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Whistleblowerin Katharine Gun: "Ich war so nervös!"

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Whistleblowerin Katharine Gun "Ich fürchtete, sie könnten meine Gedanken lesen"

Uno-Mitgliedstaaten sollten erpresst werden, um den Irakkrieg durchzuboxen: 2003 deckte Katharine Gun schmutzige Spiele der Geheimdienste auf und bezahlte dafür einen hohen Preis. War es das wert?

Zwölf Jahre nach dem Golfkrieg 1991 plante die Bush-Regierung der Vereinigten Staaten Anfang 2003 eine Invasion im Irak. Die USA wollten mit ihrem engsten Verbündeten Großbritannien und internationaler Unterstützung Diktator Saddam Hussein stürzen - und stand unter massivem Rechtfertigungsdruck: So präsentierte US-Außenminister Colin Powell vor dem Sicherheitsrat der Uno am 5. Februar angebliche Beweise für irakische Massenvernichtungswaffen; der britische Premier Tony Blair assistierte mit ähnlichen Behauptungen.

Kurz zuvor verschickte Frank Koza vom US-Geheimdienst NSA eine Topsecret-Mail und bat unverblümt seine Kollegen des britischen GCHQ um illegale Amtshilfe: "Wie ihr inzwischen wohl wisst, startet die Agency eine Abhörwelle gegen Uno-Sicherheitsratsmitglieder (minus GB und USA natürlich)...". Gewünscht sei "die ganze Bandbreite an Informationen", die helfen könnten, einen Krieg gegen den Irak durchzusetzen, schrieb Koza am 31. Januar 2003. Erpresst werden sollten sechs stimmberechtigte Uno-Mitglieder.

Die Mail las auch Katharine Gun. Die Übersetzerin beim GCHQ druckte sie aus und spielte sie der Zeitung "The Observer" zu. Auch Gun konnte den Kriegsbeginn nicht verhindern - aber sie löste damit einen Skandal und weltweite Empörung aus. Für den früheren Whistleblower Daniel Ellsberg war die Mail "der wichtigste und mutigste Leak, den ich je gesehen habe". Nun kommt am 21. November der Spielfilm "Official Secrets" zu Katharine Guns couragierter Aktion in die deutschen Kinos.

SPIEGEL: Seit Wochen redet die Welt über den Whistleblower, der die Ukraineaffäre auslöste. Können Sie als einstige Whistleblowerin sich ausmalen, wie es dem Mann oder der Frau gerade geht?

Gun: Ich möchte diesen Fall nicht gern kommentieren, dazu ist die Situation noch zu unklar. Aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen: Ich fühlte mich damals völlig isoliert. Unwissend, wem ich trauen kann, was die Folgen meines Handelns sind. Das war sehr aufreibend.

SPIEGEL: Dann dürfte auch der Film "Official Secrets" bei Ihnen einen Flashback ausgelöst haben.

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Whistleblowerin Katharine Gun: "Ich war so nervös!"

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Gun: Nicht so sehr einen Flashback. Ich kann heute viel besser mit dieser Sache umgehen als vor zehn Jahren. Der Film war für mich so, als würde ich die Geschichte von jemand anderem verfolgen, die meiner Geschichte sehr ähnelt. Ich bin sehr glücklich, dass es diesen Film gibt. Heute haben wir ein viel klareres Bild, was damals passiert ist. Zugleich sind immer noch viele Fragen ungeklärt.

SPIEGEL: Welche?

Gun: Etwa die nach der Beziehung zwischen den Geheimdiensten NSA und GCHQ. Das ist eine superpolitische Frage: Handelten sie unabhängig? Oder auf Weisungen, über offizielle Kanäle?

SPIEGEL: Die Affäre begann mit einer Mail. Darin bat die NSA den GCHQ um Hilfe beim Abhören in der Uno. Mitglieder im Sicherheitsrat sollten erpresst werden, damit sie für den Irakkrieg stimmten. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das lasen?

Gun: Mir war schon vorher bewusst, dass uns beim Irakkrieg nicht die Wahrheit gesagt wurde und viele Journalisten leider nicht hinterfragten, was die Politiker behaupteten. Ich hatte selbst recherchiert und war zum Schluss gekommen, dass es keine Rechtfertigung für eine Irakinvasion gab. Als ich die Mail las, war für mich eine rote Linie überschritten.

SPIEGEL: Inwiefern?

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Gun: Die Mail legte offen, was sich hinter der Bühne abspielte. Es schockierte mich, wie unverfroren die Politik die Abstimmung manipulieren wollte. Mir war klar: Das ist Munition für die Gegner eines Kriegs. Leider haben die britischen Politiker diese Chance später nicht ergriffen. Das ärgert mich. Wenn man doch einen Beweis hat, sollte man ihn nutzen!

SPIEGEL: Was machten Sie, nachdem Sie die Mail gelesen hatten?

Gun: Ich sah sie am Freitag und dachte das ganze Wochenende darüber nach. Ich sprach mit niemandem darüber, nicht mal mit meinem Ehemann.

SPIEGEL: Klingt nach einem schlaflosen Wochenende.

Gun: Es ist schwer zu beschreiben. Ich fühlte mich, als wäre ich plötzlich in einer fremden Welt gelandet, wie im "Zauberer von Oz". Es schien, als sei niemandem bewusst, was gerade passierte - nur mir. Ich war so nervös. Die Mail zu leaken, war strafbar. Ich fürchtete, der GCHQ könnte mein schlechtes Gewissen spüren, sie könnten meine Gedanken lesen.

SPIEGEL: Und doch handelten Sie.

Gun: Es ging um einen völkerrechtswidrigen Krieg, das war mein Antrieb. Ich druckte die Mail am Montag aus und warf sie in den Briefkasten. Damit war es entschieden. Ich hatte nun die Kontrolle aus der Hand gegeben.

SPIEGEL: Warum sind Sie stattdessen nicht zu einem Vorgesetzen gegangen, um sich zu beschweren?

Gun: Das hätte nie funktioniert. Sie hätten nichts gemacht und mich sofort streng überwacht.

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SPIEGEL: Den Brief schickten Sie einem Kontaktmann, der ihn dem "Observer" zuspielen wollte. Dann tat sich wochenlang nichts. Waren Sie enttäuscht oder erleichtert?

Gun: Eine Mischung. Zunächst etwas enttäuscht, dann eher erleichtert: Ich hatte im Februar 2003 in London an der großen Antikriegsdemo teilgenommen. Ich war beeindruckt, weil weltweit an diesem Tag Millionen protestierten. Ich dachte, das reicht, der Krieg wird nicht kommen.

SPIEGEL: Im März 2003 war die Geschichte dann doch auf der Titelseite des "Observer"...

Gun: Eine Riesenüberraschung. Und ein großer Schock.

SPIEGEL: Wieso?

Gun: Es ist schrecklich für eine Person, die sich im "Official Secrets Act" verpflichtet hat, niemals Dokumente nach außen zu geben, so ein Dokument auf der Titelseite einer großen Zeitung zu sehen. Beängstigend.

SPIEGEL: Hinzu kam ein Fehler beim Transkribieren der Mail: Eine übereifrige Sekretärin hatte konsequent alle Begriffe aus dem amerikanischen Englisch ins britische Englisch übertragen. Einige Journalisten fragten sich deshalb, ob es nur ein Fake war. Ärgerte Sie der Fehler?

Massenkundgebung gegen den Irakkrieg, 2003

Massenkundgebung gegen den Irakkrieg, 2003

Foto: Bill Pugliano/ Getty Images

Gun: Nein. Zunächst hatte ich ihn gar nicht bemerkt und befand mich auch - ehrlich gesagt - fast in einem Zustand des Traumas. Ich bekam nicht viel mit. Außerdem... was sollte ich machen? Ich konnte nicht den "Observer" anrufen und sagen: Hi, das ist von mir, es ist echt.

SPIEGEL: Das GCHQ suchte sofort fieberhaft nach dem Leak.

Gun: Als sie mich das erste Mal befragten, habe ich alles abgestritten. Aber ich bin eine schlechte Lügnerin. Ich spürte, dass ich nicht weiter so zur Arbeit gehen konnte. Ich bin eine aufrichtige Person. Also bin ich zu meiner Vorgesetzten gegangen.

SPIEGEL: Wie hat sie reagiert?

Gun: Anders als erwartet, sehr mitfühlend, besorgt. Sie hat mir von anderen ehemaligen Mitarbeitern erzählt, die aus ideologischen Gründen hingeworfen hatten.

SPIEGEL: Sie kamen in Polizeigewahrsam und wurden acht Monate später angeklagt. Gab es einen Punkt, an dem Sie die Sache bedauerten?

Gun: Nein. Aber es gab Momente, in denen ich mich deprimiert, demotiviert, verlassen und verängstigt fühlte. Ich versuchte, Tag um Tag zu überstehen, ohne dass mich das System zermürbte.

SPIEGEL: Wie hat Ihr Mann reagiert?

Gun: Er ist ein in sich gekehrter Mensch. Selbst mir sagt er nicht immer, was in ihm vorgeht. Aber er hätte mich sicher verlassen, wenn er nicht einverstanden gewesen wäre. Viele Jahre später hat er einmal gesagt: Du hast nichts erreicht, warum hast du es getan? Für mich ist das kein Argument. Man versucht doch das Beste, in der Hoffnung, etwas zu erreichen.

SPIEGEL: Der Prozess endete im Februar 2004 mit einer Überraschung. Minuten nach der Eröffnung wurde das Verfahren eingestellt, weil Generalstaatsanwalt Peter Goldsmith keine Beweise vorlegte. Wie kam es dazu?

Gun: Das beschäftigt mich bis heute. Der Generalstaatsanwalt hatte für Tony Blair, mit dem er eng befreundet war, ein langes Gutachten erstellt und kam zu dem Schluss, es gebe keine rechtliche Grundlage für einen Krieg. Das war seine Einschätzung wenige Wochen vor dem Krieg. Dann traf er sich mit Anwälten von US-Sicherheitsberaterin Rice und Vizepräsident Cheney und änderte seine Einschätzung komplett. Dass es unterschiedliche Gutachten gab, wurde erst später bekannt. Wäre mein Fall vor Gericht gekommen, wäre das womöglich schon früher rausgekommen, und 2005 standen Wahlen an.

SPIEGEL: Die Regierung Blair hatte also kein Interesse an einer Verhandlung?

Gun: Ich hätte meinen Rechtsbruch nur mit der defensive necessity (Notstand bei drohender Gefahr, d. Red.) begründen können. Sie wollten nicht, dass ein Gericht darüber entscheidet. Denn das hätte detailliert die Frage nach der Rechtmäßigkeit des Krieges aufgeworfen.

SPIEGEL: Für Sie persönlich war der Freispruch also gut - für das Land eher nicht?

Gun: Ja, politisch gesehen war es nicht gut.

SPIEGEL: Ihr Einsatz hatte einen hohen Preis - Sie verloren Kollegen und Freunde.

Gun: Ich habe aber auch viele neue Freunde und Bekannte hinzugewonnen.

SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie nie wieder eine langfristige Anstellung bekamen?

Gun: Ja. Ich brauchte allein zwei Jahre, um mein Leben den neuen Umständen anzupassen. Ich war ein wenig traumatisiert, sprach kaum über die Sache, das stresste mich. Ich bin nicht besonders karriereorientiert, dann kam meine Tochter zur Welt, und ich wollte mit ihr viel Zeit verbringen.

SPIEGEL: Vor dem Irakkrieg suchte die US-Regierung händeringend nach einer smoking gun, einem unwiderlegbaren Beweis, der den Krieg rechtfertigt. Wie viele schlechte Witze haben Sie als Whistleblowerin mit dem Nachnamen "Gun" ertragen müssen?

Gun: Gar nicht so viele. Mein Name ist türkisch und lautet eigentlich "Gün", die Punkte über dem "u" lässt die Presse meist weg. Mit einer Waffe hat er nichts zu tun. Er bedeutet "Tag".

Kino-Preview "Official Secrets"
Foto: Joel C Ryan/Invision/AP

"Official Secrets" ist als exklusive SPIEGEL-Kino-Preview am 12. November 2019 in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Köln, München, Nürnberg und Stuttgart zu sehen, am 13.11. in Hamburg. In Berlin und Hamburg gibt es Livediskussionen mit Katharine Gun und "Observer"-Journalist Martin Bright. Für Karten können Sie sich ab dem 2.11. hier registrieren: www.spiegel.de/kinopreview