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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Neues von gestern – der Geschichte-Newsletter Wie die bunte Party zum Albtraum wurde

Ein friedliches, vergnügtes Deutschland wollte sich der Welt zeigen. Dann ermordete ein Terrorkommando elf Israelis und zertrümmerte Olympia '72. Außerdem: Der surreale Streit um Winnetou – das und mehr im Newsletter.

Liebe Leserin, lieber Leser,

bunt ging es anfangs zu bei den Olympischen Sommerspielen 1972. Die Veranstalter verfolgten eine gemeinsame Mission: München sollte sich lässig und weltoffen präsentieren, fröhlich und friedlich. Nichts, gar nichts durfte an den Monumentalkitsch der Nazispiele 1936 in Berlin erinnern.

Also tauchten die Designer um Otl Aicher die Spiele in pastellige Blau-, Grün- und Gelbtöne. Und weil Olympia erstmals in Farbe übertragen wurde, war das im Fernsehen schön zu sehen – wie auch die sieben Goldmedaillen des Schwimm-Superstars Mark Spitz , die von Leichtathletin Heide Ecker-Rosendahl oder der 16-jährigen Ulrike Meyfarth , die völlig überraschend im Hochsprung gewann.

Der Anfang: Einmarsch des israelischen Teams ins Münchner Olympiastadion am 26. August 1972

Der Anfang: Einmarsch des israelischen Teams ins Münchner Olympiastadion am 26. August 1972

Foto: Sven Simon / IMAGO

Am frühen Morgen des 5. September aber war jede Freude gewichen, jede Farbe verblasst. Palästinensische Terroristen überfielen im kaum geschützten Olympiadorf Israels Team. Sie erschossen zwei Männer sofort und nahmen neun als Geiseln. Kurz nach Mitternacht waren alle Geiseln tot, ebenso ein bayerischer Polizist.

Wie die »heiteren Spiele« in eine Katastrophe umschlugen, zeichnet unsere Kollegin Anne Armbrecht in ihrer Rekonstruktion der rund 20 Stunden des Terrors  nach. In Israel traf sie Shaul Ladany, einen heute 86-jährigen Geher, der als Kind bereits das KZ Bergen-Belsen überlebt hatte und in München zum zweiten Mal auf deutschem Boden knapp dem Tod entkam . Außerdem besuchte sie Ankie Spitzer ; die Witwe des israelischen Fechttrainers André Spitzer ringt seit 1972 um das Andenken der Ermordeten und um angemessene Entschädigungen für die Hinterbliebenen. Erst knapp vor dem 50. Jahrestag erklärte sich die Bundesregierung zu einer Einigung mit den Opferfamilien bereit.

Das Ende: Ausgebrannter Hubschrauber in Fürstenfeldbruck am 6. September 1972 – alle Geiseln waren tot, Olympia in München war zerstört, auch wenn das IOC die Fortsetzung anordnete (»The games must go on«)

Das Ende: Ausgebrannter Hubschrauber in Fürstenfeldbruck am 6. September 1972 – alle Geiseln waren tot, Olympia in München war zerstört, auch wenn das IOC die Fortsetzung anordnete (»The games must go on«)

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Heinz Gebhardt / IMAGO

Wer die elf Sportler und Trainer waren, die in Särgen zurück nach Tel Aviv geflogen werden mussten, berichtet Anne in Kurzporträts. Ein Historikerteam erklärt, warum auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck der Versuch der Geiselbefreiung so entsetzlich misslang  – eine Kette von Fehlentscheidungen überforderter deutscher Behörden und Einsatzkräfte. Und SPIEGEL-Autor Richard C. Schneider erzählt, wie er die Münchner Tragödie erlebte: Mit 15 Jahren begleitete er das israelische Team als freiwilliger Helfer. Sein Vater organisierte sofort eine Demonstration und gab ihm eine Lektion fürs Leben mit: »Es reicht! Wir Juden beten immer nur. Wir müssen uns wehren!« 

Marterpfähle im Netz

Ein ganz anderes Thema, eher leicht als gewichtig, sorgte zuletzt für hitzige Debatten – Winnetou. Und Karl May, höchst fantasiebegabter Erfinder von Wildwesttraumwelten. Der Ravensburger Verlag entschied, zwei Kinderbücher und weitere Produkte im Umfeld des Films »Der junge Häuptling Winnetou« zurückzuziehen; Kritiker warfen dem Verlag Rassismus und »kulturelle Aneignung« vor. Sogleich eilten Politiker und Prominente herbei, um ihre geliebten Karl-May-Romane und Verfilmungen mit viel Pathos zu verteidigen. Ein großes Tosen hob an: Marterpfähle im Web! Woke-Wahnsinn!! Cancel Culture!!1!

Winnetou, Apache der Herzen, mit Old Shatterhand (Filmszene aus »Der Schatz im Silbersee«, 1962): Anlass für eine abenteuerliche Debatte

Winnetou, Apache der Herzen, mit Old Shatterhand (Filmszene aus »Der Schatz im Silbersee«, 1962): Anlass für eine abenteuerliche Debatte

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Rialto Film Preben-Philipsen / J / Prod.DB / IMAGO

Weshalb viele Deutsche so empört auf Kritik an Mays Abenteuergeschichten reagieren, wollte unser Kollege Frederik Seeler von Christine Hansen erfahren. »Für viele Menschen ist Winnetou heilig, ein Held ihrer Kindheit«, sagt die Paderborner Historikerin, die als kleines Mädchen selbst »jedes einzelne« Winnetou-Buch gelesen hatte und so ihr Interesse an den wahren Native Americans entwickelte. In den Romanen sieht Hansen eindeutig koloniale Denkmuster: Hier intellektuell beschränkte Indianer mit Winnetou als Stereotyp des »edlen Wilden«, dort sein Blutsbruder Old Shatterhand als Verkörperung des starken, ehrlichen, klugen Deutschen. Das ganze aufschlussreiche und zugleich unterhaltsame Interview lesen Sie hier: »Winnetou verkörpert preußische Tugenden.« 

Am kommenden Dienstag erscheint die neue SPIEGEL Edition zum Thema »Preußen und die Hohenzollern«, erhältlich bei vorbildlichen Zeitschriftenhändlern, wie auch unsere SPIEGEL-GESCHICHTE-Ausgabe »Die letzten Tage von Pompeji. So lebten die Römer im Schatten des Vulkans«.

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