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Papst Pius XII.: Der bizarre Tod des Stellvertreters

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Papst Pius XII. Der bizarre Tod des Stellvertreters

Es war ein brutal öffentlicher Tod, begleitet von Skandalen: Als im Oktober 1958 Papst Pius XII. starb, sendete das Radio direkt aus dem Sterbezimmer, der Presse wurden Fotos des Sterbenden zugespielt. Auch die Einbalsamierung ging schief - der Heilige Vater wurde in Klarsichtfolie aufgebahrt.

Bis heute gilt er als eine der schillerndsten, aber auch umstrittensten Persönlichkeiten auf dem Papstthron: Pius XII. Als letzter römischer Pontifex verkörperte der im März 1939, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, zum Papst Gewählte den absoluten Machtanspruch des Petrusamtes in einer für die katholische Kirche schwierigen Zeit. Dass er gegenüber den NS-Verbrechen schwieg, wirft bis heute einen dunklen Schatten auf sein fast zwanzigjähriges Pontifikat. Doch als Pius am 9. Oktober 1958 starb, geriet sein Tod zu einem der größten Medienereignisse der Nachkriegszeit - begleitet von Skandalen und Kuriositäten.

Wie gewohnt war Papst Pius XII. an einem Oktobertag 1958 auf den Balkon des päpstlichen Sommerpalastes Castel Gandolfo hinausgetreten, um gemeinsam mit den Gläubigen das Angelus-Gebet zu sprechen. Wie jeden Sonntag um die Mittagszeit hatte sich eine Menschenmenge im Innenhof versammelt. Doch dann kam alles anders als sonst: Als der Heilige Vater seinen Schäfchen nach Gebet und kurzer Ansprache gerade den Segen erteilen wollte, versagt ihm die Stimme; wie vom Donner gerührt verharrte Pius bewegungslos. Nach schier endlosen Minuten ohne jede Regung erhob der Papst den Blick gen Himmel. "A Dio", zu Gott, murmelte er und verließ den Balkon.

Nach dem dramatischen Zwischenfall verordneten die päpstlichen Leibärzte ihrem Patienten totale Bettruhe. Doch noch am Sonntagabend verschlechterte sich der Zustand des 82-Jährigen. Am folgenden Morgen erlitt Pius dann einen schweren Gehirnschlag, er verlor zeitweise das Bewusstsein, konnte nicht mehr sprechen. In den folgenden Tagen ereilten den Papst zwei weitere Schlaganfälle, von denen er sich nicht mehr erholen sollte.

Radiostudio am Sterbebett

Unterdessen jagte die Nachricht von der päpstlichen Agonie um den Globus. Zeitungen in aller Welt machten mit den Ereignissen in Castel Gandolfo auf. Zahlreiche Blätter schickten Sonderkorrespondenten und Fotografen an das Sterbelager des Papstes. Bald drängten sich auch Radio- und Fernsehreporter auf dem kleinen Dorfplatz vor dem päpstlichen Sommerpalast, der fortan Tag und Nacht von den Schweinwerfern der Kameras hell erleuchtet war.

Radio Vatikan reagierte schnell und richtete ein provisorisches Rundfunkstudio in Castel Gandolfo ein - im Raum direkt neben dem päpstlichen Krankenlager. Drei Tage lang wurden von dort alle Informationen über den Gesundheitszustand des Papstes aus erster Hand in die Welt gesendet - Puls, Temperatur, Blutdruck. In der Todesnacht des Papstes übertrug Radio Vatikan gar eine Messe aus dem Sterbezimmer des Papstes, in der das schwere Atmen des Sterbenden zu hören gewesen sein soll.

Doch auch der kirchliche Informations(über)fluss konnte eine besonders delikate Kommunikationspanne nicht verhindern: die vorzeitige Meldung des Papsttodes durch zwei Nachrichtenagenturen, einen Tag bevor der Pontifex tatsächlich dahinschied. Die Fahne auf dem italienischen Präsidentenpalast hing schon auf Halbmast, die britische Königin Elizabeth II., der deutsche Kanzler Konrad Adenauer und US-Präsident Dwight D. Eisenhower hatten bereits Beileidstelegramme gesandt, als der Vatikan die Todesnachricht dementierte. Die italienische Polizei beschlagnahmte die Sonderausgaben der Zeitungen mit der Falschmeldung, nachdem die Römer mit einem Sturm auf deren Redaktionen gedroht hatten.

Papstleichnam in Klarsichtfolie

Und so war die Falschmeldung in die Welt gekommen: Einige Journalisten hatten einem Informanten aus dem päpstlichen Umfeld eine größere Geldsumme versprochen, wenn er ihnen das Ende des Pontifex Maximus sofort melde. Verabredetes Zeichen war das Winken mit einem Taschentuch aus einem bestimmten Fenster des Papstpalastes. Der unzuverlässige Informant jedoch hatte etwas voreilig gehandelt und so die weltweite Aufregung verursacht. Tatsächlich trat der Tod des Papstes am frühen Morgen des 9. Oktober 1958, einem Donnerstag, um genau 3:52 Uhr ein. Schon vier Minuten später um 3:56 Uhr meldete Radio Vatikan: "Mit bewegtem Herzen und tief gerührt geben wir bekannt: Pius XII., einer der größten Päpste des Jahrhunderts, geschätzt und verehrt in der Welt, ist heute ruhig entschlafen."

Sofort nach seinem Ableben begannen unter hohem Zeitdruck die Vorbereitungen für die Aufbahrung Pius' XII. - noch am selben Tag sollten kirchliche und politische Würdenträger aber auch einfache Gläubige Gelegenheit bekommen, dem Heiligen Vater die letzte Ehre zu erweisen. Zu den jahrhundertealten Traditionen nach dem Tod eines Papstes gehört die Einbalsamierung seines Leichnams, um diesen für mehrere Tage ausstellen zu können und ihn für die Nachwelt zu erhalten. Ursprünglich wurden dem Körper zu diesem Zweck die inneren Organe entnommen und das Blut durch eine konservierende Flüssigkeit ersetzt.

Aber diesmal folgte Papst-Leibarzt Riccardo Galeazzi-Lisi nicht der bewährten Methode, sondern wandte ein neues Verfahren an, für das der Körper nicht geöffnet werden musste. Die Konservierung sollte mit Hilfe von Kräutern und ätherischen Ölen erreicht werden, die über mehrere Stunden einwirken mussten. So kam es, dass der Leichnam in Castel Gandolfo zeitweise in Klarsichtfolie gehüllt aufgebahrt wurde, damit die Wirkstoffe besser einzogen. Allerdings verlieh das Cellophan dem toten Papst einen ganz und gar unwürdigen Anblick.

Die Nase des Papstes

Zudem erwies sich die neue Einbalsamierungsmethode als kompletter Fehlschlag. Wegen des entsetzlichen Verwesungsgeruches fielen Wachen am aufgebahrten Leichnam reihenweise in Ohnmacht und mussten in immer kürzeren Abständen ausgetauscht werden. Während der Überführung waren aus dem päpstlichen Leichenwagen mehrfach Geräusche zu hören - Verwesungsgas war mit lautem Knallen aus dem Körper ausgetreten.

Im Petersdom wurde der Tote vorsichtshalber auf einem meterhohen Podest aufgebahrt, damit die trauernden Gläubigen die Verfärbungen von Gesicht und Händen nicht aus der Nähe sehen konnten. Am Ende soll von dem Leichnam Pius' XII. sogar die markante Nase abgefallen sein. Der päpstliche Leibarzt musste sich schließlich in einer Pressekonferenz für sein umstrittenes Vorgehen rechtfertigen. Er behauptete, der verstorbene Pontifex habe sich zu Lebzeiten mit dieser Art der Konservierung einverstanden erklärt.

Trotz alledem bereiteten die Römer dem toten Papst, der 1876 als Eugenio Pacelli in Rom geboren worden war, noch einmal einen grandiosen Empfang. Millionen von Menschen hatten sich entlang der Straßen versammelt, die der mit vier Engeln und mit der Tiara geschmückte Leichenwagen passierte. Dem Sarg folgten in strenger Ordnung Kolonnen von Priestern, Ordensleuten und päpstlichen Gardisten. Europaweit übertrugen TV-Sender die stundenlange Prozession live auf die Fernsehschirme. In der Dämmerung erreichte der eindrucksvolle Zug schließlich den von Fackeln erleuchteten Petersplatz. Ob wohl je ein römischer Kaiser einen solchen Triumphzug erlebt habe, notierte fragend Kardinal Giuseppe Roncalli, der Mann, der dem Verstorbenen als Johannes XXIII. auf den Stuhl Petri folgte, vom Pathos des Moments überwältigt, in seinem Tagebuch.

Skandal um Leichenfotos

Auch die prunkvolle Aufbahrung des Papstes vor dem Hochaltar des Petersdomes wurde zu einem Millionenevent, es kam zu tumultartigen Szenen auf dem Petersplatz. Nur mit Hilfe der italienischen Polizei konnte während der dreitägigen Aufbahrung die öffentliche Ordnung aufrechterhalten werden. Am 13. Oktober 1958 wurde Pius XII. in den Vatikanischen Grotten beigesetzt; zum Abschlussrequiem sechs Tage darauf versammelten sich im Petersdom erstmals in der Kirchengeschichte hochrangige Delegationen aus 53 Staaten und verschiedener anderen Religionen, darunter die Außenminister der USA, der Bundesrepublik und Frankreichs, aber auch Vertreter mehrerer arabischer Staaten und Israels.

Doch die glanzvollen Zeremonien in Rom wurden von einem Skandal überschattet, in dessen Mittelpunkt wiederum der päpstliche Leibarzt stand. Galeazzi-Lisi hatte während der Agonie von Pius XII. ein Tagebuch mit intimen Details zum Krankheitsverlauf des Papstes geführt. Außerdem hatte er eine Fotokamera in den päpstlichen Palast geschmuggelt und heimlich Aufnahmen des im Todeskampf liegenden Pius' gemacht. Aufzeichnungen und Fotos bot Galeazzi-Lisi nur Tage nach dem Tod des Papstes mehreren Zeitungen und Zeitschriften zum Kauf an.

Viele Blätter zögerten jedoch. Sie berichteten ihren Lesern zwar von dem dubiosen Angebot, zeigten aber Skrupel, was den Abdruck der Fotos oder des Tagebuches anging. Schließlich jedoch griffen die französische Illustrierte "Paris Match" und auch der deutsche "Stern" zu. Beide brachten eine Fotografie, auf der eine Nonne bei der künstlichen Beatmung Pius' XII. zu sehen ist. Von Journalisten zur Rede gestellt, rechtfertigte Galeazzi-Lisi sein skandalöses Geschäftsgebaren damit, dass das Arztgeheimnis mit dem Tod des Patienten erloschen sei und er außerdem kein Geld für die Fotos verlangt habe. Der Vatikan reagierte umgehend: Galeazzi-Lisi erhielt Hausverbot. Auch die italienische Ärztekammer schloss den päpstlichen Leibarzt aus ihren Reihen aus.

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