Britische Band OMD "Wir waren in Hitlers Unterhose"

Die Gruppe Orchestral Manoeuvres In The Dark (OMD) galt als Vorreiter des Synthiepop der Achtzigerjahre. Sänger Andy McCluskey über Idole, kuriose Bandnamen und einen Karrierestart aus der Mülltüte.

Martina Raddatz/ Redferns/ Getty Images

Ein Interview von


Zur Band
    Die Band Orchestral Manoeuvres In The Dark, kurz OMD, wurde 1978 gegründet von Andy McCluskey, Bass und Gesang, und Paul Humphreys, 59, Gesang und Keyboards. Die Briten begannen als Avantgarde-Hipster und landeten dann Riesenhits wie "Maid of Orleans (The Waltz Joan of Arc)", "Enola Gay", "Souvenir" oder "Sailing On The Seven Seas", vor allem in Deutschland. Nebenher gründete und produzierte McCluskey, 60, die erfolgreiche Girl-Group Atomic Kitten. Zuletzt veröffentlichten OMD die Greatest-Hits-Zusammenstellung "Souvenir" und spielen jetzt einige Konzerte in Deutschland.
OMD auf Tour
    25.11.2019 Rostock + 26.11. Dresden + 28.11. Leipzig + 29.11. Berlin + 30.11. Hamburg + 2.12. Saarbrücken + 3.12. Stuttgart + 05.12. Düsseldorf + 6.12. Frankfurt am Main. Mehr Informationen und Termine gibt es hier.

einestages: Hat die Jugend in der Industriemetropole Liverpool Ihr Interesse an elektronischer Musik geprägt?

McCluskey: Schwer zu sagen, wenn Liverpool uns beeinflusst hat, hätten wir wie die Beatles klingen müssen, oder? Aber wir waren eindeutig mehr von Düsseldorf als von Liverpool inspiriert. An der elektronischen Musik aus Deutschland mochten wir, dass sie so anders klang als alles, was wir kannten. Wir waren Kids und suchten nach etwas Neuem. Als ich im Sommer 1975 den Kraftwerk-Song "Autobahn" im Radio hörte, begann ich, in Plattenläden nach Importen aus Deutschland zu suchen. Auch die Düsseldorfer Band NEU! war für uns sehr wichtig. Ich habe das Gefühl, dass vielen Deutschen nicht bewusst ist, wie gewaltig der Einfluss dieser Bands auf die angloamerikanische Musik war. Und dann sah ich Kraftwerk live.

einestages: Woran erinnern Sie sich?

McCluskey: 11. September 1975, ich saß auf Platz Q-36. Warum mich das so beeindruckt hat: 1975 war die Zeit der Rock-Klischees. Lange Haare, Jeans mit Schlag und endlose Gitarrensolos. Der selbstverliebte Progressive Rock war in. Und da tauchten vier Typen mit kurzem Haar und Anzügen auf - Kraftwerk! Was sie auf der Bühne machten, sah aus, als wenn sie mit Stricknadeln auf Tee-Servierplatten klöppeln. Ich saß im Konzert mit einer großen Afro-Frisur, langem Schaal und Trenchcoat, sah also aus wie ein totaler Hippie, wusste aber, dass ich an diesem Abend die Zukunft der Musik erblickt hatte und daran teilhaben wollte.

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Orchestral Manoeuvres In The Dark: Elektropop-Urknall made in UK

einestages: Wie schwierig war es für Sie und Ihren Schulfreund Paul Humphreys, elektronische Instrumente zu bekommen?

McCluskey: Die Probleme begannen mit dem Geld. Wir waren bettelarme Kids aus einem Arbeitervorort von Liverpool. Ich besorgte mir einen Bass für Linkshänder, obwohl ich keiner bin, nur weil es das einzig bezahlbare Instrument im ganzen Laden war. Paul hatte überhaupt kein Geld für irgendein Instrument, also besorgte er sich ein altes Radio von seiner Tante und bastelte sich daraus etwas, das er "Noise Machine" nannte und genau das fabrizierte: seltsame Geräusche.

einestages: War für Sie die Idee von Punk wichtig, dass jeder eine Band gründen kann, auch wenn er kein Instrument beherrscht?

McCluskey: Das war enorm prägend. Und dass die Musikindustrie in England dezentralisiert wurde. Vorher spielte sich alles Wichtige in London ab, aber mit Punk machten überall in der Provinz coole Clubs und unabhängige Plattenfirmen auf. Es ist kein Zufall, dass die meisten erfolgreichen britischen Bands meiner Generation nicht aus London kommen, sondern aus Sheffield, Manchester, Glasgow, Dublin, Birmingham oder eben Liverpool.

einestages: Einer der zahlreichen Bandnamen, den Sie zwei vor OMD nutzten, war "Hitler's Underpantz".

McCluskey: Ja, wir können tatsächlich mit gutem Gewissen behaupten, in Hitlers Unterhose gewesen zu sein. Der Name ging nicht auf unser Konto, den hatte sich ein verrückter Kollege von uns ausgedacht. Der Plan war: verrückter Name - verrückte Musik.

einestages: Wählten Sie den endgültigen Namen Orchestral Manoeuvres In The Dark wirklich, weil er nicht nach einer Rockband klang?

McCluskey: Unsere Freunde standen damals auf Genesis, Emerson, Lake and Palmer oder Pink Floyd. Wir hassten das alles und wollten einen Namen, der klar macht, dass unsere Musik ganz anders klingt als Rock, Disco oder Reggae. 1978 beschlossen wir, uns mit unserer seltsamen elektronischen Musik an die Öffentlichkeit zu wagen. Also fragten wir beim angesagten Liverpooler Club "Erics" etwas größenwahnsinnig an, ob wir ein Konzert geben dürften. Wir waren fassungslos, als die zusagten, aber fest entschlossen, es durchzuziehen. Wir kamen so gut an, dass die Erics-Chefs uns an den Club "Factory" in Manchester weiterempfahlen. Das war dann unser zweiter Gig.

einestages: Der legendäre Factory-Chef Tony Wilson, Entdecker von Joy Division und New Order, war nicht gerade Ihr Fan, oder?

McCluskey: Dem gaben wir ein Demotape mit unserer Musik, weil er plante, ein kleines Label zu starten. Wilson konnte unsere Musik nicht ausstehen, aber seine Frau fischte unser Tape bei einer Autofahrt aus einer Tüte mit Zeug, das er abgelehnt hatte. Sie stolperte über unseren Namen, ließ das Tape laufen und war so angetan, dass sie Wilson bedrängte, es zu veröffentlichen. Aber er sträubte sich, hatte unser Konzert nicht gemocht und fand uns überhaupt furchtbar. Seine Frau insistierte so lange, bis er nachgab: "Darling, nur für dich!" Unsere erste Single "Electricity" ist dann bei Factory erschienen. Ein Karrierestart aus der Mülltüte, wenn man so will.

Preisabfragezeitpunkt:
11.12.2019, 03:02 Uhr
Ohne Gewähr

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Orchestral Manoeuvres in the Dark
(OMD 40th Anniversary) SΟՍVΕΝΙR - ΤΗΕ SΙΝGԼΕS 1979-2019 [2CD]

Label:
A Virgin EMI Records release; Universal Music Operations Ltd
Preis:
26,99 €

einestages: Haben Sie sich bei der Frau jemals bedankt?

McCluskey: Erst im letzten Jahr: Wir fielen vor Lindsay auf die Knie und küssten ihre Füße!

einestages: Mit OMD bewiesen Sie, dass elektronische Musik gut auf Konzertbühnen funktionieren kann. Wie schwierig war das?

McCluskey: Als wir anfingen, galt unter Journalisten, elektronische Musik sei pseudointellektuell und leblos roboterhaft. Uns reizte es, das Gegenteil zu beweisen - dass diese Musik emotional und kraftvoll klingen kann. Deshalb entwickelte ich auch meinen eigenwilligen Bühnentanz. Wir wollten nicht Kraftwerk sein, die ja nur statisch auf der Bühne stehen.

einestages: Und ausgerechnet die Boogie-Rocker von ZZ Top waren sehr angetan.

McCluskey: Wir sind mal in der legendären britischen TV-Show "The Old Grey Whistle Test" aufgetreten, ZZ Top waren auch eingeladen. Verschiedener können Bands kaum sein, aber ZZ Top waren von unserem Auftritt begeistert: Nach dieser Begegnung ließen sie eine Weile vor Konzerten unser erstes Album laufen, bevor sie auf die Bühne kamen. Ihr nächstes Album "Eliminator" war dann überraschend elektronisch, und auch die Art und Weise, wie Billy und Dusty von ZZ Top damals in Videos ihre Gitarren schwenkten, ist ziemlich eindeutig von meinem Tanz mit dem Bass beeinflusst. Das haben sie mir zehn Jahre später bestätigt: "Ja, Mann, klar haben wir deinen Tanz kopiert. Der war so cool, danke!"

einestages: Die OMD-Karriere wird in zwei Phasen eingeteilt: die frühen Avantgarde-Jahre und dann die große Pop-Ära. Korrekt?

McCluskey: Auf den ersten vier Alben haben wir uns einfach ausgetobt und irgendwie eine eigenständige Popmusik geschaffen, die nach OMD klang und sich millionenfach verkaufte. Aber danach wurden wir konservativer, trugen mehr Verantwortung, Paul war frisch verheiratet, wir mussten Häuser abzahlen und auch eine Crew bezahlen. So reihten wir uns letztlich in die Tretmühle der etablierten Musikindustrie ein. Danach waren wir ziemlich erfolgreich, dann auch mal nicht mehr, wir trennten uns und kamen doch wieder zusammen.

einestages: Stimmt es, dass eine deutsche TV-Show für Ihre Reunion verantwortlich war?

McCluskey: Ja, "Die ultimative Chart Show" auf RTL stellte 2005 eine Liste der bestverkauften Singles in Deutschland zusammen. Unser Song "Maid of Orleans" war 1982 der größte Bestseller, so fragten sie uns, ob wir auftreten wollten. Wir waren noch getrennt, hatten zehn Jahre lang solche Angebote bekommen und stets abgelehnt, aber diesmal fragte ich Paul, ob er Lust hätte, mit mir nach Köln zu fahren. Er stimmte zu, die anderen Jungs auch. Ich kenne Paul, seit er sieben war, es war toll, ihn endlich wieder zu treffen. Unser Auftritt war ein Riesenspaß. Danach saßen wir in der Hotelbar, und ich fragte die anderen, ob wir es nicht doch noch mal miteinander versuchen wollen.

einestages: Sind Sie Ihren Idolen Kraftwerk jemals begegnet?

McCluskey: Mit den Jahren sogar einige Male. Das erste Mal war unheimlich: Da spielten wir in der "Zeche", einem kleinen Club in Bochum. Die Kraftwerk-Musiker standen auf einem Balkon, ganz in Schwarz gekleidet, und beobachteten uns. Ich bin in meinem Leben nie so aufgeregt gewesen wie an jenem Abend: Es fühlte sich an, als wäre Gott gekommen, um uns unter die Lupe zu nehmen. Nach der Show trafen wir sie an der Bar, sie waren reizend nett zu uns. Wir haben einen tollen Job.

insgesamt 11 Beiträge
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Ulrich Alte, 19.11.2019
1. Omg, omd
OMD konnte ich nie leiden, auch wenn ihr Einfluss auf unzählige SynthiePop/Wave Bands der 80er unbestritten ist. Tja, Tony Wilson wusste es damals bereits. Witzig fand ich in dem Artikel ja auch die Fragen nach etwaigen Punkeinflüssen. Die Reduktion auf wenige Akkorde macht aber noch keinen Punk, die Definition passt genauso zum Schlager und da passt für mich die Musik von OMD besser hinein. Naja, ist nur meine Meinung, die Geschmäcker sind verschieden, und das ist auch gut so.
Emma Karlson, 19.11.2019
2. Walking on the Milky Way...
...mein (später) Lieblingssong von OMD. Großartiger Popsong.
Katharina Hansmeier, 19.11.2019
3. Hmmmm
Elektricity hört sich dann doch ziemlich unachtsam Kraftwerk an... nur auf Englisch
Frederic Furchensumpf, 19.11.2019
4.
Zitat von geo_40Elektricity hört sich dann doch ziemlich unachtsam Kraftwerk an... nur auf Englisch
Also bitte....für Kraftwerk hört sich Elektricity nicht monoton genug an. Gemessen an Kraftwerk ist das dann schon fast ein "Guter-Laune-Song"...
Jens Wallraff, 19.11.2019
5.
Die Musik von OMD aus den frühen Achtzigern gefällt mir bis heute. Mir gefällt auch die Ehrlichkeit von McCluskey, der ja offen zugibt, später aus finanziellen Zwãngen den Stil geändert zu haben.
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