50 Jahre nach dem Olympia-Terror Israelische Opferfamilien sollen Entschädigung erhalten – aber der Streit eskaliert

Elf Israelis starben beim Olympia-Attentat 1972 in München. Nun will die Bundesregierung Zahlungen leisten. Doch als Sprecherin der Hinterbliebenen sagt Ankie Spitzer: »Die Summe, die uns angeboten wurde, ist beleidigend.«
1972 im Olympischen Dorf: Maskierter palästinensischer Terrorist auf dem Balkon der israelischen Unterkünfte in der Connollystraße

1972 im Olympischen Dorf: Maskierter palästinensischer Terrorist auf dem Balkon der israelischen Unterkünfte in der Connollystraße

Foto: Sven Simon / imago images

Ein halbes Jahrhundert nach dem Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft von 1972 sollen die Opferfamilien späte Entschädigungen aus Deutschland bekommen. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums bestätigte dem SPIEGEL am Mittwoch, man habe entschieden, »die gravierenden Folgen für die Hinterbliebenen der Opfer in immaterieller und in materieller Hinsicht erneut zu artikulieren«. Dies sei das Ergebnis einer »Neubewertung« des Attentats und seiner Folgen durch die Bundesregierung »in den vergangenen Wochen«. Zuerst hatte die »Süddeutsche Zeitung« darüber berichtet.

Der jahrzehntelange Streit um angemessene Entschädigungszahlungen ist damit allerdings keineswegs beigelegt. »Die Summe, die uns angeboten wurde, ist beleidigend«, sagte Ankie Spitzer, Sprecherin der Opferfamilien, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland am Mittwoch. »Wir sind verärgert und enttäuscht.«

Beim Attentat palästinensischer Terroristen waren bei den Olympischen Sommerspielen in München am 5. und 6. September 1972 elf israelische Sportler und Betreuer sowie ein deutscher Polizist ums Leben gekommen. Zwei Mitglieder des Teams aus Israel wurden im Olympischen Dorf ermordet, die anderen starben während einer missglückten Befreiungsaktion auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck. Später wurde bekannt, dass die deutschen Behörden unter anderem vorherige Warnhinweise auf eine mögliche Terroraktion vernachlässigt und während der versuchten Geiselbefreiung zahlreiche fatale Fehler gemacht hatten.

Durch eine umfassende Aufarbeitung der damaligen Ereignisse und erneute finanzielle Leistungen solle nun »den besonderen Beziehungen Deutschlands zum Staat Israel Ausdruck verliehen« und der Ausgangspunkt einer neuen, lebendigen Erinnerungskultur geschaffen werden, erklärte der Ministeriumssprecher. Zur Aufarbeitung soll demnach eine Kommission von Historikerinnen und Historikern aus beiden Staaten eingesetzt werden.

»Nun sind wir gezwungen, öffentlich über Geld zu reden«

Zur Höhe der Entschädigungszahlung machte das Ministerium keine Angaben. Derzeit liefen »vertrauensvolle Gespräche mit den Vertretern der Opferfamilien«. Die finanziellen Leistungen sollten gemeinsam vom Bund, dem Freistaat Bayern und der Landeshauptstadt München erbracht werden, hieß es.

Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland zufolge stellte Steffen Seibert, neuer deutscher Botschafter in Israel, den Opferfamilien am vergangenen Freitag in der Botschaft in Tel Aviv den neuen deutschen Vorschlag vor. Nach Auskunft der Opferfamilien geht es um eine Gesamtleistung von zehn Millionen Euro für alle Hinterbliebenen. Dabei sollten aber frühere Leistungen aus den Jahren 1972 und 2002 in Höhe von insgesamt rund viereinhalb Millionen Euro angerechnet werden.

Spitzer sagte, dies entspreche nicht internationalen Standards in ähnlichen Fällen: »Wir wollten nie öffentlich über Geld reden, aber nun sind wir gezwungen, es zu tun.« Sollte es bei diesem Angebot bleiben, würden die Angehörigen nicht zur Gedenkfeier zum 50. Jahrestag des Attentats Anfang September nach München kommen, so Spitzer weiter.

Zwei Zahlungen erhielten die Opferfamilien bisher

Bereits vor einigen Wochen hatten die Familien der israelischen Opfer angekündigt, der offiziellen Gedenkfeier fernzubleiben, sofern die Entschädigungsfrage ungeklärt bleibe. »Wenn sie uns nicht einmal eine Kompensation nach internationalen Standards zahlen, werden wir überhaupt nicht kommen«, sagte Ankie Spitzer dem SPIEGEL. Die Opferfamilien hatten in den vergangenen 50 Jahren auch immer wieder die mangelhafte Aufarbeitung der Ereignisse und nicht freigegebene Ermittlungsakten beklagt; zudem habe sich von deutscher Seite nie jemand für das Versagen der Behörden im Zuge der Geiselnahme entschuldigt.

Auf eine angemessene Entschädigung und eine lückenlose Aufarbeitung gedrängt hatte zuletzt auch Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, außerdem die Bundestagsfraktion der Grünen sowie Ludwig Spaenle (CSU) als Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Staatsregierung.

Nach der Geiselnahme 1972: Ankie Spitzer in dem Raum, in dem Terroristen israelische Sportler festhielten

Nach der Geiselnahme 1972: Ankie Spitzer in dem Raum, in dem Terroristen israelische Sportler festhielten

Foto:

dpa/ picture alliance / dpa

Zweimal haben die Angehörigen bisher Geld bekommen. Ankie Spitzer beziffert den Betrag der ersten Zahlung von 1972 auf eine Million Mark für 34 Hinterbliebene, »zusammen mit den Särgen«, wie sie sagt – indes »nicht von Deutschland, sondern vom Roten Kreuz, denn Geld vom Staat wäre ja einem Schuldeingeständnis gleichgekommen«.

Vor Gericht forderten die Hinterbliebenen ab 1994 wegen massiver Fehler beim Polizeieinsatz 40 Millionen Mark Schadensersatz, doch ihre Klage wurde letztinstanzlich im Jahr 2000 abgewiesen – wegen Verjährung. Zwei Jahre später folgte eine weitere Zahlung von rund 3,2 Millionen Euro als »humanitäre Geste« der Bundesrepublik, wie Bundesregierung, Freistaat Bayern und Stadt München damals erklärten. Der Großteil sei für Prozesskosten draufgegangen, geblieben seien 920.000 Euro für 34 Angehörige, sagte dazu Spitzer.

ara/jol
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