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US-Invasion in Panama 1989: Lärmattacke gegen den Diktator

Foto: Bernd Mueller/ Redferns

Playlist des Grauens Wie Rick Astley Panamas Diktator Noriega stürzte

Manuel Noriega floh 1989 in den Schutz des Vatikans. US-Soldaten versuchten, Panamas Diktator herauszutreiben: mit Pop und Rock der Achtziger. Tagelang, rund um die Uhr, laut. SEHR laut.

Sechs Jahre lang hatte Manuel Noriega mit militärischer Gewalt Panama regiert, doch im Dezember 1989 blieb ihm nur noch ein Zimmer in der Botschaft des Vatikans in Panama-Stadt. Der Diktator, der in der Nacht zum Dienstag starb, war vor dem US-Militär in die Nuntiatur des Heiligen Stuhls in Panamas Hauptstadt geflohen. Hier sollte er die letzten elf Tage seiner Herrschaft verleben - unter ziemlich unangenehmen Umständen.

Dass Noriega sich in den Schutz des Vatikans zurückzog, erfreute Botschafter Monsignor Jose Sebastian Laboa keineswegs. Der Diktator hatte ihn unter Druck gesetzt, andernfalls sehe er sich gezwungen, aufs Land zu fliehen und einen Guerillakrieg anzuzetteln. Daraufhin ließ Laboa ihn hinein.

Willkommen dürfte der Diktator sich dennoch nicht gefühlt haben: Während das US-Militär die Botschaft umzingelte, ließ Laboa ihn bei tropischer Hitze in einem drei mal eineinhalb Meter kleinen Hinterzimmer ohne Klimaanlage schmoren. Aus dem Gebäude hinausschauen konnte Noriega von hier nicht, sein einziger Zeitvertreib wäre ein Fernsehgerät gewesen - aber das war defekt.

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US-Invasion in Panama 1989: Lärmattacke gegen den Diktator

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Eineinhalb Wochen hielt der Diktator eingepfercht durch, während Laboa unermüdlich mit ihm über die Ausweglosigkeit seiner Situation diskutierte.

Ghettoblaster für Gerechtigkeit?

Als Manuel Noriega schließlich am Abend des 3. Januar 1990 in seiner sandfarbenen Uniform vor die Tür der Botschaft trat und sich sichtlich erschöpft ergab, hatte er eine jahrelange Herrschaft des Schreckens hinter sich.

Und eine tagelange Open-Air-Disco. Denn die USA hatten den verschanzten Herrscher zum Ziel einer bizarren Form der psychologischen Kriegsführung erkoren: Pop- und Rockmusik der Achtzigerjahre.

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Die US-Soldaten konnten Noriega nicht aus dem diplomatisch geschützten Unterschlupf herausholen. Also machten sie ihm den Aufenthalt so unerfreulich wie möglich. Man ließ eine Flotte von Humvee-Militärgeländewagen mit darauf montierten Lautsprecherbatterien vorfahren - und begann die ohrenbetäubende Dauerbeschallung mit US-Radiohits.

Unter den auditiven Daumenschrauben, die Noriega angelegt wurden, befanden sich so perfide Grausamkeiten wie die Hitsingle "Hangin' Tough" vom gleichnamigen Album der New Kids on the Block aus dem Jahr 1988. Wie mag Noriega den Text verstanden haben - als ironische Ermunterung der US-Soldaten, sein Ding stur weiter durchzuziehen ("to hang tough" für "dranbleiben")? Oder als Drohung der Soldaten, dass ihr Open-Air-Festival noch etwas länger andauern könnte?

Ebenfalls vertreten in dem Horror-Megamix, mit dem das US-Militär den Belagerten Tag und Nacht quälte: der Hair-Metal-Popsong "The Secret of My Success" aus dem Soundtrack der Yuppie-Komödie "Das Geheimnis meines Erfolges" mit Achtziger-Teenieschwarm Michael J. Fox.

Eine überraschend selbstkritische Songwahl - denn das Geheimnis von Noriegas Erfolg war bekanntlich die US-Regierung selbst. Sie hatte lange sein Unrechtsregime nicht nur geduldet, sondern sogar tatkräftig unterstützt. Noriega hatte dem US-Militär freies Bewegungsrecht eingeräumt und Washington weiterhin die lukrative Kontrolle des Panamakanals überlassen, hatte mit NSA und CIA kooperiert. Im Gegenzug unterstützten die USA ihn mit Zahlungen in Millionenhöhe - und ignorierten großzügig Noriegas wachsendes Engagement im Drogengeschäft.

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Auch wenn vor der Vatikan-Botschaft im Dezember 1989 Rick Astleys "Never Gonna Give You Up" dröhnte: Die Vereinigten Staaten hatten ihren geheimen Verbündeten Noriega schließlich aufgegeben und mit dem Diktator gebrochen.

Zu eng waren Noriegas Verbindungen zum kolumbianischen Medellín-Drogenkartell geworden; zu unkalkulierbar schien das Machtgebaren des Mannes, der sich 1988 öffentlich brüstete, er habe den US-Vizepräsidenten George H. Bush "an den Eiern", weil der ihn indirekt finanziert hatte.

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Wie eine Kriegsapologetik muss es auf manchen Bewohner von Panama-Stadt gewirkt haben, als aus den US-Lautsprecherbatterien Billy Joels Superhit "We Didn't Start the Fire" ("Wir haben das Feuer nicht gelegt") erklang. Oder wie blanker Zynismus.

Denn nach dem Bruch mit dem einst protegierten Diktator Noriega hatten die Vereinigten Staaten am 20. Dezember 1989 die militärische Invasion Panamas gestartet - unter dem Codenamen "Operation Just Cause" ("gerechte Sache").

So sehr man sich auf die eigene moralische Integrität berief und darauf, das Feuer nicht gelegt, mit dem Streit nicht angefangen zu haben: Diese größte Luftlandeaktion seit dem Zweiten Weltkrieg brachte Panama zwar binnen weniger Tage unter US-Kontrolle - aber auch rund Hunderte Zivilisten um ihr Leben und rund 15.000 Menschen um das Dach über ihrem Kopf.

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Mit der Belagerung der Botschaft begann das US-Militär am 23. Dezember unter dem Codenamen "Operation Nifty Package". Das Beschallungsprogramm strahlte der Truppensender SouthComm Network aus und erhielt immer mehr Musikwünsche von Soldaten, die damit eine Botschaft an den belagerten Herrscher senden wollten.

Und so fanden sich in der Rotation etliche Songs, deren Titel schon einen klaren Wink enthielten: etwa "You've Got Another Thing Comin'" von Judas Priest ("Du wirst dich noch schön umschauen"), "Give it Up" von K.C. and the Sunshine Band ("Gib es auf") - oder Kenny Loggins' "Top Gun"-Hymne "Danger Zone" ("Gefahrenzone").

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Zunächst zeigte Noriega sich, wie das "Time"-Magazin 1990 berichtete, von diesen mehr oder minder subtilen Botschaften kaum beeindruckt. Und wurde dann doch nervöser. Möglicherweise lag es auch am Schlafentzug durch die Popdröhnung.

Denn viele der verwendeten Titel wurden auch nach ihrem Lärmfaktor ausgewählt: Die Playlist enthielt viele Rockkracher wie AC/DCs "You Shook Me All Night Long", Van Halens "Hang 'Em High" oder Guns N' Roses mit dem Hit "Paradise City" von ihrem Debütalbum "Appetite for Destruction" von 1987.

Das funktionierte offenbar - und zwar ein wenig zu gut. Denn neben Noriega mussten natürlich auch die Geistlichen in der Nuntiatur die Nonstop-Lärmbelästigung über sich ergehen lassen. Schließlich schaltete sich der Vatikan selbst ein und setzte der Schallkanonade ein Ende.

Noriega hatte offenbar ohnehin genug: Am 3. Januar kam er freiwillig aus der Botschaft heraus und wurde mit einem Militärhubschrauber zur Howard Air Base ausgeflogen. In den USA verurteilte man ihn schließlich zu einer langjährigen Haftstrafe wegen Drogenhandels; Haftstrafen in Frankreich und Panama schlossen sich an.

Die Musiker selbst hatte 1989 natürlich keiner gefragt, ob sie eigentlich an einem Pilotversuch des US-Militärs zur Musikfolter teilnehmen wollten. Die Begeisterung zumindest politisch so engagierter Bands wie U2, deren "All I Want Is You" auf der Playlist des Grauens landete, wäre vermutlich nicht groß gewesen.

Aus Reihen der Militärs gab es nachträglich Kritik. So beurteilte etwa Air Force General Brent Scowcroft, US-Sicherheitsberater unter der Regierung von George Bush senior, die Operation später als "einen Tiefpunkt der US-Armeegeschichte". Noriega rund um die Uhr mit fragwürdiger Achtziger-Musik zu beschallen sei vor allem eines gewesen: "würdelos".

Die USA setzten diese Methode trotzdem fort - und pferchten nach dem Angriff auf das World Trade Center im Jahr 2001 Terrorverdächtige in Guantanamo Bay in Einzelzellen, um sie tagelang in ohrenbetäubender Lautstärke mit Eminem, Metallica oder der "Sesamstraßen"-Titelmelodie zu beschallen. Eines allerdings bekamen die Gefangenen hier nie mehr zu hören: die Frage nach Würde.

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