Schatzinsel Oak Island Geldgrab der Goldgräber

Bauunternehmer, Leinwand-Cowboy oder US-Präsident - hier hat fast jeder mal den Spaten in die Hand genommen: Auf der kleinen kanadischen Insel Oak Island suchen Abenteurer seit 220 Jahren nach einem Schatz. Ohne zu wissen, wonach sie eigentlich graben.

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Glaubt man den Geschichten, fing der ganze Ärger mit drei Jungen und ihrem Kanu an. Eines Nachts im Jahr 1795 sollen sie an der Atlantikküste der heutigen kanadischen Provinz Nova Scotia seltsame Lichter auf Oak Island gesehen haben, einer der 360 kleinen, bewaldeten Inseln in der Mahone Bay. Sie ruderten hinüber und entdeckten eine auffällige Senke auf einer Lichtung, über der am Ast einer Eiche eine alte Seilwinde angebracht war.

Die drei Jungen begannen zu graben - und stießen auf einen Schacht. Allerdings war der alle paar Meter verschlossen durch Sperren aus Eichenbohlen, Steinplatten und luftdicht verklebten Kokosmatten. Irgendjemand hatte offenbar um jeden Preis verhindern wollen, dass jemand das freilegte, was im Erdreich unter der alten Eiche schlummerte. Dennoch ließen sich die Schatzgräber nicht beirren und stießen mühsam immer weiter vor. In rund 30 Metern Tiefe entdeckten sie schließlich eine Steinplatte mit rätselhaften Schriftzeichen, die niemand entziffern konnte.

Aber ob man Geschichten trauen kann, ist eine schwierige Frage auf Oak Island - denn davon gibt es hier jede Menge. Und in den vergangenen 220 Jahren sind es ständig mehr geworden. So lange wird hier schon gegraben, nach einem Schatz, von dem keiner weiß, was genau er eigentlich ist. Über den nur alle sicher sind: Er muss hier sein. Irgendwo.

Gesucht: Heiliger Gral - oder Wertgleiches

Ihrer Sache sicher waren sich die Heerscharen von Schatzjägern, die sich seit dem Fund der Money Pit 1795 ins Erdreich von Oak Island schaufelten, hackten, baggerten und sprengten, vor allem wegen der vielen Indizien, dass jemand vor Jahrhunderten versucht hatte, genau dies zu verhindern. Und dabei vor keinen Mühen zurückgescheut war: Jahrzehntelang scheiterten Versuche, den Schacht weiter freizulegen, daran, dass er immer wieder überflutet wurde. 1849 entdeckten Schatzsucher warum: Unter der Insel befand sich ein Tunnelsystem, das Meerwasser in die Money Pit umleitete.

Oak Island, Nova Scotia, Kanada

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Eine zwei Jahre später an der Südküste der Insel gemachte Entdeckung bekräftigte die Theorie eines ausgefeilten menschengemachten Schutzmechanismus': Unter dem Sandstrand der Bucht Smith's Cove wurde eine tonnenschwere Schicht aus Kokosmatten gefunden, die gleich einem riesigen Schwamm auch bei Ebbe Wasser speicherte und unter der eine Steinschicht ein Absickern in den Untergrund verhinderte. Weitere Ausgrabungen brachten mehrere steinerne Abflusslöcher unter dieser Kokos-Schicht zum Vorschein. Es war, als hätte jemand die Bucht zu einem riesigen Trichter mit Wasserspeicherfunktion umgebaut, der die Money Pit dauerhaft überfluten sollte.

Die Funde schienen zu belegen, dass unter der Erde von Oak Island ein gewaltiger Schatz warten müsse - wozu sonst hätte sich jemand all die Mühe machen sollen? Aus was genau dieser Schatz bestand, darüber gingen die Meinungen auseinander: Die einen vermuteten hier die sagenumwobene Beute des Piraten William Kidd, andere die des Piraten Blackbeard. Wieder andere spannen Theorien, dass unter der Insel die Bundeslade, der Schatz der Tempelritter oder gar der Heilige Gral auf ihre Finder warteten. Es kursierten sogar Gerüchte, die Reichtümer seien nicht materieller Natur, sondern bestünden aus Dokumenten von Sir Francis Bacon dazu, wer wirklich Shakespeares Werke geschrieben habe.

Abgehackte Hand im Dunkeln

Natürlich lockten solch bunte Theorien eine Flut von Schatzgräbern an, die auf dem winzigen Eiland ihr Glück suchten. Viele von ihnen waren Geschäftsleute wie die Familie von Frederick Blair, die sich Ende des 19. Jahrhunderts hier niederließ und über drei Generationen hinweg vergeblich durch das Erdreich wühlte. Andere versuchten, dem Geheimnis der Insel mit moderner Technik auf den Grund zu gehen: Etwa der kalifornische Geologe Robert Dunfield, der 1965 einen 100-Tonnen-Schaufelradbagger nach Oak Island schaffen ließ, um den Schatz zu heben - und das sündhaft teure Gerät schließlich aufgeben musste, nachdem es in knapp 40 Metern Tiefe im Schlamm versank.

Unter den Glücksrittern waren sogar Prominente: So gründete 1909 in New York eine Gruppe von Geschäftsleuten die Old Gold Salvage and Wrecking Company. Einer von ihnen war ein junger Anwalt namens Franklin D. Roosevelt, der bei der Schatzsuche zwar erfolglos blieb, als Politiker aber zum Präsident der Vereinigten Staaten aufstieg. Auch im Weißen Haus sollte Roosevelt seine Faszination für die Insel nie ganz ablegen: Als er im August 1939 Halifax besuchte, plante er, in der Mahone Bay vor Anker zu gehen, um das Voranschreiten der Schatzsuche in Augenschein zu nehmen. Doch die Spannungen des sich ausweitenden Zweiten Weltkriegs verhinderten zu seinem Bedauern die Ortsbegehung.

Auch Western-Darsteller John Wayne beteiligte sich an den Ausgrabungen - als Investor der Triton Alliance Ltd., einer Gruppe um den ehemaligen Bauunternehmer Daniel Blankenship. 1967 kauften sie kurzerhand die Insel, hoben mit enormem Aufwand einen 70 Meter tiefen Schacht aus und ließen im Oktober 1971 eine Kamera in die Dunkelheit hinab.

Auf den Monitoren, so schilderte Blankenship es 1972 dem SPIEGEL, seien in der Tiefe drei Kisten sichtbar geworden - und eine abgetrennte menschliche Hand, die sich in das Holz einer davon verkrallt habe. "Leider", so Blankenship, "war gerade der Stecker am Video-Aufnahmegerät kaputt". Daher gebe es keine Beweise. Der Schacht selbst stürzte wieder ein, sodass neue Aufnahmen nicht möglich waren. Ein finanzielles Desaster für die Gruppe, die die Ausgrabungen in den Neunzigerjahren einstellte und das Land 2005 wieder verkaufen musste.

Schatz komm' raus - du bist umzingelt!

Vieles wurde auf Oak Island über die Jahrzehnte gefunden - von Kriegsbeilen und Eisenlinealen aus dem 18. Jahrhundert und viktorianische Broschen über einen Pergamentpapierfetzen aus dem 16. Jahrhundert mit der Aufschrift "VI" bis hin zu einer Tempelrittermünze. Nur kein Schatz. Etliche Unternehmen versenkten Millionen Dollar in eine Suche nach vergrabenem Geld, die für sie zum Geldgrab wurde. Und mitunter nicht nur zum Geldgrab: 1861 verlor der erste Arbeiter sein Leben, als ein Dampfkessel am Ausgrabungsort explodiert. Fünf weitere Todesfälle folgten im Lauf der Jahre.

Auch das ist, wie so vieles auf der Insel, längst zu einer Legende verwoben worden: Sieben Menschen, so erzählt man sich an der Küste von Nova Scotia, müssen sterben, bevor der Schatz gehoben wird. Aber ob man Geschichten wirklich trauen kann, ist eine schwierige Frage auf Oak Island.

Vielleicht sind am Ende sie der Schatz dieser eigentümlichen Insel, die seit 220 Jahren die Fantasie so vieler Menschen beflügelt hat: Seit dem 5. Januar 2014 strahlt der US-Kabelsender History die auf Oak Island aufgenommene Reality-TV-Serie "The Curse of Oak Island" aus, die Schatzsucher aus aller Welt beim Absuchen, Umpflügen und Durchbohren der Insel begleitet. Offenbar ein voller Erfolg - die Serie befindet sich bereits in der dritten Staffel. Es dürfte das erste Mal sein, dass mit der Schatzinsel ernsthaft Geld gemacht wird.

Zum Autor
  • Danny Kringiel (Jahrgang 1977) fand 2010 zu einestages - nach Umwegen über Lehrerausbildung und Computerspiel-Doktorarbeit. Liebt seinen Bass, fürchtet kandierten Ingwer und begeistert sich für Film, Musik und groben Unfug.

    E-Mail: Danny.Kringiel@spiegel.de

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Michael Bähre, 09.12.2015
1. Bodenlose Erwartungen
Interessant, aber auch irgendwie widersinnig. Wenn da wirklich jemand so gewitzt und mit solchem Aufwand einen Schatz verbuddelt haben sollte, müsste man doch annehmen, dass er auch daran gedacht haben wird ihn mal wieder bergen zu wollen. Was offenbar schwierig ist. Hat er sich da also wohmöglich selbst ein Bein gestellt? Oder hat diese Grube einen ganz anderen Hintergrund? Vielleicht handelt es sich um die berühmte "bottomless Pit", die irgendwelche besorgte Bürger sichern wollten, damit keine tollpatschigen Zeitgenossen hinein stolpern. Oder das Tor zur Hölle, das man also vielleicht lieber nicht öffnen sollte - obwohl man sich fragen muss, was da unten noch lauern könnte, was es in Syrien, dem Irak oder auch in Sachsen oder auf RTL2 noch nicht gibt. Vielleicht handelt es sich aber auch nur um eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für fanatische, von unbändiger Gier getriebene Schatzbuddler, initiiert bereits vor Jahrhunderten von besonders weitsichtigen Scherzbolden. Vielleicht ist dieses Loch aber auch der Abfluss für den, durch die Erderwärmung steigenden Meeresspiegel. Also doch lieber weiterbuddeln!
Franz Müller, 09.12.2015
2. Spannend
Spannende Geschichte, auch wenn ich es kaum glauben kann, dass man mit den investierten Millionen nicht mehr Ergebnisse hinbekommen kann. Mit professionellem Schachtbau sollte das eigentlich bewältigbar sein? Ich werde mir wohl mal etwas mehr dazu anlesen... Ich kenne die Topografie dort überhaupt nicht, aber Kokosmatten auf Stein mit Erde ummantelt könnte ja fast ein versuch eines Deiches sein?
Bernd Krüger, 09.12.2015
3. Nette Geschichte, die ich aber schon öfter gelesen habe.
Unabhängig, ob es einen Schatz gibt oder nicht: Wenn die baulichen Anlagen unter dieser Insel wirklich existieren (Kokosmattenfliese, Flutschächte etc.) bleibt die Frage ungeklärt, wer hat diese errichtet? Wer in der jüngeren Geschichte hatte die technischen Möglichkeiten solch umfangreiche Baumaßnahmen unterhalb des Meeresspiegels durchzuführen? Ein Pirat, der einen großen Schatz verstecken will, "fliegt" doch dazu, vor 200 Jahren (!), keine Technik-Crew ein, die dann eine Sicherungsleistung vollbringt, an der sich heute Baufachleute mit moderner Technik noch die Zähne ausbeißen? Da wäre sein Schatz nach dem Bau weg . . . vielleicht ist ja genau das passiert :-) Die Schatzkammer ist fertig, doch das Gold ist ausgegeben.
Franz Müller, 10.12.2015
4. Erstaunlich
Ich finde es erstaunlich, dass es trotz der Unsummen nicht möglich war einen sauberen Schacht mit stabiler Wandverkleidung zu graben. Dann noch Spundwände in den Boden rammen und eine Pumpe rein und das Problem sollte schnell erledigt sein. Würde mich reizen mit einem Schachtbauer da mal zu graben...
Dirk Müller-Paul, 10.12.2015
5. Märchenkram
Aaaach...so vergräbt man doch keinen Schatz. Das ist doch Märchenkram. Das System sieht SEHR nach einem Bewässerungssystem aus, d.h. man hat den Sand, die Kokosmatten und Steine zur Filterung von Wasser (Regen? Meerwasser? Sumpfwasser?) verwendet, das über die Tunnel und Schächte an anderer Stelle genutzt werden sollte. Höchstwahrscheinlich hat irgendein Siedler die Insel agrartechnisch nutzen wollen und hat dazu mehr Süsswasser gebraucht, als an Regen gefallen ist. Solche unterirdischen Kanäle gibt es in nahöstlichen Ländern zu tausenden, so wurden die Oasen und Städte versorgt. Alle Berichte über Kisten, angehackte Hände und zufällig defekte Geräte sind doch Lügenmärchen.
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