Neue Thesen zum Tode Ludwigs II. Schrumpfhirn statt Schizophrenie

Der Tod von König Ludwig II. am 13. Juni 1886 ist eines der am liebsten diskutierten Themen in Bayern. Jetzt gibt es neue Schützenhilfe für die Mord-Theoretiker. Auch Hans Förstl, Psychiatrie-Professor an der TU München, hat ein Indiz gefunden.

dpa

einestages: Sie forschen auf dem Gebiet der frontotemporalen Degeneration - über die Schrumpfung von Gehirnteilen also. Wie haben Sie entdeckt, dass König Ludwig II. vermutlich an einer frontotemporalen Degeneration litt?

Förstl: Ludwig wurde autopsiert und die Ergebnisse dieser Untersuchungen wurden nicht unter Verschluss gehalten: Sein Gehirn war mit 1349 Gramm nicht nur ungewöhnlich klein, sondern wies neben Zeichen einer abgelaufenen Hirnhautentzündung eine stark betonte Schrumpfung im Bereich beider Frontallappen auf. Eine Gewebsuntersuchung konnte damals noch nicht zuverlässig durchgeführt werden. Als Ironie des Schicksals entwickelten Schüler Bernhard von Guddens - der mit Ludwig zu Tode kam - kurz darauf wichtige Techniken für die Untersuchung des Hirngewebes, während sie auf Otto, den geisteskranken Bruder Ludwigs, aufpassten.

einestages: Wie äußert sich diese Krankheit und wie verändert sie sich im Laufe des Lebens?

Förstl: Tragischerweise kann die frontotemporale Degeneration mitunter schon um das 30. Lebensjahr auftreten, aber auch alte Leute können davon betroffen werden. Die ersten Symptome sind sehr vieldeutig und werden meist falsch interpretiert, als Alkoholismus, Depression, Schizophrenie, "schlechter Charakter". Bei einer langsamen Wandlung von Verhalten und Persönlichkeit denken auch Ärzte zunächst nicht an eine degenerative Hirnerkrankung. Die Patienten können entweder enthemmt oder apathisch werden, sie nehmen keine Rücksicht mehr auf andere und nehmen die eigenen Defizite meist nicht wahr.

einestages: Zeigte König Ludwig diese Symptome?

Förstl: Während der letzten beiden Lebensjahre wirkte Ludwig noch uneinsichtiger und unzugänglicher als in den Jahren davor. Er schien noch mehr auf seine eigenen Ideen fixiert, stärker zurückgezogen und in seinem Verhalten und seinen Anforderungen teilweise bizarrer als vorher. Dieser degenerative Prozess kann aber nicht die gesamte Entwicklung Ludwigs seit der Thronbesteigung von einem romantischen, idealistischen Jüngling zu einem einsamen Sonderling erklären.

einestages: Wie häufig kommt diese Krankheit vor? Seit wann ist sie überhaupt bekannt?

Förstl: Einzelne Patienten waren schon vorher beschrieben worden, aber mit einer wichtigen Veröffentlichung durch Arnold Pick aus Prag im Jahr 1892 wurde die Erkrankung richtig bekannt und immer wieder mit der Alzheimer Krankheit verglichen. In der Bundesrepublik leben derzeit bis zu 20.000 Patienten mit einer frontotemporalen Degeneration, viele davon undiagnostiziert.

einestages: Haben sich die Ärzte, speziell Gudden, bei der Diagnose über den Geisteszustand des Königs geirrt?

Förstl: Es wäre problematisch bei einem Potentaten mit absolutistischer Einstellung vorzusprechen, um ihn psychiatrisch zu untersuchen. Dadurch mussten sich die Ärzte mit Zeugenaussagen und anderen Indizien begnügen, um eine Diagnose zu stellen. Sie kamen aufgrund dieses Materials zu dem Schluss, Ludwig sei regierungsunfähig und leide unter einer "Paranoia". Dies ist weitgehend gleichbedeutend mit dem heutigen Konzept einer Schizophrenie. Betrachtet man dieses Aktenmaterial, so finden sich aber keine ausreichenden Symptome, um eine solche Schizophrenie mit - zumindest im 19. Jahrhundert - ungünstiger Prognose zu unterstellen, sondern allenfalls eine so genannte schizotype Persönlichkeitsstörung mit durchaus günstigerem Verlauf. Auf den Verdacht einer frontotemporalen Degeneration konnten Gudden und Kollegen nicht kommen, da weder die Krankheit, noch die Funktionen des Frontalhirns bekannt waren.

einestages: Könnte diese Krankheit den König in den Selbstmord getrieben haben?

Förstl: Der schizotype Sonderling war sicherlich kein einfacher Patient. Die frontotemporale Degeneration kann zu ungebremsten impulsiven Reaktionen führen. Vermutlich war aber die Kränkung durch den ganzen erniedrigenden Vorgang Grund genug, dass der übergewichtige und untrainierte Ludwig in den Starnberger See stürmte. Übrigens lässt sich die Todesursache bei einem hohen Anteil der Patienten mit frontotemporaler Degeneration nicht eruieren.

Das Interview führte Conny Neumann

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