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Massaker von My Lai: "Die GIs schossen weiter, überall war Blut"

Opfer des Vietnamkriegs "Die GIs schossen weiter, überall war Blut"

Fotos eines Massakers an 500 Zivilisten im Dorf My Lai machten Ende der sechziger Jahre Amerikas grausame Verbrechen im Vietnamkrieg bekannt. Duc Tran Van, damals sechs Jahre alt, überlebte - und wollte vergessen. Doch mehr als 40 Jahre später wird er noch einmal mit der Vergangenheit konfrontiert.

My Lai in der Provinz Quang Ngai, Südvietnam, 16. März 1968. Der Krieg beginnt an diesem Tag schon in den frühen Morgenstunden. Aus den Nachbardörfern hallt Artilleriefeuer herüber. Nun, gegen 7.30 Uhr, kreisen die amerikanischen Hubschrauber auch über My Lai. Schüsse fallen, Schreie sind zu hören. Immer näher, immer lauter.

Der sechsjährige Duc beobachtet seine Mutter, wie sie eilig ein paar Sachen zusammenpackt. Die 32-jährige Nguyen Thi Tau greift nach einer großen braunen Segeltuchtasche, legt Kleidung für ihn und seine vier Schwestern hinein und gibt sie der ältesten. Die Stoffe, die sie sonst im Laden verkauft, trägt sie in den Keller, außerdem Öl und Medikamente. Gerade als sie damit fertig ist, stehen Soldaten im Haus. Amerikanische Soldaten. Alle sollen raus, auf die Straße. Die Mutter nimmt die 14 Monate alte Ha auf den Arm, Ducs kleine Schwester. Mit der anderen Hand greift sie noch rasch nach ihrem Strohhut.

Duc Tran Van erinnert sich an jedes Detail. Dabei wollte er die schrecklichen Ereignisse dieses Tages vergessen. Doch nun, 42 Jahre später, wird er noch einmal mit der grausamen Vergangenheit konfrontiert. Auf dem Wohnzimmertisch in seinem Reihenhaus in Remscheid hat der 48-Jährige Zeitungsartikel, Briefe und Fotos ausgebreitet. Er nimmt eines zur Hand. "Heute", sagt Duc Tran Van, "kennt die ganze Welt meine Mutti."

Bilder des Grauens

Was an jenem Tag in Ducs Heimatdorf passierte, versetzte der Welt einen Schock. Drei Jahre nach dem Eingreifen der USA in den Krieg zwischen dem Regime Südvietnams und dem kommunistischen Norden töteten amerikanische Soldaten in My Lai in nur vier Stunden mehr als 500 Zivilisten.

Das Massaker, eines der schlimmsten Kriegsverbrechen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, blieb nicht zuletzt wegen seiner Bilder in Erinnerung: Nachdem die US-Armee zunächst versucht hatte, das Verbrechen zu vertuschen, berichtete Monate später der Journalist Seymour Hersh über den Massenmord in Südvietnam. Seine Berichte wurden mit Aufnahmen des Armeefotografen Ronald Haeberle illustriert - sie zeigen brennende Hütten, Hinrichtungen, Menschen mit aufgeschlitzten Leibern. Und eine Frau, die zusammengekrümmt im Gras liegt, halb bedeckt von einem großen Strohhut. Ducs Mutter, Nguyen Thi Tau.

Die schweren Verletzungen sind deutlich zu sehen. In den Medien wird dieses Bild deshalb später nur noch selten gezeigt - es ist zu grausam, zu schockierend. Auch einestages sieht von einer Veröffentlichung ab. Duc Tran Van aber nimmt es zur Hand, um seine Familiengeschichte zu erzählen.

"Schlimmeres konnte ich mir nicht vorstellen"

"Die GIs trieben uns damals aus dem Haus", erzählt er, "viele unserer Nachbarn standen schon auf der Straße. Meine Mutter nutzte das Chaos, um uns in einen Keller zu schieben. Doch wir kamen nicht weit, der Raum war bereits voller Menschen. Die Soldaten richteten ihre Gewehre auf uns und schrien so laut, dass alle aus Angst herauskamen. Eine alte Frau erhielt einen Schlag mit einem Gewehrkolben und brach zusammen. Der Soldat zerrte sie an einer Hand zu den anderen."

Seine Mutter, erinnert sich Duc, habe dann versucht, die Schwestern und ihn hinter einem Bambusstrauch zu verstecken; doch ein Soldat habe das bemerkt und Nguyen Thi Tau so heftig zurückgezerrt, dass die Knöpfe ihrer Bluse absprangen.

Auf einer Kreuzung wurden die Dorfbewohner zusammengetrieben. "Meine Schwestern und ich saßen direkt neben unserer Mutter, die Segeltuchtasche hatten wir noch immer bei uns. Kinder weinten und schrien und auch ich schrie - in der Hoffnung, die Soldaten würden nicht weiter schießen. Ich konnte mir keine schlimmere Situation vorstellen. Doch dann feuerten die Soldaten direkt in die Menge. Wer nicht getroffen wurde, versuchte in die Reisfelder zu fliehen. Die GIs schossen weiter, und um uns herum fielen die Menschen um. Überall war Blut, lagen Körperteile."

"Sie konnte nicht mehr aufstehen"

In diesem Horror habe seine Mutter die kleine Ha auf dem Arm gehalten und ihn in einen Graben neben dem Feld gezogen. Der Reis stand hoch, die Ernte kurz bevor. "Meine Mutter legte sich auf mich und meine Schwester - mit dem Hut deckte sie uns zu. So blieben wir liegen, während die Soldaten weiter schossen. Als sie annahmen, dass niemand mehr leben würde, kamen sie näher und feuerten auf alles, das sich noch bewegte. Danach wandten sie sich wieder dem Dorf zu."

Kurze Zeit später begann Ha zu weinen. "Meine Mutter sagte mir, ich solle meine Schwester auf den Arm nehmen und zur Oma bringen. Sie drehte dabei ihren Körper beiseite, damit ich Ha nehmen konnte, und ich sah die Wunden an ihrem Bauch und an den Oberschenkeln. Sie konnte nicht mehr aufstehen."

Ducs Großmutter wohnte im sechs Kilometer entfernten Son Hoi. "Es war schwierig, die kleine Schwester zu tragen, wenn man gleichzeitig aufpassen muss, nicht auf die Leichen zu treten, die überall lagen. Ich hatte so große Angst, dass die Truppen zurückkommen und auch uns erschießen würden, dass ich gar nicht darüber nachdachte, wie ich meiner Mutter hätte helfen können. Das macht mich traurig."

Großmutters Entschluss

Und noch einmal hatte Duc große Angst: als er über sich Motorenlärm hörte. Er legte sich und seine Schwester auf den Boden und stellte sich tot. "Als ich hinaufschaute, sah ich dicht über uns einen Hubschrauber. Es waren amerikanische Soldaten und einer saß außerhalb der Tür. Wenn sie geschossen hätten, hätten sie uns sicher getroffen. Doch es gab keine Schüsse." Duc Tran Van glaubt heute, dass es ein Fotograf war.

Das Haus der Großmutter in Son Hoi sollte für die nächsten Jahre das Zuhause der Geschwister werden. Als der Vater, Arzt auf Seiten der nordvietnamesischen Armee, am Tag nach dem Massaker in Son Hoi eintraf, fand er nur drei seiner Kinder vor - seine Frau, die älteste Tochter Hong und die vierjährige Hue waren bereits in einem Massengrab beigesetzt. Bevor er zu seinen Kameraden zurückkehrte, bat er Freunde und Verwandte, sich um die Kinder zu kümmern. Im Dezember 1969 erreichte sie die Nachricht, dass der Vater im Kampf gefallen sei.

Die Großmutter wurde wenig später aufgefordert, die Kinder nach My Lai zurückbringen. Nordvietnam wollte die Überlebenden in eine seiner Schulen in der Hauptstadt Hanoi aufnehmen. Doch die alte Frau widersetzte sich - sie wollte nicht auch noch diese Kinder verlieren. Auf staatliche Unterstützung konnten die Waisen nun nicht mehr hoffen. Als die Großmutter schließlich immer schwächer wurde, mussten sich Duc und seine Schwestern selbst versorgen. Die ältere My verließ deshalb die Schule nach der dritten Klasse.

Angst vor einem neuen Krieg

Duc lernte weiter und wechselte nach dem Ende des Krieges und der Wiedervereinigung Vietnams in die Oberstufe. Die junge Sozialistische Republik förderte seine Berufsausbildung, und als er schließlich davon hörte, dass in der DDR qualifizierte Arbeitskräfte benötigt würden, bewarb er sich. Im sächsischen Mittweida begann er 1983 eine Ausbildung zum Textilschlosser, arbeitete im "Volkseigenen Betrieb Wäscheunion" - und wurde 1989 Zeuge des politischen Umbruchs in der DDR.

Die Bilder der Wende machten ihm Angst. "Ich habe befürchtet, dass nun ein Krieg kommt wie in Vietnam." Der Betrieb in Mittweida wurde bald darauf geschlossen, und Duc Tran Van wollte schon zurück nach Vietnam. Doch im Ruhrgebiet fand der Schlosser schnell einen neuen Job. Er blieb, gründete eine Familie und fuhr nun alle zwei Jahre zu Besuch in die geliebte Heimat. Das tragische Familienschicksal war nur noch im privaten Kreis ein Thema.

Bis 2008. Da wurde in My Lai jenes Museum neu eröffnet, in dem seit 1976 das amerikanische Verbrechen dokumentiert ist und in dem Duc Tran Van damals zum ersten Mal Ronald Haeberles Fotos gesehen hatte - das Bild von seiner toten Mutter und auch eines von sich, das einen Jungen und ein kleines Mädchen liegend auf einem Feldweg zeigt. Doch zu seiner Überraschung standen andere Namen darunter. Eine Schlampigkeit, eine Verwechslung, die beim Umzug des Museums passiert war?

"Das sind meine Bilder"

Für Touristen und westliche Journalisten, die die Gedenkstätte hauptsächlich besuchen, kommt es vermutlich nicht darauf an, wie die Menschen auf den Fotos heißen oder wem welche der niedergebrannten Hütten gehört hatte. Doch den Überlebenden ist es nicht egal. "Es ist meine Familie und damit sind es auch meine Bilder", sagt Duc Tran Van. Deshalb habe er die Fehler reklamiert und um Richtigstellung gebeten. "Doch so einfach war das nicht."

Die Erinnerung an My Lai ist in Vietnam zur offiziellen Staatsangelegenheit geworden, das Museum zu einer Pilgerstätte des Gedenktourismus. Plastisch verkörpert durch eine monumentale Skulptur, die seit der Wiedereröffnung auf dem Massengrab steht und vor der Trauernde beten. Haeberles Fotos dienten dem Künstler als Vorlage, darunter auch das Bild der beiden Kinder. Duc Tran Van findet die Nachbildung in Stein befremdlich: "Jetzt beten sie zu mir - dabei bin ich doch gar nicht tot."

Im Museum habe man ihm zunächst gar nicht glauben wollen, dass die Frau auf einem der Fotos seine Mutter sei. Überlebende kommen fast nie in die Gedenkstätte, obwohl einige, sogar Ducs Schwester, noch immer im selben Ort wohnen. "Die Leute von My Lai trauen sich nicht, etwas gegen das Museum zu sagen", musste Duc Tran Van feststellen. Zurück in Deutschland, erfuhr er warum. "Einige, mit denen ich gesprochen habe, bekamen eine Vorladung von der Polizei. Sie sollten berichten, was 'der Reaktionär Duc' von ihnen wollte."

Duc Tran Van ist jetzt einer aus dem Westen. Von sich selbst sagt er, er sei "ein bisschen deutsch geworden". Und das soll heißen: Anders als seine Landsleute traue er sich zu widersprechen. Deshalb auch habe er auf die Richtigstellung bestanden und sich an das Kulturministerium gewandt. Um seine Geschichte zu belegen, reiste er noch einmal nach My Lai, suchte nach Zeugen, sprach mit Überlebenden. Und er begann, seine Geschichte aufzuschreiben und sich 42 Jahre nach dem schrecklichen Ereignis wieder und wieder an jedes Detail und an jeden grausamen Moment des 16. März 1968 zu erinnern.

Das Kulturministerium in Hanoi hat inzwischen auf seine Beschwerde reagiert. Die fehlerhaften Angaben zu seiner Mutter wurden korrigiert.