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"Rübezahlfigur, Haudegen, Höhlenmensch und Schlagetot"

Foto: ALFRED EISENSTAEDT/ AP

NS-Schauspielstar Heinrich George "War ich gut?"

Er spielte im Hetzfilm "Jud Süß" mit und war Gast auf Hitlers Geburtstag. Doch später behauptete Heinrich George, er sei kein Nazi gewesen. Die Biografie des NS-Stars, der nach dem Krieg in sowjetischer Gefangenschaft war, ist voller Widersprüche - sein Leben endete tragisch.
Von Michael Kloft

Der 6. Dezember 1945 ist ein düsterer Tag. Berta Drews und ihr kleiner Sohn Götz sind mit der Trambahn nach Hohenschönhausen, einem Vorort von Berlin, gekommen. Sie haben den langen Weg zur alten Fabrik, in der die Sowjets etwa 1200 Häftlinge interniert haben, zu Fuß zurückgelegt. Unter ihnen ist der Schauspieler Heinrich George, dem seine Rolle als "Vorzeigestar" der Nazis zur Last gelegt wird. Götz sieht aus wie ein richtiger Straßenjunge. Er ist aufgeregt und beginnt, englische Vokabeln aufzusagen. Nach stundenlangem Warten taucht im Nebel ein Mann auf, geführt von einem Wachposten. "Pampso?", fragt der Kleine. Und der Vater umschlingt seinen "Putzi".

Eine Szene wie aus dem Spielfilm, doch so oder so ähnlich hat sie sich zugetragen. Götz George, der am 23. Juli 75 Jahre alt wird, erinnert sich noch heute schemenhaft daran, seine Mutter hat sie ihm wieder und wieder erzählt. Seither kämpft er mit seinem älteren Bruder Jan für ein positives Andenken an seinen Vater. Sie haben 1994 nahe der Gedenkstätte Sachsenhausen die Überreste des Schauspielstars ausgraben lassen, wo Heinrich George am 25. September 1946 im Gefängnis gestorben ist. Vier Jahre später erreichten sie dessen Rehabilitierung durch die russischen Behörden. Jetzt spielt Götz George den Vater in einem Doku-Drama, das die "Zeit" für "das Making-of einer Erinnerung" hält.

"Brüllend wie ein wildes Tier"

Erst 1995, fast 50 Jahre nach dem Tod des Schauspielers, hat das Archiv des sowjetischen Geheimdienstes KGB in Moskau die Häftlingsakte freigegeben. "George ist einer der angesehensten faschistischen Künstler Deutschlands", heißt es in einem Beschluss der Sowjets vom 27. Juli 1945 zur Überstellung des Schauspielers in das Speziallager Hohenschönhausen, "er hielt mehrfach antisowjetische Reden, spielte Rollen, die zur Diskreditierung der Sowjetmacht beitrugen, und beteiligte sich an der Kampagne zur Fortsetzung des Krieges."

Unbestritten zählte Heinrich George zu den größten Schauspielern der deutschen Theater- und Filmgeschichte. Legendär waren seine wuchtigen Auftritte als Puschkins "Postmeister", Döblins "Franz Biberkopf" und Goethes "Götz von Berlichingen". Ein Filmfragment, das in der Dokumentation erstmals seit seiner Entstehung 1932 zu sehen ist, zeigt George in der Paraderolle des bärbeißigen Ritters, der sich mit dem Kaiser anlegt. Ein Vulkan sei der massige Schauspieler gewesen, heißt es. "Eine Rübezahlfigur, ein Haudegen, Höhlenmensch und Schlagetot", nennt ihn der Regisseur Albrecht Joseph in seinen Erinnerungen. "Brüllend wie ein wildes Tier" sei George nach durchzechten Nächten aus dem Bett gestürzt, wenn er ihn zur Probe abholen wollte.

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"Rübezahlfigur, Haudegen, Höhlenmensch und Schlagetot"

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In den zwanziger Jahren wurden Heinrich George Sympathien für die Linken nachgesagt, er spielte in Stücken von Maxim Gorki und Bertolt Brecht, machte bei Erwin Piscator "proletarisches Theater". Die Nähe zur Kommunistischen Partei könnte George 1945 zum Verhängnis geworden, meint der Biograf Kurt Fricke. Als der Star sich 1933 mit den Nazis arrangierte, sei er zum "Verräter" geworden - ein Ketzer. Und die Parteigrößen aus dem Moskauer Exil hätten zwölf Jahre später furchtbare Rache genommen.

Star deutscher Propagandafilme

1945 im Kellertheater von Hohenschönhausen: In dem Raum steht eine kleine Bühne, die Kulissen sind provisorisch. Mit viel Geduld und Mühe bringt Heinrich George einem 16-jährigen Mädchen die Rolle des Gretchens aus dem "Urfaust" bei. Die Kleine wurde im Lager interniert, weil sie BdM-Führerin war. George ist wieder ganz Prinzipal. Wer bei den Proben einnickt, den herrscht er an: "Herr! Wir spielen hier Goethe!" Er zimmert und bemalt selbst Kulissen mit der Teerfarbe aus dem Krankenrevier. Zu Beginn der Vorstellung spielt ein Pianist Chopin. Dann tritt George auf. Er hat stark abgenommen. Sein Kopf ist kahlgeschoren. Er spricht die ersten Zeilen aus dem "Erlkönig": "Wer reitet so spät durch Nacht und Wind." Dann rezitiert ein eigenes Gedicht: "Du spürst die Freiheit erst, wenn du gefangen bist." Die Zuhörer weinen vor Rührung. Dann gibt er zur Freude des Publikums eine alte Klamauk-Nummer. "War ich gut?", fragt er. Ein Zuschauer klopft ihm auf die Schulter: "Wenn wir mal wieder bei Muttern sind, dann setz'te dir uff de Bahn und steigst bei uns im Wedding aus. Da hab' ick 'nen Laden, da feiern wir drei Tage lang!" Andere sind angewidert: "Ein ehemaliger Nazi spielt für andere ehemalige Nazis", finden sie.

Kurz nach Hitlers Machtergreifung übernahm George im Propagandafilm "Hitlerjunge Quex" den Part eines rabiaten Kommunisten, dessen Sohn zur Hitlerjugend will. Bedrückend interpretierte er die Szene, als der Vater den Sohn zwingt, die "Internationale" zu singen. Doch reicht das wirklich für einen Anklagepunkt? Auch überzeugte Nazi-Gegner wie Altstar Paul Wegener haben in solchen Filmen mitgespielt. Heinrich George wollte ohne seine Muttersprache nicht sein. Das Exil kam für ihn nicht in Frage; und die Nazis ließen ihn spielen. "Sie machen es mir nicht leicht", erzählte er Max Beckmann, der 1935 ein berühmtes Bild der Familie George malt. "Sie misstrauen mir. Trotzdem bleibe ich. Ich glaube auch, dass ich hier eine Mission erfüllen kann." Da ist er bereits mit der jungen Kollegin Bertha Drews verheiratet. Der Erstgeborene heißt Jan. 1938 kam der zweite Sohn zur Welt. Sein Geburtstag am 23. Juli ist auch der Todestag Götz von Berlichingens. "So war es entschieden", erinnert sich Bertha Drews später, "keine Widerrede: 'Der Junge heißt Götz!'" Heinrich George nennt ihn "Putzi".

Ab und zu gelingt es Bertha Drews, ihren eingesperrten Mann am Lagerzaun von Hohenschönhausen zu treffen. "Bring doch den Kleinen beim nächsten Mal mit." Sie leben jetzt in zwei verschiedenen Welten, und draußen geht das Leben weiter. George will wissen, wann er endlich frei kommt. Manchmal zweifelt er, ob sie auch wirklich alles versucht hat ("Warst du bei Paule Wegener?"). Er schreibt ihr Briefe und beklagt darin die "Unsicherheit der Verhältnisse". Hat Bertha ihn schon aufgegeben? In den Kassibern ist auch von der schleichenden Verrohung im Lager die Rede: "Es gibt Fälle, die an Grausamkeit und Geschmacksverirrung nichts zu wünschen übrig lassen." Und weiter: "Manchmal packt mich eine solche Wut, dass mir das Blut im Gehirn stockt und ich rotsehe."

Lobhudeleien und "Sieg Heil"-Wünsche

1938 befand sich Heinrich George auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Alle politischen Vorbehalte schienen vergessen. Hitler ernannte ihn zum Intendanten des Berliner Schillertheaters. Der "Führer" gab ihm "die Möglichkeit, seine künstlerische Persönlichkeit voll zu entfalten". Und George dankte es ihm. Im Kostüm des "Götz" hielt er dem Diktator propagandagerecht die Sammelbüchse des Winterhilfswerks hin. In seinem Ensemble schützte George aber auch gefährdete Schauspieler, darunter Paul Wegener und den jungen Regisseur Ernst Stahl-Nachbaur, der einen jüdischen Vater hatte.

In Hohenschönhausen hadert Heinrich George mit seinem Schicksal: "So bin ich eben Kriegsverbrecher und werde mit allen in einen Topf geschmissen." Er verteidigt sein Arrangement mit den Nazis. Schließlich habe er seine Leute im Theater beschützt. Zum Dank würden jetzt einige ihn als Nazi denunzieren. Tatsächlich findet sich in der "Akte George" des KGB ein Brief von Ernst Stahl-Nachbaur, der die väterliche Fürsorge des Intendanten nicht verschweigt. George aber habe während des Krieges "schlimmen Eindruck" gemacht und sich immer öfter zu "Lobhudeleien und 'Sieg Heil'-Wünschen" hinreißen lassen. Nach dem gescheiterten Attentat am 20. Juli 1944 habe George dem Schicksal gedankt und von allen verlangt, sich für den Sieg einzusetzen: "Wenn ihr nicht richtig arbeitet, schicke ich euch alle an die Front!"

Aus der Rückschau muss tatsächlich eine Veränderung des Stars konstatiert werden. Hatte er sich noch vehement, aber vergeblich gesträubt, im Hetzfilm "Jud Süß" mitzuspielen, so verfiel er gegen Ende des "Dritten Reichs" in eine Art hemmungslosen Durchhaltemodus. Er war der Star in "Kolberg", einem Lieblingsprojekt von Joseph Goebbels. George und seine Frau erschien im Berliner Sportpalast, als der "Heimatfrontdiktator" im Februar 1943 den "totalen Krieg" proklamierte, und war 1944 zur Feier von Hitlers 55. Geburtsag zugegen. Noch am 17. April 1945 erschien ein Aufruf des Intendanten im "Völkischen Beobachter": "Wir stecken alle nur im Stiefel unserer harten Pflicht", heißt es darin. Nicht einmal drei Wochen später war der Nazi-Spuk vorbei und George verhaftet. In der NKWD-Akte findet sich ein Vermerk, der Schauspieler habe sich einmal im betrunkenen Zustand geäußert, wenn der Nationalsozialismus in Deutschland verschwinden sollte, so würde er sicher "am höchsten Baum aufgehängt, und das eigentlich zu Recht".

"Ich habe immerhin 83 Pfund abgenommen"

"Liebste, meine Leiden wären halb, hätte ich nicht die Sorgen um Euch", schreibt Heinrich George am 24. Februar 1946 an seine Frau. "Ich habe meine Bewährung mit neun Monaten, glaube ich, hinter mir, es waren nicht die leichtesten in meinem Leben, und ich habe es mir nie leichtgemacht. Was spricht man über meinen Fall? Bitte vorbehaltlos, ich kann alles vertragen, seelisch bin ich noch stark und zu jedem Aufbau fähig und bereit, körperlich weniger. Ich habe immerhin 83 Pfund abgenommen, aber wenn nichts heimtückisches Epidemisches dazukommt, werde ich es schon schaffen, wenn ich nur Euch in Ruhe und Ordnung wüsste. Hoffentlich ist die Prüfung bald vorbei?"

Für den ehemaligen Chef will sich niemand verwenden, auch Paul Wegener nicht. Zu tief sitzt offenbar das Misstrauen. In der "Akte George" findet sich ein Dokument, in dem Kollegen warnen, dass der Schauspieler gelyncht werde, falls er irgendeine deutsche Bühne betrete. Die meisten belasteten Schauspieler dürfen längst wieder arbeiten, selbst der alte Rivale und Göring-Günstling Gustav Gründgens kommt aus dem Internierungslager frei. Am 7. Juli 1946 wird Heinrich George ohne eine offizielle Anklage ins Speziallager Nr. 7 Sachsenhausen überstellt, einem Sowjet-Gefängnis auf dem Glände des ehemaligen Konzentrationslagers.

Im ehemaligen SS-Kasino, dem "Club", veranstaltet eine Theatertruppe "bunte Programme" für sowjetische Offiziere. Das Ballett besteht aus deutschen Mädchen, die als "Werwölfe" oder "BDM-Führerinnen" interniert worden sind. Eva Schneider erinnert sich im Interview an die Auftritte von George. Er spielt Szenen aus dem "Postmeister" auf Russisch - mehr schlecht als recht. Trotzdem applaudieren die Zuschauer nach jeder Szene. Der Höhepunkt ist die Hochzeit der Tochter - wie im UFA-Film von 1940.

Eines Morgens klagt George über starke Leibschmerzen, er wirkt apathisch. "Lass dich doch endlich untersuchen", meint jemand. "Ach dieser Fraß hier", erwidert der schwerkranke Schauspieler, "da muss man ja Bauchschmerzen kriegen." Mitten in der Probe zu "Der Tod des Tiberius" bricht er zusammen, krümmt sich vor Schmerzen.

24. September 1946: Im Krankenrevier erholt sich der Schauspieler von seiner Blinddarmoperation. Eine Krankenschwester singt Schumann’s "Mondnacht": "Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande als flöge sie nach Haus." Es ist das Lieblingslied von Heinrich George. Er stirbt am nächsten Tag. Sein letztes Wort soll "Götz" gewesen sein. Nach einer kleinen Trauerfeier bestattet man den großen Mimen in einem anonymen Grab. Die genaue Stelle wird auf einer Skizze markiert.

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