"Reichspogromnacht" "In einem solchen Zustand kann man nicht leben"

Scheibenklirren und ohrenbetäubender Lärm rissen ihn aus dem Schlaf: Das Wüten der Nazi-Horden am 9. November 1938 vergaß der damals achtjährige Manfred Franke nie. Als Erwachsener begab er sich auf Spurensuche - und machte eine für seine Heimatstadt Hilden unrühmliche Entdeckung.


Der Lärm riss mich aus tiefsten Träumen. Ich hörte Scheiben zerbersten und laute Stimmen auf der Straße. Es war die Nacht des 9. November 1930 in Hilden, und ich war gerade mal acht Jahre alt. Natürlich wollte ich unbedingt wissen, was dort draußen vor sich ging - aber meine Eltern bemühten sich, mich zu beruhigen: Da sei lediglich Glas zersplittert, vermutlich weil ein Lastwagen in ein Schaufenster gerast sei. "Schlaf jetzt", ermahnten sie mich eindringlich.

Am nächsten Morgen kam ich auf dem Schulweg am Kaufhaus Schmitz vorbei. Die Schaufensterscheiben waren eingeschlagen. Im Rinnstein lagen zusammengefegt die Waren, die noch am Tag zuvor zum Kauf angeboten worden waren. Dass hier kein Lastwagen im Spiel war, wurde mir sofort klar. Jemand hatte die Scheiben eingeschlagen - brutal und mit zerstörerischer Wut. In der Lokalzeitung "Rheinisches Volksblatt" war verharmlosend von "judengegnerischen Aktionen" die Rede. Doch was das bedeutete, verstand ich als achtjähriger Knirps noch nicht.

Was während dieser Nacht in meiner Heimatstadt Hilden geschah, ließ mich dennoch über Jahre nicht mehr los. So entstand die Idee für mein Buch "Mordverläufe", das 1973 erschien und sich mit dem Schicksal der Hildener Juden beschäftigt. Für die Recherche erhielt ich Einblick in sämtliche Akten, insbesondere in die Protokolle der Verhöre, die die örtliche Kriminalpolizei ab Mitte 1945 mit allen verfügbaren Zeugen führte, um die Ereignisse vom 9. November 1938 zu rekonstruieren. Das Ergebnis meiner Arbeit war niederschmetternd: Nirgendwo sonst im Reich waren die Juden in solcher Zahl angegriffen worden wie in Hilden.

Überdosis Schlafmittel

Das lässt sich nicht nur am Ausmaß der Zerstörungen ablesen, sondern auch an der Zahl der Toten. 1938 lebten im Deutschen Reich rund 80 Millionen Menschen, in Hilden 21.658. Sechs kamen am 9. November 1938 ums Leben, weil sie jüdischen Glaubens waren. Reichsweit waren nach ersten Schätzungen der Kriminalbeamten im Jahr 1945 etwa hundert Juden zu Tode gekommen. Der Kriminalbeamte, der im Sommer 1945 mit der exakten Klärung und Auflistung aller Verbrechen im Zusammenhang mit der Pogromnacht in Hilden beauftragt war, kam daher zu dem Ergebnis, "dass in unserer Stadt weit über den Rahmen des im übrigen Reich Geschehenen hinausgegangen worden war."

REUTERS

Der Geschäftsinhaber des Kaufhauses Schmitz war unmittelbar nach der Zerstörung seines Kaufhauses geflohen und wenig später nach Großbritannien emigriert. Die restlichen 45 Hildener Juden kamen weniger glimpflich davon: Ein Großteil wurde deportiert und kam in Lodz, Sobibor und Minsk ums Leben. Das Schicksal einer Familie berührte mich besonders: Siegfried Sommer war ein angesehener Arzt in Hilden gewesen. Am 9. November 1938 zerlegten plötzlich Horden von Nazis sein Haus. Ein SA-Mann drang bis in das Schlafzimmer des Ehepaars vor und schüchterte die beiden ein. Ihnen schien es, als hätte er eine Waffe in der Manteltasche und würde sich jede Sekunde auf sie stürzen. Dann aber zog er doch ab.

Aus Verzweiflung schluckte Siegfried Sommer daraufhin eine Überdosis Veronal. Auch seine Frau Gertrud und die Haushälterin Hendrika Grüter nahmen das hochwirksame Schlafmittel, obwohl sie beide nicht jüdisch waren. Eine Nachbarin, die lange Jahre mit Grüter befreundet gewesen war, sagte dazu 1945 als Zeugin vor der Kriminalpolizei aus. An einen Satz, den Grüter in dieser Nacht gesagt hatte, erinnerte sie sich noch sieben Jahre später Wort für Wort: "In einem solchen Zustande kann man nicht mehr leben." Gertrud Sommer konnte im Krankenhaus reanimiert werden. Siegfried Sommer und Hendrika Grüter starben jedoch an der Vergiftung.

Zertrümmerte Möbel, zerrissene Gardinen

Sobald mich später bei Radtouren der Weg am Haus Sommer vorbeiführte, fuhr ich langsamer, stieg ab und sah mit einem seltsamen Gemisch aus Neugierde und Angst zu dem schönen Haus, in dem der Arzt bis 1935 seine Praxis betrieben hatte. Täglich waren etliche Patienten hier ein- und ausgegangen, ihr Doktor war von hier aus zu Krankenbesuchen aufgebrochen.

Am Morgen nach der Reichspogromnacht muss es hier grauenhaft ausgesehen haben. "Die Füllung der Haustür war heraus getreten, nahezu alle Einrichtungsgegenstände zerschlagen, so dass die zerrissenen Gardinen aus den offenen Fenstern heraus flatterten", hieß es in dem abschließenden Bericht der Kriminalpolizei aus dem Jahr 1945. Immer wieder fragte ich mich, was aus Gertrud Sommer geworden war. Eine Antwort darauf habe ich leider nie gefunden.

Hilden tat sich lange schwer mit dieser ruhmlosen Vergangenheit. Im Herbst 1973 war in einer kleinen Publikumszeitschrift zu lesen, in der "Reichskristallnacht" seien "sechs Juden und eine Deutsche (Hendrika Grüter)" gestorben. Niemand protestierte gegen die Formulierung.

Ein Stolperstein für Hendrika Grüter

Zwölf Jahre später bereitete sich die Stadt auf ihr 1000-jähriges Jubiläum vor. Im Vorwort einer Publikation dazu, die vom damaligen Stadtdirektor und der Bürgermeisterin in Auftrag gegeben und unterzeichnet worden war, stand, ein solches Jubiläum zu feiern habe nur Sinn, "wenn sich die Lebenserfahrungen von gestern bei der Bewältigung der Schwierigkeiten von heute einsetzen lassen".

Doch auch hier fand sich wieder die seltsame Formulierung: "In der sogenannten Kristallnacht finden in Hilden sechs jüdische Mitbürger und eine Deutsche den Tod." So als könnten in Deutschland lebende und arbeitende Juden nicht anders als durch ihre Religionszugehörigkeit gekennzeichnet werden. Doch dieses Mal gab es heftige Proteste gegen den erneut formulierten Gegensatz Juden - Deutsche. Der damalige Stadtarchivar erhielt daraufhin den Auftrag, eine neue Formulierung zu finden. In der geänderten Textfassung erschien dann statt der "sogenannten Kristallnacht" die einzig zutreffende Vokabel "Pogrom", statt von "einer Deutschen" war von Hendrika Grüter die Rede.

Inzwischen hat sich einiges geändert: Seit 2004 befinden sich vor dem Haus, in dem die Sommers gelebt haben, zwei von dem Künstler Gunter Demnig im Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus verlegte "Stolpersteine". Der eine für Siegfried Sommer, der andere für Hendrika Grüter - die Frau, die unter den in der Pogromnacht zutage getretenen Umständen nicht weiterleben wollte.



insgesamt 2 Beiträge
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Pascal Bouygues, 11.11.2013
1.
Die Wurzel allen Übels ist der NEID - das Bühnenbild hat sich heute zwar seit damals geändert, aber unsere Herzen nicht!!...
Ulrich Steinkopf, 11.11.2013
2.
Zu Bild 1: Die Nazis habe den 9/10 November 38 sicherlich nicht Reichskristallnacht genannt. Das Wort ist vermutlich eher durch die Berliner Schnauze entstanden und und fügt ironisch die bei den Nazis inflationär gebrauchte Silbe Reich mit dem an die zersplitterten Fensterscheiben erinnerenden Kristall zusammen. Infolgedessen ist dieses Wort eher als Subversion gegen die Nazis zu sehen. Aus heutiger Sicht ist es trotzdem politisch nicht korrekt, aber nicht alles was nicht PC ist stammt von den Nazis...
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