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Heldinnen des jüdischen Widerstands Die vergessenen Freundinnen von Anne Frank

Sie standen Anne Frank bis zu ihrem Tod im KZ bei. Zuvor versteckten Janny und Lien Brilleslijper in einem Haus bei Amsterdam Juden. Nichtsahnend kaufte eine Autorin das "Hohe Nest" - und stieß auf berührende Dokumente.

Eine große chinesische Vase, gut sichtbar platziert am Fenster im ersten Stock: Solange das Porzellangefäß dort steht, ist alles in Ordnung im "Hohen Nest". Dann können sich Freunde, Familienmitglieder und Eingeweihte gefahrlos dem verwunschenen Haus mitten im Wald nähern.

Am 10. Juli 1944 fehlt die Vase, Türen und Fenster sind geschlossen. Janny Brilleslijper sacken die Beine weg. Doch ihr kleiner Sohn Robbie rennt bereits auf das Haus zu. Janny klingelt. Eddy Moesbergen öffnet, einer der skrupellosesten Judenjäger der Amsterdamer Polizei. Zur Begrüßung schlägt er Janny mehrmals mit der flachen Hand ins Gesicht.

Die Bewohner des "Hohen Nests" sind aufgeflogen, eine Informantin hat sie verraten. Für Moesbergen ist es der Fang seines Lebens: 15 Gulden bekommt er für jeden verhafteten Juden - im "Hohen Nest" macht er gleich 16 Untergetauchte auf einmal dingfest.

17 Monate lang hatten sie sich dort vor den deutschen Besatzern und deren niederländischen Schergen verstecken können, weitergelebt, musiziert, anderen Juden geholfen. Fast alle Bewohner des "Hohen Nests" wurden ins Durchgangslager Westerbork gekarrt, von dort nach Auschwitz. Wenige kehrten zurück. Die Schwestern Janny und Lien Brilleslijper überlebten.

Die vergessene Geschichte dieser beiden Ausnahmefrauen steht im Zentrum des jetzt auf Deutsch erschienenen Buchs "Ein Versteck unter Feinden" von Roxane van Iperen, seit 2012 Besitzerin des "Hohen Nests". Als die Juristin und Autorin das wuchtige Reetdachhaus im Speckgürtel von Amsterdam kaufte, ahnte sie nichts von dem Drama, das sich dort im Zweiten Weltkrieg abgespielt hatte.

Alarmknopf neben der Haustür

Erst im Zuge der Renovierungsarbeiten stieß van Iperen mit ihrem Mann und den drei kleinen Kindern auf rätselhafte Nischen und Hohlräume. Als sie den Boden abzog, entdeckte sie Verstecke hinter alten Vertäfelungen sowie eine Luke, darin Flugblätter aus dem Widerstand, im Weltkrieg verbotene Zeitungen, Notenblättern mit jiddischen Liedern. "Schauen Sie, mein Schreibtisch steht direkt über der Luke. Genau dort, wo die Bewohner des 'Hohen Nests' vor ihrer Verhaftung ihre Unterlagen versteckten", erzählt die 43-Jährige.

Im Videointerview zeigt Roxane van Iperen ihr Haus: hier eine abgehängte Decke, da eine Nische, dort ein Vorsprung, weiß übermalt. Und im Erdgeschoss ein kleines Viereck, links neben der Innenseite der Haustür.

Ideales Versteck im Wald: Das "Hohe Nest" diente als Unterschlupf für die Familie Brilleslijper, Freunde und andere Schutzsuchende

Ideales Versteck im Wald: Das "Hohe Nest" diente als Unterschlupf für die Familie Brilleslijper, Freunde und andere Schutzsuchende

Foto: Jan Willem Kaldenbach

Hier befand sich einst ein Alarmknopf: Ein Druck, und in allen Zimmern ging ein rotes Warnlämpchen an, wie van Iperen herausfand. Sie forschte in Archiven und Katastern, befragte Bewohner aus der Umgebung, kontaktierte die Nachfahren der Schwestern, reiste nach Israel. Sechs Jahre lang recherchierte die Niederländerin und trug geduldig die vielen Teile des überraschenden Puzzles zusammen.

Jüdischer Widerstand in den Niederlanden, angeführt von zwei Frauen? Davon hatte die große Mehrheit ihrer Landsleute keine Ahnung. Die Brilleslijper-Schwestern waren stets nur eine Fußnote in der großen Anne-Frank-Erzählung. Weil sie Otto Frank 1945 die Nachricht vom Tod seiner Töchter überbracht hatten.

Van Iperens mitreißendes Buch stürmte schnell die Bestsellerlisten, die Filmrechte hat sie bereits verkauft. Nicht nach Amerika, sondern an eine kleine, einheimische Produktionsfirma, gegründet von den Schauspielerinnen Halina Reijn und Carice van Houten. "Man muss die Nuancen kennen", sagt van Iperen und lächelt. Dazu gehört etwa, dass die Deutschen viele willige Helfer hatten in den Niederlanden.

Die deutschen "Schützer und Förderer" und ihr Terror

107.000 Juden wurden bis September 1944 aus dem Durchgangslager Westerbork Richtung Osten verschleppt. Das waren drei Viertel der jüdischen Bevölkerung der Niederlande. In Belgien etwa wurden nur knapp 30 Prozent der jüdischen Gemeinschaft in die deutschen Vernichtungslager deportiert, in Frankreich 25 Prozent.

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Dabei hatten die Juden in den Niederlanden zu Beginn noch Hoffnung geschöpft: "Wir sind nicht gern mit Waffengewalt gekommen", log Reichskommissar Arthur Seyß-Inquart nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf die Niederlande am 10. Mai 1940. "Wir wollen Schützer und Förderer sein, um dann Freunde zu bleiben." Bald begannen die "Schützer und Förderer" mit ihrem Terror: Anfang 1941 mussten sich alle Juden registrieren lassen, im Februar kam es zu ersten Razzien, Verhaftungen, Übergriffen.

Juden wurden sukzessive aus dem öffentlichen Leben verbannt, in Gettos gesperrt, ab 1942 deportiert. Wer konnte, tauchte unter - mithilfe von Widerständlern wie Janny und Lien Brilleslijper, unerschrockenen Töchtern eines jüdischen Obst- und Gemüsehändlers aus Amsterdam.

Nazi-Liebesnest um die Ecke

Während die Tänzerin und Sängerin Lien im Schwimmbad Pässe klaute, versteckten Janny und ihr Mann Bob Brandes Juden in ihrer Wohnung. Sie stahlen Bezugsscheine und Lebensmittelkarten, fälschten Ausweise, vervielfältigten die Widerstandszeitung "Het Signaal" - eine ironische Anspielung auf die NS-Propagandazeitschrift "Signal". "Wir haben getan, was wir tun mussten, was wir tun konnten. Nicht mehr und nicht weniger", begründete Janny später ihren Einsatz.

Im August 1941 stürmte der Sicherheitsdienst ihre Wohnung. Janny, hochschwanger mit dem zweiten Kind, kam ungeschoren davon. Doch die Situation wurde immer gefährlicher, ein Versteck musste her. Anfang 1943 mietete Liens deutscher Mann Eberhard Rebling, ein kommunistischer Musiker, unter falschem Namen das "Hohe Nest" in Naarden an.

Das zweistöckige Haus im Wald geriet zum Refugium für die gesamte Familie Brilleslijper, für Freunde und Schutzsuchende. 17 Menschen lebten zeitweise dort - in unmittelbarer Nähe zu vielen Nazikollaborateuren, unter ihnen Anton Mussert: Der Chef der "Nationaal-Socialistische Beweging" (NSB) vergnügte sich in Naarden oft in seinem Liebesnest.

Eineinhalb Jahre beherbergte das "Hohe Nest" seine heimlichen Bewohner. Die Kinder von Janny und Lien, Robert, Liselotte und Kathinka, plantschten im Garten; die Erwachsenen verscheuchten ihre Angst mit Musik und Gedichten, Tanztraining und Untergrundkonzerten. Tüftler Jaap, jüngerer Bruder von Janny und Lien, richtete in jedem Zimmer Schlupfwinkel ein, baute das Alarmsystem und begann mit einem unterirdischen Tunnel, der Haus und Garten verbinden sollte. Immer wieder probten die Hausbewohner, sich binnen 30 Sekunden zu verstecken.

"Dann trafen wir auf zwei dünne kahle Figuren, die aussahen wie zwei frierende Vögelchen"

Am 6. Juni 1944 plünderten sie im "Hohen Nest" den Weinvorrat der Hausbesitzer und feierten den D-Day. Die Rettung schien so nah - bis zum Verrat am 10. Juli. Drei Wochen später stieß der Sicherheitsdienst in der Amsterdamer Prinsengracht 263 hinter einem schwenkbaren Schrank auf ein Versteck: Auch Anne Franks Familie flog auf; sie war ebenfalls denunziert worden. Die Wege beider jüdischer Familien kreuzten sich erstmals in Westerbork. Anne und Janny mussten beide in der Batteriedemontage arbeiten und freundeten sich an.

Am 3. September 1944 rollte der letzte Deportationszug von Westerbork nach Auschwitz - mit den Familien Brilleslijper und Frank. Anders als die meisten ihrer Angehörigen überlebten die Töchter beider Familien das Vernichtungslager. Obwohl Lien hohes Fieber bekam und Anne die Krätze, überstanden sie alle Selektionen. Im Spätherbst 1944 sahen sich die Schwesternpaare in Bergen-Belsen wieder. Otto Frank fasste die Aussagen von Janny und Lien Brilleslijper später zusammen:

"Dann trafen wir auf zwei dünne kahle Figuren, die aussahen wie zwei frierende Vögelchen. Wir fielen uns in die Arme und weinten. Es waren Margot und Anne Frank. (...) Nach ein paar Tagen setzten heftige Winterstürme ein. Wir wurden in Schuppen getrieben, in welchen Lumpen, alte Schuhe und anderes gelagert war. Anne fragte: 'Warum wollen sie, dass wir wie Tiere hausen?' Janny antwortete: 'Weil sie selbst Raubtiere sind'."

Anne und Margot, damals 15 und 18, teilten sich die Pritsche unter der von Janny und Lien, damals 31 und 35. Waschen, essen, zusammenhalten: Unermüdlich kümmerten sich die Brilleslijper-Schwestern, im Lager als Krankenschwestern tätig, um die Franks.

Sie sangen miteinander, erzählten sich Witze. Sie tauschten Erinnerungen an Amsterdam aus, fantasierten von Kochrezepten und der Zukunft. Ins edle Restaurant Dikker & Thijs an der Prinsengracht wollte Anne essen gehen nach ihrer Befreiung. Es kam anders.

Anfang 1945 bekamen beide Frank-Mädchen hohes Fieber. Anne delirierte bereits, als Janny sie zum letzten Mal sah: Trotz der Eiseskälte hatte sie sich aus Ekel vor den Läusen alle Kleider vom Leib gerissen und war nackt, nur mit einer Decke um die knochigen Schultern. Nachdem Margot von der Pritsche gefallen war und nicht mehr aufstand, gab auch Anne ihren Widerstand auf. So schilderten die Brilleslijper-Schwestern das Ende der Frank-Mädchen:

"Einige Tage später fanden wir die Pritsche leer. Wir wussten, was das bedeutete. Wir fanden sie hinter der Baracke, wickelten ihre dünnen Körper in eine Decke und trugen sie zu einem Massengrab. Das war alles, was wir noch für sie tun konnten."

Abgemagert auf 28 Kilo

Als die Engländer Bergen-Belsen am 15. April 1945 befreiten, stießen sie auf 13.000 Leichen und 60.000 abgemagerte Gefangene - Janny und Lien wogen knapp 28 Kilogramm. Über Enschede kehrten sie zurück nach Amsterdam, wo ihre Männer und die drei Kinder auf sie warteten. Dass sie alle dem Holocaust entronnen waren, grenzt an ein Wunder.

Heute sind die Kinder von einst längst Großeltern. Mehrfach waren sie schon zu Gast im "Hohen Nest", ihrem Versteck von einst. "Sie sind Teil meiner Familie geworden", erzählt Roxane van Iperen. Mit ihrem Bestseller hofft sie, das ihrer Meinung nach "sehr eindimensionale kollektive Gedächtnis" der Niederländer um eine weitere Perspektive zu bereichern: "Unsere Großväter waren längst nicht alle im Widerstand, wie viele gern glauben."

Auch wenn seit Erscheinen ihres Buchs viele Neugierige um das "Hohe Nest" herumstreichen: Ein Museum soll es nicht werden. "Geschichte soll nicht in Ausstellungen geparkt werden. Sie soll lebendig bleiben", sagt van Iperen. Lebendig wie die Buchfiguren Janny und Lien - zu Unrecht vergessene Protagonistinnen des jüdischen Widerstands.

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