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Nose Art: Als Pin-ups in die Luft gingen

Foto: Jonathan Daniel/ Getty Images

Nose Art Als Pin-ups in die Luft gingen

Pralle Formen, knappe Kleider, freche Sprüche: Mit Pin-ups auf Flugzeugrümpfen führten alliierte Piloten im Zweiten Weltkrieg ihren ganz privaten Propagandakrieg gegen die Nazis. Die hatten der Erotikattacke in der Luft wenig entgegenzusetzen - dafür prangte auf Fliegern mit dem Hakenkreuz auch schon mal Micky Maus.
Von Ariane Stürmer

Jacks Liebste lächelte jedesmal, wenn ihr Ehemann seine Bomben ausklinkte. Wenn der US-Bomberpilot 1942 seine Maschine über japanische Städte lenkte, um dort seine tödliche Fracht abzuladen, blickte auch seine Gattin von Jacks B-24-Bomber auf die Erde unter sich hinab - verführerisch lächelnd im hautengen schwarzen Abendkleid, die Wimpern getuscht, mit wallendem Haar, das ihr offen auf die entblößten Schultern fiel.

Wie die Frau von Jack Shinn zogen Frauen und Freundinnen Abertausender anderer US-Piloten an der Seite ihrer Männer in den Kampf gegen Nazi-Deutschland - nicht in Fleisch und Blut, sondern als oft überlebensgroße Pin-ups: In lasziven, koketten und sexy Posen, die die Flieger in den Kampfpausen mit viel Hingabe und Liebe zu prallen Formen an ihre Bomber oder Jagdflugzeuge pinselten. Wie Shinn, der vor dem Krieg Kunst und Design studiert und das Porträt seiner Frau eigenhändig gemalt hatte.

"Nose Art" heißt die Kunst der sinnlichen, frechen und provozierenden Kunst an den Kampfmaschinen, und sie ist so alt wie die Militärfliegerei selbst. Schon im Ersten Weltkrieg putzten die damaligen Ritter der Lüfte ihre fliegenden Schlachtrösser auf, als ob es sich beim Luftkampf um ein mittelalterliches Turnier handelte. Berühmtestes Beispiel dafür, wenngleich nicht Nose Art im eigentlichen Sinne, war die knallrote Fokker des deutschen Fliegerasses Manfred von Richthofen, dessen auffälliger Dreidecker ihm den Beinamen "Roter Baron" bescherte. Bald entwickelte sich der Brauch, die Flugzeuge optisch nicht individuell zu tunen, sondern die Maschinen einer Einheit als Erkennungszeichen und kollektive Glücksbringer mit identischen Abzeichen zu versehen - eine berühmte französische Fliegerstaffel etwa bemalte ihre Maschinen schon im Ersten Weltkrieg mit einem Storch.

Wenn Micky Maus das Beil schwingt

Doch zur höchsten Blüte gelangte die Nose Art in den sechs Jahren des Zweiten Weltkriegs. Halb- oder oft auch noch weniger bekleidete Pin-ups auf Maschinen der United States Air Force waren da nur eine Spielart, die selbstbewusste Variante des Pin-ups im Spind des einfachen Soldaten. Außer den Liebsten der Piloten und Hollywood-Stars wie Lana Turner, Joan Crawford oder Rita Hayworth kamen auf den Blech- oder Leinwandhüllen von Boeings oder Lockheeds, Martins oder Grummans auch ganz andere Motive zu Ehren. Comic-Figuren wie Bugs Bunny, Micky Maus oder Popeye etwa erfreuten sich bei den US-Boys enormer Beliebtheit.

Aber selbst die Flugzeugführer der deutschen Luftwaffe boten dem Betrachter neben Nazi-Hakenkreuzen schon mal humorigere Symbole. Die deutsche Jagdgruppe 88 der Legion Condor etwa, mit der Hitler im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten General Francos eingriff, wurde unter dem Beinamen Mickey-Mouse-Staffel bekannt: An den Heinkel-He-51-Maschinen prangte die Zigarre paffende, dabei Beil und Pistole schwingenden US-Comic-Figur. Während die deutschen Flieger Guernica in Schutt und Asche legten, lächelte über ihnen hämisch die Trickfigur.

Andere deutsche Geschwader kamen zwar auch tierisch bemalt, aber weniger verspielt daher und verzierten ihre Maschinen beispielsweise mit martialisch anmutenden Haifischen oder Wespen.

Oft waren es auch besondere Baumerkmale ihrer Flugzeugtypen, die die Besatzung zur Verschönerung geradezu aufforderten. Die "Flying Tigers" etwa, amerikanische Freiwillige, die als Jagdflieger in Asien eingesetzt wurden, verzierten den auffällig großen Lufteinlass ihrer Curtiss P-40 "Tomahawk"-Maschinen mit einem überdimensionierten Raubkatzengebiss als Markenzeichen.

Corporate Identity einer Gemeinschaft auf Leben und Tod

Der Historiker Jürgen Willisch vom Berliner Luftwaffenmuseum in Gatow, der sich mit der Geschichte der Nose Art beschäftigt hat, unterscheidet denn auch drei unterschiedliche Varianten der Kunst am Flugzeug: Individuelle Darstellungen, bei denen Piloten wie Jack Shinn der eigenen Fantasie freien Lauf ließen und "ihre" Maschine zum unverwechselbaren Einzelstück veredelten. Andererseits diente Kriegsbemalung eben als gemeinsames Erkennungsmerkmal einer Staffel oder eines Geschwaders, als eine Art Corporate Identity einer im Krieg auf Leben und Tod miteinander verbundenen Gemeinschaft.

Und drittens dienten Bomber oder Jagdflugzeuge als Transporteure politischer Karikaturen - eine Form, so Willisch, die erst im Zweiten Weltkrieg entstand. Unmissverständlich machten die fliegenden Kunstmaler per Nose Art klar, was sie vom Feind hielten oder was sie mit ihm zu tun gedachten: Vom Flugzeugrumpf grüßte da schon mal ein kleines Kind, das mit einem Riesen-Richterhammer auf Hitlers Kopf eindrischt, auf dass der "Führer" Sterne sieht. Ein Hund hebt das Beinchen über der Karte des Dritten Reiches, ein Raubtier holt mit mächtigem Prankenschlag ein deutsches Flugzeug vom Himmel.

Willisch spricht von "einem Wildwuchs" individueller und politischer Malereien an den Flugzeugen, den die Luftwaffenführungen allerorts mit der Einführung einheitlicher Staffelabzeichen zu bändigen versuchten. Vor allem den US-Piloten blieb ein weiter Spielraum bei der Gestaltung ihrer "Mühlen" und der mit den prallen Pin-ups seinen Höhepunkt erlebte, die leichtbekleidet in Tausenden von Metern Höhe lächelnd in tödliche Einsätze flogen.

Nato-Treffen der Getigerten

Für die Mannschaften machte die bunte Zierde an Flugzeugnasen und Seitenleitwerken den tödlichen Krieg für einen Augenblick ein wenig erträglicher, und das Bepinseln der Maschinen dürfte auch das endlose Warten auf den nächsten Einsatz etwas verkürzt haben - aus Sicht der Generalität ein effektives und kostengünstiges Programm zur Hebung der Moral. Dass bunte Flugzeuge auch militärischen Nutzen haben können, demonstrierte Hitlers Luftwaffe noch in den letzten Kriegsmonaten Anfang 1945. Sie ließ die Unterseite mehrerer Jäger vom Typ Focke Wulf 190 D-9 in Knallrot mit weißen Streifen anmalen und über den Fliegerhorsten des neuen Düsenjägers Messerschmidt Me 262 kreisen, erzählt Urban Mühlenkamp. Der sauerländische Hobbykünstler verziert seit einigen Jahren im Kundenauftrag historische Flugzeuge mit Nose-Art-Motiven und hat sich mit der historischen Entwicklung der Kunstform auseinandergesetzt. Die Idee hinter der auffälligen Bemalung: Die roten Focke-Wulfs sollten die Aufmerksamkeit der alliierten Flieger auf sich ziehen - und dem beim Start schwerfälligen Düsenjäger ermöglichen, gefahrlos zu starten.

Mit dem Zweiten Weltkrieg war die große Zeit der Nose Art vorbei. Doch bis heute verzieren Piloten ihre fliegenden Kisten mit allerlei optischem Schnickschnack, wenngleich die Vielfalt der Motive den Reichtum aus den Weltkriegsjahren nie wieder erreicht hat. In der U.S. Air Force wird heute gelegentlich Osama Bin Laden auf hochmodernen Düsenjets verhöhnt wie einst Hitler auf schwerfälligen Viermotorbombern. Die Piloten der deutschen Bundesluftwaffe hingegen schmücken ihre Maschinen bestenfalls mit dem Wappen ihres Verbandes. So prangt auf den Maschinen des Aufklärungsgeschwaders 51 "Immelmann" ein Pantherkopf, das Jagdgeschwader 71 "Richthofen" erinnert mit einem geschwungenen "R" über einer Nato-Windrose an seinen legendären Namensgeber.

Was als Kriegskunst begann, mit der der Gegner erschreckt oder verhöhnt werden und die eigene Überlegenheit symbolisch demonstriert werden sollte, vereint heute Piloten unterschiedlicher Luftwaffen über Grenzen hinweg. Einmal jährlich treffen sich Fliegerstaffeln zum "Nato Tiger Meet". Voraussetzung für die Teilnahme an der militärischen Übung: Der Verband muss einen Tiger oder eine Raubkatze im Wappen führen. Manche Flugzeuge sind gar komplett im Streifen-Look bemalt - dem "Roten Baron" hätte es gefallen. Und Jack Shinn wohl auch.

In einer früheren Fassung dieses Textes hieß es, die "Flying Tigers" hätten Maschinen des Typs Hawker "Typhoon" geflogen. Tatsächlich waren sie mit Flugzeugen des Typs Curtiss P-40 "Tomahawk" ausgerüstet, wie einestages-Mitglied Christoph Hübener richtig angemerkt hat.

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