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Prestige-Adresse: Die "Arbeiterpaläste" der Stalinallee

DDR-Prachtboulevard Schöner wohnen im Stalin-Chic

Keramikfassaden, Parkettboden, Fernwärme - für nur 90 Pfennig pro Quadratmeter. Als Anfang der fünfziger Jahre die ersten Wohnungen in der Stalinallee vergeben wurden, rissen sich die DDR-Bürger um einen Platz in den Neubauten. Doch der Staat verlangte mehr als Miete. Und wer auszog, war verdächtig.

Es war ein ungemütlicher, nasskalter 21. Dezember 1952 in Ost-Berlin. Doch in der Deutschen Staatsoper herrschte eine wohlige Atmosphäre. Denn der 73. Geburtstag von Josef Stalin wurde dort mit einem ganz besonderen Festakt begangen: Oberbürgermeister Friedrich Ebert übergab die ersten 1148 Wohnungen in der Berliner Stalinallee an ihre Mieter.

Was an diesem Abend so harmonisch wirkte, war das Ergebnis eines langen Streits über die Gestaltung der Allee, die seit 1949 den Namen des sowjetischen Diktators trug. Die Entwürfe für das Terrain im Bezirk Friedrichshain, das am 3. Februar 1945 bei einem Luftangriff in Schutt und Asche gelegt worden war, sahen zunächst eine ländliche Bebauung mit Gärten, Arbeitersiedlungen und Einfamilienhäusern vor. Doch das war der SED zu bieder und wurde dem Ansehen des "Generalissimus" nicht gerecht.

Erst das Studium sowjetischer Erfahrungen im Städtebau und der Einfluss Moskauer Architekten führten zum berühmt-berüchtigten "Zuckerbäckerstil": Dicke Säulen, venezianische Kolonnaden, klassizistische Fensterumrahmungen, stupide Figurenreliefs, wunderliche Simse und angeklebte Balkone, die den Moskauer Straßenzügen aus den dreißiger Jahren verblüffend ähnlich sahen, wurden entworfen. Spötter sprachen von "Stalin-Gotik".

Freiwillige Arbeit für den Prachtboulevard

Im zwei Kilometer langen ersten Bauabschnitt vom Strausberger Platz nach Osten entstanden bis Mitte der fünfziger Jahre 3220 Wohnungen in Blöcken von 100 bis 300 Metern Länge. Außerdem zwei Turmhochhäuser am Frankfurter Tor sowie Läden und Gaststätten. 70 Prozent der Baumaterialien für das Großprojekt stammten dabei aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs.

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Prestige-Adresse: Die "Arbeiterpaläste" der Stalinallee

Als besondere Attraktion wurde 1951 die riesige Deutsche Sporthalle für die dritten Weltfestspiele der Jugend in nur 148 Tagen gebaut. Eine fragwürdige Leistung. Vor einem neoklassizistischen Säulenportal wurden ausgerechnet Figuren vom eben erst abgerissenen Berliner Stadtschloss der Hohenzollern aufgestellt. Die Sporthalle sperrte man in den sechziger Jahren wegen gravierender Baumängel, später wurde sie abgerissen und rasch durch Plattenbauten ersetzt.

Etwas abseits der Allee entstand das legendäre Hochhaus an der Weberwiese des Architekten Hermann Henselmann. Sein Bau gab zugleich den Auftakt für das landesweite Nationale Aufbauwerk (NAW), für das sich ab Januar 1952 Tausende Bürger zur unentgeltlichen Beseitigung von Trümmern und zur Gewinnung von Baumaterialien meldeten. Nicht ohne Hoffnung, bei besonderem Fleiß eine der neuen Wohnungen zu erhalten.

38 Millionen Ziegelsteine wurden aus dem Schutt geborgen und rund vier Millionen Stunden freiwillige Arbeit für den Prachtboulevard geleistet. Doch das Hochhaus an der Weberwiese hatte eine besondere Funktion: Es entstand als Vorbild für die Bauten der Stalinallee. Es gab sogar ein Lied zur Errichtung des Gebäudes:

"Es wächst in Berlin, in Berlin an der Spree

ein Riese aus Stein in der Stalinallee.

Die Spatzen vom Alex, die zählen bis acht

und schon ist wieder ein Stockwerk gemacht."

Miete? 90 Pfennig pro Quadratmeter - und Linientreue

Zum Komfort der Wohnungen in der Stalinallee gehörten Aufzug und Müllschlucker, separate Badezimmer, Parkettfußböden, Diele mit Wandschränken, Küche mit Einbaumöbeln, Fernwärme und Dachterrasse. Die Fassaden wurden kostenaufwendig mit Meißener Keramik verkleidet. Die Miete von 90 Pfennig je Quadratmeter deckte nur einen Bruchteil der Kosten. Doch die Staatsführung verlangte noch ein bisschen mehr von ihren Mietern.

In jedem Haus waren die Bewohner in Parteigruppen organisiert oder hatten in Friedenskomitees oder Mieterkommissionen mitzuarbeiten. Hausversammlungen, die Teilnahme an Demonstrationen und anderen politischen Veranstaltungen gehörten zu den Pflichten der Bewohner in der "ersten sozialistischen Straße". Wer dessen überdrüssig war und seine Wohnung zum Tausch anbot, musste sich dafür verantworten.

Der westliche Abschnitt der Allee vom Strausberger Platz bis zum Alexanderplatz mit einer Breite von 125 Metern, der ab 1958 im Stil der Moderne bebaut wurde, diente als Aufmarschfläche für Massendemonstrationen. Auf eigens gezimmerten Tribünen empfingen die Mächtigen des Arbeiter-und-Bauern-Staates die Huldigungen des Volkes und nahmen unter dem Protest der Stadtkommandanten von West-Berlin Militärparaden und Kampfgruppenaufmärsche ab.

Die bekanntesten Bauwerke in diesem Abschnitt sind das Haus des Lehrers mit der 125 Meter langen "Bauchbinde" des Malers Walter Womacka, das Café Moskau, das Filmtheater International sowie die legendäre Mokka-Milch-Eisbar. In jenem Ost-Berliner Jugendtreff, wurde laut Stasi-Akten 1971 erstmals die Verbreitung von Rauschmitteln nachgewiesen. Außerdem stellten die Spitzel fest, "dass unter den negativen Jugendlichen, die in der Mokka-Milch-Eisbar verkehren, oft über Pläne zum illegalen Verlassen der DDR gesprochen wurde".

Als Stalin aus dem Alltag getilgt wurde

Auf dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 geschah etwas, das die Stalinallee ihren Namen kosten sollte. Es wurden die Verbrechen Stalins enthüllt. Dem paranoiden Massenmörder waren auch unzählige deutsche Kommunisten zum Opfer gefallen. Trotzdem sollte es Jahre dauern, bis die SED beschloss, seinen Namen aus dem Alltag der DDR-Bürger zu tilgen.

Erst im Spätherbst 1961, acht Jahre nach Stalins Tod, wurde das 4,80 Meter große Denkmal, das die nach dem Diktator benannte Allee zierte, bei Nacht und Nebel vom Sockel gehoben. Begleitet wurde die Aktion von Volkspolizisten, die bei Bevölkerungstumulten eingreifen sollten. Doch niemanden störte der Abriss. So entstanden in aller Stille aus der eingeschmolzenen Bronze Tierplastiken für den Berliner Tierpark. Stalin blieb im Lande, gewissermaßen als Wolf im Schafspelz.

Mit einer kurzen Mitteilung gab der Magistrat am 14. November 1961 bekannt, dass die Stalinallee in Karl-Marx-Allee und Frankfurter Allee umbenannt wurde. Parallel dazu wurden übrigens ebenso unauffällig die Ortseingangsschilder von "Stalinstadt an der Oder" durch Schilder mit dem Namen "Eisenhüttenstadt" ersetzt.

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