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Oasis gegen Blur - der große Hype

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Chris Pizzello/ AP

Oasis vs. Blur Das große Duell des Britpop

Wer ist der König des Pop? Londoner Schnösel gegen Rüpel aus Manchester - es war auch ein Stück Klassenkampf. Als vor 25 Jahren Blur und Oasis um die Krone stritten, fieberten die Briten mit.

Heute, ein Vierteljahrhundert später, erscheint dieser Showdown wie eine Comedy-Nummer. Der Plot: die wirtschaftliche Performance zweier Bandgiganten in einen Wettbewerb zu verwandeln, ausgetragen nach den Regeln eines Boxkampfs. Mit Punktevergabe, Trash Talk und etwas Lokalkolorit.

Als "Battle of Britpop" ging das Duell in die jüngere Musikgeschichte ein. Denn exakt zeitgleich am 14. August 1995 erschienen zwei Singles: "Country House" von Blur und "Roll With It" von Oasis.

In der einen Ecke also die Feingeister um Damon Albarn, Sohn eines Multimedia-Künstlers. Die Londoner Band Blur variierte in ihren ironischen Liedern die Vermächtnisse der Kinks und der frühen Pink Floyd, aber auch von David Bowie und den Ska-Spezialisten Madness.

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In der anderen Ecke die Lads aus Manchester, die Beatles-Melodien weiterentwickelten - im eher gradlinigen Oasis-Jargon, wie etwa in ihrem Song "Supersonic" vom 1994er Debütalbum "Definitely Maybe". "I'm feeling supersonic / give me gin and tonic", forderte Sänger Liam Gallagher.

Große Kontraste boten die Rivalen auf, fast ein Gemälde der britischen Gesellschaft, so wirkte es jedenfalls: Bildungsbürgertum vs. Arbeiterklasse. Distinguierter Habitus vs. Pub-Philosophie. Nobles Südengland vs. rustikales Nordengland. Zudem waren Blur beim Plattenriesen EMI unter Vertrag, Oasis dagegen ein Gewächs des Undergroundlabels Creation Records.

Very british

1995 war Rock'n'Roll noch Verkaufsschlager. "British Heavyweight Championship" druckte der "New Musical Express" (NME) auf seine Titelseite, klinkte Silhouetten von zwei Boxern ein, leitete mit Tusch und Trommelwirbel den Kampf ein. Als Redakteur des auflagenstarken Musikmagazins schrieb Steve Sutherland die ewige Geschichte über Twentysomethings in großen Bands fort. "Ich war immer ein großer Fan der Rock-und-Pop-Seifenoper, also haben wir ein Ereignis daraus gemacht", sagte er 2019 über den journalistischen Coup.

Die "NME"-Story fand enormes Echo, selbst die alte Tante BBC stimmte ein. Der "Battle of Britpop" war nun eine nationale Angelegenheit. Den Soundtrack zu den Jahren 1994 bis 1996 lieferten konkurrierende Bands wie Blur und Oasis, dazu ältere Semester wie die Wegbereiter von Suede oder die zerstreuten Bohemiens von Pulp, ebenso Epigonen wie Echobelly, Gene und Shed Seven.

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Ins Feld geführt hatten sie Bosse einer Plattenindustrie, die in der Renaissance britischer Popmusik das große Geschäft witterten. Ihr Businessplan: die Übermacht der US-Importe in den Charts zu brechen, darunter Grungerocker aus Seattle, Rapper von der East- und Westcoast, glanzvolle R'n'B-Sängerinnen und -sänger. Dahinter steckte auch eine Sehnsucht nach den goldenen Zeiten der British Invasion, als umgekehrt Bands von der Insel in den Sechzigerjahren die US-Charts stürmten - die Beatles und die Rolling Stones, The Kinks, The Who, The Animals, Cream und viele mehr.

Auf das Fernduell 1995 im Plattenhandel ließen Blur und Oasis sich in Abstimmung mit ihren Managern ein. Dabei war die Veröffentlichung von "Country House" und "Roll With It" am selben Tag eigentlich ein Tabubruch - keine kalendarischen Kollisionen, lautete bis dato das Gentleman's Agreement der Musikmagnaten. Selbst in den wilden Sechzigerjahren erschienen Hits der Beatles und der Stones nie zeitgleich, damit die Zugpferde einander nicht steile Chart-Notierungen und viel Geld wegnahmen.

Und der Gewinner ist...

Am Ende der Woche war diese Schwergewichtsmeisterschaft des Sommers '95 entschieden: Blur hatten von ihrer Pop-Petitesse "Country House" 274.000 Einheiten verkauft, Oasis vom heiseren Rock-Standard "Roll With It" nur 216.000 - Platz 1 und Platz 2 der Single-Charts.

Aber warum hatten sich die Bands auf den Wettstreit überhaupt eingelassen - und setzten Mammon und eine Nummer-1-Platzierung aufs Spiel? Trieb sie wirklich nur sportlicher Ehrgeiz?

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Oasis gegen Blur - der große Hype

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Chris Pizzello/ AP

Vor allem Großbritanniens berüchtigte Boulevardzeitungen streuen seitdem immer neue Gerüchte über persönliche Motive. Erst recht derzeit zum Jubiläum des Battle of the Bands. Sonst berichten die Blätter über Krach im Buckingham Palace, Promi-Urlaube oder auch die böse EU. Ebenso sind sie aber emsige Britpop-Geschichtsschreiber.

  • Die "Sun" etwa schreibt von einem "kokaingetriebenen Liebesdreieck". Demnach sollen die Sänger Liam Gallagher und Damon Albarn dieselbe Geliebte gehabt haben, just im Trubeljahr 1995 - diese amouröse Verstrickung habe die Rivalität ausgelöst.

  • Der "Mirror" bringt dagegen eine grobe Beleidigung ins Spiel: Die Oasis-Geschwister Gallagher sind seit Ewigkeiten verfeindet. In einem Tweet vom 26. April drängte Liam Gallagher seinen Bruder Noel in die Rolle des Unholds und kramte eine alte Eskapade hervor. Noel, damals Oasis-Songwriter, hatte Damon Albarn in einem "Observer"-Interview gewünscht, er solle an Aids sterben. Der Haken: Dieser Aussetzer kann den Streit nicht entflammt haben, weil die rüden Worte in einem "Observer"-Interview fielen, das erst im September 1995 publik wurde - da war die Britpop-Schlacht schon geschlagen. Von einer Eifersuchtsgeschichte wollte Liam dagegen nichts wissen.

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  • Eine andere Theorie lieferte 2019 der "New Musical Express" mit Zeitzeugen aus der Plattenbranche, Autor Steve Sutherland und einigen Musikern. Es geht um eine Party von Creation Records, als die Gallaghers und ihre Bandkollegen in der Zentrale des Oasis-Labels den Erfolg ihrer Single "Some Might Say" feierten. Zur Sause kreuzte auch Albarn samt Begleitung auf. Liam Gallagher soll den Blur-Sänger angepöbelt haben, ebenso Albarns damalige Freundin Justine Frischmann, Sängerin der rauen Londoner Band Elastica. Das habe Albarn nicht auf sich sitzen lassen wollen - so erinnert sich Blur-Produzent Stephen Street. Die Rache sei dann die zeitgleiche Veröffentlichung von "Country House" gewesen.

Pop, Patriotismus & Politik

Somit kursieren mehrere Versionen zur Zwistentstehung. Womöglich hat auch das Erinnerungsvermögen der Beteiligten gelitten im Dunst von Sex, Drugs & Britpop - und überschüssigem Testosteron. Am Ende war die ganze Show sowieso Vorspiel: für eine politische Zeitenwende. Denn sie antizipierte den folgenden "Cool Britannia"-Hype. Ein Nährboden war exakt jener Patriotismus, der die kollektive Begeisterung über die beiden britischen Musikprojekte entfacht hatte.

In der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre vermählten sich Pop und Politik wie einst nur Kirche und Krone. Da waren die Lightning Seeds - ihre "Three Lions"-Hymne machte die Fußball-EM 1996 in England fast zu einem Erweckungserlebnis. Oder Spice-Girls-Sängerin Geri Halliwell, die bei einer Brit-Awards-Verleihung mit ihrem knappen Union-Jack-Kleid verblüffte.

Und dann wurde 1997 Tony Blair zum Premier. Der Neuling hatte diesen Pop-Appeal, entlehnt aus den Swinging Sixties, zum emotionalen Stil seiner New-Labour-Bewegung gemacht. Als er seinen Einzug in die Downing Street feierte, gratulierte auch Noel Gallagher, in der Hand eine Sektflöte.

Beim "Battle of Britpop" war Klassenkampf noch als folkloristische Soap inszeniert - das Echo einer Vergangenheit, die man überwunden glaubte, weil das neue, postmoderne Großbritannien die historischen Antagonisten, das Bürgertum und die Working Class, einen würde. Die Hoffnung trog: Unter der Blair-Regierung vergrößerte sich die soziale Ungleichheit.

Dass die Britpop-Narrative teils Fiktionen waren, zeigen auch die Biografien der Musiker. So war Blur in der Rolle der Schnösel aus der Londoner Bourgeoisie fehlbesetzt. Damon Albarn, Gitarrist Graham Coxon und Schlagzeuger Dave Rowntree lebten als Teenager in der provinziellen Kleinstadt Colchester. In ihrer Frühphase, noch unter dem Bandnamen Seymour, intonierten sie zudem struppigen Post Punk. Nicht gerade typische Eckpfeiler einer Jugend mit goldenem Löffel.

Am Ende waren Oasis die Champions

Die Fehde zwischen Blur und Oasis erzählt daher auch von einer britischen Jugendkultur, die von großspurigem Sensationsjournalismus und einer nervösen Musikindustrie aufgerieben wurde. Dem feinnervigen Graham Coxon setzte das zu. Als Blur im Londoner Soho House die No 1. von "Country House" feierten, wollte er aus dem Fenster springen, aus dem sechsten Stock. Albarn konnte ihn zurückhalten.

Im Oasis-Lager wendete sich das Schicksal zumindest in ökonomischer Hinsicht: Im Herbst 1995 erschien ihr epochales Album "(What's the Story) Morning Glory?". Mit weltweit über 22 Millionen Exemplaren zählt es heute zu den fünf meistverkauften Alben der britischen Geschichte. "Roll With It" verblasste auf diesem Kaleidoskop wuchtiger Songs wie "Don't Look Back in Anger", "Champagne Supernova" oder der Hymne "Wonderwall". 1997 konnten Oasis mit ihrem nächsten Album "Be Here Now" nur noch ansatzweise an diesen Erfolg anknüpfen.

Blur hatten 1997 einen Riesenhit mit "Song 2", bis heute eine Instant-Dröhnung bei vielen Sportveranstaltungen. Aber das Album "The Great Escape" vom Herbst 1995 verfehlte die erwarteten Superlative. "Country House" war der zweite Track - ein etwas blutarmes Stück über einen Großstadt-Workaholic, der in einem Landhaus zur Ruhe kommen will, mittels Prozac und Balzac-Lektüre.

Damon Albarn nannte später einmal beide Songs, die zu den Maßeinheiten eines skurrilen Wettbewerbs geworden waren, "scheiße".

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