Fotostrecke

Verbotene Liebe: Die Unterschrift herausgeprügelt

Foto: Annette Hauschild/Ostkreuz

NS-Verbrechen Wegen Küssen ins KZ

Hitlers Gestapo verfolgte Tausende Frauen wegen angeblicher oder tatsächlicher Affären mit Zwangsarbeitern. Sie wurden als "Rassenschänderinnen" und "Polenliebchen" gebrandmarkt - und ihre vermeintlichen Liebhaber ermordet. Maria K. war eine von ihnen. Die Geschichte verfolgt sie bis heute.

Am 19. September 1941 unterzeichnete Maria K. das Vernehmungsprotokoll. Ja, sie habe "mit dem Polen Florian Sp. im Bett zusammen gelegen und auch geschlechtlich verkehrt", gesteht darin das 14-jährige Mädchen dem Kriminalassistenten.

Es sei ein Samstagabend im Juli gewesen, sie habe tagsüber die Kühe gehütet. Am Abend seien die beiden polnischen Männer eingeladen gewesen, ihre 18-jährige Freundin Hedwig sei dazugekommen.

Sie hätten sich geküsst, so steht es im Protokoll, Hedwig den Josef G. und sie selbst den Florian, dann sei es zu viert ins Schlafzimmer gegangen. Dort habe ihr Sp. die Schlüpfer ausgezogen. Dreimal hätten sie an diesem Abend Sex gehabt und zweimal in den folgenden Tagen, auch auf dem freien Feld hinter einem Busch nach dem Mittagessen.

Maria K., die heute 82 Jahre alt ist, hält die Hände vor das Gesicht, wenn sie über ihr "Geständnis" sprechen muss, das ihr Leben für immer veränderte und das zwei jungen Männern den Tod brachte. Sie schämt sich, obwohl der Gestapo-Beamte die Aussage frei erfand und die Unterschrift aus ihr herausprügelte. So erzählt sie es heute, so legen es andere Dokumente nahe.

Die Historikerin Gisela Schwarze aus Münster ist solchen Fällen nachgegangen, jahrelang hat sie in den Archiven recherchiert, in Gestapo-Registern, in den Akten der Sondergerichte in Dortmund, Bielefeld und Kiel. Die Geschichte der Maria K. fand sich in einem Gemeindearchiv. Sie spielt in Asbeck, einem Dorf mit damals 850 Einwohnern im Westmünsterland.

Gisela Schwarze stieß auf eine Opfergruppe des Nazi-Regimes, die bis heute vernachlässigt wurde. Es sind jene Frauen und Mädchen, denen staatliche Stellen sexuelle Beziehungen zu ausländischen Zwangsarbeitern vorwarfen. Manche Liebesverhältnisse gab es wirklich, andere waren erlogen, die Strafen fast immer grausam: Zu Tausenden kamen die Frauen in Konzentrationslager, die Männer wurden meist hingerichtet.

Fotostrecke

Verbotene Liebe: Die Unterschrift herausgeprügelt

Foto: Annette Hauschild/Ostkreuz

"Deutsche Volksgenossen, die mit Zivilarbeitern oder -arbeiterinnen polnischen Volkstums Geschlechtsverkehr ausüben, sonstige unsittliche Handlungen begehen oder Liebesverhältnisse unterhalten, sind sofort festzunehmen", ordnete der Reichsführer SS Heinrich Himmler 1940 an.

"Rassenschande" hieß der Tatbestand, den Nazi-Juristen konstruiert hatten. Bezeichnete dieser Begriff zunächst noch Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden, wurde das rassistische Konstrukt später auch auf Slawen ausgedehnt.

Kriegsgefangene und deportierte Zivilisten mussten in Fabriken und auf Feldern schuften. Dort kamen sie in Kontakt mit den Einheimischen, unter ihnen viele Frauen, denn die Männer kämpften an der Front. Doch überall lauerten Denunzianten - Nachbarn, Arbeitskollegen, Lehrer, eine Hölle aus Rassenhass und Bigotterie.

Maria K. war die Drittjüngste unter elf Geschwistern und bereits als Kind Vollwaise. Ein älterer Bruder nahm die Geschwister auf, doch er wurde zur Wehrmacht eingezogen; seine 27-jährige Frau blieb mit den Kindern allein. Zur Aushilfe schickte der Verpächter den jungen polnischen Zwangsarbeiter Florian Sp., zu dem die Kinder schnell Vertrauen fassten.

Im Dorf wurde der ungezwungene Umgang mit Misstrauen beobachtet. Maria wurde verhaftet, beim Verhör schlug ihr der Gestapo-Mann ins Gesicht, sie solle zugeben, dass sie mit dem Polen Geschlechtsverkehr gehabt habe. Das hilf- und ahnungslose Mädchen unterschrieb, und damit begannen erst die schlimmsten Torturen. Im Oktober 1941 beantragte die Gestapo in Münster, gegen das "ehrlose deutsche Mädchen" die "erforderlichen Fürsorgemaßnahmen einzuleiten".

Maria kam in verschiedene Erziehungsheime und dann an einen Ort, den die SS eigens für junge weibliche Delinquenten eingerichtet hatte: das "Jugendschutzlager Uckermark", angegliedert an das Konzentrationslager Ravensbrück.

Sie erhielt die Häftlingsnummer 290 und hatte fortan keinen Namen mehr. Maria K. erlitt Prügel, Stockschläge, Hunger und Demütigungen. Im Herbst 1944 wurde sie entlassen und in eine Vorschule für Kinderpflegerinnen bei Berlin gebracht. Ende 1945 gelang ihr die Heimkehr durch das besetzte Deutschland nach Asbeck. Dort waren die beiden Zwangsarbeiter bereits am 28. August 1942 erhängt worden. In ihre Sterbeurkunden ist als Todesursache "unbekannt" eingetragen.

Anzeige

Gisela Schwarze:
Es war wie Hexenjagd...

Die vergessene Verfolgung ganz normaler Frauen im Zweiten Weltkrieg.

Ardey-Verlag; 304 Seiten; 19,90 Euro.

Buch bei Amazon Gisela Schwarze: "Es war wie Hexenjagd..." Buch bei Thalia Gisela Schwarze: "Es war wie Hexenjagd..." 

Solche Hinrichtungen blieben nach dem Krieg meist ungesühnt, auch die Staatsanwaltschaft Münster stellte im Jahr 1963 die Ermittlungen ein. Für Maria K. gingen die Demütigungen weiter. Beim Kirchgang wurde sie von Dorfbewohnern als "Polenhure" und "Polenliebchen" beschimpft. So wie ihr erging es vielen Frauen, die die Verfolgung überlebt hatten.

Vor einigen Wochen reiste Maria K. gemeinsam mit der Historikerin Schwarze zum Lager Uckermark. An die Leidensstätte erinnert dort nur ein Mahnmal, ein Stein, der von Eisenbändern eingefasst ist. Hier streute Maria K. Erde aus, die sie in ihrer Heimat gesammelt hatte - in jenem Waldstück, in dem die beiden jungen Polen sterben mussten.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.