Filmemacher Orson Welles Zauberhafter Wunderknabe

Mit einem Radio-Hörspiel löste er eine Massenpanik aus, sein erster Film beleidigte den mächtigsten Zeitungsmogul der USA. Vor 100 Jahren wurde Orson Welles geboren. Erinnerung an einen kompromisslosen Künstler.

ddp images

Von


Louella Parsons tobte. Man solle sie umgehend mit dem Chef verbinden, schrie sie einen Mitarbeiter des Filmstudios RKO Radio Pictures am Telefon an. "Es geht um Leben und Tod von RKO", sagte sie drohend.

Normalerweise war Parsons diejenige, die wütende Anrufe entgegennehmen musste. In ihren Klatschkolumnen schrieb sie regelmäßig über Hollywoods Reiche und Berühmte. Doch jetzt sollte ein RKO-Film in die Kinos kommen, der das Leben ihres eigenen Arbeitsgebers in ungünstiges Licht rückte: das Leben des Zeitungsmagnaten William Randolph Hearst. Weil Parsons das mit allen Mitteln verhindern wollte, griff sie am 9. Januar 1941 zum Hörer.

Ihr Zorn richtete sich nicht nur gegen das Filmstudio und dessen Chef George Schaefer. Sondern vor allem gegen den Regisseur von "Citizen Kane". Jenen Wunderknaben, wie ihn das "Time"-Magazin genannt hatte. Und über den sie selbst noch vor wenigen Monaten so wohlwollend berichtet hatte. Orson Welles.

Panikmache im Radio

Mit gerade einmal 25 Jahren sorgte Welles für den zweiten Eklat seiner Karriere. Bereits 1938 hatte seine Radio-Produktion des Science-Fiction-Klassikers "Krieg der Welten" eine Massenpanik an der US-Ostküste ausgelöst. Welles hatte das Stück als Nachrichten-Show konzipiert. Ein Sprecher unterbrach eine angebliche Musiksendung und berichtete davon, wie Marsmenschen auf einem Bauernhof in New Jersey gelandet waren. Weil viele Hörer die Sendung erst später einschalteten, glaubten sie tatsächlich an eine Invasion aus dem All - sie hatten den Hinweis verpasst, dass es sich um ein Hörspiel handelte.

"Citizen Kane" war hingegen eine Universalgeschichte über die Korruption des Geldes. Darüber, wie der idealistische Charles Foster Kane zu früh zu Reichtum gelangt und seine Vorsätze durch das Streben nach Anerkennung verwirft - bis er einsam in einer Festung stirbt, mit dem legendären Ausruf "Rosebud" auf den Lippen. Obwohl Welles peinlichst darauf achtete, dass niemand außerhalb von RKO die Handlung des Films erfuhr, sickerten Gerüchte durch. So kam es zu jenem Anruf von Parsons. Verhindern konnte die Kolumnistin den Film nicht. Doch sie sorgte dafür, dass alle Beteiligten mit schlechter Presse überhäuft wurden. "Ihr wollt private Geschichten, dann geb ich euch private Geschichten", hatte sie verkündet.

Mythenbilder Welles

Der Schmutzkampagne und dem Boykott des Films in allen Hearst-Zeitungen zum Trotz: Bis heute gilt "Citizen Kane" als einer der bedeutendsten Filme aller Zeiten. Unzählige Abhandlungen sind erschienen: über die vielschichten Erzählperspektiven des Films; über den Einsatz von Tiefenschärfe, der als bahnbrechend galt; über das Make-Up, mit dem Welles trotz seiner 25 Jahre mühelos einen 80-Jährigen verkörpern konnte.

Genauso viele Mythen rankten sich um die Filmarbeiten. Welles soll einige Szenen mehr als 100-mal wiederholt haben. Seinen Darsteller Joseph Cotten habe er bis drei Uhr nachts wach gehalten, damit dieser als alkoholisierter Journalist besonders glaubwürdig wirkte.

Viele dieser Legenden beruhten auf Aussagen von Welles. Schon als Kind hatte er einen Zauberkasten geschenkt bekommen und gelernt, dass man Menschen mit spannenden Geschichten bei Laune halten müsse, um sie für eine Show zu begeistern. Auch über sein eigenes Leben schürte er Gerüchte. Er erfand kauzige Tanten oder erzählte, dass er seinen ersten Job als Osterhase hatte. Welles war der große Magier, der die Welt mit seinen Tricks zum Staunen bringen wollte.

Bühnenarbeiter

Die Wirklichkeit sah weniger spektakulär aus. Geboren wurde George Orson Welles am 6. Mai 1915 in Kenosha im Staat Wisconsin, der Vater Erfinder für die Automobilindustrie, die Mutter Konzertpianistin. Mit 15 war Welles Vollwaise, und der befreundete Hausarzt Bernstein übernahm die Vormundschaft. Er verbot seinem Schützling, sich an einer Theaterschule einzuschreiben. Stattdessen erhielt Welles mit 16 Jahren Geld, um eine Studienreise nach Irland zu unternehmen. Er sollte Kunstmaler werden.

Kurz nachdem er sein Geld in Irland verprasst hatte, klopfte Welles in Dublin an die Tore des ehrwürdigen Gate Theaters. Als der Manager Hilton Edwards den hochgewachsenen jungen Mann mit dem Pausbacken und der tiefen Bassstimme erblickte, rief er seinen Partner: "Etwas Komisches aus Amerika ist eingetroffen. Schau dir an, was du davon hältst." Zwei Jahre lang arbeitete Welles in Irland am Theater. Nach seiner Rückkehr in die USA, kurz vor seinem 21. Geburtstag, wurde er zum Stadtgespräch von New York, weil er in Harlem einen "Voodoo-Macbeth" inszenierte. Unter seiner Regie trat erstmals ein komplett schwarzes Ensemble in einem Shakespeare-Stück auf.

Ein Jahr später gründete Welles mit seinem Kollegen John Houseman die Mercury-Theatergruppe. Gemeinsam brachten sie Shakespeare-Dramen in modernem Gewand auf die Bühne. Für "Julius Caesar" ließ Welles die Darsteller in Uniformen auftreten, die an Militärkleidung von Benito Mussolini erinnerten. Ein Statement gegen den aufkeimenden Faschismus in Europa. Welles landete damit auf der Titelseite des "Time"-Magazins. Zusätzlich nahm der Workaholic Sprechrollen im Radio an. Nach dem aufwendigen "Krieg der Welten"-Hörspiel 1938 kam endlich ein Angebot aus Hollywood.

Filmemacher in Personalunion

Welles erhielt vom Studio RKO vollkommene Freiheit. Nicht nur durfte er für seinen ersten Film die Schauspieler auswählen und Mitsprache beim Drehbuch haben, er besaß auch den sogenannten Final Cut. Kein Produzent durfte seinen Film umschneiden. Welles machte von diesen Privilegien reichlich Gebrauch. Er schrieb am Drehbuch für "Citizen Kane" mit (wofür er mit Herman Mankiewicz den einzigen Oscar seiner Karriere erhalten sollte) und übernahm die Hauptrolle. Die übrigen Charaktere besetzte er mit Darstellern aus seiner Theatergruppe. Diese Form des Arbeitens sollte er auch in seinen späteren Filmen beibehalten.

Wie groß der Druck auf dem "Wunderknaben des Kinos" lastete, darüber berichtete der Schauspieler William Alland. In einem Interview erinnerte er sich, wie Welles eine Szene vorbereitete, in der er als gealterter Kane von seiner jungen Frau verlassen wurde. Da Welles wusste, dass er die Szene nur einmal authentisch spielen konnte, ließ er vier Kameras aufstellen. Das Kameralicht ging an, Welles wütete und warf mit Stühlen um sich. Schließlich wankte er mit blutenden Händen aus der Filmkulisse. "Ich hab's wirklich empfunden", schrie er triumphierend. "Ich hab's wirklich empfunden."

"Die unschuldigste Art der Prostitution"

An der Kinokasse floppte "Citizen Kane". Und auch Welles zweiter Film "Der Glanz des Hauses Amberson" erwies sich als Kassengift. Wieder ging es um einen US-amerikanischen Aufstieg und Fall, diesmal einer ganzen Familie in Indianapolis Anfang des 20. Jahrhunderts. Doch als der Film 1942 in die Kinos kam, waren die Vereinigten Staaten im Krieg und nicht mehr an Historienfilmen interessiert. RKO zog Konsequenzen aus den zwei Misserfolgen und entließ Welles.

In den folgenden 43 Jahren absolvierte der Schauspieler mehr als 100 Auftritte - vor allem in Europa. Er war der Bond-Bösewicht Le Chiffre, verkörperte korrupte Polizisten und trat in seinem eigenen Film als tragischer Othello auf. Lob brachte ihm "Der dritte Mann" ein, in dem er den Penizillin-Schmuggler Harry Limes verkörperte. Welles hasste den Charakter, doch der Rolle entkam er nicht. Noch Jahre später spielten Restaurant-Orchester das "Harry-Lime-Motiv", wenn Welles den Saal betrat.

Mit seinen Auftritten verdiente er Geld, um eigene Regie-Ideen zu verwirklichen. Schauspielern sei "die unschuldigste Art der Prostitution", soll er einem Reporter erzählt haben. Dabei sei es egal, ob man im Kino, im Fernsehen oder in der Werbung auftrete. Als er am 10. Oktober 1985 in Los Angeles an einem Herzinfarkt starb, fand man in seiner Schreibmaschine Drehbuch-Notizen. Er wollte einen Film über Zauberer und deren Tricks drehen.



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Till Neumann, 06.05.2015
1. Der Film zu Bild 27...
...heißt nicht "Mr. Arkins", sondern "Mr. Arkadin", auf Deutsch "Herr Satan persönlich!"
Olaf Voss, 06.05.2015
2. massenpanik ?
...."seine produktion krieg der welten eine massenpanik an der ost-küste ausgelöst".........also entweder hat der autor des artikels falsch recherchiert oder bei wikipedia-vita über Welles stimmt etwas nicht...auf jeden fall wird dieser hype und die massenpanik bei wiki stark angezweifelt...angeblich hätten boulevard journalisten die geschichte von dieser massenpanik nur kolportiert....ich habe mich bei wiki-kontakt-mail beschwert und mich geweigert ihnen ( wiki ) jeden einzelnen beleg, bücher, zeugenaussagen, tv-dokumentationen aufzuzählen die die folgen dieses hörspiel nachweisen...ich stehe hinter der aussage des spiegelartikels/schreibers...
Mareen Schmidt, 06.05.2015
3. auch wenn man
Es noch so oft wiederholt, die Legende von der Massenpanik durch War of the Worlds wird dadurch nicht wahrer.
Michael Möller, 06.05.2015
4.
@Olaf Voss: Urban Legends haben nun mal viele Belege, die voneinander abschreiben. Trotzdem müssen sie nicht stimmen. Der betreffende Absatz der Wikipedia ist neutral geschrieben und führt sowohl die Berichte über die "Massenpanik"(ab wann genau ist es eine Massenpanik?) auf als auch die Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Berichte. Ich glaube hierbei eher dem Wikipedia-Artikel und Christoph Drösser http://www.zeit.de/2015/10/krieg-der-welten-orson-welles-panik-usa-stimmts
Pierre Delalande, 06.05.2015
5. Touch of Evil
Wenn man etwas zum 100. Geburtstag von Orson Welles schreibt, dann sollte man doch nicht seinen grandiosen Film noir "Touch of Evil" (Im Zeichen des Bösen) vergessen, immerhin ist dieser Film ebenso ein Meisterwerk wie "Citizen Kane".
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.