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14. August 2008, 12:03 Uhr

Olympia 1936

Ein Bild von einem Sportler

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Sie waren das Farbfernsehen der Dreißigerjahre: Sammelalben. Bunte Bildchen aus Kaffeepackungen und Margarinedosen trugen den Ruhm der Olympia-Stars von 1936 noch in den letzten deutschen Haushalt - doch die Nazis machten aus der lustigen Werbung todernste Propaganda.

So wurden Stars gemacht. Sportler wie die Hochspringerin Ilse Niederhoff, der Gewichtheber Rudolf Ismayr oder der Radweltmeister Toni Merkens waren die Helden des Olympiajahres 1936. Auch ohne Live-Übertragungen via Satellit und Internet-Streaming gab es um die deutschen Athleten einen regelrechten Medien-Hype. Ihre Leistungen waren in aller Munde, jedes Kind kannte ihre Gesichter.

Ihre Popularität verdankten die Stars von damals aber nur zum kleinen Teil den Zeitungen oder dem Radio, das erst langsam an Popularität gewann. Der eigentliche Motor, die Bekanntheitsmaschine des Vor-TV-Zeitalters, waren - Sammelbilder. Heute sind die Panini-Aufkleber nur noch ein Fanartikel unter vielen, die zum neuesten Kinofilm, zur aktuellen Barbie-Kollektion oder der Fußball-WM erscheinen. Doch gut 20 Jahre vor der Einführung des Fernsehens in Deutschland waren es oft die Sammelbilder, die den Menschen die Eindrücke aus aller Welt ins heimische Wohnzimmer brachten.

Die Bildchen gaben den Menschen die Möglichkeit fremde Orte, schnittige Sportwagen, Größen der Weltpolitik oder eben auch olympische Helden kennenzulernen - und das sogar in Farbe: Für die Sammelbilder wurden Fotos nachkoloriert und im Vierfarbdruck reproduziert. So wurden aus Sportlern erstmals Popstars, die auf der Straße erkannt und gefeiert wurden, obwohl kaum jemand dabei sein konnte, wenn sie ihre Rekorde aufstellten und Medaillen errangen. Ein Besuch der Spiele in Berlin war 1936 schließlich nur den wenigsten Deutschen möglich.

Nachrichtenmagazin aus der Kaffeetüte

Die Jahre zwischen den Weltkriegen war die Blütezeit der Sammelbildchen, die sich zu einem wichtigen Werbemittel der Industrie entwickelten. Meist wurden sie Produkten wie Kaffee, Zigaretten oder Margarine beigelegt - wer also eine Bilderserie komplett besitzen wollte, musste einer Marke treu bleiben. Meist bestand eine Reihe aus sechs Bildern. Ein ganzes Sammelalbum, das man gegen ein geringes Entgelt entweder direkt beim Hersteller des beworbenen Produkts oder beim Zeitschriftenhändler bestellen konnte, enthielt aber zum Teil mehr als zweihundert Bilder, die in Sechserserien ersammelt werden mussten. Die Alben waren häufig aufwendig gestaltet und enthielten neben den Bildchen, die der Besitzer einfügte, informative Artikel zum jeweiligen Thema und kurze Bildertexte. So war ein vollständiges Sammelalbum gleichzeitig ein reich illustriertes Sachbuch.

Manche waren sogar regelrechte Nachrichtenmagazine - etwa das Sammelalbum "Die XI. Olympiade Berlin 1936", das die Firma Heinrich Franck und Söhne, Hersteller von Kaffeeersatz. Der Band besteht aus einer per Heftklammer zusammengehaltenen Blattsammlung. Dies ermöglichte den Produzenten größtmögliche Aktualität, denn das Album musste nicht als Ganzes erscheinen. So behandelten die ersten vier Sammelserien "Deutschlands Olympia-Hoffnungen". Serie fünf und sechs galten den "Favoriten des Auslands". Dann folgte die Berichterstattung zu den Winterspielen, Serien zu den Organisatoren, zur Eröffnungsfeier der Spiele und ein großes Kapitel mit allen Olympiasiegern und ihren Leistungen. Vorberichterstattung, Nachberichterstattung und Informationen rund um das Phänomen Olympia - über den Zeitraum eines Jahres wuchs das Album so zu einem vielseitigen, topaktuellen Nachschlagewerk an.

Die Professionalisierung des Sammelgewerbes ging soweit, dass die Anbieter eigene Tauschstellen einrichteten, bei denen die Sammler ihre doppelten Exemplare gegen fehlende Bilder eintauschen konnten. Kamen gerade besonders populäre Serien heraus, standen die Sammler vor den Tauschstellen Schlange. Kein Wunder: Nicht selten hatten Sammelalben eine Auflage von mehr als einer Million Exemplaren.

Ein Sammelalbum mit "Führer"-Bildern

Die Macht der kleinen bunten Bilder, eines äußerst preiswerten Massenmediums, mit dem sich die letzten Winkel der Bevölkerung nicht minder effektiv erreichen ließen als mit Zeitungen oder Radio, machten sich für ihre Propaganda schnell auch die Nationalsozialisten zunutze. Schon bald nach der "Machtergreifung" 1933 wurde in Joseph Goebbels' Propagandaministerium eine Prüfstelle eingerichtet, die jedes Sammelalbum vor der Veröffentlichung begutachtete - und notfalls zensierte.

Auch die Themen der Alben wurden beeinflusst. So tauchten zum Beispiel bereits in dem Album "Bild-Dokumente unserer Zeit", das 1933 von der Zigarettenfabrik Kosmos herausgegeben wurde, auffällig viele Propagandamärsche mit Bildunterschriften wie "Vorbeimarsch an der Polizei mit Spürhunden" oder "80.000 zur Besichtigung angetretene SA-Männer" auf. Ein anderer Tabakwarenhersteller brachte später ein Album mit dem Titel "Fahnen und Standarten des Deutschen Reiches" heraus. In diesem war ein Kapitel der Entstehung der Hakenkreuzflagge gewidmet.


Sehen Sie die Sammelbilder von 1936 mit ihren original-Bildbeschreibungen von damals in der einestages-Bildergalerie:

Auch der Diktator Adolf Hitler selbst nutzte Sammelbilder, um sich dem Volk als Staatsmann und "Führer" zum Anfassen zu präsentieren. Das Sammelalbum "Deutschland erwacht" zeigt den Diktator von seiner ganz privaten Seite: Hitler beim Picknick auf der Alm oder als Tierliebhaber beim Füttern von Rehen. Die Texte für diese Alben wurden zum Teil sogar von Hitlers Propagandachef Goebbels persönlich verfasst, exklusive Bildserien stellte Hitlers Hausfotograf Heinrich Hoffmann zur Verfügung.

Sportbegeisterung und Kriegsvorbereitung

Natürlich durchlief auch das Olympiaalbum die Kontrollen der NS-Zensoren. Die konnten zwar nicht verhindern, dass internationale Sportstars wie der afroamerikanische Sieger des 100-Meter-Laufs Jesse Owens in der Sammlung auftauchten. Doch während den schwarzen Sportlern gerade mal eine Seite des Albums gewidmet wurde, huldigten groß-angelegte Artikel über mehrere Seiten dem "Führer" und der Überlegenheit der Deutschen: "Ausgewählt aus dem Schoß des geeinten deutschen Volkes, ausgerüstet mit dem Wissen der Besten, gestählt und gehärtet in deutscher Zucht, entschlossen bis zum äußersten Einsatz, die Kräfte des Körpers und des Geistes einzuspannen für das große Ziel."

Solche Sätze verschleierten kaum noch, dass die Sportbegeisterung Teil eines großen Propagandaprogramms war, das die Deutschen auf die Eroberungspläne Hitlers einstimmen sollte - fröhlich sammelnd sollte das Volk kriegsbereit gemacht werden. Weniger als drei Jahre nach dem rauschenden "Fest der Völker" in Berlin überfielen in deutscher Zucht gestählte deutsche Soldaten Polen.

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