Rekordläufer John Akii-Bua Die Hürden des Lebens

Hürdensprinter John Akii-Bua gewann 1972 sensationell Olympiagold. Er hätte das Gesicht der "heiteren Spiele" werden können. Der Terror kam ihm in die Quere - erst in München, dann durch Ugandas Diktator Idi Amin.

Sven Simon/ imago images

Von Jan Mohnhaupt


Im Münchner Olympiafinale startet er auf der Innenbahn, wo die Kurven am schärfsten sind. Doch er hat einen Vorteil. Die meisten Läufer sind auf ein Sprungbein festgelegt und müssen ihre Schritte zwischen den Hürden zählen, um nicht aus dem Takt zu kommen. Er dagegen kann mit rechts wie auch mit links abspringen.

John Akii-Bua nimmt die Hürden, wie sie kommen. Auf der Bahn und sonst im Leben.

Geboren wurde John Akii-Bua am 3. Dezember 1949 und wuchs mit 42 Geschwistern im Norden Ugandas auf. Von klein auf musste er die Viehherde der Familie hüten und ständig auf der Hut sein vor Löwen, Pavianen oder Riesenschlangen. Manchmal veranstaltete der Vater Süßigkeiten-Wettrennen unter seinen Kindern. John ging stets leer aus. Er war nicht schnell genug. Noch nicht.

Mit 16 zog er in die Hauptstadt Kampala, arbeitete zunächst in einer Bar und ging später zur Polizei, wo Ugandas Leichtathletiktrainer, dem Briten Malcolm Arnold, sein Talent auffiel. Anfangs lief Akii-Bua noch 110 Meter Hürden, verpasste aber die Qualifikation für Olympia 1968 und wechselte auf die 400-Meter-Distanz. Von Jahr zu Jahr wurde er schneller und erreichte 1971 mit 49,0 Sekunden schon den Afrikarekord.

Im Porsche zum Starnberger See

Die 400 Meter Hürden werden auch "Mankiller" genannt. Um seine Ausdauer zu erhöhen, übte Akii-Bua Distanzen bis zu 1500 Meter. Um seine Muskeln zu stärken, lief er mit Elf-Kilo-Bleiweste. Seine Sprungkraft steigerte er durch Hürden, die zehn Zentimeter höher waren als im Wettkampf. Und er trainierte zweimal täglich, sieben Tage die Woche.

Zugleich wusste er die Stunden abseits der Rennbahn zu genießen, erzählt Dieter Büttner, inzwischen 70. Er reiste 1972 als amtierender Deutscher Meister über 400 Meter Hürden zu Olympia in München. Beide verstanden sich auf Anhieb, verbrachten viel Zeit gemeinsam im Olympischen Dorf oder fuhren mit Büttners orangefarbenem Porsche 914 an den Starnberger See.

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Rekordläufer John Akii-Bua: Gefeiert, beneidet, vergessen - das viel zu kurze Leben des John Akii-Bua

Büttner beschreibt Akii-Bua als lebenslustigen Burschen und begnadeten Athleten: "Viele Hürdenläufer haben sich die Füße so getapet, dass sie nur mit dem Ballen aufsetzen, um schneller zu sein." John habe das nicht nötig gehabt - "er hatte keine dicken Waden, hob die Knie beim Sprung kaum an. Seine Achillesfersen waren wie Stahlfedern".

Im Halbfinale von München lief Akii-Bua die schnellste Zeit, und doch traute ihm kaum einer eine Medaille zu. In der Nacht vor dem Finale fand er keine Ruhe und stellte sich das Rennen immer wieder vor dem inneren Auge vor, sah aber jedes Mal David Hemery vor sich. Der Brite hatte bei den Spielen in Mexiko '68 Gold in 48,12 Sekunden geholt. Am Finaltag konnte Akii-Bua nichts essen, zu nervös. Bis sein Trainer zehn Minuten vor dem Start zu ihm kam und nur diesen einen Satz sagte: "Eine von ihnen ist deine."

Er knackt die 48-Sekunden-Grenze

2. September 1972, der Endlauf: Auf den ersten 200 Metern rennt Hemery noch schneller als bei seinem Weltrekord vier Jahre zuvor. Akii-Bua hat den Nachteil der Innenbahn. Doch eingangs der Zielgeraden liegen sie schon gleichauf. Dann zieht der ugandische Sprinter davon, erreicht das Ziel mit großem Vorsprung - und rennt weiter. Er nimmt die erste Hürde erneut.

Erst dann wird Akii-Bua langsamer, dreht sich zur Anzeigetafel und kann es kaum fassen: "47,82" und dazu die blinkenden Buchstaben "NWR". Neuer Weltrekord. Der erste Hürdenläufer auf der Stadionrunde unter der magischen Grenze von 48 Sekunden. Und noch nie hat ein Athlet aus Uganda Olympiagold geholt.

"Vor den Spielen waren wir gleich schnell", sagt Dieter Büttner, "danach war er Weltrekordler. Er ist von sich selbst überrascht worden."

Keine volle Minute hat John Akii-Bua gebraucht, um weltberühmt zu werden. Noch sind es die heiteren Spiele von München. Und wenn einer dafür stellvertretend steht, dann der schlanke, ständig lächelnde Sprinter aus Uganda. Aber am 5. September nehmen palästinensische Terroristen elf Israelis als Geiseln. Bei einem missglückten Befreiungsversuch sterben alle Geiseln, fünf Attentäter und ein Polizist.

"Nach dem Ende der Spiele, die geprägt waren von Gewalt, Trauer und Abscheu", schrieb später das US-Sportmagazin "Sports Illustrated", "da schien es, als symbolisiere Akii-Bua am meisten das, was sie hätten sein können."

Volksheld im Abseits

Die Goldmedaille macht ihn in seiner Heimat zum Volkshelden. Dabei wurde das Rennen nicht im Fernsehen gezeigt - Idi Amin hat es verboten. Seit er 1971 putschte, beherrscht der Diktator das Land mit Gewalt und der Gewissheit, dass "niemand so schnell rennt wie eine Kugel".

Amin wirkt wie der Horrorclown unter Afrikas Despoten. Er duldet niemanden neben sich. Erst recht nicht, wenn er wie Akii-Bua Christ ist und dem Stamme der Langi angehört, die der Tyrann verfolgen und zu Hunderttausenden ermorden lässt.

Doch Akii-Bua ist zu berühmt, um in einem Massengrab zu verschwinden. Ihm hat Amin eine andere Rolle zugedacht und empfängt den Olympiasieger mit Staatsehren, benennt eine Straße in Kampala nach ihm, befördert ihn zum leitenden Polizeibeamten. Wann immer ausländische Gäste Amin Menschenrechtsverletzungen vorwerfen, verweist er auf Akii-Bua und dessen Neffen, den Fußballnationalspieler David Obua: "Ihr sagt, ich töte die Langi? Hier sind sie doch!"

Für Akii-Bua wird Uganda zum Gefängnis. Er darf kaum noch im Ausland starten, traut sich aus Angst vor einem Anschlag nur selten auf den Trainingsplatz und wagt dennoch keine Flucht, aus Sorge um seine Familie. 1976 reist er zwar zu Olympia nach Montreal, doch kurz vor dem Start pfeift man ihn zurück.

Zuvor hat Neuseelands Rugby-Team ein Länderspiel in Südafrika bestritten, das international wegen des Apartheidregimes geächtet ist. Uganda und 15 weitere afrikanische Staaten boykottieren daraufhin die Sommerspiele 1976. Als Akii-Bua schon zurück nach Uganda fliegt, läuft der 20-Jährige Amerikaner Edwin Moses zu Gold. In 47,63 Sekunden - Weltrekord gebrochen.

Flucht nach Deutschland

Daheim verfällt Akii-Bua zusehends dem Alkohol und Nikotin. 1977 kommen Gerüchte auf, er sei verhaftet worden. Doch Amins Herrschaft neigt sich dem Ende zu. Der Einmarsch ins Nachbarland Tansania scheitert. Als tansanische Truppen im April 1979 Kampala einnehmen, sind die beiden bekanntesten Ugander bereits auf der Flucht.

Während Amin sich per Flugzeug nach Libyen zu seinem Freund Muammar al-Gaddafi rettet, fährt Akii-Bua mit seiner hochschwangeren Frau und den Kindern mit dem Auto nach Kenia. Dort landen sie zunächst in einem Flüchtlingslager, wo sie zufällig ein Fernsehteam entdeckt. Akii-Buas Frau hat auf der Flucht eine Frühgeburt erlitten, das Kind überlebte keinen ganzen Tag. "Ich habe mich noch nie so elendig gefühlt", spricht Akii-Bua in die Kamera.

1979 kommt er frei, sein deutscher Sponsor holt ihn samt Familie nach Deutschland und stellt ihn als Markenbotschafter ein. Von hier aus startet er sein Comeback und tritt 1980 in Moskau noch einmal bei den Olympischen Spielen an, scheidet jedoch schon im Halbfinale aus. In Deutschland befällt ihn mehr und mehr Heimweh. "Hier ist alles, aber dein Herz ist weit weg", sagt er dem "Kicker".

1983 geht er nach Uganda zurück und hat große Pläne, er will ein Trainingscamp für junge Athleten bauen. Doch die Hürden des Lebens lassen sich nicht mehr so leicht überspringen. Das Land liegt nach dem Krieg am Boden, die Infrastruktur ist zerstört. Akii-Bua fehlen Beziehungen und Geld. Eine Weile arbeitet er wieder als Polizist, später wird er Nationaltrainer. Allmählich wird es jedoch still um ihn.

Ein "olympischer Held"

Dieter Büttner hält auch noch lange Kontakt zu Akii-Bua und dessen Familie: "Seine Tochter hat später immer wieder betont, dass es ein großer Fehler ihres Vaters war, nach Uganda zurückzukehren."

Am 22. Juni 1997 holt die Vergangenheit auch seinen Entdecker Malcolm Arnold ein. Er erinnert sich in der sehenswerten TV-Doku "The John Akii-Bua Story. An African Tragedy": Im Münchner Olympiastadion läuft gerade der Leichtathletik-Europacup, Arnold trainiert mittlerweile die britischen Leichtathleten. Beim Blick in die Arena muss er wieder an seinen einstigen Schützling denken, der genau hier 25 Jahre zuvor allen davoneilte. Arnold ist ganz in Gedanken, als ein Journalist an ihn herantritt: "Hast du's schon erfahren?"

Zwei Tage zuvor ist John Akii-Bua mit 47 Jahren in einem Krankenhaus in Kampala einem Krebsleiden erlegen. Er erhält ein Staatsbegräbnis. "Olympischer Held" steht auf seinem Grabstein. Für lange Zeit wird er der einzige des Landes bleiben. Erst 2012 in London gewinnt Marathonläufer Stephen Kiprotich die zweite Olympische Goldmedaille für Uganda.

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