Nationalsozialismus Niederländischer Verlag entschuldigt sich für umstrittenes Anne-Frank-Buch

Die These war sensationell: Anne Frank – von einem jüdischen Notar verraten. Doch nach vielfacher Kritik an einem Buch über das Schicksal des berühmten NS-Opfers zieht der Verlag der niederländischen Ausgabe nun Konsequenzen.
Anne Frank lebte von 1942 bis 1944 vor den Nazis versteckt in einem Amsterdamer Hinterhaus. Nach ihrer Entdeckung 1944 starb sie 1945 im KZ Bergen-Belsen. Ihre posthum veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen machten sie weltberühmt

Anne Frank lebte von 1942 bis 1944 vor den Nazis versteckt in einem Amsterdamer Hinterhaus. Nach ihrer Entdeckung 1944 starb sie 1945 im KZ Bergen-Belsen. Ihre posthum veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen machten sie weltberühmt

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AP

Der niederländische Verlag ambo anthos kündigte am Montag laut Berichten  mehrerer niederländischer  Medien  in einem Brief an seine Autoren  an, den Druck des umstrittenen Sachbuchs »Het verraad van Anne Frank« (Der Verrat von Anne Frank) auszusetzen, bis das dafür verantwortliche Forscherteam eine Reihe kritischer Fragen beantwortet habe. Das Verlagshaus erklärte in dem Schreiben angesichts vielfacher Kritik von Forschern an Aussagen des Buches: »Es tut uns sehr leid, dass der Inhalt (...) eine solche Reaktion hervorgerufen hat«. Zudem entschuldige man sich »aufrichtig bei allen, die sich durch das Buch angegriffen fühlen«.

»Wir sind uns bewusst, dass wir durch die internationale Veröffentlichung ins Schleudern geraten sind und dass hier eine kritischere Haltung möglich gewesen wäre. Wir warten auf die Antworten des Forschungsteams auf die aufgeworfenen Fragen und verschieben die Entscheidung über einen Nachdruck vorerst.«

ambo anthos

Das Buch war am 18. Januar zeitgleich auf Englisch (»The Betrayal of Anne Frank«) und Niederländisch erschienen, außerdem auf Französisch und Spanisch, federführend war das amerikanische Verlagshaus HarperCollins. Die Autorin Rosemary Sullivan präsentiert darin die These eines internationalen Cold-Case-Teams, wonach der jüdische Notar Arnold van den Bergh die Jüdin Anne Frank verraten habe, die sich von 1942 bis 1944 mit ihrer Familie in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckte.

Van den Bergh habe Informationen über die Verstecke Geflüchteter an die Nationalsozialisten weitergereicht, um sich selbst und seine Familie zu retten. Das Rechercheteam aus rund zwanzig Historikern, Kriminologen und dem Ex-FBI-Agenten Vince Pankoke bezifferte die Wahrscheinlichkeit des Verrats durch Van den Bergh sogar exakt – mit »85-prozentiger Sicherheit« sei dieser schuldig.

Der forensische Analytiker Frans Alkemade, auf dessen Bericht sich das Team bei dieser Zahl berufen hatte, relativierte diese Deutung bereits am vergangenen Freitag  gegenüber dem niederländischen Nachrichtenportal »NRC«.

Die Zahl sei vom Cold-Case-Team als absolute Wahrscheinlichkeit vermarktet worden, obwohl es sich lediglich um eine bedingte Wahrscheinlichkeit handele: Die 85-prozentige Wahrscheinlichkeit sei demnach nur dann gegeben, wenn die Daten und Fakten, die Alkemade vom Cold-Case-Team übermittelt worden waren, korrekt seien.

Doch Alkemade selbst habe keine Möglichkeit gehabt, ebendiese Daten zu überprüfen. Der Statistiker berät sich derzeit mit dem Cold-Case-Team über eine gemeinsame Erklärung in dieser Sache, so »NRC«.

Während weltweit Medien wie die »New York Times« über die anscheinend sensationelle Veröffentlichung berichteten, gab es nach Erscheinen auch harte Kritik an den Darstellungen: So beschrieb der niederländische Historiker Bart Wallett die Theorie gegenüber dem SPIEGEL  als »wacklig wie ein Kartenhaus«, sein Kollege Bart van der Boom bezeichnete sie als »verleumderischen Unsinn«.

Der niederländische Forscher David Barnouw, der Anfang der Nullerjahre selbst zu verschiedenen Theorien zur Ergreifung Anne Franks gearbeitet hatte, stufte die Ergebnisse des Cold-Case-Teams gegenüber dem niederländischen Sender NOS als reine Spekulation ein, die sich hinter vorgeblich präzise messbaren Ergebnissen verstecke. Dem SPIEGEL sagte Barnouw: »Diese 85 Prozent Wahrscheinlichkeit sind für Historiker ziemlich lächerlich. Geschichte ist keine Raketenwissenschaft.«

Kritik erntete das Rechercheteam  außerdem für historische Fehler und Ungenauigkeiten, sowie für eine lückenhafte und wenig plausible Beweisführung für die These, van den Bergh sei der Verräter gewesen.

Nach der Entscheidung, den Nachdruck des Buches in den Niederlanden vorerst zu stoppen, forderte Historiker Bart Wallett den Verlag auf Twitter auf, auch dem darin Beschuldigten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: »Eine aufrichtige Entschuldigung für die unkorrekte Anklage Arnold van den Berghs als 85-prozentiger Verräter wäre das Mindeste.«

Der Verlag ambo anthos wollte auf Anfrage am Montagmittag noch nicht Stellung zu dem Fall nehmen – kündigte jedoch für den Nachmittag eine öffentliche Erklärung auf der Verlagswebsite an.