Ost-West-Kontakte Gummibärchen für die Zone

Lange konnte sie sich nicht vorstellen, wie es hinter der Mauer aussieht: Doris Dippold wuchs in Hof in unmittelbarer Grenznähe zur DDR auf. Durch eine Brieffreundin in Hoyerswerda erfuhr sie von den kleinen kulturellen Unterschieden zwischen Ost und West - und gelangte am Tag der Wende zu unerwarteter Berühmtheit.

Doris Dippold/ Annelies Dippold

Ich kann jetzt nicht mehr genau nachvollziehen, wann und wie ich erfahren habe, dass Deutschland ein geteiltes Land ist. Wahrscheinlich gaben mir meine Eltern aber meine erste Geschichtsstunde, als ich mit acht Jahren durch Zufall eine Brieffreundin namens Marion in Hoyerswerda in der DDR fand. Und so wurde mir dann wohl erklärt, dass mitten durch Deutschland eine Grenze verläuft, noch dazu eine recht ungewöhnliche, eine Mauer.

Eine Mauer? Mitten in der Landschaft? Da sich meine Grenzerfahrungen bis zu diesem Zeitpunkt auf die Grenze zu Österreich beschränkten, konnte ich mir davon keine richtige Vorstellung machen. Doch mein Interesse war geweckt, und meine Eltern nutzten eines Sonntags die Chance, den Geschichtsunterricht zu intensivieren.

Wir machten uns auf den Weg nach Mödlareuth, "Klein Berlin", kurz hinter Hof. Und siehe da: Die Vorstellung, die ich mir von der Mauer gemacht hatte, war nicht einmal so falsch. Zwar hatte die Mauer in meiner Phantasie aus roten Backsteinen bestanden, und hier stand nun eine graue Betonmauer, doch stand sie genauso planlos und unvermittelt im Raum, wie ich mir das ausgemalt hatte.

Hier wurde ich auch zum ersten Mal mit Vertretern des DDR-Regimes konfrontiert, nämlich den Grenzsoldaten, die von ihren Wachttürmen herab misstrauisch auf die recht zahlreich vertretenen Schaulustigen auf westlicher Seite herabäugten. Einige Familienväter (wie auch der meinige) konnten es dabei nicht lassen, diesen Soldaten etwas zuzurufen. Die Reaktion fiel aber freundlich aus. So wusste ich nun zwar, wie es an der Grenze aussah, doch wie lebten die Menschen in der DDR? Eine Ahnung davon bekam ich vor allem durch die Brieffreundschaft mit Marion, mit deren Mutter mittlerweile auch meine Mutter Briefkontakt unterhielt.

Haribo und Milka für die Freunde im Osten

So wunderte ich mich, dass meine Mutter in einem Geburtstagspaket so viele Naschereien wie Milka-Schokolade und Haribo-Gummibärchen mitschicken wollte. Als mir gesagt wurde, dass es das in dieser Form in der DDR nicht gäbe, konnte ich das nicht so recht glauben. Ebenso komisch fand ich, dass ich von meiner Brieffreundin immer nur Schwarz-Weiß-Fotos geschickt bekam. Doch ich erhielt dadurch schon einen winzigen Einblick darin, dass das Leben in der DDR anders war als im Westen.

Doch all dies wurde dann durch die Ereignisse im Sommer und Herbst 1989 Geschichte. Im Frühling 1990 fuhren wir mit der ganzen Familie über holprige Straßen nach Hoyerswerda, um dort meiner Brieffreundin und ihrer Familie einen Besuch abzustatten. Eindrucksvoll war für mich - als Landkind, das in einem großen Haus aufgewachsen war - vor allem die Wohnung mit ihren sechzig Quadratmetern für eine Familie von vier Personen. Und diese Erfahrungen interkultureller Art führten sich in den nächsten Tagen fort: in einem Kaufhaus bezeichnete ich eine Jeans im typischen DDR-Look als scheußlich und erntete dafür wenig Verständnis von unseren Gastgebern. Von einer Verkäuferin im Zeitschriftenladen wurde ich scharf zurückgepfiffen, als ich es wagte, die "Bravo", damals wohl eine der neuesten Ost-Errungenschaften, vor dem Kauf in die Hand zu nehmen und durchzublättern.

Zusammen mit unseren Gastgebern besuchten wir schließlich auch die "schwarze Pumpe", das Braunkohlegebiet, das mir mehr wie der Mond erschien. Und ich staunte über Erzählungen meiner Brieffreundin und ihrer Schwester über den Schulalltag in der DDR, vor allem den Morgenappell.

Titelseiten-Prominenz bei der Freudenfeier

Schließlich kam der 3. Oktober 1990, und meine Familie beschloss, mit dem Sonderzug aus Hof zum Wiedervereinigungsfest nach Gutenfürst zu fahren. Kaum ausgestiegen, rannte ein Fotograf auf uns und einige andere Fahrgäste zu. Er bräuchte doch unbedingt noch ein Foto für die Zeitung, und ob wir uns nicht einmal schnell aufstellen und uns knipsen lassen würden. Wir taten ihm den Gefallen, obwohl die restlichen Zuginsassen uns nun in der Chance, im Festzelt noch einen Platz zu finden, natürlich weit voraus waren.

Schließlich kam Mitternacht, die Stunde Null: Freudentränen, Umarmungen und Feuerwerk. Und für uns eine riesige Überraschung: Vor Ort wurde kostenlos die neueste Ausgabe der Vogtlandpost verteilt. Wir sicherten uns natürlich sofort ein Exemplar. Und wer war auf dem Titelblatt? Wir, mit dem Photo, das erst vor wenigen Stunden aufgenommen worden war. Sowohl Fotograf als auch Redaktion und Druckmaschine mussten sämtliche Geschwindigkeitsrekorde gebrochen haben, um das zustande zu bringen!



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