus dem Skalp des "Todesengels von Auschwitz" - weshalb OSI-Häscher Rosenbaum die Reliquie kurz in Washington liegen hatte.

Ungeliebte Dokumentation

Bezeichnend für den zwiespältigen Umgang mit den NS-Schergen ist die Geschichte des OSI-Reports selbst. 1999 war er von der damaligen US-Justizministerin Janet Reno in Auftrag gegeben worden. Doch seit seiner Fertigstellung 2006 weigerte sich das Ministerium, ihn vollständig zu publizieren.

Der nun lancierte komplette Report enthalte "zahlreiche faktische Fehler und Auslassungen", teilte die Regierung mit. Welche das sein sollen - fraglich.

US-Präsident Barack Obama hatte das Justizministerium zu seinem Amtsantritt mit der Offenlegung interner Regierungsakten betraut. Im März 2010 wurde das OSI mit einer anderen Abteilung des Justizministeriums zur Human Rights and Special Prosecutions Section (HRSP) verschmolzen. Diese soll sich nun um Kriegsverbrecher aller Art kümmern. Zur Chefin wurde die langjährige Justizbeamtin Teresa McHenry ernannt - und Eli Rosenbaum zum Strategiedirektor.

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