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Behindertensport: Die Pioniere der Paralympics

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Neurologe Ludwig Guttmann Der Arzt, der die Paralympics erfand

Vor den Nazis musste Ludwig Guttmann fliehen, im englischen Exil revolutionierte er die Behandlung von Querschnittslähmungen. Und nebenbei rief der jüdische Neurologe die Paralympischen Spiele ins Leben – ein Welterfolg.

Als Ludwig Guttmann 1966 von Königin Elisabeth II.  zum Ritter geschlagen wurde, war sein Lebenswerk bereits weltberühmt: die Paralympischen Spiele. Nach seiner Flucht vor den Nazis ins englische Exil hatte der jüdische Neurologe in der Nachkriegszeit für einen ganz neuen Blick auf Querschnittslähmung gesorgt – und dafür, dass behinderte Sportler sich messen können.

Die Neurowissenschaftler Hartmut Collmann und Daniel Dubinski haben im Fachbuch »Verraten – Vertrieben – Vergessen« das Schicksal von nach 1933 verfolgten Hirnchirurgen recherchiert und Guttmanns Lebensweg nachgezeichnet. Geboren wurde er am 3. Juli 1899 in der kleinen schlesischen Stadt Tost (Toszek) als erstes Kind des Spirituosenfabrikanten Bernhard Guttmann und seiner Frau Dorothea, kurz darauf zog die Familie nach Königshütte (Chorzów).

Pioniergeist: Ludwig Guttmann 1964 bei der Paralympics-Eröffnung in Tokio

Pioniergeist: Ludwig Guttmann 1964 bei der Paralympics-Eröffnung in Tokio

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1917, kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs, absolvierte Ludwig das Notabitur und wurde Hilfskrankenpfleger im Unfallkrankenhaus. Dort wurden viele Kriegsversehrte behandelt. Die Begegnung mit einem jungen Soldaten, der querschnittsgelähmt war und qualvoll starb, ließ ihn nie wieder los.

Ein Jahr später begann der junge Guttmann sein Medizinstudium in Breslau (Wrozław), nach Aufenthalten in Freiburg und Würzburg promovierte er 1923. Seine Eltern waren inzwischen finanziell in Not: Wegen des deutsch-polnischen Konflikts um Oberschlesien mussten sie nach Breslau ziehen und die Spirituosenfabrik verkaufen – als dann die Inflation einsetzte, war ihr Geld bald nichts mehr wert.

Er glaubte, der Nazi-Spuk müsse doch bald enden

Guttmann arbeitete, inzwischen verheiratet, in der neurologischen Abteilung des Breslauer Wenzel-Hancke-Krankenhauses. Obwohl sein Chef Otfried Foerster eine Koryphäe war, wollte Guttmann lieber Kinderarzt werden, fand aber keine passende Stelle. Also lernte er drei Jahre lang bei Foerster.

Danach wurde er in Hamburg Oberarzt der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg. Seine herausragende Arbeit eröffnete ihm große Karrierechancen. Doch im heimischen Breslau ereignete sich eine Tragödie: Foersters Oberarzt verlor seine Frau im Kindbett, tötete das Neugeborene und sich selbst. Auf Bitten von Foerster kehrte Guttmann zurück und übernahm diese Stelle, aus Loyalität zu seinem Lehrmeister.

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Am 1. April 1933 bekam Guttmann seine Kündigung: Berufsverbot, weil er Jude war. Foerster protestierte sofort, erreichte allerdings nur Guttmanns Weiterbeschäftigung, »bis ein geeigneter arischer Nachfolger« gefunden sei. Als Foerster ihn bat, diese Demütigung hinzunehmen, reagierte Guttmann mit zorniger Ablehnung und legte nun selbst Protest ein – daraufhin brachten die Nazis gegen ihn Denunzianten in Stellung.

Im »Dritten Reich« folgten am 10. Mai die landesweiten Bücherverbrennungen. Und in Breslau hielt Universitätsdirektor Karl Bornhausen eine Hetzrede, der Guttmann entsetzt beiwohnte. Auf dem Heimweg kamen ihm die Tränen. Dennoch schlug er Stellenangebote aus dem Ausland aus – noch immer überzeugt, der Spuk müsse bald vorbei sein.

Von Breslau nach Oxford

Guttmann übernahm die Leitung einer eigens für ihn eingerichteten Poliklinik im Israelitischen Krankenhaus der Stadt. Dort durfte er als Jude weiterhin arbeiten. Und der Andrang der Patienten, die nicht länger zu »arischen« Ärzten gehen durften, sorgte für viel Arbeit. Guttmann wollte nicht klein beigeben, gründete 1934 eine Vereinigung jüdischer Ärzte und wurde drei Jahre später ärztlicher Direktor des Krankenhauses.

Als am 9. November 1938 die Breslauer Synagoge in Brand gesteckt wurde und Schutzsuchende das Krankenhaus füllten, umstellte die Gestapo das Gebäude. 63 neu eingewiesene »Patienten« bekamen falsche Diagnosen und täuschten Symptome vor. Fast alle konnten so gerettet werden – zwei von ihnen, ebenso zwei Ärzte Guttmanns, nahm allerdings die Gestapo mit. Sie kamen ins Konzentrationslager. Guttmann hatte selbst gefürchtet, ins KZ verschleppt zu werden. Mit seinem Protest erreichte er tatsächlich die Freilassung der beiden Ärzte, die schwer krank und psychisch gebrochen zurückkehrten.

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Nun wusste Guttmann: Er durfte nicht länger auf das Ende der Nazis warten. Von der Universität Oxford bekam er eine Stelle zugesichert, wenn auch vorerst unbezahlt. Am 4. März 1939 verließ er Breslau, gemeinsam mit seiner Frau, Tochter Eva und Sohn Dieter.

Am Hafen von Harwich sah ein Polizist die Sechsjährige und den Neunjährigen in der langen Abfertigungsschlange und bat die Familie herein. Die Kinder sollten nicht frieren, sagte er. Else Guttmann brach in Tränen aus – sie hatten es geschafft.

Die Behandlung Gelähmter galt als hoffnungslos

Finanziell waren es harte Zeiten; Else Guttmann nähte, damit die Familie über die Runden kam. Aber die Kinder besuchten die Schule und sprachen bald sehr gut Englisch. Und Ludwig Guttmann trat seine Unistelle an, in einem vorzüglichen Team. Else gründete zudem die Women's International Zionist Organisation und sollte ihr viele Jahre vorstehen.

Guttmann wurde die Leitung einer neuen neurologischen Klinik in Stoke Mandeville angetragen. Dieser südenglische Ort sollte Weltruhm erlangen: als Austragungsort der Paralympischen Spiele. In Vorbereitung auf die Landung der Alliierten in der Normandie rechnete man 1944 mit einer großen Zahl Patienten. Guttmann nahm an – zum Unverständnis seiner Freunde und Kollegen in Oxford: Die Behandlung gelähmter Patienten galt als hoffnungslos, die meisten starben früh und unter Qualen.

Umgehend setzte Guttmann eine Reihe grundlegender Veränderungen durch. So schaffte er gegen den Widerstand seiner Chirurgen Gipsbetten ab, ebenso metallene Bettpfannen, weil beides zu Druckgeschwüren führte. Von nun an seien Patienten alle zwei Stunden zu wenden, und die Bettpfannen waren jetzt aus Gummi. Die Nutzung von Alkohol zur Desinfektion wurde eingeschränkt.

Das Personal fühlte sich anfangs oft brüskiert. Guttmann führte ein strenges Regime und kontrollierte Tag und Nacht, ob seine Anordnungen befolgt wurden. Die jungen Soldaten, die schwer verletzt aus dem Krieg kamen, verehrten ihn jedoch.

»Wenn ich jemals etwas Gutes getan habe, dann war es, Sport in die Behandlungs- und Rehabilitationsprogramme von Menschen mit schweren körperlichen Behinderungen einzuführen.«

Ludwig Guttmann

In seiner Klinik setzte Guttmann von Anfang an auf sportliche Betätigung. Wettkämpfe sollten die Soldaten bei ihrem Kampfgeist packen und sie motivieren, ihre Genesung voranzutreiben. Das begann schon beim Ankleiden und Platznehmen im Rollstuhl. Guttmann schrieb:

»Mehr und mehr verstehen die querschnittsgelähmten Patienten, dass die vielen Aspekte des körperlichen Trainings …, in Kombination mit der Ergotherapie, den Workshops, den Korrespondenzkursen und nicht zuletzt den Freizeitaktivitäten, keineswegs nur Ablenkungen sind, mit denen Zeit totgeschlagen wird, sondern dass sie Wege repräsentieren, den Glauben in sich selbst wiederzufinden, um ihre Behinderung zu beherrschen und sich auf ein neues Leben in der großen, weiten Welt vorzubereiten.«

Als Guttmann beobachtete, wie Klinikmitarbeiter sich in der Pause einen Ball zuwarfen und Patienten in ihr Spiel einbanden, beschloss er, auch Ballspiele ins Pflichtprogramm aufzunehmen. Es waren aber die Patienten selbst, die auf den sportlichen Aspekt ihrer Behandlungen brannten: Aus Gehstöcken wurden Schläger, damit kämpften sie um einen hölzernen Puck.

Rollstuhl-Polo war erfunden – ein Spiel, das viele begeisterte und bei dem es sehr rau zugehen konnte. Wegen etlicher Verletzungen wurde es, zur Enttäuschung der Patienten, wieder verboten. An seine Stelle rückten Bogenschießen, Netball und Basketball.

Mehr Sportarten, mehr Athleten

1948 konnten sich Guttmanns Patienten erstmals mit Soldaten einer anderen Einrichtung im Bogenschießen messen. Die Wettkämpfe liefen parallel zu den ersten Olympischen Spielen der Nachkriegszeit in London. Noch waren die künftigen Paralympics weit von ihrer späteren Größe entfernt: Es gab nur 15 Teilnehmer, Guttmanns Tochter Eva übernahm die Organisation. Aber man entschied gleich, sie im folgenden Jahr zu wiederholen.

1949 nahmen bereits 60 Athleten aus fünf Krankenhäusern teil, auch im Basketball. Im Jahr darauf wurde im Rahmen des British Festival of Sport in London vor 10.000 Zuschauern Netball gespielt; außerdem traten querschnittsgelähmte Bogenschützen gegen die besten Schützen des Landes an.

Das große Echo sorgte für steigenden Andrang, auch Zivilisten wollten nun mitmachen. Und die Zahl der Disziplinen wuchs: Die Athleten maßen sich fortan im Fechten, Gewichtheben, beim Billard – und im Schwimmen, nachdem es Guttmann gelang, die Regierung vom Bau einer überdachten Schwimmhalle in Stoke Mandeville zu überzeugen.

1952 beteiligten sich auch ehemalige Soldaten aus den Niederlanden an den »International Stoke Mandeville Games«. Daraus wurden die Paralympischen Spiele, die 1960 in Italien erstmals am Olympia-Austragungsort stattfanden. Heute sind sie ein globales Sportereignis mit 22 Sportarten im Sommer, sechs im Winter. In Tokio werden jetzt rund 4500 Sportlerinnen und Sportler aus 160 Ländern starten.

Ludwig Guttmann, der vielfach ausgezeichnete Pionier der Behandlung Querschnittsgelähmter, konnte noch lange verfolgen, wie seine Idee zum großen Erfolg wurde. Der Vater der Paralympischen Spiele wurde 80 Jahre alt und starb am 18. März 1980.

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