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09. Dezember 2015, 11:34 Uhr

Schatzinsel Oak Island

Geldgrab der Goldgräber

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Bauunternehmer, Leinwand-Cowboy oder US-Präsident - hier hat fast jeder mal den Spaten in die Hand genommen: Auf der kleinen kanadischen Insel Oak Island suchen Abenteurer seit 220 Jahren nach einem Schatz. Ohne zu wissen, wonach sie eigentlich graben.

Glaubt man den Geschichten, fing der ganze Ärger mit drei Jungen und ihrem Kanu an. Eines Nachts im Jahr 1795 sollen sie an der Atlantikküste der heutigen kanadischen Provinz Nova Scotia seltsame Lichter auf Oak Island gesehen haben, einer der 360 kleinen, bewaldeten Inseln in der Mahone Bay. Sie ruderten hinüber und entdeckten eine auffällige Senke auf einer Lichtung, über der am Ast einer Eiche eine alte Seilwinde angebracht war.

Die drei Jungen begannen zu graben - und stießen auf einen Schacht. Allerdings war der alle paar Meter verschlossen durch Sperren aus Eichenbohlen, Steinplatten und luftdicht verklebten Kokosmatten. Irgendjemand hatte offenbar um jeden Preis verhindern wollen, dass jemand das freilegte, was im Erdreich unter der alten Eiche schlummerte. Dennoch ließen sich die Schatzgräber nicht beirren und stießen mühsam immer weiter vor. In rund 30 Metern Tiefe entdeckten sie schließlich eine Steinplatte mit rätselhaften Schriftzeichen, die niemand entziffern konnte.

Aber ob man Geschichten trauen kann, ist eine schwierige Frage auf Oak Island - denn davon gibt es hier jede Menge. Und in den vergangenen 220 Jahren sind es ständig mehr geworden. So lange wird hier schon gegraben, nach einem Schatz, von dem keiner weiß, was genau er eigentlich ist. Über den nur alle sicher sind: Er muss hier sein. Irgendwo.

Gesucht: Heiliger Gral - oder Wertgleiches

Ihrer Sache sicher waren sich die Heerscharen von Schatzjägern, die sich seit dem Fund der Money Pit 1795 ins Erdreich von Oak Island schaufelten, hackten, baggerten und sprengten, vor allem wegen der vielen Indizien, dass jemand vor Jahrhunderten versucht hatte, genau dies zu verhindern. Und dabei vor keinen Mühen zurückgescheut war: Jahrzehntelang scheiterten Versuche, den Schacht weiter freizulegen, daran, dass er immer wieder überflutet wurde. 1849 entdeckten Schatzsucher warum: Unter der Insel befand sich ein Tunnelsystem, das Meerwasser in die Money Pit umleitete.

Eine zwei Jahre später an der Südküste der Insel gemachte Entdeckung bekräftigte die Theorie eines ausgefeilten menschengemachten Schutzmechanismus': Unter dem Sandstrand der Bucht Smith's Cove wurde eine tonnenschwere Schicht aus Kokosmatten gefunden, die gleich einem riesigen Schwamm auch bei Ebbe Wasser speicherte und unter der eine Steinschicht ein Absickern in den Untergrund verhinderte. Weitere Ausgrabungen brachten mehrere steinerne Abflusslöcher unter dieser Kokos-Schicht zum Vorschein. Es war, als hätte jemand die Bucht zu einem riesigen Trichter mit Wasserspeicherfunktion umgebaut, der die Money Pit dauerhaft überfluten sollte.

Die Funde schienen zu belegen, dass unter der Erde von Oak Island ein gewaltiger Schatz warten müsse - wozu sonst hätte sich jemand all die Mühe machen sollen? Aus was genau dieser Schatz bestand, darüber gingen die Meinungen auseinander: Die einen vermuteten hier die sagenumwobene Beute des Piraten William Kidd, andere die des Piraten Blackbeard. Wieder andere spannen Theorien, dass unter der Insel die Bundeslade, der Schatz der Tempelritter oder gar der Heilige Gral auf ihre Finder warteten. Es kursierten sogar Gerüchte, die Reichtümer seien nicht materieller Natur, sondern bestünden aus Dokumenten von Sir Francis Bacon dazu, wer wirklich Shakespeares Werke geschrieben habe.

Abgehackte Hand im Dunkeln

Natürlich lockten solch bunte Theorien eine Flut von Schatzgräbern an, die auf dem winzigen Eiland ihr Glück suchten. Viele von ihnen waren Geschäftsleute wie die Familie von Frederick Blair, die sich Ende des 19. Jahrhunderts hier niederließ und über drei Generationen hinweg vergeblich durch das Erdreich wühlte. Andere versuchten, dem Geheimnis der Insel mit moderner Technik auf den Grund zu gehen: Etwa der kalifornische Geologe Robert Dunfield, der 1965 einen 100-Tonnen-Schaufelradbagger nach Oak Island schaffen ließ, um den Schatz zu heben - und das sündhaft teure Gerät schließlich aufgeben musste, nachdem es in knapp 40 Metern Tiefe im Schlamm versank.

Unter den Glücksrittern waren sogar Prominente: So gründete 1909 in New York eine Gruppe von Geschäftsleuten die Old Gold Salvage and Wrecking Company. Einer von ihnen war ein junger Anwalt namens Franklin D. Roosevelt, der bei der Schatzsuche zwar erfolglos blieb, als Politiker aber zum Präsident der Vereinigten Staaten aufstieg. Auch im Weißen Haus sollte Roosevelt seine Faszination für die Insel nie ganz ablegen: Als er im August 1939 Halifax besuchte, plante er, in der Mahone Bay vor Anker zu gehen, um das Voranschreiten der Schatzsuche in Augenschein zu nehmen. Doch die Spannungen des sich ausweitenden Zweiten Weltkriegs verhinderten zu seinem Bedauern die Ortsbegehung.

Auch Western-Darsteller John Wayne beteiligte sich an den Ausgrabungen - als Investor der Triton Alliance Ltd., einer Gruppe um den ehemaligen Bauunternehmer Daniel Blankenship. 1967 kauften sie kurzerhand die Insel, hoben mit enormem Aufwand einen 70 Meter tiefen Schacht aus und ließen im Oktober 1971 eine Kamera in die Dunkelheit hinab.

Auf den Monitoren, so schilderte Blankenship es 1972 dem SPIEGEL, seien in der Tiefe drei Kisten sichtbar geworden - und eine abgetrennte menschliche Hand, die sich in das Holz einer davon verkrallt habe. "Leider", so Blankenship, "war gerade der Stecker am Video-Aufnahmegerät kaputt". Daher gebe es keine Beweise. Der Schacht selbst stürzte wieder ein, sodass neue Aufnahmen nicht möglich waren. Ein finanzielles Desaster für die Gruppe, die die Ausgrabungen in den Neunzigerjahren einstellte und das Land 2005 wieder verkaufen musste.

Schatz komm' raus - du bist umzingelt!

Vieles wurde auf Oak Island über die Jahrzehnte gefunden - von Kriegsbeilen und Eisenlinealen aus dem 18. Jahrhundert und viktorianische Broschen über einen Pergamentpapierfetzen aus dem 16. Jahrhundert mit der Aufschrift "VI" bis hin zu einer Tempelrittermünze. Nur kein Schatz. Etliche Unternehmen versenkten Millionen Dollar in eine Suche nach vergrabenem Geld, die für sie zum Geldgrab wurde. Und mitunter nicht nur zum Geldgrab: 1861 verlor der erste Arbeiter sein Leben, als ein Dampfkessel am Ausgrabungsort explodiert. Fünf weitere Todesfälle folgten im Lauf der Jahre.

Auch das ist, wie so vieles auf der Insel, längst zu einer Legende verwoben worden: Sieben Menschen, so erzählt man sich an der Küste von Nova Scotia, müssen sterben, bevor der Schatz gehoben wird. Aber ob man Geschichten wirklich trauen kann, ist eine schwierige Frage auf Oak Island.

Vielleicht sind am Ende sie der Schatz dieser eigentümlichen Insel, die seit 220 Jahren die Fantasie so vieler Menschen beflügelt hat: Seit dem 5. Januar 2014 strahlt der US-Kabelsender History die auf Oak Island aufgenommene Reality-TV-Serie "The Curse of Oak Island" aus, die Schatzsucher aus aller Welt beim Absuchen, Umpflügen und Durchbohren der Insel begleitet. Offenbar ein voller Erfolg - die Serie befindet sich bereits in der dritten Staffel. Es dürfte das erste Mal sein, dass mit der Schatzinsel ernsthaft Geld gemacht wird.

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