Olympia 1972 in München: Ausgebrannter Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes, in dem bei einem Befreiungsversuch mehrere Geiseln der Terrororganisation »Schwarzer September« ums Leben kamen

Olympia 1972 in München: Ausgebrannter Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes, in dem bei einem Befreiungsversuch mehrere Geiseln der Terrororganisation »Schwarzer September« ums Leben kamen

Foto: Göttert/ picture-alliance/ dpa

Olympia-Attentat 1972 Deutsch-Israelische Gesellschaft drängt auf angemessene Entschädigung

Elf Israelis wurden bei den Olympischen Spielen in München ermordet. Nun appelliert Volker Beck mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft an Kanzler Scholz, die Familien der Terroropfer nach 50 Jahren großzügiger zu entschädigen.

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) hat sich für eine angemessene Entschädigungsregelung für die Hinterbliebenen der Opfer des Anschlags auf das israelische Olympia-Team bei den Spielen 1972 ausgesprochen. In einem Brief, der dem SPIEGEL vorliegt, appelliert DIG-Präsident Volker Beck an Bundeskanzler Olaf Scholz, »sich für eine großzügige Entschädigung namens der Bundesrepublik Deutschland an die Familien und Angehörigen der israelischen Ermordeten einzusetzen«.

Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft

Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft

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OMER MESSINGER / EPA-EFE

Es sei unumstritten, »dass der damalige polizeiliche Einsatz zur Befreiung der israelischen Geiseln aus den Händen des palästinensischen Terrorkommandos dilettantisch und unprofessionell vorbereitet und durchgeführt wurde«. Der 50. Jahrestag des Olympia-Attentats müsse nun als Anlass genutzt werden, die erlittenen Verluste der Angehörigen der Opfer und ihre Bemühungen um Anerkennung und Aufklärung »endlich durch eine angemessene Entschädigungsregelung zu würdigen und die Opfer des Attentats für die Versäumnisse um Entschuldigung zu bitten«, heißt es in dem auf den 7. Juli 2022 datierten Schreiben.

Hinterbliebene erwägen Boykott der Gedenkfeier

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft setzt sich als überparteiliche Organisation seit 1966 für die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel in den Bereichen Zivilgesellschaft, Kultur und Wissenschaft ein. Zu ihrem Präsidenten wählte sie Mitte Juni 2022 Volker Beck. Der langjährige Bundestagsabgeordnete der Grünen war bis 2017 Vorsitzender der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe im Bundestag.

Beim Attentat palästinensischer Terroristen waren bei den Olympischen Sommerspielen in München am 5. und 6. September 1972 elf israelische Sportler und Betreuer sowie ein deutscher Polizist ums Leben gekommen. Zwei von ihnen wurden im Olympischen Dorf ermordet, die anderen starben während einer missglückten Befreiungsaktion am Flugplatz Fürstenfeldbruck.

Zuletzt hatten die Familien der israelischen Opfer angekündigt, einer offiziellen Gedenkfeier in München im September fernzubleiben, sofern die Entschädigungsfrage bis dahin nicht geklärt sei. »Wenn sie uns nicht einmal eine Kompensation nach internationalen Standards zahlen, werden wir überhaupt nicht kommen«, sagte die Hinterbliebenen-Vertreterin Ankie Spitzer dem SPIEGEL.

Zweimal hatten die Angehörigen der Opfer laut Spitzer bisher Geld bekommen: eine Million Mark für 34 Hinterbliebene, »zusammen mit den Särgen«, so Spitzer – »nicht von Deutschland, sondern vom Roten Kreuz, denn Geld vom Staat wäre ja einem Schuldeingeständnis gleichgekommen«. 2002 folgte nach jahrelangem Streit vor Gericht eine weitere Zahlung von drei Millionen Euro. Der Großteil sei für Prozesskosten draufgegangen, geblieben seien 920.000 Euro für 34 Angehörige.

In den Augen der Familien war das längst nicht genug. »Wir wollen keine Milliarden – aber Geld, das einen Unterschied im Leben unserer Kinder macht«, sagte Spitzer. Sie selbst hatte bei dem Attentat ihren Mann und Vater ihrer Tochter, den Fechttrainer André Spitzer, verloren.

»Höchste Zeit, dass alles auf den Tisch kommt«

Auch die Deutsch-Israelische Gesellschaft hält die bisher geleisteten Zahlungen für unzureichend. Ein halbes Jahrhundert nach »diesem Terrorakt gegen Juden auf deutschem Boden« schreibt Beck im Brief an Kanzler Scholz: »Zwar hat es von deutscher Seite aus bereits vergleichsweise geringe Entschädigungszahlungen an Hinterbliebene in Israel gegeben, doch erachten wir dies angesichts der Verluste der Familien, der auch an Kinder und Enkel tradierten Traumata und der mangelnden Anerkennung ihrer Leidensgeschichte als bei weitem nicht angemessen.«

Zudem hätten sich die Angehörigen jahrelang »vergeblich um lückenlose Aufklärung bemüht« und seien zum Vorhandensein von Akten und Dokumenten in deutschen Archiven »regelrecht belogen« worden: »Es ist höchste Zeit, dass alles auf den Tisch kommt.«

Man bitte und appelliere, sich für eine großzügige Entschädigung einzusetzen und die Vorstellungen der israelischen Familien ernst zu nehmen, heißt es im Brief weiter. Es wäre zielführend, wenn dies noch vor den Gedenkfeiern Anfang September geschehen würde – »damit diese Feierlichkeiten in würdigem Rahmen stattfinden können«.

Zur Gedenkfeier im September sollen neben den Hinterbliebenen unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Israels Präsident Jitzchak Herzog und Thomas Bach als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) eingeladen worden sein.

ara
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