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Olympia: Der 54-Jahre-Marathon - "es war ein weiter Weg"

Langsamster Marathon aller Zeiten Durchschnittstempo 0,000084 km/h

Das Ziel des Olympia-Marathons erreichte er in 08:32:20,3 Stunden - plus 54 Jahre, acht Monate und sechs Tage. Auf diesem langen Weg schlief Shizo Kanakuri kurz ein, wurde Professor, zeugte sechs Kinder. Und das kam so.

Keine Hektik. Keine Konkurrenten. Keine Kompromisse. Kein Grund zur Eile. Für Shizo Kanakuri war der Startschuss zu diesem Rennen schließlich schon Jahrzehnte her. Die letzte Etappe an diesem Märztag 1967 absolvierte der ältere Herr ganz gemächlich, in Mantel und Straßenschuhen. Und dann joggte er ins Stockholmer Stadion, hob die Arme, zerriss lächelnd das Zielband.

Shizo Kanakuri zählte nunmehr zu den "Finishern" des Olympia-Marathons von 1912 - mit Verspätung. So viel Verspätung, dass der Japaner ins Buch der Sportrekorde für die Ewigkeit lief. Und ins olympische Kuriositätenkabinett.

Fast 55 Jahre zuvor war er Teil einer historischen Mission: In Stockholm traten 1912 auch Japaner zu den fünften Olympischen Spielen der Neuzeit an - als erste asiatische Sportler überhaupt. Durch diese Premiere waren nun alle fünf Kontinente dabei, passend zur olympischen Idee vom friedvollen sportlichen Wettstreit aller Völker. Die Delegation aus Nippon war winzig: drei Offizielle und zwei Athleten. Sprinter Mishima Yahiko, 26, sollte über 100, 200 und 400 Meter starten. Und Shizo Kanakuri beim Marathon.

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Olympia: Der 54-Jahre-Marathon - "es war ein weiter Weg"

Sein Olympia-Abenteuer machte erst eine Spendenaktion möglich. An der Tokioter Higher Normal School, Vorläufer der Universität von Tsukuba, sammelten Studenten, Absolventen und Dozenten 2000 Yen für Kanakuri ein.

Zweieinhalb Wochen dauerte die Anreise: Am 16. Mai 1912 fuhr er in Tokio mit dem Zug los, weiter per Schiff von Tsuruga ins russische Wladiwostok und dann zehn Tage lang mit der Transsibirischen Eisenbahn. Kanakuri nutzte jeden noch so kurzen Stopp, um auf dem Bahnsteig zu trainieren.

Schwedenhappen sind kein Sushi

Über Finnland erreichte er am 2. Juni Stockholm, gut vier Wochen vor der Olympia-Eröffnungsfeier und sechs Wochen vor dem Marathonlauf. Trotzdem wurde die Zeit knapp. Denn die Vorbereitung verlief alles andere als wunschgemäß.

Der Langstreckentrip hatte den Langstreckler derart mitgenommen, dass er sein Training erst nach fünf Tagen wieder aufnehmen konnte. Zudem vertrug er die ungewohnte skandinavische Kost überhaupt nicht - Schwedenhappen sind eben kein Sushi. Und dann war auch noch Japans Teammanager krank. Um ihn sollte sich Kanakuri als jüngstes Delegationsmitglied kümmern, wodurch seine Marathonvorbereitung weiter litt.

Motivierend war dagegen die Begeisterung der Schweden. Der Marathon war das Ereignis der Spiele schlechthin, auch wegen aussichtsreicher Lokalmatadore, allen voran Sigfrid "Sigge" Jacobsson. Am 14. Juli war das Stockholmer Stadion bis auf den letzten Platz gefüllt mit 18.713 zahlenden Zuschauern, 2000 Sportlern und Funktionären sowie 500 Journalisten. Wer kein Ticket ergattern konnte, säumte die Laufstrecke bis zum Wendepunkt im nördlichen Stadtteil Sollentuna. Der offizielle Spiele-Report notierte "Zehntausende Zuschauer".

Kollaps bei Kilometer 27

Die Organisatoren waren dennoch in Sorge - des Wetters wegen. Der nordische Sommer war ohnehin schon ungewöhnlich heiß, an diesem Juli-Sonntag lag die Temperatur jenseits der 30 Grad. Das weckte ungute Erinnerungen an den Marathon vier Jahre zuvor: Bei Olympia in London waren bei "nur" 25 Grad viele Läufer zusammengeklappt.

Tatsächlich gaben in Stockholm 33 der 68 Läufer auf. Die Hitze zerstörte auch die Siegchancen der Schweden, die sich so gründlich auf dieser Strecke vorbereitet hatten. Alexis Ahlgren begann forsch, führte zunächst - und musste nach halber Distanz aussteigen. Favorit Sigge Jacobsson kam als Vierter in Ziel, konnte aber in den Medaillenkampf nicht ernsthaft eingreifen.

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Stockholm 1912: Die kuriosesten Olympia-Momente

Und Shizo Kanakuri? Der fand zunächst gut ins Rennen und hielt an der Seite des späteren Siegers Ken McArthur aus Südafrika Schritt mit der Spitzengruppe, bekam aber allmählich Probleme. Damals galt in der Trainingslehre noch der Irrglaube, übermäßiges Schwitzen mache müde. Darum ignorierte Kanakuri hartnäckig die zahlreichen Trink- und Verpflegungsstationen.

Bei solcher Hitze ging das nicht lange gut. Um Kilometer 27 herum, zwischen der Wendemarke an der Kirche von Sollentuna und dem Kontrollposten in Tureberg, musste Kanakuri pausieren. Überhitzt und völlig dehydriert verlor er sogar kurzzeitig das Bewusstsein. Eine Familie verfolgte das Geschehen aus dem Garten direkt an der Laufstrecke und reichte ihm ein Glas Himbeersaft. Kanakuri nahm dankend an. Ebenso das Angebot, sich im Haus einen Moment auszuruhen und abzukühlen.

Wo ist der Japaner?

Kaum hatte er die Beine ausgestreckt, verfiel er sogleich in einen komatösen Tiefschlaf - und wachte erst am nächsten Morgen wieder auf. Der Lauf war gelaufen, das Organisationkomitee in heller Aufregung. Die Polizei suchte fieberhaft, aber erfolglos nach dem Sportler. Der Portugiese Francisco Lázaro war bereits an den Folgen eines Hitzschlages verstorben (siehe Fotostrecke). Gab es etwa einen zweiten tragischen Todesfall?

Kanakuri reiste ab - ohne sich offiziell abzumelden und in irgendeiner Form Aufklärung zu leisten. Er war tief beschämt, fürchtete den Gesichtsverlust. Was sollten bloß die Kommilitonen denken, die ihm die Olympiateilnahme mit ihren Spenden erst ermöglicht hatten?

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In seinem Tagebuch beschrieb Shizo Kanakuri die Furcht, durch seinen schwachen Moment Schande über seine Landsleute gebracht zu haben. Doch da ist auch eine optimistische Notiz: "Dieses Versagen wird Erfolg erzeugen!"

Zurück in Japan begann Kanakuri sofort mit der Vorbereitung auf die nächsten Olympischen Spiele, die 1916 in Berlin stattfinden sollten. In den folgenden drei Jahren gewann er souverän die nationalen Meisterschaften. Der Erste Weltkrieg verhinderte zwar Olympia in Berlin, doch 1924 in Antwerpen ging Kanakuri erneut im Marathon an den Start und belegte in 2:48:45 Stunden einen respektablen 16. Platz. Auch vier Jahre darauf in Paris nahm er noch einmal teil, musste nach halber Distanz aber aufgeben.

Na gut, bringen wir's zu Ende

Zwischenzeitlich intitiierte Shizo Kanakuri zudem ein universitäres Staffelrennen, das als sein größtes Vermächtnis gilt: Ab 1920 trug der "Tokio-Hakone-Ekiden" dazu bei, das Langstreckenlaufen bei Japans Jugend populär zu machen. Das Rennen über 218 Kilometer steigt bis heute stets zu Jahresbeginn und wird live im japanischen Fernsehen übertragen.

In Schweden nahm davon erstaunlicherweise niemand Notiz. Im Gegenteil: Ein halbes Jahrhundert hielt sich die Legende vom spurlos verschwundenen Marathonläufer, vermeintlich tragisch ums Leben gekommen. Erst 1962 fand ein schwedischer TV-Journalist den ziemlich lebendigen Shizo Kanakuri, der als Professor in seiner Heimatstadt Tamana über viele Jahre Geografie gelehrt hatte.

Und dann luden ihn schwedische Olympier im Frühjahr 1967 nach Stockholm ein: Ob er seinen 1912 unfreiwillig unterbrochenen Marathonlauf doch noch beenden wolle? Kanakuri, inzwischen 75 und emeritiert, nahm das Angebot gern an. Er hatte einen robusten Sinn für Humor, vor allem aber Sportsgeist im besten olympischen Sinne: Dabeisein, ins Ziel kommen - besser spät als nie!

Also setzte Kanakuri am 20. März 1967 seinen Lauf fort: exakt dort, wo er einst ausgestiegen war. Unter großer medialer Anteilnahme spulte er die noch fehlenden rund 13 Kilometer in lockerem Joggingtempo herunter und durchlief lächelnd das Zielband, das die Organisatoren im nahezu unverändert erhaltenen Olympiastadion gespannt hatten.

Die Raser unter den Schnecken sind viel schneller

Natürlich stoppte man spaßeshalber die Zeit für den langsamsten Marathonlauf der Geschichte: Es waren 54 Jahre, acht Monate, sechs Tage, acht Stunden, 32 Minuten und 20,3 Sekunden. Die Streckenlänge betrug 40,2 statt der beim Marathon üblichen 42,195 Kilometer; die Stockholmer Organisatoren hatten es 1912 damit nicht so genau genommen. Daraus ergibt sich eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 0,14 Zentimetern pro Minute. Schneckentempo.

Aber was heißt hier Schneckentempo? Das wäre eine grobe Beleidigung für die Weichtiere. Laut dem Zoologen Gerhard Haszprunar, Professor in München, bringt es eine Bernsteinschnecke auf vergleichsweise rasante zwei Zentimeter pro Minute. Weinberg- und Nacktschnecken können sogar Spitzengeschwindigkeiten von sieben bis zu elf Zentimetern erreichen.

Dem späten "Finisher" war das gleichgültig. Im Ziel erklärte Shizo Kanakuri glücklich: "Es war ein weiter Weg. Unterwegs habe ich geheiratet, sechs Kinder gezeugt und zehn Enkel geschenkt bekommen." 1983 starb er im Alter von 92 Jahren.

Genau hundert Jahre nach dem Olympia-Marathon wurde die Geschichte noch um eine kleine Episode erweitert: 7672 Sportler nahmen in Stockholm am Jubiläumsrennen teil - auch Kanakuris Urenkel Yoshiaki Kurado, 25, lief mit. Er schaffte die Strecke in 4:25:01 Stunden, und vor allem in einem Rutsch. Bis auf einen etwas längeren Stopp, nämlich in Sollentuna.

Dort traf er die Urenkelin jener schwedischen Familie, die 1912 den schwächelnden Olympiateilnehmer versorgt und beherbergt hatte: 2012 reichte ihm Tatjana Petre ein erfrischendes Getränk. Dann lief Kanakuris Nachfahre weiter.

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