Streit über Entschädigung für Olympia-Attentat Opferfamilien sagen Teilnahme an Gedenkveranstaltung ab

Elf Israelis starben beim Terroranschlag auf die Olympischen Spiele in München 1972. Zuletzt eskalierte der Streit über eine Kompensation – die Hinterbliebenen haben Flug und Hotels für die Gedenkfeier bereits storniert.
Ankie Spitzer, Witwe des ermordeten Fechttrainers André Spitzer, in ihrem Haus nahe Tel Aviv

Ankie Spitzer, Witwe des ermordeten Fechttrainers André Spitzer, in ihrem Haus nahe Tel Aviv

Foto: Jonas Opperskalski / laif / DER SPIEGEL

Die Hinterbliebenen der Opfer des Olympia-Attentats von 1972 wollen am 50. Jahrestag nicht zu einer offiziellen Gedenkfeier nach München kommen. Grund ist die ungeklärte Frage einer Entschädigung durch die deutsche Bundesregierung. Das bestätigte Ankie Spitzer, Sprecherin der Angehörigen der Opfer, dem SPIEGEL am Donnerstag.

»Wir haben vom Büro des israelischen Präsidenten gehört, dass Deutschland sein Angebot nicht erhöhen wird«, sagte Spitzer. »Deshalb haben wir schließlich entschieden, nicht zu der Zeremonie nach München zu kommen.« Spitzer erklärte, sie habe einen Brief an Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder geschickt, der Gastgeber der Zeremonie sei.

»Ich habe ihm erklärt, dass wir nicht kommen und dass wir nicht akzeptieren, was er in den Spendentopf gibt.« Bayern habe demnach eine Million Euro an alle Familien geben wollen. »Nach 50 Jahren. Wirklich? Wir akzeptieren das nicht und wir kommen nicht. Das ist endgültig«, so Spitzer. Flug und Hotelräume seien storniert worden.

Regierung bot offenbar zehn Millionen Euro – abzüglich früherer Zahlungen

Auf SPIEGEL-Anfrage erklärte die Bundesregierung am Abend, sie bedaure, »dass es bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht gelungen ist, (...) mit allen Hinterbliebenen zu einem Konsens zu kommen«, und betone »ausdrücklich ihre Bereitschaft, die laufenden Gespräche fortzuführen. Die Bundesregierung würde sich wünschen, wenn an der Gedenkveranstaltung am 5. September auch Hinterbliebene teilnehmen würden«. Sie wolle die Voraussetzungen schaffen, »ein dunkles Kapitel in der deutsch-israelischen Geschichte aufzuarbeiten und angemessen zu würdigen«.

Ein Sprecher der Bayerischen Staatskanzlei erklärte ebenfalls auf Anfrage: »Wir bedauern die Absage sehr. Die Verhandlungen werden weiter fortgeführt mit dem Ziel, ein positives Ergebnis zu erreichen.«

Ankie Spitzer ist die Witwe des 1972 ermordeten Fechttrainers André Spitzer und vertritt die Interessen der Hinterbliebenen gemeinsam mit Ilana Romano, Witwe des israelischen Gewichthebers Yossef Romano. Die Familien dächten nun über neue Schritte nach, sagte Spitzer. »Übrigens wurden wir vom britischen Parlament eingeladen, am 5. September nach London zu kommen, wo sie eine Gedenkfeier für unsere elf ermordeten Sportler abhalten. Es ist surreal, aber so ist es.«

Einer der Hubschrauber der palästinensischen Terroristen brannte bei einer Explosion auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck vollständig aus

Einer der Hubschrauber der palästinensischen Terroristen brannte bei einer Explosion auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck vollständig aus

Foto:

AP

Die Bundesregierung hatte vor zwei Wochen erklärt, den Opferfamilien ein halbes Jahrhundert nach dem Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft eine späte Entschädigung zahlen zu wollen, als Ergebnis einer »Neubewertung« des Attentats und seiner Folgen. Eine konkrete Summe hatte die Regierung nicht genannt.

Nach Auskunft der Opferfamilien soll es um eine Gesamtleistung von zehn Millionen Euro für alle Hinterbliebenen gehen. Angerechnet werden sollten dabei aber frühere Leistungen aus den Jahren 1972 und 2002 in Höhe von insgesamt rund viereinhalb Millionen Euro. Das Angebot hatte Spitzer als »beleidigend« bezeichnet.

Beim Attentat palästinensischer Terroristen waren bei den Olympischen Sommerspielen in München am 5. und 6. September 1972 elf israelische Sportler und Betreuer sowie ein deutscher Polizist ums Leben gekommen. Zwei Mitglieder des Teams aus Israel wurden im Olympischen Dorf ermordet, die anderen starben während einer missglückten Befreiungsaktion auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck. Später wurde bekannt, dass die deutschen Behörden unter anderem vorherige Warnhinweise auf eine mögliche Terroraktion vernachlässigt und während der versuchten Geiselbefreiung zahlreiche fatale Fehler gemacht hatten.

»Geld vom Staat wäre ja einem Schuldeingeständnis gleichgekommen«

Bereits vor einigen Wochen hatten die Familien der israelischen Opfer angekündigt, der offiziellen Gedenkfeier fernzubleiben, sofern die Entschädigungsfrage ungeklärt bleibe. »Wenn sie uns nicht einmal eine Kompensation nach internationalen Standards zahlen, werden wir überhaupt nicht kommen«, sagte Ankie Spitzer dem SPIEGEL. Die Opferfamilien hatten in den vergangenen 50 Jahren auch immer wieder die mangelhafte Aufarbeitung der Ereignisse und nicht freigegebene Ermittlungsakten beklagt; zudem habe sich von deutscher Seite nie jemand für das Behördenversagen im Zuge der Geiselnahme entschuldigt.

Auf eine angemessene Entschädigung und eine lückenlose Aufarbeitung gedrängt hatte zuletzt auch Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, außerdem die Bundestagsfraktion der Grünen sowie Ludwig Spaenle (CSU) als Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Staatsregierung.

Geld bekamen die Angehörigen bisher zweimal. Ankie Spitzer beziffert den Betrag der ersten Zahlung von 1972 auf eine Million Mark für 34 Hinterbliebene – indes »nicht von Deutschland, sondern vom Roten Kreuz, denn Geld vom Staat wäre ja einem Schuldeingeständnis gleichgekommen«.

Vor Gericht forderten die Hinterbliebenen ab 1994 wegen massiver Fehler beim Polizeieinsatz 40 Millionen Mark Schadensersatz, doch ihre Klage wurde letztinstanzlich im Jahr 2000 abgewiesen – wegen Verjährung. Zwei Jahre später folgte eine weitere Zahlung von rund 3,2 Millionen Euro als »humanitäre Geste« der Bundesrepublik, wie Bundesregierung, Freistaat Bayern und Stadt München damals erklärten. Der Großteil sei für Prozesskosten draufgegangen, geblieben seien 920.000 Euro für 34 Angehörige, sagte dazu Spitzer.

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