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Jörg Haider: Der Wegbereiter der Rechtspopulisten

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Österreichs Rechtsaußen Jörg Haider Der Grenzgänger

In Österreich regiert seit einem Jahr die rechte FPÖ wieder mit. Bei ihrem Aufstieg spielte der 2008 verstorbene Jörg Haider eine Hauptrolle. Wie konnte der Populist und Provokateur so erfolgreich werden?

Als Schneemassen vergangene Woche viele Tausend Menschen in Österreich einschlossen, forderte der Wiener FPÖ-Politiker Johann Gudenus: Auch Asylbewerber, "die anscheinend vor Gefahren flüchten" und in Österreich "Schutz und Geborgenheit gefunden haben", sollten Schnee schaufeln. "Wir gewähren diesen Menschen Schutz und versorgen sie, daher ist es nicht zu viel verlangt, dass sie dem Land auch etwas zurückgeben", sagte er. Ihre Arbeit solle natürlich freiwillig und unbezahlt sein.

Es war eine typische Aussage für die FPÖ: Egal, was das Thema ist, irgendwie einen Zusammenhang zu Ausländern, Migranten, Flüchtlingen herstellen und polternd etwas fordern - die Zustimmung nicht weniger Leute ist ihr gewiss. Und ebenso sicher ist, dass österreichische Medien darüber berichten oder zumindest in den sogenannten sozialen Medien debattiert wird.

Ein Meister und Wegbereiter dieser Politik war Jörg Haider. Eine Dokumentation beim Sender SPIEGEL Geschichte zeichnet am Dienstagabend Haiders Aufstieg und die Rückschläge anhand der Aussagen von politischen Freunden wie Gegnern nach.

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Die Dokumentation "Jörg Haider - Tod eines Grenzgängers" läuft am Dienstag, 22. Januar 2019, um 21:10 Uhr auf dem Pay-TV Sender SPIEGEL Geschichte, der über Sky zu empfangen ist.

Klar ist: Haider, der 2008 bei einem Autounfall starb, wird bis heute von vielen Österreichern verehrt. Er stammte aus einfachen Verhältnissen, wuchs im Salzkammergut auf als Sohn eines Vaters, der einst ein glühender Anhänger der Nationalsozialisten war. Haider zeigte in seinem politischen Leben immer Verständnis für diese Menschen. Seine Sympathien lagen bei den früheren Wehrmachtsoldaten und Nazis, nicht bei deren Opfern.

Später hielt Haider senior zur FPÖ, dort fiel sein Sohn auf: intelligent, redegewandt, charismatisch, mit der Gabe, Menschen für sich einzunehmen. Er war ehrgeizig, wollte im Mittelpunkt stehen und den Ton angeben - geliebt oder gehasst, nur nicht ignoriert. Er war Grenzgänger, Provokateur, Menschenfänger und als solcher bei vielen beliebt. Sie fühlten sich von ihm ernst und wichtig genommen, auch weil er die Fähigkeit besaß, sich Namen und Gesichter zu merken. Traf er jemanden nach Monaten oder auch Jahren wieder, begrüßte er diese Person mit Handschlag und Namen.

"Ab heute wird er der Adoptivsohn von Adolf Hitler werden"

1983 kam die FPÖ, bis dahin eine eher liberale Partei, erstmals gemeinsam mit der sozialdemokratischen SPÖ an die Regierung. Der junge, selbstbewusste Haider wollte das Amt des Sozialministers und lehnte das Angebot ab, Staatssekretär zu werden. Stattdessen zog es ihn ins Bundesland Kärnten; als Chef der Landes-FPÖ kritisierte er fortan den seiner Meinung nach zu liberalen Kurs der Bundespartei mit oft harschen Worten. Hauptsache, er fand in den überregionalen Medien statt.

Während fast zeitgleich in Deutschland die Republikaner aufstiegen und Franz Schönhuber den Vorsitz an sich riss, wagte in Österreich Haider 1986 die innerparteiliche Revolte. Er kandidierte gegen Parteichef und Vizekanzler Norbert Steger - und gewann mit 55 Prozent der Delegiertenstimmen. Noch beim Parteitag warnte ein innerparteilicher Kritiker: "Ab heute wird er der Adoptivsohn von Adolf Hitler werden. Ab heute wird man uns diffamieren als Rechtsextreme."

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Jörg Haider: Der Wegbereiter der Rechtspopulisten

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Es war der Beginn des Rechtspopulismus, wie wir ihn heute kennen. Mit nationalistischen Tönen brachte Haider die Regierungskoalition, an der seine eigene Partei beteiligt war, zum Zerbrechen. Der Erfolg schien ihm recht zu geben: Von Wahl zu Wahl gewann die FPÖ, bis kurz vor seiner Übernahme der Partei noch an einem Tiefpunkt, hinzu. Haider konzentrierte sich derweil auf Kärnten und wurde dort Regierungschef. Landeshauptmann, wie es in Österreich heißt, war er zweimal, von 1989 bis 1991 und von 1999 bis zu seinem Tod 2008.

Haider war ein Stehaufmännchen: Nach Niederlagen gab er nicht auf, sondern nahm die Opferrolle ein und trat dann umso kämpferischer auf. Viele seiner Fans bewunderten das an ihm und sahen über seine Fehler hinweg. So endete seine erste Amtszeit als Landeshauptmann, weil er im Kärntner Landtag in einer Debatte um ein Beschäftigungsprogramm auf SPÖ-Zwischenrufe sagte: "Na, das hat's im Dritten Reich nicht gegeben, weil im Dritten Reich haben sie ordentliche Beschäftigungspolitik gemacht, was nicht einmal Ihre Regierung in Wien zusammenbringt. Das muss man auch einmal sagen!"

Stimmengewinne durch rassistische Sprüche

Haider musste zurücktreten. Er sagte, er bereue seine Worte. Tat er es wirklich? Der spätere Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) sagt in der TV-Doku über Haider: "Dann ist er einmal gefragt worden, wen er für den größten politischen Verbrecher des 20. Jahrhunderts hält, und da ist ihm der Name Hitler nicht eingefallen." Das habe es ihm, Vranitzky, "unmöglich gemacht, ihn zu einer Regierungszusammenarbeit einzuladen".

Haider, der immer wieder in großdeutsche Fantasien verfiel, sagte auch: "Das wissen Sie so gut wie ich, dass die österreichische Nation eine Missgeburt gewesen ist, eine ideologische Missgeburt." In einer Rede verharmloste er die Vernichtungslager der Nationalsozialisten als "Straflager"; Haider sagte auch, der Waffen-SS als Teil der Wehrmacht komme "alle Ehre und Anerkennung zu". Er erkannte, dass er mit Ausländerfeindlichkeit ohne Aufwand viele Stimmen gewinnen und mit Grenzüberschreitungen für Aufmerksamkeit sorgen konnte.

Aber als Rechtspopulist, gar rechtsextrem, sah Haider sich selbst nicht: "Das einzige Braune an mir ist, wenn ich einen Kärntner Anzug trage, und den trage ich eigentlich mit Begeisterung." Oder: "Wir sind nicht ausländerfeindlich, aber wir sind inländerfreundlich." Er bog sich seine eigene Realität zurecht. Wirtschaftlich konnte er es sich erlauben, da er Ländereien im Bärental in Kärnten geerbt hatte, die einst einer jüdischen Familie gehört hatten und nach dem "Anschluss" Österreichs "arisiert" worden waren.

Im Jahr 2000 kam die FPÖ erneut an die Bundesregierung, diesmal mit der ÖVP. Doch nun hagelte es international Proteste mit diplomatischen Sanktionen gegen Österreich durch die EU-Staaten und andere Länder. Der Druck auf Haider war enorm. Überraschend trat er als FPÖ-Chef zurück, übernahm kein Amt in der Bundesregierung, sondern zog sich wieder in die Landespolitik zurück.

Es drängte ihn zurück in die erste Reihe

In Kärnten blieb er der große Held, ertrug einen Platz in der zweiten Reihe aber schwer. Also machte er Schlagzeilen mit Besuchen bei Muammar al-Gaddafi und Saddam Hussein, Feinden der USA. Und abermals versuchte er zu zerstören, was er geschaffen hatte, weil er nicht mehr ganz vorn mitspielen durfte: Er trennte sich von der FPÖ und gründete 2005 die Partei "Bündnis Zukunft Österreich" (BZÖ).

Mit der BZÖ strebte Haider zurück in die Bundespolitik, als er in der Nacht zum 11. Oktober 2008 - mit 1,8 Promille Alkohol im Blut und stark überhöhter Geschwindigkeit - auf dem Heimweg war und sein Auto von der Straße abkam. Er starb auf dem Weg ins Krankenhaus.

Schon mit Beginn seines Aufstiegs hatten die Medien alles, was Haider bot, dankbar aufgegriffen. Kein anderer Politiker war so oft auf den Titeln österreichischer Magazine und Zeitungen abgebildet. ÖVP-Politiker Andreas Khol sagt: "Ein Haider auf dem Cover war zehn Prozent mehr Verkauf. Und deswegen war er so oft auf dem Cover." Haider hat vorgemacht, wie man als Rechtspopulist erfolgreich wird: Aufmerksamkeit um fast jeden Preis, Grenzüberschreitungen, die Perfektion der Opferrolle, das Schaffen eines Feindbildes, "alternative Wahrheiten".

Die heutige FPÖ gilt manchen als noch rechter als zu Zeiten Haiders, weil sie inzwischen von Burschenschaften durchdrungen ist und "Identitäre" erfolgreich Einfluss auf ihre Politik ausüben. Andere sehen sie als liberaler als unter Haider, weil der jetzige FPÖ-Chef und einstige Haider-Gegenspieler Heinz-Christian Strache sich um gemäßigtere Töne bemühe. Tatsache ist, wie man an der Forderung Johann Gudenus' sieht, dass Flüchtlinge Schnee schaufeln sollten: Die FPÖ hat viel von Jörg Haider gelernt.