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Mediziner im Holocaust: Experimente im KZ

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USHMM / NARA

Verbrechen durch NS-Ärzte Morden im Namen der Wissenschaft

In unvorstellbar grausamen Experimenten töteten und quälten Ärzte im "Dritten Reich" unter dem Deckmantel der Forschung. Medizinische Institute leugneten ihre dunkle Vergangenheit - über viele Jahrzehnte.
Von Yvonne Schymura

Im Keller des Straßburger Instituts für Anatomie stehen große gekachelte Becken. Mit ihren Abdeckungen wirken sie wie riesige Gefriertruhen. Doch werden darin Leichen präpariert - heute wie vor 70 Jahren. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied.

Ab Oktober 1941 leitete der Anatom und Medizinprofessor August Hirt das Anatomische Institut der "Reichsuniversität Straßburg". Anders als heutige Mediziner wartete Hirt jedoch nicht auf das Eintreffen der Körper etwa durch Krankheit oder Unfälle Verstorbener - er gab die Toten direkt in Auftrag: Im nahe gelegenen KZ Natzweiler ließ Hirt jüdische Männer und Frauen vergasen, um an ihre Knochen zu kommen.

Seit Hirt 1944 aus dem befreiten Straßburg floh und die Überreste der 86 Ermordeten aus dem Präparierbecken geborgen und bestattet wurden, kursieren Gerüchte um das Institut. In den Vitrinen und Schränken der medizinischen Sammlung sollen noch immer Proben jüdischer Häftlinge stehen. Zwischen den Gläsern mit Gliedmaßen, Schädeln und fehlgebildeten Föten will ein früheres Institutsmitglied sie gesehen haben, vor 40 Jahren. Der französische Medizinjournalist und Arzt Michel Cymes ging den Gerüchten nach.

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Mediziner im Holocaust: Experimente im KZ

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"Hippokrates in der Hölle" heißt sein Buch, das im März 2016 auf Deutsch erscheint. Cymes, der zwei Großväter in Auschwitz verloren hat, möchte begreifen, warum Menschen für Experimente buchstäblich über Leichen gingen. Waren die Täter vom Ehrgeiz zerfressen? Geisteskrank? Oder einfach dumme Befehlsempfänger? Cymes näherte sich dem Phänomen über die Lebenswege von acht NS-Ärzten. Er gibt ihre Verbrechen in allen grausamen Details wieder, in Auszügen aus Forschungsberichten, Prozessakten und Zeugenaussagen.

"Der Arzt hatte kein Mitleid mit uns"

Da war etwa Wilhelm Beiglböck, der einen ehrenvollen Auftrag zu erfüllen glaubte. Er wollte die Überlebenschancen deutscher Flieger verbessern, die nach einem Abschuss im Meer trieben. Die meisten von ihnen verdursteten, ehe man sie fand. Für seine "Meerwasserexperimente" holte Beiglböck vierzig "Zigeuner" von Buchenwald nach Dachau. In mehreren Versuchsreihen zwang er sie, Meerwasser zu trinken, pur, geschmacklich verfälscht oder entsalzt.

Ein Luftwaffenarzt informierte die unfreiwilligen Versuchspersonen: "Wisst ihr überhaupt, was Durst ist? Ihr werdet wahnsinnig werden, ihr werdet denken, dass ihr in der Wüste seid, und werdet versuchen, den Sand von der Erde abzulecken." Die Ergebnisse dieser Experimente waren absehbar. Meerwasser entzieht dem Organismus Flüssigkeit. Nieren, Darm und Leber versagen angesichts der darin erhaltenen Salzmengen. Der Körper trocknet aus.

Innerhalb weniger Tage krümmten sich die Opfer vor Krämpfen. Sie flehten um Wasser. Höllenreiner, einer der Versuchsteilnehmer, sagte beim Nürnberger Ärzteprozess aus: "Wir waren verrückt vor Durst und Hunger, aber der Arzt hatte kein Mitleid mit uns, er war eiskalt." Beiglböck hingegen behauptete vor Gericht, die Probanden hätten sich freiwillig gemeldet. Außerdem habe er auf Befehl gehandelt. Das Gericht verurteilte ihn zu 15 Jahren Haft. Seiner Karriere tat das Urteil keinen Abbruch: Nach der vorzeitigen Entlassung 1951 arbeitete er wieder als Arzt und leitete die Abteilung für Innere Medizin im Krankenhaus von Buxtehude.

Morden im Akkord

Andere Täter bemühten sich nicht einmal um einen solchen Deckmantel der Wissenschaftlichkeit. Im österreichischen KZ Mauthausen herrschte Lagerarzt Aribert Heim über Leben und Tod. Wo Krankheiten und Epidemien grassierten, wollte er für Ordnung sorgen. Das hieß für ihn, den Tod der Häftlinge zu beschleunigen. Innerhalb weniger Wochen erhielt Heim den Beinamen "Dr. Tod". Geschwindigkeit wurde ihm zur fixen Idee: Wenn er mit Benzin- oder Giftinjektionen ins Herz tötete, hielt er die Stoppuhr in der Hand.

Für seine sadistischen Anwandlungen ersann er auch eine Forschungsreihe: Wie lange überlebt ein Mensch ohne Leber, ohne Nieren, ohne Herz? Der "Schlächter von Mauthausen" holte sich schwache und kranke Häftlinge und entfernte ohne Betäubung lebenswichtige Organe. Auf seinem Operationstisch starben von Oktober bis November 1941 mindestens 240 Menschen. Seine Häftlingsassistenten bezeugten später die grausamen Eingriffe - aber "Dr. Tod" entkam nach dem Krieg ins Ausland.

Nicht böse - sondern brutal

Im Frauen-KZ Ravensbrück verabreichte Lagerärztin Herta Oberheuser Kranken und Missliebigen tödliche Injektionen. Vor Gericht erklärte sie, sie hätte den Todgeweihten nur das Ende erleichtern wollen. Ihr ehemaliger Vorgesetzter, Karl Gebhardt, für den sie selektiert, anästhesiert und gequält hatte, bekräftigte: Oberheuser habe sich stets edelmütig und mit viel Güte um die Kranken gekümmert.

Krank wurden diese allerdings nur, weil man ihnen die Beine zertrümmert und die Wunden mit Staphylokokken und Streptokokken infiziert hatte. Für Oberheuser ein großer Karriereschritt. Nirgendwo sonst konnte man im Deutschen Reich als Frau in der Chirurgie arbeiten. Für ihre Opfer waren die Eingriffe eine unendliche Tortur. Morphium gab es nicht, nur Schmerzen. Kaum waren die Wunden vernarbt, operierte man sie wieder, ein zweites, drittes, sechstes Mal. Viele starben an Tetanus, Gasbrand, Sepsis und Blutverlust.

Hertha Oberheuser sei "nicht böse" gewesen, sagte eine der Überlebenden im Nürnberger Ärzteprozess aus, sondern brutal - und begierig, es ihren monströsen Vorgesetzten gleichzutun. Später arbeitete Oberheuser als Kinderärztin.

Kein Schuldbewusstsein

Vor Gericht beteuerten NS-Ärzte immer wieder ihre Unschuld, schoben die Verantwortung für ihre Verbrechen dem Regime zu. Uneigennützig sei ihre Forschung gewesen, nur dem Fortschritt verpflichtet.

Und in Straßburg? Da bestritt man bis zuletzt, Proben von Körperteilen und Organen zu besitzen, die August Hirt in den Vierzigerjahren für sein "Museum der verschwundenen jüdischen Rasse" angefertigt hatte. Doch Cymes hat einen Zeugen: Dr. Uzi Bonstein kam Ende der Sechzigerjahre ans Straßburger Institut für Anatomie. Ihm hatte man einen Schrank gezeigt, darin Gläser mit der Aufschrift "Jude". Bonstein und Cymes hatten keinen Zweifel, wann und von wem diese Etiketten beschriftet worden waren.

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Michel Cymes

Hippokrates in der Hölle: Die Verbrechen der KZ-Ärzte

Verlag: Theiss, Konrad
Seitenzahl: 208
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"Zu behaupten, Überreste jüdischer Opfer seien an der Universität oder im Institut erhalten geblieben oder könnten dort erhalten geblieben sein, wie dies Michel Cymes tut, ist schlichtweg falsch. Es ist seit 1945 falsch", sagte Universitätspräsident Alain Beretz 2015 kurz nach Erscheinen der französischen Originalfassung von "Hippokrates in der Hölle" auf einer Pressekonferenz. Sechs Monate später, am 9. Juli 2015, entdeckte der Arzt und Historiker Raphaël Toledano im Institut für Rechtsmedizin in Straßburg schließlich eben jene Glasbehälter, die es nie gab.

Sie enthielten Hautfragmente und den Magen- und Darminhalt eines Menschen. Die Etiketten ließen keinerlei Zweifel, worum es sich handelte. Es waren die Überreste von Menachem Taffel, einem der 86 Juden, die Hirt für sein Skelettmuseum töten ließ. Sie wurden im Rahmen einer Trauerfeier auf dem Friedhof von Cronenbourg beigesetzt.