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»Neues Deutschland«: Von der Millionenauflage zur linken Randzeitung

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»Neues Deutschland« Die Staatszeitung, der ihr Staat abhandenkam

Dem Linkenblatt »Neues Deutschland« droht nach 75 Jahren der Ruin. Die Dramen der DDR-Geschichte prägten die Tageszeitung. Manchmal flackerte in der Redaktion sogar Mut auf.

Als über dem Osten Deutschlands noch die schwarz-rot-goldene Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz wehte, wurde diese Ware in der Mangelwirtschaft der DDR niemals knapp: die Zeitung »Neues Deutschland«, bis zum Dezember 1989 »Organ des Zentralkomitees« der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED).

Jetzt steht das Blatt am Rande des Ruins. Die verkaufte Auflage ist auf kaum mehr als 18.000 Exemplare gesackt, gut 92 Prozent gehen an Abonnenten zumeist reiferer Jahrgänge. Die Verlags-GmbH, in der die Linkspartei Mitgesellschafter ist, will sich zum Jahresende auflösen. Die Journalisten, so der Plan, sollen das Blatt als Genossenschaft fortführen, sofern sich dafür genug Leser und Genossen finden.

»Neues Deutschland« verzeichnete einst eine Auflage von mehr als einer Million und kostete nur 15 Pfennige. Doch selbst viele der 2,3 Millionen SED-Mitglieder empfanden das Blatt in den späten Jahren der DDR mehr und mehr als Belastung. Auch den bravsten Genossen hob es kaum die Stimmung, wenn sie aus der Zeitung erfuhren, dass dem SED-Generalsekretär 1987 der Titel »Held der DDR« verliehen wurde. Oder wenn er im selben Jahr auf 43 Fotos zur Leipziger Messe bewundern war – dreiundvierzig Honecker-Bilder in einer einzigen dünnen Ausgabe.

Start mit Karl Marx und Hans Albers

Dabei schien die erste Ausgabe am 23. April 1946 vielversprechend: Auf der Titelseite veröffentlichte die Zeitung neben Porträts von Karl Marx und Friedrich Engels ein »Manifest an das deutsche Volk«. Es waren die »Grundsätze und Ziele« der SED, zu der Sozialdemokraten und Kommunisten in der sowjetischen Besatzungszone im Schnellverfahren verschmolzen worden waren. Das »Manifest« mahnte zur »Sicherung des Friedens«, zur »Erhaltung der Einheit Deutschlands« und zur »Vernichtung der Überreste des Hitlerfaschismus.« Zudem enthielt die Premiere ein Grußwort des Schauspielers Hans Albers an die Leser und »alle Berliner«.

Das Blatt versprach die »Sicherung« des »Streik- und Tarifrechts« und die »Anerkennung der Betriebsräte«. Die aber wurden im Osten Deutschlands schon zwei Jahre später aufgelöst. Und wenige Wochen nach Gründung der DDR am 21. Dezember 1949 titelte das »ND« mit einem großen Stalin-Porträt, pries den sowjetischen Diktator zum 70. Geburtstag als »genialen Steuermann« und »größten und besten Freund des deutschen Volkes«.

Der Wandel der Zeitung spiegelte sich auch in seinen Redaktionsleitern. Der erste Chefredakteur Sepp Schwab hatte 1919 als 22-Jähriger der Regierung der Münchner Räterepublik angehört. Ihm folgte Adolf »Lex« Ende; der Sohn eines Kunsthändlers war im Zweiten Weltkrieg in der französischen Résistance gegen die Nazis gewesen.

Der dritte Chefredakteur Rudolf Herrnstadt entsprach so gar nicht dem Bild vom stalinistischen Apparatschik. In der Weimarer Republik war er Korrespondent des »Berliner Tageblatts« unter Theodor Wolff gewesen. Trotz dieser linksliberalen Vita gewann Herrnstadt das Vertrauen der Sowjets, weil er auch für den militärischen Nachrichtendienst der Roten Armee arbeitete, um Kriegspläne gegen die Sowjetunion aufzudecken. Für seinen Traum von einem demokratischen Sozialismus nutzte er das »Neue Deutschland« auf oft überraschende Weise.

»Die schleichende Krankheit des Hochmuts«

Die DDR-Jahre 1951/52 prägte massiver Druck der SED-Führung auf Parteimitglieder und Bevölkerung. Im »ND« kritisierte Herrnstadt derweil »anmaßende Partei- und Staatsfunktionäre«, die »mit den Mitteln des Kommandierens ›ihre‹ Linie durchsetzen«. Dazu hielt er Funktionären vor, »an die Untertanentradition der preußisch-deutschen Geschichte zu appellieren und sie zu benutzen«. In der SED grassiere »die schleichende Krankheit des kleinbürgerlichen Hochmuts, der im Schutze des Parteibuches mit marxistischen Phrasen die Entwicklung blockiert«.

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»Neues Deutschland«: Von der Millionenauflage zur linken Randzeitung

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Im Februar 1952 stellte Herrnstadt per Leitartikel »die große Frage der innerparteilichen Demokratie, die uns allen auf den Nägeln brennt«. Am 14. Juni 1953 beschrieben zwei Redakteure in ihrer Reportage »Es wird Zeit, den Holzhammer beiseite zu legen« die gespannte Stimmung von Bauarbeitern an der Ost-Berliner Stalinallee (heute: Karl-Marx-Allee). Dort war unter Druck eine zehnprozentige Normenerhöhung verkündet worden.

Der Beitrag enthielt die Prognose, es könne den Funktionären des Wohnungsbaus nicht »sehr lange gelingen, gegen die Interessen der Bauarbeiter zu handeln«. Zwei Tage darauf begannen Protestaktionen – der Auftakt zum Aufstand des 17. Juni 1953.

Nach Niederschlagung der Massenproteste ließ SED-Chef Walter Ulbricht den Chefredakteur absetzen und ausschließen aus der Partei, die immer recht hatte. Herrnstadt wurde nach Merseburg in die Zweigstelle eines Archivs strafversetzt, schrieb dort Bücher über die Geschichte des 19. Jahrhunderts und starb mit 63 Jahren. Die SED-Führung sorgte dafür, dass nie wieder ein »ND«-Chef auch nur annähernd ähnlichen Mut bewies.

Über Treuepflicht wusste der Chefredakteur Bescheid

Zum Bau der Berliner Mauer verkündete die Zeitung am 14. August 1961 »Ordnung und klare Verhältnisse« an den DDR-Grenzen. Sieben Jahre später rechtfertigte sie den Einmarsch von Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei und titelte: »CSSR-Bevölkerung bewahrt Ruhe«. Zugleich sahen DDR-Bürger im Westfernsehen Aufnahmen von Demonstrationen in Prag.

Dass das »ND« längst Organ einer Ordnungspartei statt der Arbeiterbewegung war, zeigte sich einmal mehr im November 1976, als der Liedermacher Wolf Biermann ausgebürgert wurde. Den Entzug der Staatsbürgerschaft begründete der stellvertretende Chefredakteur Günter Kertzscher mit den Worten: »Zur Staatsbürgerschaft gehört auch die Treuepflicht gegenüber dem Staat. Das ist nicht nur in der DDR so.«

Mauerbau in Berlin (1961): »Ordnung und klare Verhältnisse«

Mauerbau in Berlin (1961): »Ordnung und klare Verhältnisse«

Foto: E.Reichert/AP/ dapd

Damit kannte sich Kertzscher aus. Er war ab 1937 Mitglied der NSDAP gewesen und in sowjetischer Kriegsgefangenschaft auf links gedreht worden. Seine Erinnerung an die alten Zeiten pflegte er derart subtil, dass es den Genossen nicht auffiel. Kertzscher war der einzige frühere Nationalsozialist in der Führungsriege des »Neuen Deutschland« und unterzeichnete seine Artikel mit »Dr. K.«. Sein einstiges Idol, NS-Propagandaminister Joseph Goebbels, hatte seine Kolumnen mit »Dr. G.« gezeichnet.

Die Entkoppelung von der Realität zeigte sich 1989 besonders drastisch, als die SED die ohnehin unfreien Kommunalwahlen massiv verfälschte, indem sie die hohe Zahl von Nein-Stimmen nach unten manipulierte. Am 8. Mai erschien das »ND« mit der Schlagzeile »98,85 Prozent stimmten für die Kandidaten der Nationalen Front«, der von der SED gelenkten politischen Dachorganisation. Da blieb selbst vielen SED-Mitgliedern nur noch Kopfschütteln.

»Sie alle haben durch ihr Verhalten die moralischen Werte mit Füßen getreten und sich selbst aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt. Man sollte ihnen deshalb keine Träne nachweinen.«

»Neues Deutschland«, 2. Oktober 1989, über die Botschaftsflüchtlinge in Prag und Warschau

Als es mit dem Staat bereits zu Ende ging, feierte die offizielle DDR am 7. Oktober ihren 40. Jahrestag. Dem »ND« fiel am 9. Oktober 1989 dazu ein: »Die Entwicklung der Deutschen Demokratischen Republik wird auch in Zukunft das Werk des ganzen Volkes sein.« Am selben Tag demonstrierten erstmals 70.000 Bürger auf Leipzigs Straßen für demokratische Veränderungen.

Gut eine Woche später stürzten die Mitglieder des SED-Politbüros ihren Generalsekretär.

Unmittelbarer Auslöser war Honeckers Eingriff in das »Neue Deutschland«. Anders als sein Vorgänger Walter Ulbricht mischte er sich kleinteilig, beinah hyperaktiv in die Arbeit der Redaktion ein. In seiner Jugend im Saarland hatte Honecker für die kommunistische »Arbeiterzeitung« geschrieben und hielt sich daher für einen talentierten Journalisten. Mal redigierte er die »ND«-Titelseite und bezeichnete Atomraketen als »Teufelszeug«, mal würzte er Kommentare mit scharfen Bemerkungen.

Diese Neigung wurde ihm zum Verhängnis. Anfang Oktober 1989 fügte er in einen Artikel über die Massenflucht vor allem junger DDR-Bürger ein: »Man sollte ihnen deshalb keine Träne nachweinen.« Das war sogar altgedienten Politbüromitgliedern zu viel.

Rund zwei Monate später war das Blatt nicht mehr Organ des Zentralkomitees, das sich Anfang Dezember 1989 auflöste, sondern nur noch »Sozialistische Tageszeitung«. Die PDS, Nachfolger der SED und Vorläufer der Partei Die Linke, blieb Eigentümerin, hielt sich aber aus der Redaktionsarbeit heraus. Anfang 1990 schloss sie den früheren Chefredakteur Günter Schabowski aus, der geholfen hatte, Honecker zu stürzen. Bleiben durfte ein anderer Ex-Chefredakteur, der Auschwitz-Überlebende Hermann Axen.

Ein »Ultralinker« übernahm die Führung

Das »Neue Deutschland« veränderte sich, auch unter einem Chefredakteur aus Gruppen der westdeutschen Linken, die das »ND« einst als »ultralinks« geschmäht hatte. Die Redaktion leitete von 1998 bis 2012 der frühere Grünen-Bundestagsabgeordnete Jürgen Reents. Bis 1979 war er im Kommunistischen Bund (KB) aktiv gewesen, einer vergleichsweise mild hanseatischen Spielart des Maoismus. Aus der KB-Zeitung »Arbeiterkampf« brachte Reents die für SED-Veteranen ungewohnte Praxis mit, kontroverse Debatten im Blatt zu organisieren.

Im Grunde setzte Reents fort, was Herrnstadt vormals nicht mehr vergönnt war, aber der ursprünglichen Tradition der Arbeiterbewegung entsprach: die Zeitung zum Diskussionsforum der Sozialisten zu machen. Er mühte sich, den unvermeidlichen Sinkflug zumindest zu bremsen. Als Reents 2012 ging, war die Auflage noch etwa doppelt so hoch wie heute.

Danach wurde das Blatt immer blasser und in der Tonlage von der »taz«, der manche »ND«-Redakteure bewusst nacheifern, schwerer zu unterscheiden. Wer eine radikal linke, marxistisch orientierte Tageszeitung sucht, greift inzwischen eher zur »Jungen Welt«, dem einstigen Organ der Freien Deutschen Jugend (FDJ), als zum »Neuen Deutschland«. An einer zweiten »taz« besteht bei linken Lesern offenkundig wenig Bedarf.