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Olympiaboykott 1980 - Bauernopfer auf dem Schachbrett der Politik

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Olympiaboykott 1980 Das Ende der Medaillenträume

Als die Sowjetunion in Afghanistan einmarschierte, drängten die USA zum Boykott der Sommerspiele in Moskau. Darauf hatten Sportler wie Handballer Heiner Brand lange hingefiebert - ihre Hoffnungen platzten.

Auch Sportler aus Afghanistan marschierten am 19. Juli 1980 ins Moskauer Lenin-Stadion. Dazu klatschte UdSSR-Staatsoberhaupt Leonid Breschnew begeistert. Die Athleten gaukelten Normalität vor, während in ihrem Land sowjetische Panzer eine vom Westen unterstützte Widerstandsbewegung niederzuwalzen versuchten. Der Krieg am Hindukusch überschattete die 22. Olympischen Sommerspiele. Aus Protest gegen die Invasion blieben etliche Länder fern, darunter die USA und die Bundesrepublik Deutschland.

Viele Athleten traf das hart. "Ein Boykott ist das Schlimmste, was man als Sportler erleben kann", grollte der Handballer Heiner Brand. Mit dem bundesdeutschen Team war er 1978 sensationell Weltmeister geworden und hoffte seine Karriere mit dem Olympiasieg zu krönen. Stattdessen holte die DDR in Moskau Gold gegen die Sowjetunion.

Olympia habe er "völlig ausgeblendet, nachdem feststand, dass wir nicht nach Moskau dürfen", erzählt Brand 40 Jahre später am Telefon. Das Handballfinale habe er sich "irgendwann mal als Aufzeichnung angesehen". Nach dieser "Riesenenttäuschung" beendete Brand, damals 27 Jahre alt, seine internationale Karriere und trat ebenso wie einige Kollegen aus der Nationalmannschaft zurück; ihnen fehlte die Olympia-Perspektive - abermals vier Jahre warten wollten sie nicht.

Der Mann mit dem markanten Walrossbart kam 1984 doch noch zu Olympischen Spielen: als Co-Trainer auf der Bank. Und 2007 wurde er als Cheftrainer Weltmeister, in seiner Heimatstadt Gummersbach trägt ein Platz seinen Namen. Heiner Brand weiß genau, was ein geplatzter Olympiastart bedeutet, wenn man mit aller Kraft dafür trainiert hat - "wir waren bei den Topfavoriten". Er steht bis heute zu seinem Kernsatz von damals: "Boykott auf dem Rücken der Sportler ist zu einfach. Was ist mit der Wirtschaft?"

Wie Brand trauerten 1980 etliche potenzielle Olympiasieger. Ihnen mussten die Protestgesten der teilnehmenden Konkurrenten im Moskauer Lenin-Stadion wie Kinkerlitzchen erscheinen.

"Warum sollen wir opfern, wofür wir leben und arbeiten?"

Anstelle ihrer Nationalflaggen zeigten die westlichen Nationen bei der Eröffnung (und bei späteren Siegerehrungen) die Fahne mit den Olympiaringen. Die Teams aus Frankreich, Italien, der Schweiz und den Niederlanden mieden die Zeremonie ganz. Großbritannien, Irland und Portugal schickten jeweils einen einzigen Sportler. Kleine Schönheitsfehler. Die Zuschauer im Stadion waren trotzdem in Hochstimmung. Für die geschrumpfte Zahl von Leuten in Trainingsanzügen entschädigte sie die von einem Bolschoi-Regisseur inszenierte Show: Männer und Frauen in antiken griechischen Gewändern mit von Pferden gezogenen Kampfwagen erinnerten an die Olympia-Historie.

Gastgeber Breschnew konnte sich als Sieger fühlen. Die Ächtung der Moskauer Spiele, von US-Präsident Jimmy Carter betrieben und von Nato-Generalsekretär Joseph Luns unterstützt, war weitgehend gescheitert. In elf westlichen Ländern hatten die Nationalen Olympischen Komitees (NOK) den Boykott abgelehnt. "Wie können Regierungen die Spiele boykottieren wollen", erklärte der Schweizer NOK-Präsident, "wenn nicht sie, sondern die Nationalen Olympischen Komitees dazu eingeladen worden sind?" Die Spiele ganz absagen, so sehen es die Statuten des Internationales Olympisches Komitees vor, kann nur die IOC-Vollversammlung.

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Olympiaboykott 1980 - Bauernopfer auf dem Schachbrett der Politik

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In Konfliktfällen behaupten Sportfunktionäre gern mantraartig, Politik und Sport seien völlig getrennte Sphären, die man keinesfalls vermischen dürfe. Der Streit vor 40 Jahren legte offen, dass das unmöglich ist, und zeigte zudem, wie widersprüchlich Regierungen auf Weltkrisen reagieren. In der Uno-Vollversammlung im Januar 1980 hatten 104 Staaten die sowjetische Invasion verurteilt und den sofortigen Truppenabzug gefordert. Aber im Juli schickten 81 von 146 eingeladenen Ländern ihre Sportler nach Moskau, zu den ersten Spielen im kommunistischen Ostblock.

"Warum sollen wir opfern, wofür wir leben und arbeiten?", erklärte Thomas Wessinghage in der Boykottdiskussion und erwähnte in einem Seitenhieb, dass der Industrieriese Klöckner "in der Sowjetunion eine Aluminiumhütte baut". Er war damals Bundeswehrstabsarzt und Weltklasseläufer in Topform; seinen deutschen Rekord über 1500 Meter vom August 1980 konnte bis heute keiner knacken. Aber eine olympische fehlt unter seinen zahlreichen Medaillen. "1972 war ich zu jung, 1976 zu blöd", sagte Wessinghage kürzlich der ARD . "1980 war für mich der Leistungshöhepunkt, da durfte ich nicht mitmachen." Vier Jahre später durchkreuzte dann eine Verletzung die Reise nach Los Angeles.

Carters "schwarzer Henry Kissinger"

Athletinnen und Athleten sind in der Regel für die Teilnahme, unabhängig vom Weltgeschehen. Unterstützt wurden die Aktiven meist von ihren Sportverbänden - selbst in den USA. So sagte Don Miller vom NOC der Vereinigten Staaten: "Wir bestrafen uns selbst, wenn wir die Sportler als Bauern auf dem Schachbrett der internationalen politischen Auseinandersetzungen benutzen."

Genau das aber tat mitten in Kalten Krieg sein Präsident. Jimmy Carter hatte dramatisch an Ansehen verloren, nachdem iranische Revolutionsgarden im November 1979 die amerikanische Botschaft in Teheran gestürmt und 52 US-Bürger als Geiseln genommen hatten. Nun wollte er Härte beweisen: Carter drohte, die weltweite Olympia-Ächtung durchzusetzen, wenn die Sowjets ihre Truppen nicht bis zum 20. Februar nach Hause holen würden.

In Lake Placid im US-Bundesstaat New York, wo die Olympischen Winterspiele liefen, tauchten Demonstranten mit Anti-Moskau-Parolen auf. Karikaturisten zeichneten Mischa-Bär, das niedliche Moskau-Maskottchen, als grausamen Grizzly, der mit seinen Tatzen Afghanistan zerquetscht. Die Mehrheit der US-Bürger befürwortete den Boykott.

Einen willkommenen Auslandswerber fand Carter in Muhammad Ali. "Wenn die Russen in irgendein weißes Land in Europa eingefallen wären", sagte der frühere Boxweltmeister im SPIEGEL-Interview, "was hättet ihr alle für einen Wirbel gemacht. Aber Afghanistan ist ja nur ein farbiges, armes Moslem-Land." Der Champion reiste viel und weit. In islamischen Staaten folgten Regierungen den Boykottaufrufen. Doch 21 afrikanische Länder schickten ihre Sportler nach Moskau; nur in Liberia und Kenia hatte die Mission des "schwarzen Henry Kissinger" Erfolg.

In Bonn stand die sozialliberale Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt vor einem Dilemma: Mit einem Boykott würde sie ihre auf Ausgleich bedachte Ostpolitik konterkarieren; eine Teilnahme in Moskau würde US-Zweifel an der deutschen Bündnistreue nähren. Bis ins Kabinett reichte der Dissens. "Olympia-Boykott ist Unfug", erklärte der als Anwalt der Industrie auftretende Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, "dann reden alle nur über die geplatzten Spiele und niemand mehr über die Invasion in Afghanistan."

Zusehen, wie die Briten Medaillen horten

Doch die Regierung hielt zu den Amerikanern, der Bundestag unterstützte in einer Abstimmung am 23. April den Boykott. Auch Thomas Bach, damals Athletensprecher und heute IOC-Präsident, konnte dagegen nichts ausrichten. Im hitzigen Olympia-Streit erlebte der 26-jährige Fechter üble Beschimpfungen: "Man wurde als Kommunistenschwein oder Vaterlandsverräter bezeichnet", erinnerte er sich in der ARD.

Besonders verbittert schauten bundesdeutsche Sportler auf Großbritannien. Dort hatte Premierministerin Margret Thatcher zwar im Parlament gegen die Sowjetregierung gewettert: Wie 1936 in Berlin die Nazis wolle nun das Moskauer Regime mit den Olympischen Spielen internationales Prestige gewinnen. Aber die Eiserne Lady nahm hin, dass das NOC ein Team zu den Spielen schickte.

Guido Kratschmer: Nur Zuschauer im Moskauer Stadion

Guido Kratschmer: Nur Zuschauer im Moskauer Stadion

Foto: Frank Leonhardt/ picture alliance/ dpa

Die Briten gewannen 21 Medaillen, darunter fünf goldene. Sebastian Coe siegte im 1500-Meter-Lauf - sieben Sekunden langsamer als sein Rivale Thomas Wessinghage drei Wochen später beim deutschen Rekord. Zehnkampf-Bär Guido Kratschmer, auf dem Zenit seiner Kraft, gelang kurz vor Olympia ein neuer Weltrekord. In Moskau sah er dann zu, wie Daley Thompson Gold holte; der "Stern" hatte Kratschmer als Reporter ins Stadion geschickt. "Mein Lebensziel ist mit dem Boykott weggefallen", sagte er kürzlich der "Süddeutschen Zeitung" , "20, 25 Jahre hat mich das noch beschäftigt."

"In einem Boykott sehen wir eine Alibi-Funktion, die die Hilflosigkeit der Politiker überdecken soll", schrieben 1980 die deutschen Olympia-Ruderer. Ex-Kanzler Willy Brandt warnte vor der Annahme, man könne damit auch nur "einen einzigen russischen Soldaten aus Afghanistan rausholen". Erst 1986 musste sich die Sowjetunion aus dem Land am Hindukusch zurückziehen, geschlagen und gedemütigt von den Afghanen, die in diesem Stellvertreterkrieg massiv vom Westen unterstützt wurden.

Indirekte Anzeichen für Widerstand zeigten sich sogar bei der Olympia-Eröffnung in Moskau. Die elf Athleten aus Afghanistan, denen Breschnew zuwinkte, waren nur ein Rest des Teams aus Ringern, Fußballern, Hockeyspielern. Die große Mehrheit hatte sich nach Pakistan und Deutschland abgesetzt.