Polnische NS-Opfer Überlebende kritisieren Konzept für Gedenkstätte in Berlin

In Berlin soll ein Ort des Erinnerns an polnische NS-Opfer entstehen – doch Überlebende und Nachfahren sehen sich übergangen: Bei der Planung hätten sie keinerlei Mitsprache erhalten.
1. September 1939: Deutsche Soldaten zerbrechen einen Schlagbaum an der polnischen Grenze – so wurde der Einmarsch der Wehrmacht in Polen in einem berühmten Bild inszeniert

1. September 1939: Deutsche Soldaten zerbrechen einen Schlagbaum an der polnischen Grenze – so wurde der Einmarsch der Wehrmacht in Polen in einem berühmten Bild inszeniert

Foto: dpa / picture alliance / dpa

Stanisław Zalewskis Verschleppung durch die Nazis ist bis heute auf seinem linken Oberarm sichtbar: 156569. Zalewski war polnischer Widerstandskämpfer. Bis die Gestapo ihn verhaftete. Und er zu einer Nummer wurde.

Im KZ Auschwitz-Birkenau sah Zalewski, wie Menschen neben ihm starben. Wie sich Häftlinge im Krankenlager mit Schmerzen ans Bett klammerten. Einer bekam Schläge vom Stubenältesten, sagt er im Gespräch mit dem SPIEGEL. Zu zweit zerrten sie ihn zur Toilette. »Als er noch Lebenszeichen von sich gab, hängten sie ihn mit einem Gürtel an der Türklinke«, sagt Zalewski. »Sodass er sich erdrosselte.«

Zalewski überlebte. Die Nummer blieb. Inzwischen ist er 96 Jahre alt und engagiert sich als Vorstandsvorsitzender des Polnischen Verbandes ehemaliger politischer Häftlinge der NS-Gefängnisse und Konzentrationslager. Als er davon hörte, dass Deutschland einen Erinnerungsort für polnische NS-Opfer plant, war er zunächst skeptisch. »Ich bin ein Gegner der Errichtung von Denkmälern«, sagt er. »Es sei denn, es handelt sich um Monumente, die über unsere Generationen hinausreichen. Erst dann würden sie ihren Zweck erfüllen.«

Stanisław Zalewski: »Ich bin ein Gegner der Errichtung von Denkmälern«

Stanisław Zalewski: »Ich bin ein Gegner der Errichtung von Denkmälern«

Foto: Kamil Majchrzak

Heute ist Zalewski enttäuscht. Aus seiner Sicht verfolgt das in Berlin geplante Denkmal »tagespolitische Ziele«: »Die Bewahrung der Zeugenschaft wird nicht durch Kranzniederlegung bewahrt oder schöne Gedenkreden«, sagt Zalewski. »Blumen und Kränze verwelken schnell.«

Das Projekt zeigt, wie schwierig die politischen Beziehungen zwischen Polen und Deutschland bis heute sind. Und wie kompliziert sich Erinnerungsarbeit gestalten kann. Im Oktober 2020 entschied der Bundestag, einen Gedenkort für polnische NS-Opfer in Deutschland zu errichten: In Berlin solle ein »Ort des Erinnerns und der Begegnung« entstehen, der »dem Charakter der deutsch-polnischen Geschichte« gerecht werde – so heißt es im Antrag . Der Ort soll an die Opfer der deutschen Besatzung in Polen von 1939 bis 1945 erinnern. Historiker gehen von etwa sechs Millionen Toten aus.

Der Gedenkort soll der erste seiner Art werden; bisher gibt es lediglich ein »Denkmal des polnischen Soldaten und deutschen Antifaschisten« in Berlin-Friedrichshain. Doch das Projekt, koordiniert vom Auswärtigen Amt, war früh umstritten.

Polens rechtsnationale Partei PiS machte mit dem Denkmal Wahlkampf und forderte Reparationszahlungen. Kritiker befürchteten eine »Nationalisierung« des Gedenkortes. Und manche Länder fühlten sich übergangen. So forderte Andrij Melnyk, Botschafter der Ukraine in Deutschland, ein eigenes Denkmal für ukrainische Opfer der NS-Zeit zu errichten.

Geste an polnische Opfer

Noch 2020 verabschiedete der Bundestag deshalb den Beschluss für einen weiteren Gedenkort : Eine »Dokumentationsstätte« solle, so Kulturstaatsministerin Monika Grütters, »die Geschichte der deutschen Besatzungsherrschaft noch genauer aufarbeiten« – unabhängig von Nationalitäten.

Nun liegt ein erster Entwurf für den Gedenkort für polnische NS-Opfer vor. Außenminister Heiko Maas und Rolf Nikel, früher deutscher Botschafter in Polen, stellten das Konzept am Mittwoch in Berlin vor : Das Leiden der polnischen Zivilbevölkerung sei lange »nur ein Splitter in der Erinnerungsarbeit« gewesen, sagte Maas. Der Erinnerungsort sei deshalb »als Geste wichtig an polnische Opfer«.

Wo der Gedenkort entstehen soll, ist noch offen. Die Expertenkommission legte zwei Vorschläge vor:

  • entweder am Askanischen Platz in Kreuzberg – in der Umgebung sind bereits mehrere Museen und Dokumentationsorte zu finden, darunter die »Topographie des Terrors«.

  • Oder am früheren Platz der Krolloper, nicht weit vom Reichstagsgebäude. Dort hielt Adolf Hitler am 1. September 1939 seine Rede, um den Angriff auf Polen zu rechtfertigen (»Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!«).

Geplant sei Bildungsarbeit, vor allem für Jugendliche, so Nikel. Nun müsse der Bundestag über den Vorschlag entscheiden. Nach einem Architekturwettbewerb solle das Bauvorhaben in der kommenden Legislaturperiode starten. Für das Konzept habe das Team mit Wissenschaftlern, aber auch mit Betroffenen gesprochen. Ein Video zeigt Teilnehmer des Warschauer Aufstandes wie Leszek Zukowski oder Witold Lisowski.

Hitler bei seiner Rede vor dem Reichstag am 1. September 1939: Auch der Platz der früheren Krolloper ist für das Projekt im Gespräch

Hitler bei seiner Rede vor dem Reichstag am 1. September 1939: Auch der Platz der früheren Krolloper ist für das Projekt im Gespräch

Foto: dpa / picture alliance/dpa

Trotzdem äußern inzwischen polnische Opferverbände Kritik, weil die Kommission sie von der Planung ausgeschlossen habe. In einem offenen Brief  an Heiko Maas und Kulturstaatsministerin Monika Grütters legten schon am 14. Juni mehrere Verbände Beschwerde ein: Man sei »irritiert« darüber, dass Überlebende der NS-Verfolgung und ehemalige KZ-Häftlinge »nicht zur Mitarbeit eingeladen« worden seien. Diese fehlende Teilhabe müsse »korrigiert« werden.

Zu den Unterzeichnern zählen Vertreter des Polnischen Verbandes ehemaliger politischer Häftlinge der NS-Gefängnisse und Konzentrationslager, des Verbandes der Roma in Polen sowie des Internationalen Auschwitz-Komitees, unter ihnen auch Stanisław Zalewski. Gedenkorte wie das »Polen-Denkmal« seien zwar »ehrenwerte Initiativen«, Minderheiten wie Juden und Roma aber in »besonderer Weise« Opfer der NS-Politik, heißt es im Brief:

»Juden und Roma wurden nicht verfolgt, weil sie Staatsbürger einer politischen Gemeinschaft waren, sondern weil die Ideologie des Hitlerismus sie zu ›Untermenschen‹ degradierte, denen nicht nur alle Bürgerrechte, sondern auch das Recht Mensch sein zu können, geraubt wurde. Ihre Ausrottung war Teil eines rassistischen Plans, der in ganz Europa umgesetzt wurde, jedoch mit besonderer Grausamkeit auf dem Territorium der von Deutschland besetzten Republik Polen verwirklicht wurde, wo sie lebten, arbeiteten und deren vielfältige und reiche Kultur sie über Jahrhunderte formten.«

Bereits im Februar sei er mit Opferverbänden auf das Auswärtige Amt zugegangen, sagt Kamil Majchrzak dem SPIEGEL. Er hat den Brief für das Internationale Komitee Buchenwald-Dora und Kommandos unterzeichnet. Majchrzak erklärt, man habe ihn weiterverwiesen, und dann sei keine Antwort mehr gekommen: »Eine inhaltliche Zusammenarbeit wurde systematisch verhindert. Wir sollten zu Schleppenträgern dieses sehr dünnen Konzeptes werden.« Erst nach dem offenen Brief habe das Auswärtige Amt im Juni zu zwei virtuellen Meetings eingeladen. »Dort haben wir aber nicht viel mehr erfahren als das, was über die Medien schon bekannt war«, so Majchrzak.

Idee eines Holocaust-Überlebenden

Dem SPIEGEL liegt ein weiterer Brief an den Außenminister und die Kulturstaatsministerin vor. Darin schreiben die Verbände, unterrichtet habe man sie »weder über die Zusammensetzung der Expertenkommission oder des politischen Beirates, noch über die dort verhandelten Vorschläge und ausgetauschten Argumente«. Die Erfahrungen der verfolgten Opfergruppen müssten jedoch »angemessen vertreten« sein.

»Es ist nicht hinnehmbar, dass das Schicksal der polnischen Roma ausgeblendet oder ohne deren legitime Repräsentanz verhandelt wird«, sagt Roman Kwiatkowski, Mitunterzeichner und Gründer der Vereinigung der Roma in Polen. »Dies widerspricht auch den Empfehlungen des jüngsten Antiziganismus-Berichts.«

Der frühere Botschafter Rolf Nikel verteidigt das Vorgehen: »Es war klar, dass es mehr Interesse geben würde als Plätze in unserer Expertenkommission.« Das Team habe sich um »informelle Konsultationen mit den unterschiedlichsten Gruppen« bemüht. Eine der wichtigsten Forderungen sei ins Konzept eingeflossen: »Die Beteiligung dieser Gruppen an zukünftigen Gremien empfehlen wir ausdrücklich«, sagt Nikel.

Die Gedenkstätte sei zudem für alle polnischen Opfer gedacht, sagt Peter Oliver Loew, Direktor des Deutschen Polen-Instituts, dem SPIEGEL – für »jüdische, christliche Polen wie auch andere zivile Opfer«. Polen habe wegen der hohen Opferzahl eine besondere Rolle gespielt: »Wir müssen das der deutschen Öffentlichkeit klarmachen.«

»Man kann uns nicht einfach subsumieren wie einen Taubenzüchterverein. Wir sind die Hauptbetroffenen.«

Kamil Majchrzak vom Internationalen Komitee Buchenwald-Dora und Kommandos (IKBD)

Die Idee für den Gedenkort stammt von Władysław Bartoszewski, einem Holocaust-Überlebenden. »Ich habe damals Hass an Polen erlebt, nicht an Juden«, sagte der frühere polnische Außenminister 2013 in einem Interview mit dem Deutschlandfunk , »man hat die Leute verhetzt«. Polnische Geschichte müsse deshalb besonders »gewürdigt werden«.

2015 starb Bartoszewski. Zwei Jahre darauf startete die »Polendenkmal-Initiative« einen öffentlichen Aufruf , den neben Historikern auch namhafte Politiker wie die früheren Bundestagspräsidenten Rita Süssmuth (CDU) und Wolfgang Thierse (SPD) unterzeichneten.

Opferverbände befürchten, dass ihre Stimme nun untergehen könnte. »Natürlich sind wir ein Teil einer großen Erinnerungsgesellschaft«, sagt Majchrzak. »Trotzdem kann man uns nicht einfach subsumieren wie einen Taubenzüchterverein. Wir sind die Hauptbetroffenen.« Er sieht den Gedenkort vor allem als politisches Projekt, und dabei finde »ein wirklicher Austausch mit Überlebenden nicht statt«.

»Dieses Denkmal sollte ein Denkmal der Reue und der Demut der Deutschen für den Völkermord an den polnischen Staatsbürgern in den Jahren 1939 bis 1945 werden«, sagt Marian Kalwary, Vorsitzender der Vereinigung Jüdischer Kombattantinnen und Kombattanten und Geschädigten des Zweiten Weltkriegs. Er überlebte die Gettos von Warschau und Wołomin. Kalwary wünscht sich eine intensive Bildungsarbeit und »angemessene Räumlichkeiten für Ausstellungen«.

Für 2022 kündigte das Expertenkomitee erste Bildungsarbeit an, dafür sollen 200.000 Euro bereitstehen. Kamil Majchrzak glaubt nicht, dass Opferverbände künftig beteiligt werden; die Antwort auf den Brief an Heiko Maas und Monika Grütters sei bisher ausgeblieben. »In dem sogenannten Konzept wird Schoa oder Holocaust an den Sinti und Roma nicht erwähnt«, sagt Majchrzak. »Der Bereich Erinnerung bleibt marginal, Bildung vage und banal.« Majchrzak befürchtet, das Denkmal werde zu einem »künstlichen Millionen-Beton-Grab«.

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