Ostdeutsches Supermodel "Ich habe mich durchgebissen"

Vom Plattenbau auf den Catwalk: Franziska Knuppe ermöglichte der Mauerfall eine Traumkarriere - doch erst war sie enttäuscht. Im SPIEGEL-TV-Interview erzählt das Supermodel von ihrem Neustart in der spießigsten Stadt Deutschlands und erklärt, warum man in der Platte besser feiert als in einer Luxusvilla.

AP

SPIEGEL TV: Frau Knuppe, Sie waren knapp 15 Jahre alt, als im November 1989 die Mauer fiel. Wie haben Sie diesen historischen Moment erlebt?

Franziska Knuppe: Es veränderte sich plötzlich alles. Alle waren aufgeregt und sehr euphorisch. Wir haben damals in Potsdam in einem Plattenbau gewohnt. Heute ist das ja verpönt, damals war das Luxus. Das waren ganz tolle Wohnungen und jeder kannte jeden. An dem Abend war natürlich unser ganzer Hausaufgang in Aufregung. Ich habe gespürt, da ist was passiert.

SPIEGEL TV: Sind Sie gleich rüber nach West-Berlin?

Knuppe: Wir durften nicht gleich rüber. Meine Mutter hat gesagt: Nein, allein wirst du da nicht rüber fahren, das machen wir als Familie zusammen. Wir wussten ja auch nicht, was auf uns zukommt, gerade für Kinder. Es wurde viel Böses erzählt: Da ist viel Kriminalität; das ist nicht so gediegen, so ordentlich wie bei uns im Osten.

SPIEGEL TV: Und wann sind Sie zum ersten Mal in den Westen?

Knuppe: Ungefähr eine Woche später. Meine Eltern haben gesagt, warte mal ab, es ist jetzt so viel los. Sie wollten uns ein bisschen beschützen und behüten. In der Schule ist gleichzeitig viel passiert. Da sind manche Kinder gleich mit Westsachen angekommen: Guck hier und schau mal dort. Es wurde gleich damit angegeben, und ich war tierisch neidisch, dass ich nicht rüber durfte. Ich war ziemlich traurig.

SPIEGEL TV: Als Sie durften, sind Sie wie viele andere als erstes zum Ku'damm, der West-Berliner Einkaufsmeile, gegangen?

Knuppe: Der Ku'damm war der erste Anziehungspunkt für alle. Das war so das Symbol für West-Berlin. Die ganzen Geschäfte, einfach dieses Schaufensterbummeln, anschauen, was es da gibt. Ist es wirklich alles so toll? Erwartet uns da noch mehr? Und es war toll.

SPIEGEL TV: Was hat Sie damals besonders beeindruckt?

Knuppe: Ich bin sehr offen erzogen worden und kannte den Westen zumindest vom Westfernsehen. Ich war jetzt nicht völlig vorn Kopf geschlagen, so wie die Leute, die zum Beispiel in Karl-Marx-Stadt wohnten und mangels TV-Empfang nichts mitbekommen haben, oder vom Dorf, die nie eine Stadt gesehen hatten und nun plötzlich in so einer Glitzerwelt standen. Ich wusste schon ungefähr, wie es drüben so aussieht. Natürlich war ich nicht so abgeklärt, wie ich jetzt klinge. Man stand als Kind mit solchen Augen da und war schon völlig fasziniert von dem, was es da so alles gab. Als Kind versteht man ja auch nicht, dass man das alles gar nicht haben kann. Man denkt, das kann ich mir jetzt alles kaufen. Aber mit dem bisschen, was man in der DDR verdient hat, konnte man jetzt nicht gerade Extremshoppen gehen.

SPIEGEL TV: Hat sich Ihre Familie auch das Begrüßungsgeld abgeholt?

Knuppe: Das war das einzige Mal, dass wir dahin gegangen sind, wo die Massen waren. Wir mussten mit der ganzen Familie zu dieser Bank in den West-Berliner Stadtteil Zehlendorf gehen. Und da wollten sich wirklich Millionen von Menschen in diese eine Tür reinquetschen für das Begrüßungsgeld. Das war echt Wahnsinn. Die Leute hätten sich da fast totgeschlagen, nur um diese 100 D-Mark zu bekommen.

SPIEGEL TV: War das denn so eine irre Summe?

Knuppe: Für viele war es natürlich das erste Westgeld, das sie offiziell in den Händen halten durften. Natürlich konnte man damit auch keine großen Sprünge machen. Viele aus meiner Klasse haben ihr Begrüßungsgeld von ihren Eltern in die Hand bekommen; die sind damit allein nach Berlin und haben sich kaufen dürfen, was sie wollten. Meine Eltern haben gesagt, das gibt es bei uns nicht. Bei uns wurde für die Familie ein Videorekorder gekauft. Das war etwas ganz Großes. Für meinen Vater war das der Traum eines Mannes, dass man einen Videorekorder hatte. Als Kind verstand ich das natürlich überhaupt nicht.

SPIEGEL TV: Sie hätten sich lieber etwas anderes gekauft?

Knuppe: Ich wäre gerne einfach losgezogen und hätte mir das gekauft, was ich so im Fernsehen gesehen hatte. Eine Barbie-Puppe oder irgend so einen Mist.

SPIEGEL TV: Erinnern Sie sich noch an die Währungsunion? Gibt es besondere Erinnerung an das neue Geld?

Knuppe: Ich bin jede Woche mit allen aus der Schule zum Zeitungsladen gerannt und habe mir die "Bravo" gekauft. Ich glaub, die kostete damals bei und fünf D-Mark. Das war mein monatliches Taschengeld. Da standen Schlangen an von Kindern, die die "Bravo" haben wollten, für unendlich viel Geld. Also das ist so eine Erinnerung, das werde ich nie vergessen.

SPIEGEL TV: Als Sie 18 waren, sind Sie 1993 in den Westen gegangen. Warum?

Knuppe: Ich wollte eine Lehre machen in einem großen Hotel. Ich wollte auch weg von den Eltern. Deswegen hab ich mich auch überall, nur nicht in Berlin, beworben. Und dann bin ich nach München. Das ist eigentlich die konservativste und spießigste Stadt Deutschlands, auweia, aber damals wollte ich das so. Ich wurde nicht unbedingt mit offenen Armen begrüßt als Ossi aus Potsdam. Aber ich habe mich da durchgebissen, und das war eine super Erfahrung.

SPIEGEL TV: Was waren das für Vorurteile, denen Sie als junge Frau aus dem Osten begegnet sind?

Knuppe: Das hieß dann dauernd: Ihr hattet ja nichts, gab es bei euch denn auch einen Kühlschrank, wie habt ihr überhaupt gelebt. Man musste sich immer verteidigen dafür, dass man in der DDR aufgewachsen war. Ich habe dann gesagt: Ich hab eine tolle Kindheit gehabt, wir haben super gelebt. Wir hatten eine wunderschöne Wohnung - klar, Plattenbau, heute lacht jeder drüber, aber damals war das toll. Wir hatten alles, was man zum Leben braucht. Es stimmt zwar, man konnte nicht überall hinfliegen, man konnte nicht alles kaufen. Aber ich musste mich immer verteidigen.

SPIEGEL TV: Wann haben Sie die DDR zum ersten Mal kritisch gesehen?

Knuppe: Mein Vater hat mal seine Stasi-Akte beantragt. Die hatte da überall diese ganzen schwarzen Balken drin, wo Namen unkenntlich gemacht worden waren. Da drin stand im Grunde genommen ein Auszug unseres Lebens: Wie wir gelebt haben, was für Kontakte wir hatten, wie unsere Wohnung aussieht, was darin war. Meine Eltern haben auch mit uns Kindern über die Stasi-Akte geredet. Wir haben dann immer spekuliert, wer denn die Berichte geliefert haben könnte. Aber wir haben es nie so richtig herausbekommen, es waren immer viele Leute bei uns in der Wohnung. Ich hatte es dann immer im Hinterkopf. Es blieb ein bitterer Nachgeschmack.

SPIEGEL TV: Wie hat sich die Wende in der Schule bemerkbar gemacht?

Knuppe: Bei vielen Lehrern musste ich wirklich lachen darüber, wie die sich plötzlich geändert haben. Darüber, wie die vorher das eine erzählt haben und dann nach der Wende etwas ganz anderes. Da habe ich dann wirklich gesagt: Hören Sie mal, geht's noch? Die meisten Lehrer haben schon wieder das erzählt, was sie erzählen sollten. Alles andere davor haben sie, nun ja, schlicht vergessen.

SPIEGEL TV: Erinnern Sie sich an Silvester 1989/90? Wie haben Sie das gefeiert?

Knuppe: Wir sind nach Hamburg gefahren, nach Großhansdorf, zu Freunden in deren tolles Haus. Die waren ziemlich wohlhabend. Aber um Mitternacht auf die Straße zu gehen und knallern, das war für mich total enttäuschend, denn es war gar niemand da auf der Straße. Es war komplett leer. Die saßen alle in ihren Villen und feierten für sich, und unsereins stand da allein auf der Straße. Wenn wir zu DDR-Zeiten in Potsdam zu Silvester rausgegangen sind, dann versammelte sich die halbe Plattenbaubewohnerschaft auf der Straße. Man hat sich in den Armen gelegen, hat gemeinsam jedes neue Jahr begrüßt. Das war der Unterschied zum Westen: Man kennt sich dort nicht mehr untereinander. Das hab ich auch sofort mitbekommen, selbst als Kind, und das war ein wenig traurig.

SPIEGEL TV: Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl hat den DDR-Bürgern seinerzeit "blühende Landschaften" im Osten versprochen. Hat er das Versprechen gehalten?

Knuppe: Ich kann gar nicht glauben, dass das schon 20 Jahre her ist. Es sind auch blühende Landschaften entstanden, das muss man wirklich sagen. Wenn ich nach Dresden, nach Halle, nach Leipzig fahre - es hat sich so verändert, das kann man sich gar nicht vorstellen. Wenn ich Bilder vorher/nachher sehe, kann ich das gar nicht glauben. Jetzt nehmen die meisten das so hin. Es ist halt so. Man will sich auch gar nicht mehr erinnern, wie es mal aussah im Osten.

SPIEGEL TV: Was ist Ihnen vom 3. Oktober 1990, dem Tag der Einheit, in Erinnerung geblieben?

Knuppe: Heute kriege ich Gänsehaut, wenn ich mir das im Fernsehen anschaue. Man realisiert ja erst ein paar Jahre später, was erreicht wurde. Als Kind sitzt du vor dem Fernseher und denkst dir, da kommt etwas zusammen, was über die Jahre getrennt war. Dass da etwas Großes passiert, wusste ich, aber ich wusste nicht, was sich daraus für Folgen ergeben. Die ersten drei Gedanken sind doch immer: Jetzt kann ich reisen, jetzt kann ich ganz viel Geld verdienen, und jetzt gibt es alles zu kaufen. Aber was es im Einzelnen bedeutet, das wusste keiner, und das wusste ich auch nicht. Ich wusste nur: Man kann jetzt weg. Man kann jetzt mal raus.



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Jens Zimmermann, 07.10.2009
1.
Liebe Franziska, warum soll man eigentlich in Karl-Marx-Stadt kein Westfernsehen empfangen haben? Sind ARD, ZDF und der BR, ausgestrahlt über den berühmten "Ochsenkopf" bei Hof mit astreiner Empfangsqualität in Schwarz-Weiss etwa Ostsender gewesen? Wilhelm-Pieck-Stadt Guben hätte sich als "reisserisches Negativbeispiel" sicher auch gut gemacht und wer erinnert sich nicht gern an Dresden, als "Tal der Ahnungslosen"... Nächstes Mal bitte besser recherchieren ;-)
Holger Haunhorst, 18.10.2009
2.
Mit dem "Extremkaufen", so nach dem Motto, was das Fernsehen so bewirbt, hat es auch in den ehemaligen Westsektoren zwischen 1949 und 1989 bei den Wenigsten geklappt.
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