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05. Januar 2015, 10:28 Uhr

Schätze im Tonarchiv von Radio Vatikan

So klingt Papst

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Leo XIII. verdammt die Freimaurer, Pius XII. segnet die Nachkriegsdeutschen: einestages präsentiert Schätze aus dem Archiv von Radio Vatikan, die lange unter Verschluss waren. Darunter die älteste noch erhaltene Tonaufnahme eines Kirchenoberhaupts.

Die Stimme des Mannes klingt brüchig und schwach, zum Teil ganz und gar unverständlich. Eine Stimme aus der Vergangenheit. Sie gehört Papst Leo XIII., von 1878 bis 1903 Oberhaupt der katholischen Kirche. Bei aller Beharrlichkeit in theologischen Fragen stand Leo den technischen Erfindungen seiner Zeit ausgesprochen aufgeschlossen gegenüber: Von ihm gibt es nicht nur die ersten Filmaufnahmen eines Papstes - sondern auch die ersten Aufzeichnungen der Stimme eines römischen Pontifex.

Lange Zeit hat man das 1903 von Leo XIII. gesungene "Ave Maria" für das älteste päpstliche Tondokument gehalten. Doch im Archiv von Radio Vatikan an der Engelsburg in Rom lagert eine noch ältere Aufzeichnung aus dem Jahr 1884. Die Technik dafür, den sogenannten Phonographen, hatte der US-amerikanische Erfinder Thomas Alva Edison erst sieben Jahre zuvor patentieren lassen. Wiederentdeckt wurde die medienhistorische Rarität, als der Radiosender jüngst seine gesamten Archivbestände digitalisieren ließ und im April 2014 ankündigte, die mehr als 8000 Tondokumente als Onlinearchiv unter dem Namen "Die Stimme der Päpste" im Internet zugänglich zu machen.

In der zweieinhalbminütigen Aufnahme verliest Leo XIII. in einem für moderne Hörgewohnheiten seltsam anmutenden Singsang Auszüge aus seiner 1884 erschienenen Enzyklika "Humanum genus" (lateinisch für: das Menschengeschlecht). In dem päpstlichen Lehrschreiben verurteilt er die zur damaligen Zeit in Italien sehr populären Freimaurer in drastischen Worten als "Giftsamen auf dem Acker des Herrn", den es zu vernichten gelte. Auch die Begriffe Teufel, Satan, Sekten und Kampf fallen und deuten den Ernst der Lage an, dem sich die katholische Kirche durch die Freimaurerei ausgesetzt sah.

Vor dem Radio niederknien

Im Tonarchiv des Vatikanradios findet sich auch die Aufzeichnung der ersten Papstrede in deutscher Sprache. 1948 wendet sich Pius XII. an die in Mainz zum Katholikentag versammelten Gläubigen, um sie in der schwierigen Nachkriegszeit zu stärken und ihnen via Radioübertragung den Segen zu erteilen. Für unsere Ohren heute ganz und gar ungewohnt spricht der Papst von sich in der Mehrzahl, nämlich im zu dieser Zeit für den Pontifex noch gebräuchlichen Pluralis Majestatis.

DER SPIEGEL berichtete damals von dieser außergewöhnlichen Radioübertragung:

"Als der Lautsprecher die Rede des Papstes ankündigte, lag Stille über der Stadt. Tot lagen die Straßen da. In der Aula der Universität, im Dom, in der Stephanskirche, in der Bonifatiuskirche und an den Radios zu Hause saßen Millionen und lauschten dem Geläut der Glocken von St. Peter."

Als Papst Pius XII. der betenden Menge und "dem ganzen deutschen Volke" aus dem fernen Rom den apostolischen Segen Urbi et Orbi erteilte, knieten die Gläubigen auf dem Mainzer Domplatz und vor den heimischen Radiogeräten nieder. Schon im Jahr 1939 hatte ein vatikanisches Dekret die Gültigkeit eines durch den Rundfunk empfangenen Segens verfügt. Nach eingehenden theologischen Diskussionen einigte man sich darauf, dass der live übertragene Segen gültig erteilt sei, eine wiederholte Sendung des Segens, etwa durch eine Aufzeichnung auf Speichermedien, aber keine wirksame Segenshandlung mehr darstelle.

Vor Aufregung versprochen

Die im Archiv von Radio Vatikan erhaltenen Tondokumente erlauben aber auch einen Einblick in die dramatischen Augenblicke der Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts. Am Morgen des 29. September 1978 etwa unterbrach der Kirchensender sein Programm für die folgende Sondermeldung: "Heute am Vormittag des 29. September gegen 5.30 Uhr betrat der Privatsekretär des Papstes das Schlafzimmer seiner Heiligkeit Papst Johannes Pauls I., da er ihn in der Kapelle in der gewohnten Weise nicht angetroffen hatte. Er fand ihn tot auf seinem Bett, das Licht war noch angelöscht und der unmittelbar herbeigerufene Arzt konnte feststellen, dass er etwa um 23 Uhr am 28. September verstorben ist."

Anschließend brachte der Kirchensender getragene klassische Musik. Zuvor war die Nachricht auch in italienischer, französischer, spanischer und polnischer Sprache verlesen worden, was die Vielfalt der Sprachredaktionen bei Radio Vatikan widerspiegelt. Unterdessen eilte die Meldung vom plötzlichen Tod des Papstes um die Welt, sorgte überall für ungläubiges Entsetzen und schockierte die Gläubigen. Nach nur 33 Tagen im Amt war der 65-jährige Pontifex mit dem bürgerlichen Namen Albino Luciani gestorben.

In welche Aufregung diese Nachricht selbst den Nachrichtensprecher versetzt haben muss, ist seiner immer wieder stockenden Stimme und den zahlreichen Versprechern anzuhören. So vertauscht er einmal die Worte "Arzt" und "Papst", sodass nach dieser Lesart der Papst seinen Tod selbst festgestellt hatte. Das aber ist selbst in der an Wundern reichen katholischen Kirche kaum möglich.

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